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Agenturchef Matthias Schrader im Interview: „Wir Deutschen denken immer erst ans Risiko“

Aus dem
t3n Magazin Nr. 30

12/2012 - 02/2013

Matthias Schrader ist CEO der Agentur SinnerSchrader und Gründer der – eine der wichtigsten deutschen Web-Konferenzen. Im mit t3n erklärt er, warum Deutschlands digitale Wirtschaft im Vergleich zu den USA hinterherhinkt, inwiefern die Digitalisierung den Handel fundamental verändert und warum HTML5 die Zukunftstechnologie auf Tablets ist.

Agenturchef Matthias Schrader im Interview: „Wir Deutschen denken immer erst ans Risiko“

t3n Magazin: Deutschland ist beim kürzlich veröffentlichten Web-Index auf Platz 16 von 61 gelandet – hinter Staaten wie Irland und nur knapp vor Chile. Ist der Zug für die digitale Wirtschaft in Deutschland bereits abgefahren?

Matthias Schrader: Das glaube ich nicht. Aber sicherlich gehören wir in Deutschland nicht zur vordersten Spitze. Es gibt verschiedenste Untersuchungen, die das anhand von Indikatoren wie der Breitband-Durchdringung oder der Förderung von Gründern hierzulande aufzeigen. Ich glaube allerdings nicht, dass in Deutschland das Optimum erreicht wurde und wir jetzt immer weiter zurückfallen.

t3n Magazin: Aber es lässt sich schon feststellen, dass Deutschland gerade im Vergleich zu den USA oder auch anderen europäischen Ländern hinterherhinkt – und das, obwohl Deutschland schon immer ein hochtechnologisiertes Land war. Woran liegt das, was läuft aktuell falsch?

Matthias Schrader: Auch in anderen Technologiebereichen waren die USA immer schon meilenweit vor Deutschland und auch Europa – wenn man beispielsweise an die PC-und Software-Industrie der 1980er und 1990er Jahre denkt. Insofern setzt sich in der digitalen Wirtschaft nur das fort, was bereits in den 1970ern und 1980ern Jahren versäumt wurde. Ein Punkt ist beispielsweise der Transfer zwischen dem universitären Bereich und der Wirtschaft, ein weiterer das gesamte System von Unternehmensgründung und Unternehmensfinanzierung. Was die Amerikaner im Valley in Sachen Internetwirtschaft erschaffen und zum Teil an der Ostküste jetzt wiederholt haben, haben sie in den vergangenen 20 bis 30 Jahren gelernt.

t3n Magazin: Gelernt? Was genau haben die Amerikaner gelernt?

Matthias Schrader: Die VCs, die heute die Startups finanzieren, wurden in den 80er und 90er Jahren selbst finanziert. Marc Andreessen zum Beispiel, der heute einen der erfolgreichsten VC-Fonds führt, hat als 21-Jähriger Anfang der 1990er Jahre den Mosaic-Browser (später Netscape Navigator, Anm. d. Red.) entwickelt und erhielt von den Silicon-Graphics-Gründern, allen voran James Clark, seine Startup-Finanzierung. Wir haben in den USA also schon die zweite, dritte, vierte Generation von Gründern, die wiederum von ihrer Vorgeneration finanziert wurde. Und diesen Geist, der im Silicon Valley in den 70er Jahren mit der ersten Gründergeneration um Intel und die gesamte Mikroprozessor-Industrie herum entstand, haben wir in Deutschland und Europa einfach nicht. Diese kulturellen Muster, wie Gründungen funktionieren und dass aus solchen Gründungen gute Ideen und Weltkonzerne entstehen können, kennen wir in Deutschland so nicht. Es gibt wenige gute Beispiele in Deutschland, SAP zum Beispiel. Es gibt Versuche der Rockets (Rocket Internet, Anm. d. Red.), in ähnliche Dimensionen vorzustoßen. Aber diese Beispiele basieren nicht auf tradierten, kulturellen Erfahrungen.

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Matthias Schrader meint, dass Deutschland zu einer Risikovermeidungsgesellschaft geworden ist.

t3n Magazin: Für wie wichtig halten Sie diesen kulturellen Aspekt?

