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t3n 23

Lars Hinrichs: „Es gibt ausreichend Geld – egal für wen“

Xing-Gründer Lars Hinrichs hilft mit HackFwd anderen, ihre Ideen zu verwirklichen. Im Interview erklärt er, wie er Programmierer befreien will, warum das Silicon Valley seine Magie verliert und was einen guten Gründer auszeichnet.

t3n Magazin: Was ist der Grundgedanke hinter HackFwd?

Lars Hinrichs: Uns geht es um Technologie-Startups in frühen Phasen, die Neues machen im Consumer-Internetbereich. Wir wollen die besten Programmierer Europas aus ihren Tagesjobs befreien, damit sie gemeinsam mit uns ihre Firmen starten können, die dann hoffentlich global erfolgreich werden.

t3n Magazin: „Befreien“ klingt gut. Wie ist das gemeint?

Lars Hinrichs: Wir geben Freiheit in Form von finanzieller Unterstützung. Deshalb zahlen wir in etwa ein Jahr das bisherige Gehalt weiter. Und wir geben Unterstützung bei den wichtigsten Businessthemen. Ich habe das bei Xing und auch bei anderen Startups gesehen: Wir haben hier genau so gute Programmierer wie anderswo auf der Welt. Aber diese Leute gründen nicht. Das ist keine Hypothese, das ist leider Fakt. Hinzu kommt die traurige Situation, dass in Europa lieber in ein Copycat investiert wird als in eine radikal neue Idee. Das wollen wir ändern.

t3n Magazin: Wie viele Anfragen bekommen Sie denn im Monat?

Lars Hinrichs: Auf jeden Fall genügend. Und dabei gibt es bei uns kein Be- werbungsformular. Wer Interesse hat, muss sich direkt an einen unserer Referrer wenden. In acht Monaten haben wir damit bisher sieben Projekte finanziert.

t3n Magazin: Was ist für Sie der schwierigste Part?

Lars Hinrichs: Uns fehlt generell eine europäische Variante der Unternehmergesellschaft UG. Wir brauchen ein Rechtsvehikel, das in jedem Land in Europa anerkannt ist und das nur eine geringe Kapitalmenge braucht. Das würde einen riesigen Boost geben.

t3n Magazin: Warum eigentlich der europäische Rahmen bei HackFwd?

Lars Hinrichs: Das ist ein Markt, der vollkommen unterrepräsentiert ist. Hier können wir am meisten Mehrwert bieten. Man kann sagen: Unser Silicon Valley ist ganz Europa.

t3n Magazin: Apropos Silicon Valley: Fehlt uns ein solches Symbol in Europa?

Lars Hinrichs: Man kann so etwas nicht replizieren. Zudem habe ich festgestellt: Die Magie um das Silicon Valley löst sich langsam auf. Zwar gibt es dort die meisten Wagnisfinanzierer, die größten Kapitalrunden und die meisten Startups. Aber durch neue Ökosysteme wie die App Stores oder auch Facebook haben wir überall die Infrastruktur, um sehr schnell Geld zu verdienen. Hinzu kommt: Sie brauchen keine Hardware mehr, Sie brauchen keine Software mehr. Sie mieten sich alles, beispielsweise bei Amazon. Und das bedeutet: Egal wo Sie auf der Welt sind, können Sie eine Firma aufbauen, die Millionen von Kunden hat.

t3n Magazin: Gibt es denn eine Region oder einen Ort mit Potenzial zum „europäischen Silicon Valley“?

Lars Hinrichs: Der einzige Ort, der in Europa in Frage kommen könnte, ist Berlin. Der Grund ist die Infrastruktur: Extrem günstige Mieten, extrem symbolträchtig und viele wollen dort hin. Berlin ist die einzige Stadt in Europa, der ich eine Startup-Szene zutraue, die zumindest einen Bruchteil von Silicon Valley erreichen könnte.

t3n Magazin: Wo wir schon thematisch in den USA sind: Was halten Sie von den sehr hohen Startup-Bewertungen dort?

Lars Hinrichs: Die sind völlig gerechtfertigt. Ich halte auch Facebook noch für unterbewertet. Man muss unterscheiden zwischen dem, was vor zehn Jahren im „Dotcom-Boom“ passiert ist und dem, was heute passiert. Wir haben heute zwei Milliarden Menschen im Internet, mehr als eine Verdreifachung seit damals. Hinzu kommt eine ungeheure Nutzungsveränderung: Wir sind permanent online. Und nach vorn geschaut: Wenn Sie Facebook und Google vergleichen, dann werden die kommenden fünf Jahre von dem Unternehmen bestimmt, das den sozialen Graphen hat. Was meine Freunde gerade machen, ist als persönliche Startseite spannender zu sehen als das leere Sucheingabefeld von Google. Ob Groupon nun 4 Milliarden wert ist oder 15 Milliarden, muss der Markt entscheiden. Bei Facebook aber ist noch viel Potenzial nach oben.

t3n Magazin: Aus Ihrer Erfahrung heraus: Was zeichnet einen guten Gründer aus?

Lars Hinrichs: Wichtig ist, dass er überhaupt gründet. Viele reden davon, aber machen es nie. Insofern ist dieser erste Schritt das größte Problem.

t3n Magazin: Also braucht man Mut – und sonst nichts?

Lars Hinrichs: Alles andere kommt später. Es gibt ausreichend Geld – egal für wen, egal für was. Zudem sind die Kosten für eine Gründung in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Früher brauchte man zum Beispiel alleine mindestens 25.000 Euro, um eine GmbH gründen zu können. Bei einer Unternehmergesellschaft liegen Sie heute alles in allem unter 500 Euro.

t3n Magazin: Was ist denn Ihrer Meinung nach besser: Einzelgründer oder Team?

