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Feierabend um 15 Uhr? Der Abschied vom Acht-Stunden-Tag

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Dass er ausgerechnet fünf Stunden als Arbeitszeit gewählt hat, liegt am Mittagessen. Er störte sich daran, dass einige nie Mittagessen gingen, andere jeden Tag eine Stunde, andere am Platz aßen. Das sei nicht fair, findet er. Auch die Zeit, die in die Planung fließt, erschien ihm unverhältnismäßig: Wann gehe ich essen, wohin, mit wem – all das muss schon vor der Pause entschieden werden, während der Arbeitszeit. Für Aarstol stand fest: Das Mittagessen muss weg. „Fünf Stunden kommt ein Menschen ohne Essen aus, danach wird es schwierig“, sagt er. So kam er darauf, einen Fünf-Stunden-Tag einzuführen. Der Gründer ist sich sogar sicher, dass der Arbeitstag noch kürzer sein könnte: „Wenn wir mal ehrlich sind, arbeiten wir nur zwei bis drei Stunden am Tag ernsthaft.“ Aber dafür müsse man „richtig gut organisiert“ sein.

Das mag sich plausibel anhören. Doch die neuen Modelle bergen auch Probleme – denn sie können ausgenutzt werden. So schön die kurze Arbeitszeit klingt: Die Mitarbeiter müssen sie auch einhalten dürfen. „Was nützt mir der Sechs-Stunden-Tag, wenn ich in meiner Freizeit trotzdem auf Anrufe oder Mails reagieren muss?“, fragt IAB-Expertin Wanger. Das verwässere die Konzepte. Und: Wenn weniger Stunden weniger Geld bedeuten, dann reden wir von nichts anderem als Teilzeit. „Worauf es nicht zuletzt ankommt, ist das Einkommen“, sagt Susanne Wanger. Es solle in der Regel „existenzsichernd“ sein und dem Arbeitnehmer die Möglichkeit geben, sich um seine Altersvorsorge kümmern zu können.

Das Besondere an den neuen Modellen: Die Gehaltskürzung bleibt aus. Bei Tower Paddle Boards hat sich der Lohn für die Mitarbeiter sogar erhöht. Verdiente jemand vor der Umstellung 40.000 Euro im Jahr, so erhielt er 2015 8.000 Euro mehr. Denn Stephan Aarstol hat nicht nur das Arbeitszeit geändert, sondern auch die Gehaltsstruktur. Seine Angestellten werden nun zusätzlich mit fünf Prozent am Gewinn beteiligt. Der Gründer erklärt das so: Man müsse die Mitarbeiter nach Leistung bezahlen, nicht nach abgesessener Bürozeit. Den Erfolg seines Unternehmens haben die kürzeren Arbeitszeiten bislang nicht gestoppt. Im Gegenteil: 2015, als das Projekt des Fünf-Stunden-Tages startete, wuchsen die Umsätze um 40 Prozent. Für dieses Jahr erwartet das Startup Erlöse von neun Millionen US-Dollar.

„Viele meinen, dass wir nicht profitabel sein können“

Das Argument, dass weniger Arbeitszeit weniger Gewinn bedeutet, muss sich auch Brath oft anhören. „Viele meinen, dass wir nicht profitabel sein können“, schreibt Maria Brath in ihrem Blog. Sie hält mit der Aussage dagegen, dass sich der Umsatz jährlich verdoppelt hat. 2015 lag er bei 1,7 Millionen Euro. Seit 2014 schreibt Brath auch Gewinne. Auch das schwedische Unternehmen zahlt marktübliche Gehälter. Mit diesen Zahlen widersprechen beide Startups einer kapitalistischen Logik: Dass wir mehr Erfolg haben, wenn wir mehr arbeiten. Wie funktioniert das im Alltag?