Matthias Schrader: Ich glaube dieser kulturelle Aspekt ist der wesentliche Grund, weshalb wir in Deutschland in Sachen Digitalisierung hinterherhinken. Es gibt sicherlich, und das ist schwer zu quantifizieren, eine Reihe von Unternehmen, Gründern und Ideen, die gar nicht erst „zum Fliegen“ kommen. Würde man beispielsweise so etwas wie Google Street View in Deutschland erfinden? Vermutlich schwierig. Hätte es die deutsche Automobil-Industrie gegeben, wenn ein Carl Benz vor 125 Jahren vor der ersten Probefahrt mit jedem seiner Prototypen zum TÜV gemusst hätte? Wohl nicht. Wir denken sehr schnell an Risikovermeidung, wir sind eine Risikovermeidungsgesellschaft geworden. Jedes Risiko, das kommen könnte, gilt es, vorher schon abzufedern und unter Kontrolle zu bringen, als eher die Chancen zu sehen. Wir bauen in vielen Fällen erst den Airbag und den Sicherheitsgurt, bevor wir das Auto bauen. So ist es im Internet auch. Wir sehen überall erstmal die Gefährdungslagen und Risiken und versuchen das zu managen, anstatt einfach erst mal zu machen.

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6 Antworten
  1. von Lutz Möller am 05.04.2013 (14:42 Uhr)

    Bin der selben Meinung. Wir Deutschen denken leider erst ans Risiko, und was passieren könnte, als den Blick auf das Wesentliche, nämlich auf die Unternehmung, zu richten.

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  2. von Thilo am 05.04.2013 (15:33 Uhr)

    Ich bin über die sehr beschränkte Sichtweise von Herrn Schrader, der sich als so weltoffenen Menschen gibt, dann doch sehr überrascht.

    Wenn er schon den Autovergleich bedient, dann sollte er sich in der Branche mal sehr genau informieren. Die Elektronikentwicklung bei den Fahrzeugherstellern spielt in Deutschland. Selbst sei es ein Ford, ein GM: es findet in Deutschland statt. Selbsfahrende Fahrzeuge gibt es seit den 90er des letztens Jahrtausend, entwickelt in Deutschland. Ja, es besteht ein Unterschied was am Ende des Tages auf die Straße kommt. Das hat aber nichts mit dem TÜV zu tun. Die bittere Erfahrung hatte zuletzt Mercedes mit der E-Klasse Modelljahr W211 gemacht. Schlechte Presse durch liegenbleibende Fahrzeuge oder andere Probleme kann und will sich ein Fahrzeugkonzern nicht leisten. Der Image-Schaden ist kaum wieder gut zu machen. Die Techniker haben seit Jahren die Pläne in den Schubladen.
    Wenn Herr Schrader von den Rückständen in der SW-Entwicklung spricht, dann maximal im PC-Bereich, denn im industriellen Bereich im Embedded ist hier Deutschland nur führend. Warum, weil gerade Silicon Valley nur basteln kann.
    Genau das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika: in Deutschland kommen durchdachte Lösungen und aus Amerika mal schnell dahin gebastelte Lösungen. Im Web kann man das machen, einfach mal schnell ein Update einspielen. Bei einem Medizingerät nicht. Mich würde interessieren wie es dem Herrn Schrader gefallen würde, wenn während einer Untersuchung Freitag-Nachmittag der CT ausfällt und es dann heißt: der Siemens-Service kann erst am Montag-Morgen. Dann ist er in der Röhre gefangen.

    Ich finde es immer wieder Schade, wenn Menschen sich so weltoffen geben und am Ende des Tages zeigen, wie wenig Ahnung sie von der Welt haben.

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  3. von Chris Jacobs am 05.04.2013 (15:49 Uhr)

    Nicht nur der mangelnde Wissenstransfer ist bedenklich, auch die allgemeine Kommunikation hinsichtlich der Berufswahl angehender Absolventen: Selbst in führenden Business-Schools wird man immer noch als Exot wahrgenommen, falls die Digitalbranche mit in die Wahl einbezogen wird. Getreu dem Motto 'entweder Konzern X oder Beratung Y'.
    Recht dramatischer Status quo und ebenso sinnbildlich für die Defizite im Vergleich mit den Staaten.

