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In 10 Schritten zum perfekten Imageschaden dank Web 2.0: Wir basteln uns ein Social-Media-Desaster

Aus dem
t3n Magazin Nr. 19

03/2010 - 05/2010

Wie wir alle aus dieser Ausgabe des t3n Magazins lernen konnten: Das Social Web bietet jedem viel Potenzial. Das kann man auch sehr gekonnt dazu nutzen, um unangenehm aufzufallen oder seinem Image einen gut sichtbaren Schaden hinzuzufügen. Wie leicht das geht, zeigen wir hier: eine Praxis-Anleitung in zehn einfachen, gut nachvollziehbaren Schritten.

1. Betrachten Sie das Internet als Ihren Feind

Wie bei vielen Dingen im Leben, ist auch beim Social-Media-Desaster die Grundeinstellung entscheidend. Es ist unumgänglich, dass Sie das Internet als Ihren Feind betrachten. Stellen Sie sich die Horden mürrischer Netzbewohner möglichst plastisch vor, wie sie hämisch auf Sie zeigen und Ihre Angebote und Produkte in den Dreck ziehen. Denken Sie daran: Internetuser sind alle in Kellern wohnende Nerds, die vom wahren Leben keine Ahnung haben. Man muss ihnen nicht mit Respekt begegnen. Gegenüber Ihren Kunden zeigen Sie doch auch gern, wer am längeren Hebel sitzt, nicht wahr? Eben. So ist das auch mit diesem Pack aus dem WWW. Eigentlich noch schlimmer. Steigern Sie sich ruhig rein.

2. Starten Sie trotzdem irgendetwas im Netz

Allein schon fürs Image ist es heutzutage ja nun einmal (leider, leider) notwendig, irgendetwas in diesem Internet auf die Beine zu stellen. Finden Sie heraus, was Ihre Konkurrenten noch nicht tun und tun Sie genau das – egal, warum. Das nennt man dann einen „Vorsprung“. Sie sind schneller als die anderen. Das ist gut. Kennt man ja vom Autofahren.

3. Dieses „Web 2.0“ ist wichtig. Seien Sie dabei!

Wie Sie sicher überall lesen, ist dieses „Web 2.0“ total wichtig. „Social Media“ sagen manche. „Mitmachweb“ haben Sie sicher auch schon gehört. Im Grunde kann hier jeder tun, was er will. Immer. Überall. Grauenhaft, oder? Andererseits sieht man, dass manches Unternehmen damit erfolgreich ist. Logisch, dass Sie auch dabei sein wollen. Und das geht super leicht: Einfach bei Twitter einen Account eröffnen und schon sind Sie mittendrin.

4. Berater engagieren, am besten einen „Guru“

Noch besser ist es, sich einen Experten einzukaufen. Dafür gibt es „Social Media Berater“ oder noch besser: „Social Media Gurus“. Je protziger die Bezeichnung, desto glaubwürdiger der Geschäftspartner – das kennen Sie ja schon aus Ihrem Alltag. Es gibt noch mehr Erkennungszeichen für einen guten Experten: So hat er eine möglichst bunte Seite bei Twitter, das Wort „Geld verdienen“ taucht mehrmals auf und er hat mindestens ein E-Book veröffentlicht. Trifft das alles zu, können Sie blind einen Auftrag erteilen.

5. Menschen sind käuflich. Das gilt auch im Web.

Wie Sie wissen, kann man mit Geld alles erreichen. Warum sollte das im Web nicht auch gelten? Setzen Sie alles in Bewegung, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Bezahlen Sie auch gern Leute dafür, dass sie über Sie berichten.

6. Seien Sie laut und aufdringlich

Gehen Sie in die Offensive. Preisen Sie Ihre Produkte möglichst auffällig und konsequent an. Wer am lautesten schreit, bekommt die meisten Kunden. Ist auf dem Hamburger Fischmarkt ja auch so. Schreiben Sie immer wieder Leute an. Wozu sonst gibt es Direct Messages bei Twitter oder das Mailsystem bei Facebook? Sie bekommen wenige Reaktionen? Dann heißt es: Aufwand verdoppeln – solange, bis es klappt. Viel hilft viel.

