von André Spiegel, 04.09.2007

Kopien verändern die Welt: Die Befreiung der Information

Aus dem
t3n Magazin Nr. 9

Dritter Faktor: Ökonomische Umwälzungen

Der dritte gemeinsame Faktor der beschriebenen Entwicklungen ist schließlich, dass Dinge, die bisher Geld gekostet haben, der Allgemeinheit plötzlich umsonst oder für sehr viel weniger Geld zur Verfügung stehen. Wie ist das möglich? Wie kann das wirtschaftlich und gesellschaftlich funktionieren?

Es kann nicht genug betont werden, dass keine der erwähnten Bewegungen ihrem Wesen nach anti-kommerziell ist. Die Free Software Foundation tritt nicht dafür ein, dass Software kostenlos sein sollte. Sie weist vielmehr darauf hin, dass die Geheimhaltung des Quelltextes und die Einschränkung der Benutzung zur Deckung der Kosten der Gesellschaft mehr schadet als nützt. Die Menschen wiederum, die sich per Filesharing mit Musik und Filmen versorgen, dürften zum großen Teil zustimmen, dass die Künstler für ihre Arbeit bezahlt werden sollten. Sie sehen aber gleichzeitig, dass das Herstellen und Vertreiben von Kopien, das zu einem einfachen Vorgang geworden ist, kein gutes Kriterium mehr dafür ist, wer wann und wofür bezahlen muss.

Das Ziel muss darum sein, andere Mechanismen zu finden, die mit den technischen Realitäten besser in Einklang stehen. Dabei wird es Verlierer geben. Reine Vertriebsindustrien können sich beispielsweise als technisch überflüssig erweisen. Der Versuch, sie um ihrer selbst willen zu erhalten, würde an die „Heizer“ erinnern, die auf Druck der Eisenbahnergewerkschaften auf den ersten Diesellokomotiven mitfahren mussten, obwohl es für sie dort nichts zu tun gab. Auch eine Redaktion für ein Lexikon zu unterhalten dürfte in Kürze kein praktikables Geschäftsmodell mehr sein, weil sich zeigt, dass die Menschen bereitwillig ihr Wissen selber zusammentragen und sich das Ganze so organisieren lässt, dass die Qualität dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Seite:  1 2 3 4 5 6