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Cloud OS: Das Web als Betriebssystem

Aus dem
t3n Magazin Nr. 26

12/2011 - 02/2012

Vor ein paar Jahren lautete der Traum der IT-Branche: wenig Gerät, viel Internet. waren die Shootingstars. Wozu braucht man noch teure , wenn man fast alle Aufgaben ins Internet auslagern kann? Netbooks haben sich nicht durchgesetzt, aber der Gedanke dahinter schon: Das Web wird zum Betriebssystem.

Wie in so vielen Geschichten geht es auch in dieser um Sex. Denn wenn man Netbooks eine Eigenschaft nie zuschreiben konnte, dann war es diese: sexy zu sein. Der Bildschirm zu klein, die Leistung zu schwach, die Erwartungen nicht erfüllt. Steve Jobs, der alle Geräte immer erst sexy gemacht hat, bevor er sie mit Apple auf den Markt geworfen hat, hat zu Zeiten des großen Netbook-Hypes gesagt: „Wir haben keine Ahnung, wie man für 500 Dollar einen Computer herstellen soll, der kein Stück Schrott ist.“ Kurze Zeit später versetzte er den Mini-Notebooks mit seinem iPad den Todesstoß.

„The Network is the Computer“

Die Idee hinter den Netbooks aber überlebt. „The Network is the Computer.“ Dieser Satz war schon in den 80er-Jahren die Unternehmensphilosophie von Sun Microsystems. Die Vision: Leistungsfähige Großrechner übernehmen die ganze Arbeit, während die Nutzer an einfachen und preiswerten Thin Clients sitzen. Deren Rechenleistung wird nur für die Benutzerschnittstelle gebraucht.

Damit die Software funktioniert, müssen wir keine Gedanken mehr an die Hardware verschwenden: Speicherplatz, Rechenleistung und Anwendungen liegen in der , jederzeit nutzbar, ohne Installation auf dem lokalen Computer. Auch Updates nach jeder neuen Sicherheitslücke werden damit überflüssig.

Kosten und Nutzen

Wenn man das auf ganze Unternehmen hochrechnet, die sich nicht mehr um Aufbau und Betrieb eigener Infrastruktur kümmern, die weniger Hardware, Software und Lizenzen einkaufen müssen, stellt man fest: Die Cloud ist eine hochprofitable Sache. Eine Studie der Marktforscher von IDC hat vor zwei Jahren ergeben: Das Thema „Kostensenkungen“ ist der größte Antriebsfaktor für die Unternehmen in Sachen Cloud. Dabei geht es nicht nur um die Hardware. Auch die immer höheren Energiekosten lassen sich drücken: Unternehmen, die komplett auf Thin Clients setzen, verbrauchen laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts nur noch die Hälfte der Energie, die für ein klassisches Client-/Server-Netzwerk drauf geht.

Die Cloud im Betriebssystem

Der Weg ist also seit Jahrzehnten vorgezeichnet, nur das Netz war noch nicht so weit: Was lange fehlte, waren Breitbandanschlüsse für jeden, um ganze Applikationen auf die Rechner der Nutzer und deren Daten wieder zurück ins Netz transportieren zu können. Denn erst mit vielen Nutzern lohnen sich Software-as-a-Service-Lösungen auch für die Anbieter in der Cloud. Diese kritische Masse an Breitbandanschlüssen und Nutzern ist jetzt erreicht. Und schon übernimmt die Cloud immer mehr zentrale Aufgaben. Das lokale Betriebssystem wird gleichzeitig immer unwichtiger.

Kein neues Betriebssystem ohne die Cloud. Schlag auf Schlag halten Cloud-Anwendungen gerade Einzug in die großen Systeme. Bei Apple gehört jetzt zum Beispiel die iCloud zu den Kernfunktionen von Mac OS X Lion und iOS 5. Apple spendiert damit kostenlosen Online-Speicherplatz, auf den die Nutzer mit einfachen Mitteln zugreifen können – egal, mit welchem Gerät. Die iCloud sorgt zusätzlich dafür, dass Dokumente, E-Mails, Termine und mehr auf allen Geräten rund um die Uhr synchron gehalten werden.

Das System bleibt aber Apple-typisch geschlossen: Alle Daten lassen sich nur über native Apps und die iCloud-Website abrufen. Streaming für Musik und Videos oder Web-Apps bleibt Apple schuldig. Die iCloud ist also ein einfacher Online-Speicherplatz mit Synchronisationsfunktion. Trotzdem hat Apple sie mitten ins Betriebssystem integriert – damit ist klar, wohin die Reise geht.

Einen ähnlichen Weg geht Microsoft: Der Cloud-Dienst Windows Live wird fester Bestandteil von Windows 8 und soll Apps und deren Einstellungen synchronisieren können. Wer mit dem Tablet weiterarbeiten möchte, findet seine Apps dort so, wie er sie am Computer verlassen hat: Er kann den Film an derselben Stelle weitergucken, das Textdokument an derselben Stelle weiterschreiben, und auch die gerade eingetragenen Termine kennt das Tablet schon.

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Die Metro-Style-Apps in Windows 8 werden über Microsofts Cloud-Dienst Windows Live in Echtzeit mit anderen Geräten synchronisiert.

