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Inspiration fördern: Die besten Tipps, damit Ideen wieder fließen

Aus dem
t3n Magazin Nr. 24

06/2011 - 08/2011

Wer kreativ arbeitet, kennt das: Der Kopf raucht, aber die entscheidende Idee will einfach nicht kommen. Woran das liegt, und welche Ansätze helfen können, ein „Kreatief“ zu überwinden, soll dieser Artikel zeigen.

Was ist Inspiration?

Der Begriff Inspiration stammt aus dem Lateinischen und bedeutet laut Wikipedia wörtlich „Beseelung“ oder „Einhauchung von Leben oder Geist“, etwas weltlicher ausgedrückt versteht man unter Inspiration auch eine Eingebung oder einen plötzlichen Einfall – die Basis des kreativen Schaffens. Damit einher geht allerdings eine gewisse passive Haltung, man spricht häufig von „inspiriert werden“ oder „sich inspirieren lassen“.

Zusammengefasst ist Inspiration demnach etwas Passives und ein nicht greifbarer Vorgang, auf den man selbst keinen wirklichen Einfluss zu haben scheint. Man kann nicht auf Knopfdruck eine Idee zu einem bestimmten Problem liefern in der Art, wie man zum Beispiel eine Rechenaufgabe löst. Kein Wunder also, dass auch erfolgreiche Kreative auf die Frage nach ihren Inspirationsquellen oft nur mit einem „Inspiration ist überall“ antworten können.

Einige Theoretiker haben sich jedoch daran versucht, eine genauere Antwort zu finden. Um diese Erklärungsversuche nachvollziehen zu können ist es sinnvoll, unseren Denkapparat – der natürlich hauptsächlich für den erfolgreichen Kreativprozess verantwortlich ist – genauer unter die Lupe zu nehmen.

Unser Gehirn

Es gibt durchaus Gründe dafür, weshalb sich manchmal kreative Blockaden ergeben und unser Gehirn scheinbar in bestimmten Situationen – meistens dann, wenn man es wirklich benötigt – den Dienst verweigert. Basierend auf den sogenannten „Split Brain“-Studien des Psychobiologen Roger W. Sperry in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts weiß man, dass das Gehirn in verschiedenen Modi arbeitet.

Seinerzeit noch als „Denken der linken beziehungsweise der rechten Gehirnhälfte“ beschrieben, spricht man heute etwas neutraler vom L-Modus und R-Modus. Denken als komplexen Vorgang kann man eben nicht so leicht einer Gehirnhälfte zuordnen. Andy Hunt nennt es in seinem Buch „Pragmatisches Denken und Lernen“ den linearen beziehungsweise den reichhaltigen Modus, um so deutlicher auf deren unterschiedliche Funktionsweisen einzugehen.

Bei vielen Leuten, die Probleme mit kreativem Denken haben, dominiert der lineare Modus, der für die verbale, analytische, rationale und logische Verarbeitung zuständig ist. Der reichhaltige Modus hingegen ist für die nonverbale, irrationale und intuitive Verarbeitung zuständig und deshalb immer dann gefragt, wenn es um kreative Ideen geht.

Die analytische Herangehensweise von Leuten, die sich auch oder vor allem im Programmier-Umfeld wohlfühlen, unterdrückt diesen Modus häufig. Sobald der Mensch analytisch und logisch über einem Problem brütet, ist der L-Modus aktiv und Ideen können nicht zutage treten. Deshalb gilt es, Wege zu finden, den kreativen R-Modus zuzulassen und auch auszunutzen.

Inspiration kann man auch online finden – zum Beispiel bei dem Image-Bookmarking-Service FFFFOUND.Inspiration kann man auch online finden – zum Beispiel bei dem Image-Bookmarking-Service FFFFOUND.

Wie die beiden Modi wirken können, hat sicher jeder schon mal erlebt: Man versucht sich krampfhaft an einen Namen, einen Liedtitel oder eine Vokabel zu erinnern und es will einem einfach nicht einfallen. Wenn man sich dann nach erfolgloser Denkanstrengung (im L-Modus) wieder anderen Dingen zuwendet, fällt einem nach einiger Zeit plötzlich das fehlende Wort aus heiterem Himmel ein. In diesem Fall ist also der R-Modus unbewusst im Hintergrund aktiv gewesen und hat weiter nach der Lösung gesucht, während man einer anderen Beschäftigung nachging. Hierbei wird schon deutlich, dass man den R-Modus nicht bewusst steuert, worin auch die größte Herausforderung bei seiner Nutzung liegt.

