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Gründen lernen: „Kinder sind die besten Entrepreneure“

Aus dem
t3n Magazin Nr. 28

06/2012 - 08/2012

Gründen lernen: „Kinder sind die besten Entrepreneure“

t3n Magazin: Herr Löbler, kann man Gründen wirklich lernen oder wird es einem in die Wiege gelegt?

Helge Löbler: Zunächst einmal ist die Frage wichtig, warum man Entrepreneurship lernen sollte. Schaut man sich Kinder im Vorschulalter an, dann sind sie eigentlich die besten Entrepreneure, die wir haben. Sie stellen Fragen, sie sind neugierig, und sie sind bereit, alles auszuprobieren. Darüber hinaus sind sie in der Lage, schnell zu lernen, und schließlich sind sie davon überzeugt, dass sie wenigstens prinzipiell alles können beziehungsweise lernen können. Auch stecken sie voller Ideen. Kann man sich bessere Entrepreneure vorstellen?

t3n Magazin: Wir haben also alles gelernt, was man zum Gründen braucht, und es dann im Laufe des Lebens wieder verlernt?

Helge Löbler: Ja, im Prinzip ist das so. Der Autor Robert Fulghum hat das in einem Buch zusammengefasst: All I really need to know I learned in Kindergarten. Und der Erfinder des Kunststoff-Dübels, Arthur Fischer, beschreibt es so: "Kinder stecken voller Ideen. Aber nach ein paar Schuljahren ist es vorbei damit, weil man sie in ein Korsett presst, das ihnen nicht liegt.“ In der Schule lernen Kinder sehr schnell, dass ihre eigenen Fragen nicht mehr wichtig sind. Sie lernen, dass die Fragen des Lehrers wichtig sind und dass ihre eigenen Fragen im Zweifel immer aufgeschoben werden. Sie lernen ferner, dass man still zu sitzen hat und nicht aktiv seinen Ideen nachgehen kann. Dabei ist heute neuro-wissenschaftlich längst klar, dass aktives Lernen auch körperliche Aktivität bedingt. Wer aber seine Ideen nicht direkt am Leben ausprobieren kann (oder wenigstens in einem geschützten Raum), der kann natürlich auch nicht fürs Leben lernen.

t3n Magazin: Die Art des Lernens an deutschen Schulen fördert den Gründergeist also nicht. Gilt das auch für die Inhalte?

Helge Löbler: Fest steht, dass in unseren Schulen wichtige Fächer wie Werken, Basteln, Kunst und Sport gegenüber den sogenannten „intellektuellen Fächern“ zunehmend völlig in den Hintergrund treten. Dadurch lernen wir heute nicht mehr zu fühlen, nicht mehr zu hören, nicht mehr aufmerksam wahrzunehmen, nicht mehr zu tasten. Unsere Wahrnehmungsfähigkeiten verkümmern. Umgekehrt lernen wir aber auch nicht mehr zu gestalten, auszuprobieren, zu tönen, zu malen oder uns zu bewegen. Die ganze Welt wird verkopft. Wir lernen vorzüglich, über alles zu reden, aber wir sind nicht mehr in der Lage, das, was wir beschreiben können, auch zu tun beziehungsweise umzusetzen.

t3n Magazin: Ist die Universität der richtige Ort, um sich die ausgetriebene Praxisnähe wieder anzueignen?

Helge Löbler: Zunächst einmal ist es so: Was in der Schule beginnt, wird in der Universität konsequent fortgesetzt. Dabei muss einem bewusst sein, dass die Universität eine besondere Legitimität und Legitimation besitzt, sich auf Intellektuelles (wenigstens in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften) zu konzentrieren. Nun geschieht an vielen Universitäten Folgendes: Man glaubt tatsächlich, Entrepreneurship über die klassischen Wege der Wissensvermittlung unterrichten zu können. Man folgt im Allgemeinen der Logik, dass die Wissenden (die Professoren) die Unwissenden (nämlich die Studierenden) unterrichten. Dieses Konzept funktioniert nur und hat auch immer nur funktioniert, wenn es um intellektuelles Wissen und nicht um Können geht. Im Allgemeinen geht es aber beim Lernen von Entrepreneurship nicht um intellektuelles Wissen. Das intellektuelle Wissen für einen Unternehmer ist schnell bereitgestellt und gelernt. Aber mit diesem Wissen wird man eben noch kein Unternehmer. Man kann bestenfalls beschreiben, was ein Unternehmer tut, aber man kann es eben noch nicht machen.

t3n Magazin: Was zeichnet eine gute Entrepreneurship-Ausbildung aus?

Helge Löbler: Eine gute Entrepreneurship-Ausbildung muss die Fähigkeiten und Talente, die sich im Vorschulalter zeigen und dann systematisch circa 15 Jahre lang (Schule und Universität) verschüttet werden, wieder ans Tageslicht heben. Aber natürlich wäre es klüger, die Fähigkeiten, die sich im Vorschulalter zeigen, wirklich von Anfang an zu fördern. Johann Wolfgang von Goethe hat es schon immer gewusst: „Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies“.

t3n Magazin: Das klingt nicht so, als könne man Entrepreneurship auf dieselbe Weise wie andere Studienfächer unterrichten.