Das Brath-Büro in der Stockholmer Innenstadt wirkt – im Vergleich zu Berliner Startup-Lofts – minimalistisch. Eine Küchenzeile, ein Zimmer mit sechs Schreibtischen, ein Meetingraum mit einem großen Tisch und einer kleinen Sitzecke. Ein Ikea-Katalog liegt ganz Klischee auf der Ablage. Was auffällt: die Ruhe. Nur einmal dringt eine Stimme durch den Raum, jemand telefoniert. Sonst stilles Vor-sich-hin-arbeiten. Kein Zufall, sondern Methode.

Anneli Bergqvist ist erst im April 2016 zu Brath gewechselt, vorher arbeitete sie bei der Konkurrenz. Es war der Sechs-Stunden-Tag, der sie zu der Veränderung animierte. „Damit kann niemand konkurrieren“, sagt sie. In ihrem alten Job quatschten sie und ihre Kollegen zwischen Tür und Angel, sprachen über das Wohlbefinden, über das Wetter, über den Job. Man könne sich eben nicht acht Stunden lang konzentrieren, sagt die SEM-Experthin heute. Bei Brath kommt das fast gar nicht vor. „Wir wissen, dass wir alle nur sechs Stunden arbeiten“, sagt Bergqvist, „ich kann meine Kollegen also nicht ständig unterbrechen.“ Das heißt nicht, dass sie nicht auch miteinander sprechen. Aber eben nicht während der Arbeitszeit. Das Startup hat deswegen auch die sogenannte Fika gestrichen, eine fünfzehnminütige Pause, die in schwedischen Unternehmen normalerweise alle zwei Stunden eingeschoben wird. Nur das Mittagessen ist als Auszeit geblieben.

Brath verzichtet auch auf andere Zeitfresser. Die Mitarbeiter kommunizieren über den Chat von Skype – auch wenn sie fast direkt nebeneinander sitzen. So kann der Adressat die Nachricht lesen, wann es ihm passt. E-Mails nutzen die Beschäftigten kaum. Anrufe und Meetings versucht das Startup zu vermeiden, sowohl intern als auch extern. Statt eines täglichen Meetings treffen sich die Mitarbeiter nur einmal im Monat, um sich zu besprechen.

Beim Startup Brath arbeiten alle Mitarbeiter nur sechs Stunden. (Foto: Brath)

Das funktioniert auch, weil das Unternehmen die Arbeit anders strukturiert: Es gibt „Project Leaders“ und „Specialists“. Die Projektleiter übernehmen die Kommunikation mit dem Kunden. Gibt es eine Frage, leiten sie sie an die Spezialisten weiter. Die Spezialisten wiederum sind die Experten, die sich um die Strategie kümmern. Sie kommunizieren vor allem mit dem Projektleiter.

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8 Reaktionen
Micha von machen.de
Micha von machen.de

Wohooo. Als Digisaurier 40+ bin ich begeistert von der Aussage das bei mehr als 25h/Wo mein Hirn nicht mehr mitspielt. Also Leute, jetzt wisst ihr wieso ich heute ab 15 Uhr weg war. Und ab Mittwoch im Urlaub. Kognitive Pause! Genau. Warum nicht gleich die Arbeitszeit an das Wetter koppeln. Bei Sonne max. 4h/Tag, an Freitagen frei! Flugmodus ist der neue Urlaub. Digital detoxen hat neulich einer aus dem Liegestuhl gepostet. Schon klar. Wenn es nach Dr. Spitzer geht ist das ganze Digital-Gedöns per se Gesundheitsschädlich. Also, weniger arbeiten, mehr Geld. Und zwar für alle. Die Maschinen machen die Arbeit für uns Humanoiden. Und bezahlen Steuern womit uns das bedingungslose Grundgehalt (3000/Monat, 1000 sind zu wenig) bezahlt wird. Einverstanden? Ein Appell an die Politik. Oder an Google. Ecisia pflanzt Bäume fürs nutzen, Google zahlt in Bitcoins. Sorry, jetzt war ich vom Thema weg. Arbeite ich eigentlich gerade? Es fängt an sich so anzufühlen. Also lieber Schluss mit kommentieren. Sonst behaupte ich noch das im gut organisierten Flow die Zeit gar keine Rolle spielt. Berufung rockt. 24-7 am machen. Irgendwie. Außerdem brauche ich eine Denkpause. Feierabend. Lautlos.