Kreative Pausen

Cameron Moll erwähnt in seinem Vortrag „Good Design vs. Great Design“ [1], wie er sich den R-Modus zu Nutze macht. Er legt kreative Denkpausen ein, in denen er gezielt anderen Tätigkeiten nachgeht, die kein Denken erfordern – zum Beispiel beim Spazierengehen, Rasenmähen oder Duschen. Letzteres ist für ihn die Methode der Wahl, die er sogar so weit mit einer Taucher-Tafel samt wasserresistentem Stift perfektioniert hat, dass er direkt in der Dusche seine Einfälle aufschreiben oder skizzieren kann.

Das klingt zwar skurril, aber darin stecken dennoch zwei interessante Aspekte. Zum einen befördern routinierte banale Tätigkeiten das kreative Denken, zum anderen ist es wichtig, die entstehenden Gedanken auch direkt festzuhalten, bevor sie wieder verloren gehen. Das Problem ist nämlich, dass man den R-Modus nicht wirklich kontrollieren oder steuern kann. Durch bewusste Pausen, in denen man analytisches, logisches Denken absichtlich ruhen lässt, kann man ihn aber dazu einladen, im Oberstübchen nach brauchbaren Ideen zu suchen. Wichtig dabei ist es, das aktuell zu lösende Problem bewusst auszublenden.

Weil der R-Modus so unkontrollierbar ist, kann man auch nicht absehen, wann gute Ideen in das Bewusstsein dringen. Es kann immer und überall passieren. Für den Alltag heißt das, man sollte immer etwas zu schreiben dabei haben, um in unerwarteten Momenten die aufkommenden Ideen festzuhalten, sei es ein Notizblock, ein Smartphone oder etwas ähnliches.

Ideen sammeln

Es müssen dabei auch nicht immer die großen Ideen sein, die einem unterwegs einfallen. Als Webdesigner sollte man ständig die Augen aufhalten nach schönen Farbkombinationen, Mustern, Texturen, Typografie oder Gestaltungselementen. Dazu ist es wichtig, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen und interessante Entdeckungen zu sammeln. Brian Hoff sieht in seinem Artikel „Understanding Inspiration“ [2] das Sammeln und Abspeichern der Eindrücke um uns herum gar als den Schlüssel zur Inspiration.

Ein Foto eines interessanten Objekts hier oder eine Skizze da bringen einen dazu, sich bewusster mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Statt sie unentdeckt an sich vorbeiziehen zu lassen, hält man so Dinge fest, die einen bewegen, um sie später bei kreativen Aufgaben leichter als mögliche Lösungsansätze hervorholen zu können. Sammel-Programme wie LittleSnapper [3], Zootool [4] oder Evernote [5] helfen dabei, inspirierende Eindrücke festzuhalten und wiederauffindbar abzulegen.

Brian führt auch anhand seiner eigenen Website vor, wie ihm bestimmte Dinge aus dem Alltag beim Redesign seiner Website inspiriert haben. So zum Beispiel ein Buchcover für die Farbgebung, ein Gartenzaun als Vorlage für eine Kreuzschraffur, die als umlaufender Schatten dient, oder aber die Hintergrundtextur der Hauptspalte, inspiriert von Zeitungspapier.

Alles mögliche kann dabei für eine Idee gut sein: die Architektur, zum Beispiel eine Fensterfront, die zu einem Spaltenlayout inspiriert oder alle möglichen Materialen, die die Grundlage für eine Textur bilden. Buchcover, Zeitschriften und die Anzeigen darin sowie Verpackungen können Ideen liefern für eine bestimmte Art der Anordnung, ein Muster oder eine Farbgebung.

