von Thomas Schlichtherle, 01.03.2009

5. Teil der Serie „Venture Capital & Business Angels“: Gemeinschaftsleben

Aus dem
t3n Magazin Nr. 16

Jetzt kaufen

Die Düsentrieb-Fraktion

Auf der einen Seite haben wir die Startup-Unternehmer. Zumeist wird es sich dabei um technisch geprägte Menschen handeln – Programmierer, Administratoren, Netzwerkspezialisten. Technik ist in aller Regel auch die Brutstätte der Idee gewesen, die – nach dutzendfachem Durchdenken – schlussendlich zum Startup geführt hat. Der Weg vom makrobiologischen Urschlamm der Idee zur Gründung der Firma war technikinduziert („technology push“). Die Menschen, die sich während dieses Prozesses zusammengefunden haben, sind von daher häufig geprägt durch ein Denken in den Kategorien der technischen Machbarkeit und Qualität. Damit stehen sie in bester Tradition der großen Namen unter den Gründern von Daimler über Zeppelin und Dornier hin zu Grundig, Wernher von Braun und Nicola Tesla – düsengetriebene Ingenieure und Naturwissenschaftler allesamt. Aber schon an dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass auch die genialsten unter diesen Gründern oft untergegangen sind.

  • Grundig beispielsweise erfand einst das dem VHS-System eindeutig überlegene „Video 2000“ – und erlitt trotzdem einen schweren Schiffbruch damit, weil es die Marktseite vernachlässigte. VHS wurde geschickter vermarktet.
  • Tesla konnte sich – Genialität hin oder her – gegen seinen großen Kontrahenten Thomas Edison im „Stromkrieg“ zwischen Gleichstrom (Edison) und Wechselstrom (Tesla) nicht nachhaltig genug durchsetzen und verschwand von der wirtschaftlichen Bedeutung her deswegen fast in der Versenkung, obwohl bekanntlich heute weltweit aus allen Steckdosen nur noch Wechselstrom kommt. Tesla hatte nicht viel davon.
  • von Braun hat Zeit seines Lebens niemals ein eigenes Unternehmen gegründet. Er war immer nur Chefingenieur oder Manager (nach der NASA zuletzt bei Fairchild), weil er bis auf einen Fall (das Apolloprogramm und die Mondlandungen waren politisch motiviert) keine Geldgeber für seine Pläne fand.
  • Auch Zeppelin und Dornier war kein nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Beide Unternehmen existieren trotz aller technischen Erfolge nur noch in Resten einzelner kleiner Abteilungen, die quasi über Generationen von „Garagenmenschen“ immer wieder neu belebt werden. Zumeist aber blieben es sehr kleine Unternehmen.

Wer nun auf Beispiele aus der IT-Szene besteht, sei daran erinnert,

  • dass Steve Jobs trotz diverser Penunzen mit seinen technisch überragenden NeXT-Computern in wirtschaftliche Bedrängnis geriet, bis der ganze Laden im Zuge von Jobs Rückkehr zu Apple von Apple übernommen wurde,
  • dass sich SUN mit der SPARC-Architektur nicht langfristig behaupten konnte und
  • dass das bessere, jedenfalls robustere Unix (nämlich BSD) sich nicht so recht gegen Linux durchsetzen kann.

Aber es gibt auch noch weitere Beispiele: Symbolics mit ihren kongenialen LISP-Maschinen ist genauso wieder verschwunden wie Silicon Graphics, einst Hersteller starker Graphik-Workstations, die kürzlich zum zweiten Mal einen Insolvenzantrag (Gläubigerschutz nach „Chapter 11“) stellen musste.

Und wer sich unter den älteren Lesern noch erinnert: Auch die einstmals bejauchzte, 30.000 Mitarbeiter zählende Nixdorf Computer AG musste wegen falscher Strategieentscheidungen von Heinz Nixdorf und angesichts der sonst drohenden Pleite schließlich Siemens einverleibt werden.

Natürlich ist es problematisch, die vorgenannten bekannten Namen zu kritisieren. Diese Leute haben zweifelsohne Überragendes geleistet. Die Beispiele sollen eigentlich nur verdeutlichen, dass mit dem technischen Erfolg nicht zwangsläufig auch der wirtschaftliche Erfolg einhergeht. Für den technisch-wirtschaftlichen Doppelerfolg braucht es noch mehr. Schauen wir uns also auch die zweite Fraktion in der neuen Startup-Gemeinschaft an.

Seite:  1 2 3 4

Empfohlene Artikel