Lars Hinrichs: Es ist immer wichtig, dass eine Firma einen Chef hat. Einer muss letztlich die Verantwortung tragen. Eine Situation mit vielen Chefs funktioniert nicht richtig gut. Das ist meine Erfahrung.

t3n Magazin: Woran scheitern Startups Ihrer Erfahrung nach oft?

Lars Hinrichs: Es hängt am ehesten davon ab, ob das Produkt einen Mehrwert bietet. Ich sehe bei Gründungsideen zudem oft, dass nicht groß genug gedacht wird. Die Amerikaner können das gut: ein Produkt auf das beschränken, was es tun soll und dann groß genug zu denken, wer das alles nutzen könnte. In der Vermarktung können wir in Europa ebenfalls gehörig viel von dort lernen. Wir sind einfach schlecht im Marketing.

t3n Magazin: Was halten Sie von dem Ausspruch „Die Chance liegt in der Nische“. Würden Sie das unterschreiben?

Lars Hinrichs: Nein, das ist zu kurz gedacht. Die Grundidee ist zwar richtig. Sie müssen aber aus einer Nische etwas machen, was weltweit groß wird. Man darf nicht vergessen: Der Wettbewerb sitzt überall. Man muss sich von der Idee verabschieden, dass man einen lokalen Markt dominieren kann. Man muss bereit sein, es größer zu machen.

t3n Magazin: Und was halten Sie von „release early, release often“?

Lars Hinrichs: Das sehe ich hundertprozentig genauso. Seit dem Start von Xing gab es beispielsweise einen Release pro Woche. Und das erste Release kam nach zwei Monaten. Das muss heutzutage so sein. Man lernt schließlich mit den Kunden. Zudem hat fast immer irgendwer auf der Welt gerade dieselbe Idee. Schon deshalb sollte man schnell rausgehen.

t3n Magazin: Welche Missverständnisse und Vorurteile im Zusammenhang mit Gründung begegnen Ihnen am häufigsten?

Lars Hinrichs: Anderen Leuten die Schuld zu geben fürs Scheitern. Letztlich ist man als Gründer selbst verantwortlich, ob etwas klappt. Mutig genug zu sein, an etwas zu glauben, auch wenn es dafür keinen Markt zu geben scheint. Und wichtig ist es durchzuhalten, denn Gründung bedeutet nicht immer Sonnenschein. Ich kenne kein Unternehmen, das nicht irgendwann massive Probleme hatte. Es gibt keine sorgenfreie Gründung, bei der alles klappt.

t3n Magazin: Welche Einstellung sollte ein Gründer mitbringen?

Lars Hinrichs: Wichtig ist, dass die Leute eine Leidenschaft haben für das, was sie tun. Wenn das nicht vorhanden ist, dann wird es nie im Leben etwas Erfolgreiches werden. Wenn die Leute es wegen des Geldes starten, kann ich garantieren, dass das nichts wird. Die Antriebskraft darf nicht Geld sein. Es sollte vielmehr die Passion sein, den Status Quo zu verändern. Entweder löst man ein vorhandenes Problem oder man versucht, etwas Neues zu erfinden, um einen neuen Markt aufzumachen.

t3n Magazin: Gibt es aus Ihrer Sicht derzeit besonders interessante Märkte und Themen?

Lars Hinrichs: Es gibt wie ich finde eine neue Etappe im Internet: Man versucht aus einer gigantischen Masse an Informationen das Relevante herauszufiltern. Es gibt nicht viele Leute, die mit diesen Problemen umgehen können, weil es zum großen Teil mathematische Probleme sind. Man sollte schon ein gewisses Interesse für Graphentheorie entwickelt haben, um das zu verstehen.

t3n Magazin: Reizt es Sie nicht, auch wieder aktiv zu werden?

Lars Hinrichs: Nein, denn mit HackFwd sind wir praktisch Co-Gründer. Insofern habe ich derzeit sogar sieben Firmen.

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2 Reaktionen
Sava
Sava
17.11.2011, 08:31 Uhr

Finde das Interview recht interessant, vorallem der Spruch "Es gibt ausreichend Geld - egal für wenn" :) aber auch, dass es in Deutschland auch gute Programmierer gibt!

Antworten

Henryk
Henryk
17.11.2011, 12:44 Uhr

Lars Hinrichs: "Berlin ist die einzige Stadt in Europa, der ich eine Startup-Szene zutraue, die zumindest einen Bruchteil von Silicon Valley erreichen könnte."

Ich würde mich wirklich freuen, wenn Berlin sich als führende Startup-Location in Europa positioniert. Aber ich denke dass es noch eine weitere Stadt gibt, die hier durchaus einige Chancen auf den Titel hat: London.
Warum? Ganz einfach, England ist der größte E-Commerce Markt der Welt (pro-Kopf-Volumen pro Jahr), das Tor Richtung USA und es wird eben Englisch als Muttersprache gesprochen. Viele wichtige Internet-Unternehmen wie Facebook oder Google haben hier auch Ihren europäischen Hauptsitz. Das fehlt Berlin "noch".
Ohne Frage, Berlin hat viele andere Vorteile wie günstige Mieten, Lebenshaltungskosten und moderate Personalkosten. Aber in Sachen Internationalität liegt es dann eben doch noch zurück im Vergleich zu London. Dazu kommt, dass es in London auch geeignete Großunternehmen gibt, wo man ein neues Produkt direkt vermarkten kann.

Dennoch, ich hoffe das Berlin weiterhin erfolgreich an seiner Zukunft arbeitet, denn Berlin braucht solche Startups, die aber auch mal den Durchbruch schaffen müssen, um weiter an Profil gewinnen zu können.

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