So ließ sich auch Tim van Damme 2009 bei seinem Blog-Redesign [6] von einem Buch über die Schrift Gill Sans inspirieren [7]. Inspiration kann tatsächlich überall sein. Wichtig ist, die Anreize aus der Umwelt auch wahrzunehmen und abzuspeichern.

Ideen skizzieren

Es gibt Leute, die bei einem neuen Projekt als erstes den Bildeditor ihrer Wahl starten, dann ewig lange auf den weißen Screen starren und sich wundern, warum ihnen nichts einfällt. Macht man dann doch die ersten Schritte, bekommt man schnell das Gefühl, dass das nichts wird. Das Problem dabei ist, dass sich beim Arbeiten am Rechner automatisch Fragen über Abmessungen, Farbwerte, Anordnung, Spaltenanzahl und ähnliche Aspekte ergeben. Sie aktivieren eher den logischen, rationalen Modus und sind an dieser Stelle völlig fehl am Platz, weil sie kreative Gedanken unterdrücken.

Ein weiteres Mittel, um hier dem R-Modus mehr Entfaltung zu gewähren, besteht daher im formlosen Umgang mit den eigenen Ideen. Wichtig dabei ist, ihnen anfangs nicht all zuviel Bedeutung zuzumessen und erst mal von der Analyse und der Bewertung (also dem L-Modus) Abstand zu nehmen. Dadurch hat der kreative R-Modus deutlich mehr Freiraum und kann mehr Brauchbares zutage fördern. Indem man die Bewertung ausschaltet, haben es auch verrückte, lächerliche oder scheinbar unbrauchbare Ideen leichter, das Licht der Welt zu erblicken und nicht gleich im Keim erstickt zu werden.

Um den ungezwungenen Charakter der ersten Ideenphase zu unterstützen, kann auch gerne das Kuvert der letzten Rechnung oder die Rückseite vom Kassenbon als Scribble-Unterlage herhalten, Hauptsache, man bringt ohne viel Nachdenken (im Sinne von Analyse und Bewertung) verschiedene Ansätze zu Papier.

Tools wie Zootool oder auch LittleSnapper und Evernote erleichtern das Ablegen der online gefundenen Inspirationsschätze.Tools wie Zootool oder auch LittleSnapper und Evernote erleichtern das Ablegen der online gefundenen Inspirationsschätze.

Inspirierende Umgebung wählen

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass man meistens vor dem Computer in der immer gleichen Büroumgebung arbeitet, die dem Gehirn nur wenige Impulse für neue Gedankengänge liefert. Besser wäre es, dem Denkorgan regelmäßig neue Anreize zu bieten: Ein Spaziergang durch den Park oder die Einkaufspassage oder ein Cappuccino im Café nebenan können das Denken in eine andere Richtung lenken.

Abwechslung und neue Eindrücke sind gutes Hirnfutter, um neue Schaltkreise zu bilden und die Neuronen auf Trab zu halten. Ein Beispiel für den Erfolg dieser Methode liefert Designer Mike Kus im Artikel über das Redesign der Carsonified Website [8].

Ein Szenenwechsel kann also die entscheidende Idee liefern. Auf diese Weise kann man auch ganz konkret neue Eindrücke sammeln. Wer zum Beispiel die Website eines Naturkostladens neu gestaltet, kann sich Inspiration direkt im nächsten Bioladen holen. Die Einrichtung, Verpackungen und Produkte selbst können Anregungen für Gestaltungselemente, Farben oder Texturen liefern.

Neue Anreize für das Gehirn kann man durchaus auch auf seine alltäglichen Gewohnheiten ausdehnen, wie zum Beispiel das Ändern der morgendlichen Bad-Routine, den Schreibtisch neu anordnen, die Deko an der Wand verändern. Anders ausgedrückt: Wer jeden Tag in einem grauen Kasten sitzt, kann keine bunten Gedanken entwickeln.

Inspiration online

Viele machen es sich einfach und steuern die Webdesign-Gallery ihrer Wahl an, wenn sie für neue Projekte auf der Suche nach Inspiration sind. Der Schritt, eigene Ideen zu entwickeln, entfällt aber hier, weil man im Prinzip vor allem Lösungsansätze anderer heranzieht, die eher zum Nachahmen verleiten, statt die eigene Vorstellungskraft und Fantasie zu beflügeln.