Helge Löbler: Es scheint tatsächlich vielerorts den Glauben zu geben, man könne gezielt Entrepreneurship unterrichten. Ich glaube das nicht. Gleichwohl bin ich fest davon überzeugt, dass man Entrepreneurship lernen kann. Man kann es aber nicht lehren, denn Entrepreneurship ist etwas, was vor allem außerhalb von intellektuellen Diskursen stattfindet. Ja, es findet sogar in weiten Bereichen jenseits von Sprache statt. Erst wenn man das verstanden hat, wird man eine angemessene und erfolgreiche Entrepreneurshipausbildung anbieten können. Wir müssen weg von dem Glauben, dass man Entrepreneurship gezielt unterrichten könne. Entrepreneurship ist eben keine Fertigkeit und Fähigkeit, sondern lediglich eine Beschreibung dessen, was man sich wünscht und zu tun glaubt.

t3n Magazin: Ist dies ein Aufruf zu mehr Praxisnähe an den Universitäten?

Helge Löbler: Nein. Nach meiner Überzeugung haben wir heute viel zu viel vordergründige Praxisnähe. Konzeptionelles, eigenständiges, kreatives Denken wird abgelöst vom platten Nachvollziehen und der Wiedergabe von (auswendig) Gelerntem. Der Einzug der Modularisierung in den Bachelorprogrammen hat der wirklichen Bildung geschadet. Dies haben ja auch die Studenten selbst hinreichend beklagt. Wenn in Universitäten lediglich nur noch das gelehrt und gelernt wird, was bereits in der Praxis Realität ist, dann kann sich eine Gesellschaft nicht entwickeln. Stattdessen wird sie sich auf dem Status quo perpetuieren. Das kann weder im Sinne der Gesellschaft noch der Universitäten sein.

t3n Magazin: Was ist der Kern Ihres Programms SMILE?

Helge Löbler: Unser Entrepreneurship-Programm stellt den Lernenden in den Mittelpunkt und geht von ihm aus. In unserem Programm gibt es alles das, was die Gründungsinteressierten und die angehenden Gründer lernen wollen. Und wenn es etwas noch nicht gibt, dann wird es halt erfunden. Es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln, sondern es geht darum, die Talente, die in den Individuen stecken, freizulegen und zu entwickeln. Ein Lernender, der sich aus guten Gründen entscheidet, nicht Unternehmer zu werden, ist uns lieber als einer, der sich entscheidet Unternehmer zu werden, obwohl es nicht seins ist. Deshalb heißt unser Programm auch Selbstmanagementinitiative Leipzig, kurz SMILE, und die Buchstaben stehen als Akronym für diese Bezeichnung. Es geht darum, dass junge Menschen über sich selbst und ihr Leben Entscheidungen zu treffen lernen. Denn wir sind davon überzeugt, dass man Unternehmer nicht mechanistisch produzieren kann.

t3n Magazin: Ganz konkret: Was machen Sie mit den Studenten, die an Ihrem Programm teilnehmen?

Helge Löbler: Entscheidend ist nicht, was wir als Lehrende machen, sondern was die Lernenden machen. Ein Trainer, der einen 100-Meter-Läufer trainiert, braucht selbst kein guter Sportler zu sein; er muss aber verstehen und nachfühlen können, was einen guten 100-Meter-Läufer ausmacht, und den Läufer dazu bringen, genau das zu tun beziehungsweise zu lernen. Wir haben pro Semester über 50 verschiedene Lernveranstaltungen.

t3n Magazin: Können Sie Beispiele nennen?

Helge Löbler: Natürlich. In der Lernveranstaltung Selbstmanagement zum Beispiel erarbeiten wir anhand der Aktivitäten, die die Teilnehmer in die Veranstaltung einbringen, was es bedeutet, sich selbst zu „managen“. Hier kann es beispielsweise vorkommen, dass ein Lernender ständig zu spät kommt. Es wird dann direkt an diesem Teilnehmer erarbeitet, woran es liegt, dass er zu spät kommt, und was er mal ausprobieren kann, um nicht mehr zu spät zu kommen. Im Allgemeinen lernt dann nicht nur dieser eine Teilnehmer etwas, sondern alle anderen auch, da sie ja gewissermaßen als „Berater“ oder besser „Coaches“ mitarbeiten. Auch verstehen sie das Gelernte als ihr persönlich Gelerntes und fühlen sich dafür verantwortlich.Ein weiteres Beispiel ist die Lernveranstaltung „Freies Sprechen“. Hier laden wir die Teilnehmer ein, mit einem kurzen, freien Redebeitrag (5 bis 7 Minuten) die anderen zu begeistern. Dafür bekommen die Teilnehmer mindestens 30 Minuten Vorbereitungszeit. Dann präsentieren sie ihre Idee, und diese Präsentation wird aufgezeichnet. Im Anschluss analysieren die Teilnehmer gemeinsam die einzelnen Präsentationen. Dabei wird vieles besprochen: Authentizität, Körpersprache, Ausdruckweise, Wortwahl – eben alles, was einen guten Vortrag ausmacht. Schließlich probiert es jeder noch einmal und wir alle erleben dramatische Verbesserungen.

t3n Magazin: Wie gehen Gründungsinteressierte, die sich vertieft mit Entrepreneurship befassen wollen, am besten vor?

