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Startup-Gründer im Interview: Bei Julian Vester entscheiden die Mitarbeiter über Urlaub und Gehalt

Studium? Die perfekte Komfortzone

Wenn Julian Vester darüber redet, was es für ihn bedeutet, Unternehmer zu sein und Menschen zu führen, klingt es, als habe er in diesem Bereich seit mindestens 30 Jahren Berufserfahrung. Er weiß genau, was er will und wie er das, was er will, umsetzen möchte. Das meiste entscheide er dabei aus dem Bauch heraus. Bis auf ein paar Schüler-Ferienjobs hat er selbst nie ein Unternehmen von innen gesehen, war nie angestellt. Aber er ist ja auch erst 28, viele bereiten sich da gerade auf ihr Examen vor. Auch diese Erfahrung fehlt ihm: Zwar hat sich Vester nach dem Abitur an der Uni eingeschrieben, „aber nur pro forma“, um ungestört ein halbes Jahr durch Südamerika reisen zu können und „die Vorteile des abgesicherten Studentendaseins zu genießen“.

Julian Vester mit Blick auf sein „sakrales“ Büro
Julian Vester mit Blick auf sein „sakrales“ Büro

An das zweite Studium ging der heutige Agenturchef ambitionierter heran, Medientechnik und BWL auf Berufsschul-Lehramt in Hamburg. Mit seinem Kommilitonen und heutigen Mit-Geschäftsführer Jonas Wegener baute er nebenher ein soziales Netzwerk für die Uni auf. Als sie sich nebenbei auch noch als Webentwickler selbstständig machten, nahm das Berufliche immer mehr Zeit in Anspruch – auf Kosten des Studiums. Das Unterrichten habe ihm aber großen Spaß gemacht, nur mit der Art, wie von oben mit dem Idealismus junger Lehrer umgegangen wurde, sei er nicht klar gekommen. Kurz vorm Examen hat Vester dann abgebrochen. Das heißt: Er ist einfach nicht mehr zur Uni gegangen, an eine Exmatrikulation kann er sich nicht erinnern. Vergeudete Zeit war das Studium für ihn trotzdem nicht: „Ich wollte immer nur deshalb studieren, um genug Zeit zu haben, etwas Eigenes aufzubauen. Als Komfortzone sozusagen – man ist versorgt und hat Zeit.“ Dieses Ziel hat der Jungunternehmer erreicht.

Ohne Geld im Hintergrund entstand Ende 2009 elbdudler: „Da saßen wir dann in unserem Büro mit den Rechnern auf dem Schoß, weil wir uns noch keine Möbel leisten konnten.“ Elbdudler ist eine Agentur für digitale Markenkommunikation und setzte den Fokus von Anfang an auf Facebook. Akquise hat das Team laut Vester bis heute nie betrieben, sondern seine Kunden immer über Empfehlungen aus dem Umfeld erhalten. Viele der Mitarbeiter kommen außerdem noch aus dem Uni-Umfeld. Als sich in dem kleinen 30-qm-Büro schließlich zwölf Mitarbeiter stapelten, zog das Team um und arbeitet heute in einer ausgedienten Kirche in Hamburg Eimsbüttel. Mittlerweile gehören 37 Mitarbeiter zum Team.

Mindestens zweimal die Woche versammelt sich die Kollegenschaft um den ehemaligen Altar zum Meeting.
Mindestens zweimal die Woche versammelt sich die Kollegenschaft um den ehemaligen Altar zum Meeting.

Unternehmensführung ohne Hierarchien

Er habe immer gewusst, dass er etwas Eigenes auf die Beine stellen wolle, erzählt Vester. Schon als Schüler im Ferienjob habe er in seiner Freizeit das Lager umgeräumt, weil niemand auf seine Verbesserungsvorschläge eingehen wollte. Und beim Reisen durch Südamerika sei ihm das ganze Altmetall in den Gärten der Anwohner aufgefallen. „Ich habe ausgerechnet, was man bekäme, wenn man es einsammeln und am Hafen verticken würde“, lacht er. Nicht das Geld habe ihn gereizt, sondern der Drang, ungenutzte Möglichkeiten zu nutzen. Die Lust am Optimieren steckt in ihm.

Heute gehört Mitarbeiterführung für Vester zu den spannendsten Aspekten seiner Arbeit. Er macht es mit einer „Mischung aus gesundem Menschenverstand und Bauchgefühl“: „Ich habe es nie als Last empfunden, Verantwortung für Menschen zu tragen und Entscheidungen zu treffen.“ Chef sein heißt für ihn: dafür sorgen, dass es den Mitarbeitern gut geht. Dies spiegelt sich in den Strukturen wider: Flache Hierarchien gehören zum Grundkonzept von elbmudder. Aber flach ist Vester noch nicht genug. Er will ganz auf Hierarchien verzichten, es ist für ihn eine grundsätzliche Frage nach dem Menschenbild. Er glaubt daran, dass Menschen überaus gerne arbeiten, sofern man ihnen den entsprechenden Raum dafür gibt, und daran, dass keiner ein Auge darauf haben muss, ob sie das wirklich tun. „Viele Chefs gehen davon aus, dass Mitarbeiter grundsätzlich faul sind und für möglichst viel Geld möglichst wenig leisten wollen. Als Chef muss man dann darauf achten, dass genau das nicht passiert.“ Auch seine Erfahrungen als Freelancer und in Ferienjobs haben seine Einstellung zu Mitarbeiterführung geprägt. „Vieles von dem, was ich in den Unternehmen gesehen habe, fand ich nicht gut und wollte es besser machen.“