Cameron Moll spricht daher in seinem oben erwähnten Vortrag von geliehener Einflussnahme statt von wirklicher Inspiration. Diese gegenseitige Beeinflussung führt zu ähnlichen, wenig inspirierenden Lösungen, was auch viele andere Designer bemängeln und deshalb nicht gut auf diese so genannten „Design-Inspiration-Galleries“ zu sprechen sind, die ihrer Meinung nach ebenfalls für die vielen, sich ähnelnden und wenig inspirierenden Websites rund um den Globus verantwortlich sind [9] [10]. Die Webdesign-Galerien sind nicht grundsätzlich schlecht und können durchaus sinnvoll sein, um sich einen guten Überblick über aktuelle Trends und Techniken und Lösungen zu verschaffen – sie sind nur nicht die richtige Inspirationsquelle.

Wer online nach Inspiration sucht, sollte Websites ansteuern, die Platz für eigene Vorstellungen lassen und die Fantasie anregen. Zum Beispiel Architektur- oder Fotoblogs, Designblogs wie Burstoid [11], den Image-Bookmark-Service ffffound [12] oder die Verpackungsdesign-Website thedieline [13]. Auch Dribbble [14] ist hier zu nennen, da diese Seite meistens nur kleinere Ausschnitte aktueller Arbeiten präsentiert.

Wichtig ist, das man diese Methode nicht als Ersatz zu den oben genannten Möglichkeiten, sondern höchstens als Ergänzung ansehen sollte, denn unsere Erfahrungen in der realen Welt sind nicht durch virtuelle zu ersetzen.

Fazit

Man sieht also, Inspiration ist mit Arbeit verbunden – man muss sie sich erst verdienen. Statt bequem die nächste Website anzusurfen, sollte man den eigenen Kopf (und Körper) bemühen. Jeder muss für sich selbst herausfinden, welche Methode für ihn die beste ist. Wichtig ist, spielerisch und unverkrampft an neue Projekte heranzugehen, mal Abstand von Rechner und Arbeitsplatz zu gewinnen und mit gezielten Pausen den Kreativmodus arbeiten zu lassen.

Druck und übersteigerte Erwartungshaltung sind dabei schädlich, sie ersticken die Kreativität und lassen wenig Inspiration zu. Deshalb ist auch Geduld nicht unwichtig. Gute Ideen brauchen nun mal eine gewisse Zeit und manchmal sind zehn schlechte Anläufe nötig, bevor der elfte dann ein Volltreffer ist. Hier passt wie so oft der platte Spruch: „Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.“ In diesem Sinne viel Erfolg beim nächsten kreativen Projekt!

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2 Antworten
  1. von Andreas am 27.05.2011 (12:53 Uhr)

    Hallo,
    sehr gelungener Artikel!!!
    Es hat mir sehr viel Spaß gemacht ihn zu lesen und ich werde so einiges davon beherzigen!

    Ach so: er ist sehr inspirierend! ;-)

    Danke!

    Gruß, Andreas

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  2. von Daniel Hüpenbecker am 03.02.2012 (13:53 Uhr)

    Gerade Plattformen wie FFFFound oder auch Sites wie GraphicExchange sind zwar eine feine Sache, bringen oftmals aber weniger Inspiration als vielmehr Gleichförmigkeit.

    Das wichtigste Rezept für bleibende Kreativität und Inspiration ist ein möglichst breit gefächertes Programm an Einflüssen. Die kreativsten Ideen kommen einem oft gerade dann, wenn man in einem komplett anderen Kontext steckt. Ob das jetzt die Idee für die nächste Kampagne ist die einem beim Klo schrubben kommt, die Eingebung fürs Weblayout beim Osterbasteln mit Neffe und Nichte oder der geniale Geistesblitz für die Visitenkarten während man mit dem Bike durchs Unterholz brettert.

    Der kreative Burnout ist meist ein Boreout! Also: Augen offen halten, ein vielseitig interessiertes Leben führen, Tellerränder einebnen und einfach den Kopf so offen halten, so "open minded" sein, dass kreative Geistesblitze nicht an irgendwelchen Mauern aus Engstirnigkeit scheitern.

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