Die Synchronisation bleibt aber den neuen Metro-Style-Apps vorbehalten, die sich hinter den Kacheln auf dem Windows-8-Startbildschirm verbergen. Die klassischen großen Anwendungen von Word über Firefox bis Photoshop werden nicht synchronisiert – zumal Microsoft jeder App nur 30 KB Speicherplatz in der Cloud erlauben will. Es geht also nicht um große Datenmengen; die komplette Musikbibliothek, Videos oder Fotos bleiben außen vor.

Auf der anderen Seite zeigt sich Microsoft offener als Apple: Teile von Windows Live wie SkyDrive, die Office Web Apps und vor allem der E-Mail-Dienst Hotmail lassen sich über jeden Browser und jedes Betriebssystem bedienen. Über die Größe der eigenen Festplatte und sogar über die Installation ganzer Office-Pakete müssen wir uns als Nutzer immer weniger Gedanken machen.

Browser als Betriebssystem

Apple und Microsoft halten trotz Cloud an ihren lokalen Betriebssystemen fest. Dahinter steckt immerhin viel Geld – und auch der Wunsch, die Nutzer bei sich zu halten: Wer sich einmal in eine der Cloud-Welten begeben hat, wird so schnell nicht in eine andere wechseln. Immerhin wird es von Tag zu Tag schwieriger, all seine Daten wieder aus der Cloud zu holen und sie dem Konkurrenten anzuvertrauen, bei dem alles ganz anders funktioniert.

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Selbst im Bereich Gaming existieren bereits Streaming-Angebote wie Onlive, die eine lokale Installation von Spielen ersetzen.

Brauchen wir Windows oder Mac OS überhaupt noch, so wie wir diese Systeme kennen? Was wollen wir mit einem Jumbojet, wenn die kleine Maschine reicht? Vom Googeln über die Bildbearbeitung und Tabellenkalkulation bis zum Chat, von E-Mails über die Textverarbeitung bis zum Online-Speicherplatz – wer kein Gamer ist oder nicht mit Spezialsoftware arbeitet, findet alles im Netz.

Selbst diese speziellen Nutzergruppen müssen nicht mehr für ewig vom Netz abgebunden bleiben: Dienste wie Onlive [1] zeigen, dass auch die Computerspielehersteller die Geschäfte der Zukunft im Streaming sehen – die Installation vieler GB Spielesoftware auf dem eigenen Rechner könnte eines Tages überflüssig werden, sobald das Problem mit der Latenz gelöst ist – immerhin geht es zum Beispiel bei Egoshootern um jeden Sekundenbruchteil. Da darf es keine Verzögerungszeiten geben.

Moderne Webbrowser verfügen über ein intelligentes Speichermanagement. Sie können zum Teil direkt aufs Dateisystem zugreifen. Auch die Hardware dürfen sie bedienen: Kamera, Mikrofon oder andere Geräte im Computer. Damit übernehmen die Browser schon jetzt Aufgaben, die bisher nur Betriebssysteme hatten.

Google geht den konsequenten Weg

Den konsequentesten Weg geht Google mit seinem Chromebook – dem Netbook in Formvollendung. Das „Betriebssystem“ Chrome OS besteht fast nur aus dem hauseigenen Chrome-Browser. Es arbeitet webbasiert – ohne lokal installierte Software. Programme und Daten kommen aus der Cloud. Wer neue Funktionen braucht, bedient sich im Chrome Web Store. Wenn es nach Google geht, müssen wir Nutzer uns auch keine Gedanken mehr über Viren, Würmer und Sicherheitsupdates machen: Darum kümmern sich die Google-Rechenzentren. Und wieder verschwindet ein klassisches Stück Betriebssystem vom eigenen Rechner.

Was Chrome OS fürs Notebook ist, soll „Boot to Gecko“ (B2G) für mobile Geräte werden: ein Betriebssystem auf Basis der Gecko-Engine, mit der auch der Firefox-Browser arbeitet. Der größte Teil dieses Projekts existiert bisher nur auf dem Papier. Mozilla-Entwickler Andreas Gal hat aber schon eine Reihe von Schnittstellen angekündigt, die B2G zur Verfügung stellen soll und über die „einfache Webseiten“ klassische Hardware-Funktionen nutzen können sollen: für Telefonie, SMS, Kamera, USB, Bluetooth und NFC-Zahlungssysteme zum Beispiel. Das Web fungiert auch hier als Betriebssystem, die Webseiten als Programme.

Amazon rückt das Ökosystem in den Vordergrund

Auch Amazon lässt mit seinem neuen Tablet-Computer Kindle Fire das Betriebssystem ein Stück in den Hintergrund rücken: Amazon hat Android als zugrundeliegende Software so weit verändert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen ist. Stattdessen tritt das Ökosystem in den Vordergrund: Filme, Musik, Apps und Bücher, die auch immer stärker in die Cloud wandern. Das Kindle Fire selbst verfügt über einen internen Speicher von nur acht GB.

Spannend ist außerdem der Cloud-Ansatz des Amazon-Browsers Silk: Er nutzt die Server des Unternehmens, um beliebte Webseiten zwischenzuspeichern und dadurch deutlich schneller anzeigen zu können als andere Browser. Sie werden dann in komprimierter Form an den Kindle Fire weitergegeben. Laut Amazon-Softwareingenieur Peter Vosshall schrumpft damit das Datenvolumen einer drei MB großen Bilddatei auf 50 KB, die aus der Amazon-Cloud zurück auf den Kindle Fire übertragen werden müssen. Bestätigen sich die Gerüchte, plant Amazon schon Silk-Versionen für die großen Betriebssysteme Windows und Mac OS.

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