Elbdudler ist in Teams organisiert, die alle selbstbestimmt funktionieren. Drei Teams kümmern sich um die Kunden, ein Team programmiert und ein Team, bestehend aus der Geschäftsführung und Beratern, kümmert sich um den ganzen „offiziellen Kram“ und sorgt für „die Vision, den Spirit und die Mitarbeitermotivation“. „Wenn ein Team Verstärkung braucht, muss es selbst dafür sorgen und die Bewerbungsgespräche führen. Die einzelnen Teams regeln auch alle Einnahmen und Ausgaben selbstständig“, erklärt Vester die internen Strukturen. Es gibt bei elbdudler keine festen Arbeitszeiten und auch keine Anwesenheitspflicht. Es gibt noch nicht einmal festgelegten Urlaub. „Manche Menschen brauchen mehr Urlaub, andere weniger – das kann ich doch nicht von außen festlegen. Wer wegfahren will, kann das jederzeit tun.“ Natürlich gebe es Limits, was finanziell tragbar sei – bezahlter Urlaub hat also seine Grenzen. Aber wenig ist wirklich festgelegt bei elbdudler. Viele Mitarbeiter haben laut Vester noch nicht einmal Arbeitsverträge. Wer will, bekommt einen, aber er selbst besteht nicht darauf.

Manches von dem, was Vester erzählt, klingt wie der Spleen eines Jungunternehmers, der sich an ein paar unreflektierte Ideale klammert, die er als hip empfindet. Aber der Eindruck trügt. Vester hat sich nie mit irgendwelchen Management-Seminaren beschäftigt oder sich seine Art der Unternehmensführung aus der Startup-Welt geholt. Er hält sich einfach an sein Grundprinzip, dass Menschen zutiefst gerne und selbstbestimmt arbeiten wollen und einfach nur die richtige Umgebung dafür brauchen. Gerade beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema „freie Gehaltswahl“. „Aktuell sprechen ja viele Unternehmen davon, flache Hierarchien zu haben. Aber spätestens beim Gehalt hört es dann auf und es gibt doch wieder Menschen, die von oben den Finger drauf haben.“

Natürlich heiße freie Gehaltswahl in der Praxis nicht, dass jeder bekommt, was er will. Es gehe darum, dass sich Mitarbeiter und potenzielle Mitarbeiter selbst damit beschäftigen, wie viel Geld sie für sich benötigen, was die Agentur wirtschaftlich leisten kann und wie sie ihren Wert vor dem Team vertreten. Vester möchte, dass sich jeder in der Agentur mit den betriebswirtschaftlichen Aspekten des Unternehmens auseinandersetzt. Nicht das Management soll den Blick fürs Ganze haben, sondern alle. Wer lieber von oben gesagt bekommt, wie die Dinge funktionieren und was er tun soll, komme bei elbdudler nicht klar. „Ich will nicht führen, sondern Menschen dahin bringen, selbst zu entscheiden.“ Er macht es am Beispiel eines Bekannten deutlich, der von einer Mitarbeiterin gefragt wurde, ob sie eine neue Maus haben könne, da die alte kaputt gegangen sei. Die Antwort: „Keine Ahnung. Brauchen Sie denn eine?“

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6 Reaktionen
guido

Das Konzept funktioniert - allen Unkenrufen zum trotz... und das nicht nur bei elbdudler, sondern bei vielen Firmen. Ganz nah an dem was elbdudler macht ist valve, eine Softwareschmiede in den USA. Die machen das schon lange so.
Was aber auch heisst, man kann sich von guten Beispielen inspirieren und leiten lassen. Und dann kann man es auch lernen, wenn man will. Auch wenn Julian Vester seine Erfahrung so nicht weitergeben kann, gute Erfahrungen haben auch andere gemacht ;-)

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Mate
Mate

Quote.FM hat übrigens gerade heute bekannt gegeben, dass sie Pleite sind. Die Gründer sind raus: http://blog.quote.fm

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Paddy
Paddy

Das mit dem Knuddeln ist ja mal hart. in so einem unternehmen würde ich nie arbeiten wollen.
Und das mit der Freiheit ist ja schön und gut – aber letztendlich laufen solche Modelle immer darauf hinaus, dass die Leute mehr arbeiten und weniger Urlaub nehmen als wenn diese Themen fest geregelt sind, weil sie das Gefühl haben sie müssen diese Freiheit/ dieses Vertrauen ja irgendwie wieder zurückgeben. Geschickte Masche also. Und wenn man die Social Media Aktivitäten der Elbdudler Mitarbeiter so mitverfolgt, ergibt sich da ganz klar das Schema, dass die meisten sich viel mehr Arbeit zumuten als ihnen langfristig gut tun wird.

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Sergej

Hi, coole Sache,

aber habt Ihr eventuell auch ein Tipp, wie man eine interessante Idee findet. Zum Beispiel hätte ich ein Paar Ideen etwas zu machen, wie kann ich einschätzen, ob sie etwas bringt, ob sie interessant ist. Kann man das überhaupt einschätzen oder man verlässt sich auf ein Bauchgefühl?

Gruß

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Sven

Ich dachte schon solche Leute gibts nicht mehr. Super, der Artikel hat mir gezeigt es gibt die Verfechter doch noch. :) Ich kann dieser Denkweise zu fast 100% zustimmen, denn es macht einen Unterschied einen Mitarbeiter an sein Unternehmen zu binden, oder für das Team, das Unternehmen und die Herausforderungen.

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