Gembinski

Toller Ansatz, denke auch wenn die kürzere Arbeitszeit produktiever genutz wird eine WIN WIN Situation für Arbeitgeber u Nehmer. Allerdings wird es soetwas nur in kleinen Firmen geben.

Micha von SEO-Triebwerk

Ich finde solch ein Arbeitsmodell prima: Ergebnis- und nicht Arbeitszeit-orientiert.
Natürlich lässt es sich nicht in allen Branchen umsetzen, darüber braucht man nicht diskutieren.

Grundsätzlich könnte man sich vielleicht zukünftig in einigen Branchen trennen von der Vergütung per Stundenlohn für geleistete Arbeitszeit und umstellen auf eine pauschale Vergütung. Also nicht: ich arbeite 6 Stunden und bekomme 6 Stunden bezahlt oder 8 Stunden.... Sondern: ich bekomme eine pauschales Gehalt und habe dafür dies, das und jenes zu erledigen.

Diese ganze Stunden-Diskussion wäre damit hinfällig.
Man müsste sich dazu nur mal im Kopf von der Stundenbezahlerei verabschieden. ;-)

Marc
Marc

Ich denke das diese Modelle nur in ausgewählten Branchen möglich sind.

In einer Fabrik oder im Einzelhandel sind solche Modelle kaum umsetzbar denke ich.

Im Schreinerbetrieb meines Schwagers wird aber z.B.auch nur bis 16 Uhr und Freitags nur bis 15 Uhr gearbeitet. Aber Aufträge haben die trotzdem mehr als genug (und schaffen diese auch zeitig).

Eva S
Eva S

Persönlich finde ich diese Ansätze gut. Jedoch frage ich mich auch, warum wir uns in der heutigen Leistungsgesellschaft immer noch die Zeit als Messwert zu Grunde legen. Es gibt definitiv Arbeitsbereiche in denen dies zur Organisation sinnvoll ist (Produktion und Fertigung). Allerdings gibt es auch andere Bereiche, in denen könnte man gänzlich auf die Zeitenvorgabe verzichten. Es kommt am Ende ja auf die umgesetzte Aufgabe und die erledigte Arbeit an. Wie man sich das als Mitarbeiter im einzelnen organisiert könnte, wenn gewünscht, freigestellt werden. Dazu bedarf es aber auch klarer Zielsetzungen vom Manager. Das stellt vielleicht in dieser Betrachtung die höhere Hürde da als das altmodische Argument der Zeitenkontrolle. Der Artikel zeigt ja bereits auf, dass Vertrauen in motivierte Mitarbeiter zur Selbstorganisation und damit zur Übernahme von Verantwortung sich, für beide Seiten, auszahlen kann.

Klaus

Und immer wieder SEO Unternehmen die einen Wind mit Merkwürdigkeiten erzeugen. Damit die "Presseartikelabschreib" Praktikanten in den Redaktionen einen Artikel verbreiten, den andere Werbung.

Bekommen die 6 Stunden Seo's denn auch 6 Stunden oder 8 Stunden bezahlt. Oder wird das einfach damit kompessiert das das Monatsgehalt etwas geringer ist als anderswo. Denn so ne Firma arbeitet ja nicht im leeren Raum. Da kann man nur schneller arbeiten oder weniger bezahlen um konkurrenzfähig zu sein.

Oder hat jemand das perpedum mobile erbaut - wieder einmal

Stefan Rütsch
Stefan Rütsch

Bitte erst den Artikel lesen dann kommentieren. Es steht an mehreren Stellen, dass der Arbeitslohn davon nicht beeinträchtigt ist. In einem Fall steigt er sogar. Bevor Sie also den Verfasser des Artikels kritisieren: lesen!

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