Helge Löbler: Zunächst einmal sollten Gründungsinteressierte – wie alle, die studieren wollen – herausfinden, welche Talente sie haben und welche Talente sie entwickeln wollen. Bedauerlicherweise erfährt man das ja in der Schule nur, wenn man Glück hat und das Talent zufällig als Fach existiert. Wenn man seine eigenen Talente kennt, kann man sich fragen, wie man diese Talente entwickeln möchte, und schließlich wird man sich fragen müssen, was man mit diesen Talenten tun will. Aus meiner Erfahrung würde ich keinem Gründungsinteressierten empfehlen, einen vollständigen Studiengang Entrepreneurship zu absolvieren. Stattdessen empfehle ich, herauszufinden, was der Gründungsinteressierte lernen will, um sich dann zu fragen, wo und wie er das lernen kann.

t3n Magazin: Welche Art von Modulen ist hilfreich, welche nicht?

Helge Löbler: All die Studiengänge, die nach der Logik aufgebaut sind, Module zu belegen, Klausuren zu schreiben und Credit Points zu verdienen, sind für einen Entrepreneur nicht wirklich hilfreich. Lernen ist eben ein aktiver Prozess, den man dem Lernenden nicht abnehmen kann. Auch die Auswahl von Studienfach und Studienschwerpunkt ist bereits ein Lernprozess, der vom Lernenden aktiv angegangen werden muss. Wer zu diesen Aktivitäten nicht bereit ist, der sollte sich eben doch in seinen Kleiderschrank einschließen und sich morgens Kaffee und Zeitung heranreichen lassen.

Zu Helge Löbler

Prof. Dr. Helge Löbler ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Marketing an der Universität Leipzig sowie Leiter der SMILE-Initiative (http://www.smile.uni-leipzig.de). Nach dem Studium der Kybernetik und Volkswirtschaftslehre und der Promotion arbeitete Löbler am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Lüneburg. Nach der Habilitation übernahm er die Professur an der Universität Leipzig. Dort ist er Direktor des Instituts für Service und Relationship Management. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialer Konstruktionismus, Kommunikation neu Denken und Service als Form der Koexistenz.

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4 Antworten
  1. von Ingo Hagemann am 25.05.2012 (13:17 Uhr)

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Redaktion,

    leider scheint das Linkziel "http://t3n.me/Checklist_Selbstständigkeit" ungültig zu sein.
    Könnten Sie uns bitte einen alternativen Link nennen?

    Vielen Dank und beste Grüße an die ganze Redaktion! Tolles Magazin.


    Mit freundlichen Grüßen

    Ingo Hagemann

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  2. von Wolfgang Dietz am 29.05.2012 (12:02 Uhr)

    das Interview m. Prof. Löbler ist eine der treffendsten Zusammenfassungen zu einem brisanten, tiefreichenden, jedoch leider politisch auch völlig unterschätzen Thema! Gratulation! Dies noch mit den ganzheitlichen Ansätzen eines Jesper Juul verwoben - und unsere bildungs- u. gesellschaftspolitischen Stotter-Motoren könnten grad noch die Kurve kriegen.

    Wie aber soll man (wie im Heft 28 aufgefordert) zeitnah und angemessen in die Diskussion steigen, ohne Textfreigabe? Gerade in den universitären u. päd. Bereich scheint mir der Transport sinnvoll. Zielgruppen, die nicht zwingend t3n-Leser sind, wage ich mal zu konstatieren. Hier ist doch Potenzial, dies zu ändern, Leute!

    bestens

    Wolfgang Dietz

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  3. von Peter Hadorn am 09.10.2012 (16:33 Uhr)

    Tolles Interview, Prof. Löbler spricht mir aus dem herz. Im Gespräch mit Jugendlichen stelle ich fest, dass "Entrepreneurship" aufgrund der jahrelangen schulischen Verformung oft gar nicht mehr in ihrem Raum der Möglichkeiten existiert. Und nicht nur in Bezug auf "Entrepreneurship" gilt, dass wir die schulische Prägung am besten Schritt für Schritt wieder loslassen...

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  4. von Zanfra am 15.10.2012 (10:04 Uhr)

    Ich habe das bei kleineren Kindern bemerkt, ihr Denkprozess ist tatsächlich frei und voller Freude wie bei den Zen Meistern. Dann kommt das Ego zum Wort und ist das ganze vorbei...
    Man denkt schon schematisch und versucht sich immer an irgendwelche Regeln anzupassen...

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