7. Wichtig: Einfach laufen lassen

Der Vorteil des Webs ist, dass Ihr Social Media Guru nur die richtigen Hebel bedienen muss und der Rest läuft von alleine. Deshalb müssen Sie nichts kontrollieren und auch keine Zeit damit verschwenden, auf Anfragen oder andere Reaktionen einzugehen. In der Zeit können Sie schon wieder zwei neue Aktionen starten! Schließlich geht es hier um Umsatz, Geld, Cash, Kohle! Da sollte man sich nicht mit zwischenmenschlichem Gedöns aufhalten.

8. Wenn etwas schiefläuft: Klappe halten

Ist doch etwas schiefgelaufen? Jemand beschwert sich über Ihre angeblichen „Spam“-Nachrichten? Ihre eingekauften Meinungen sind aufgeflogen? Ihre Produkte oder Dienstleistungen sind vielleicht doch nicht so gut und irgendein Internet-Trottel posaunt es heraus? Sehr gut, das Desaster nimmt seinen Lauf. Einfach aussitzen. Nicht reagieren. So kann sich die Aufregung richtig hochschaukeln und alles Weitere läuft fast wie von selbst. Herrlich.

9. Im Zweifel angreifen

Der Pöbel im Netz krakeelt immer lauter? Sehr gut. Dann sollten Sie jetzt zum Angriff übergehen. Zeigen Sie per Kommentar unter flegelhaften Blogpostings, was Sie vom Autor des Beitrags halten und wie dämlich er sich anstellt. Seien Sie hier sehr klar und eindeutig, sonst verstehen die das nicht. Auch ein gutes Mittel, um die Stimmung weiter anzuheizen: Verschicken Sie Abmahnungen! Ihr Anwalt setzt Ihnen mit Sicherheit gern ein entsprechendes Schreiben auf. Tipp: Abmahnungen gleichlautend an möglichst viele schicken, das potenziert den Effekt enorm!

10. Alles abstreiten. Schuldigen finden.

Okay. Der Wagen ist im Dreck oder an die Wand gefahren? Dann ist jetzt die Zeit für das Finale: Alles abstreiten, als Missverständnis deklarieren und die Schuld möglichst schnell auf jemand anderen abschieben. Herzlichen Glückwunsch: Ihr Social-Media-Desaster ist perfekt.

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4 Antworten
  1. von Lea am 16.08.2010 (10:29 Uhr)

    So ironisch dieser Artikel auch geschrieben / gemeint sein mag. Das Schlimme ist ja, dass es in der Praxis leider oftmals tatsächlich so aussieht - nach meiner Erfahrung ganz besonders in der Mode und Schuh Branche. Vor allem Mode.

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  2. von SAZone am 21.08.2010 (14:14 Uhr)

    Sauber!! Schönes Ding...

    Mein absoluter Favorit ist übrigens 4. und speziell das Erkennungsmerkmal "(...) eine möglichst bunte Seite bei Twitter, das Wort „Geld verdienen“ taucht mehrmals auf und er hat mindestens ein E-Book veröffentlicht."

    Mehr gibt's eigentlich nicht dazu zu sagen!

    Thx & Gruß aus FFM

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  3. von Frank vom Hoff am 07.09.2010 (19:48 Uhr)

    Wunderbar auf den Punkt gebracht, wo das heutige Dilemma liegt. Vor allem der Punkt mit den Social Media Beratern deren Twitter-Account geschmückt ist mit den "get rich quick schemes".Seriösität setzt sich langfristig immer durch.

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  4. von Tom Ruthemann am 29.09.2011 (16:21 Uhr)

    Sehr lustig, sehr auf den Punkt!

    Als kleiner Gegenpol der Artikel wie man es vernünftig wieder gerade rückt, wenn das Web 2.0 ins Wasser gefallen ist (leider nicht ganz so lustig): Wie man mit negativen Kommentaren umgeht.

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