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Wie Social Media die Finanzwelt verändert

Aus dem
t3n Magazin Nr. 27

03/2012 - 05/2012

Die Bankenbranche steht vor einem gravierenden Umbruch, der die bisher fast ausschließlich provisionsorientierte Vertriebsstruktur in Frage stellt. Soziale Netzwerke wie beschleunigen diesen Wandel.

Wie Social Media die Finanzwelt verändert

Offene Banken Social Media

Kaum eine Branche ist einem derart massiven Vertrauensverlust ausgesetzt wie die Banken seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. Image und Reputation der Finanzdienstleister befinden sich global im Abwärtstrend. In diversen kanalisieren die Kunden ihren Frust und zeigen auf, was sie von einer kundenorientierten Bank heute erwarten, nämlich vor allem faire Gebühren und transparente Produkte ohne unverständliches Kleingedrucktes.

Einerseits verdeutlichen , Google+, Twitter und Co. den massiven Vertrauensverlust in der Finanzindustrie. Andererseits stellen gut informierte Verbraucher im Netz nicht nur das bisherige Geschäftsgebaren in Frage, sondern fordern auch mehr aktive Beteiligung und transparente Produkte.

In der Kritik steht dabei besonders das provisionsorientierte Vergütungsmodell, das aus einem vermeintlich neutralen Bankberater letztlich einen reinen Produktverkäufer macht, dessen beruflicher Erfolg nicht vom jeweils geeigneten Anlagetipp abhängt, sondern ausschließlich von der höchsten Provision. So kam es durchaus vor, dass Anlageberater über 80-jährigen Menschen in dieser späten Lebensphase noch längerfristige oder riskante Anlageprodukte wie Aktienfonds oder Zertifikate offerierten, die man selbst bei wohlwollender Betrachtung kaum als bedarfsgerecht einzustufen vermag.

Provisionen als Auslaufmodell

Geändert hat sich an dieser fragwürdigen Beratungspraxis freilich in den letzten Jahren aus Sicht der Verbraucherschützer kaum etwas. Die Anreizsysteme für Verkauf und Vertrieb sind nach wie vor dieselben. Es zählt das Endergebnis unter den Abschlüssen und nicht die individuell für den Kunden beste Anlageform. Aufgrund des gewachsenen Misstrauens halten die Nutzer im Internet nach besseren Informationen Ausschau – und sie tauschen sich vermehrt mit anderen Mitgliedern von spezialisierten Communities und Foren zum Thema Geldanlage aus.

Dadurch bröckelt die im Fachjargon als Informationsasymmetrie bezeichnete Dominanz der Bankenindustrie. Die Riege der Finanzdienstleister wiederum steht den sozialen Netzwerken meist abwartend bis passiv gegenüber. Zahlreiche Banken haben zwar mittlerweile eine Präsenz auf Facebook, Twitter oder Youtube etabliert. Jedoch scheut das Gros immer noch den direkten Dialog mit den Nutzern auf Augenhöhe – wohl wissend, dass die eigene Produktphilosophie das offene Gesprächsangebot nicht gerade fundamental begünstigt.

Wie eine Bank den Umgang mit Social-Media-Richtlinien nicht betreiben sollte, zeigte sich im vergangenen Jahr am Beispiel der Commonwealth Bank, dem zweitgrößten australischen Institut, das in ganz Asien und Ozeanien aktiv ist. Auf zwei Seiten gab das Institut eine Social-Media-Policy heraus, die harte disziplinarische Maßnahmen für den Fall vorsah, dass Mitarbeiter sich jenseits der Bürozeiten allzu intensiv in sozialen Netzwerken tummeln.

Vollends zum PR-Desaster entwickelte sich schließlich der wenig verhohlene Hinweis, Nutzer auch für die Aktionen ihrer Online-Freunde haftbar zu machen. In zahlreichen Presseberichten werteten die Kommentatoren dies als einen direkten Aufruf zur Bespitzelung von Kollegen, Familie und Freunden. Rasch sah sich das australische Institut gezwungen, eilends wieder zurück zu rudern und die Social-Media-Richtlinien gründlich zu überarbeiten.

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2 Antworten
  1. von Christine am 24.09.2012 (10:07 Uhr)

    Solange es Bloomberg & Reuters gibt und beide Einzel-Lizenzen zusammen einen entspannten hohen 4 stelligen Betrag (im Monat!) kosten, kann mir niemand etwas zur Aufhebung der Informationsassymetrie erzählen. Daran ändert Social Media auch nichts.

    Oder welcher Anleger berechnet sich zu Hause die Spreads im Excel Sheet aus tausenden im Netz schwirrenden Informationen?

    Für normales, "langweiliges" Banking mag sich online hervorragend mit Social Media ergänzen (s. diverse Vergleichsportale), aber wer mehr möchte als ein Geldkonto mit Kreditkarte, ist besser beraten, nicht bei Sharewise zu schauen, sondern lieber einen Vermögensberater seines Vertrauens zu suchen (und merke: Dienstleistungen, die im ersten Schritt nichts kosten, bezahlt mal später umso bitterer mit schlechten Produkten, weil es für die mehr Provision gibt) oder schlicht und ergreifend auf spekulative Geschäfte zu verzichten (merke hier: Zins entspricht Risiko; ein "langweiliges", konservatives Produkt mit aktuell mehr Rendite als 4% ist genauso seriös wie ein Bausparvertrag für 80 jährige).

    Wer dennoch sein Portfolio aktuell einzig anhand von online Empfehlungen anderer Laien und einer Handvoll Analysten zusammenstellt, sollte später nicht jammern, dass seine Risikostreuung nicht stimmt, eine Diversifikation im Portfolio nicht auseichend vorhanden ist und er Produkte gekauft hat, die er eigentlich nicht versteht....

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  2. von Björn am 24.09.2012 (17:59 Uhr)

    Ich sehe keine Veränderung. Ich sehe Ergänzungen und neue Konzepte. Die Veränderungen werden wohl erst kommen wenn die Kundschaft ebenfalls umdenkt. Ist es in Deutschland nicht so das es keinen Unterricht zum Thema Finanzen gibt und das Kunden nicht einsehen für ordentliche Beratung zu bezahlen? Die hier angesprochenen Banken können (müssen aber nicht) in meinen Augen Wegweiser für die ganze Branche sein. Erinnere ich nur mal daran wie die ING-DiBa das Sondertilgungsrecht bei den Baufinanzierungen etablierte und die Kundschaft es angenommen hat bzw. dies dann auch bei den regionalen Banken eingefordert hat! Ich frage mich zum Beispiel warum Kunden immer noch für Ihre Girokonto bezahlen? Es gibt genug kostenfreie gute Angebote. Hoffen wir mal das Social Media schneller gute Veränderungen bewirkt.

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