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  4. von Thilo am 05.04.2013 (16:42 Uhr)

    Nachtrag:

    Selbst im Bereich Service Design, im Gegensatz zu den Eindrücken von Herrn Schrader, Deutschland ganz vorne dabei. Gerade die Begründer des Service Design Thinking sind Deutsche. Marc Stickdorn macht in diesem Thema seinen Doktor am Management Institut in Insbruck. Mitstreiter, wie die beiden von Explore. Work. Experience., haben aus Nürnberg den Global Service Jam schon mehrfach organisiert, wo sie weltweit alle Leute zu diesem Thema versammeln. Diese beiden, haben auch schon Workshops für die australische Regierung, die französische Regierung gegeben und waren vor kurzem in Brasilien mit diesem Thema. Das Thema Service Design wird von Deutschen vorangetrieben.

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  5. von mattesmattes am 05.04.2013 (21:37 Uhr)

    Hallo Thilo,
    nur zwei Dinge: dass im Valley nur gebastelt wird, halte ich - sorry - für typisch deutsche Arroganz. Ein guter Teil des weltweiten Softwaretalents arbeitet bei Google, Amazon, Apple und vielen, vielen weiteren Companies. Und die Geschäftsmodelle, die mit dieser Software-Intelligenz befeuert werden, ziehen jährlich Millardensummen von deutschen Unternehmen ab -- und das mit unglaublich dynamischen Wachstumsraten. Embedded ist sicherlich eine Stärke hierzulande aber bietet keinen Schutz auf ewig. Im Bereich der incar Navi- und Entertainmentsysteme kann man schon erahnen, mit welcher Geschwindigkeit diese Welten binnen von zwei bis drei Moore-Zyklen in Richtung Android und Co wandern.

    Zum Thema Service Design: da wir mit der NEXT SD jährlich eine der grösseren Service Design Konferenzen veranstalten, kennen wir die Szene und deren Treiber recht gut. Da habe ich kein anderes Bild über die Ursprünge.

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  6. von Die Risiken liegen anders als man denkt am 05.04.2013 (22:58 Uhr)

    Ich würde gerne programmieren und gründen. Dafür brauche ich keinen einzigen Cent von irgendwelchen Investoren.
    Aber ich habe keine Lust, Abmahnungen und Gerichtsprozesse zu bezahlen.

    Ein Gründer von Subway (die mit den Fast-Food-Brötchen) meinte, heute könnte er Subway nicht mehr noch mal gründen wegen der Regularien . Oder siehe 'Veoh' z.b. bei Wikipedia.
    Oder mein-bus welche zum Glück gewonnen haben.
    Ubahn-Pläne, Bus-Halte-Stellen-Pläne und natürlich Eisenbahn-Fahrpläne wollte ich schon vor Jahren crowden also per Handy-Kamera fotografieren, scannen und digitalisieren. Abmahnungen wie damals für die UBahn-Karten wollte ich mir aber sparen. Also plant m.W. die EU so ein Projekt. Mein Projekt hätte 0 Euro gekostet weil man es beispielsweise bei google-base hätte hosten können. Wieviel kostet das EU-Projekt ? Wann und ob werdet Ihr die EU-Ubahn-Pläne bekommen ? Kostenlos oder gegen Geld ?
    Und als Bahnfahrer wollte ich natürlich schon vor Jahren sowas wie Zugradar programmieren.
    Ich wollte Geld einsammeln um die Windows-Treiber-Sourcen bei den China-Programmierern freizukaufen um alle DVB-T-Windows-Sticks für 15 Euro auch unter Linux und MacOS laufen zu lassen. Heute nennt man das Crowdfunding und Kickstarter macht den Profit. Dasselbe mit Schulbüchern um das kostenlose Wissen zu verbreiten und per Werbeeinnahmen mich (mehr Leute braucht es nicht) durchzufüttern. Lehrerpensionen braucht es dann kaum noch und Bewerber müssen ihre Skills am Ipad beweisen um überhaupt eingeladen zu werden. Gefälschte Dr-Titel imprägnieren dann nicht mehr...
    Usw.

    Neulich wurden/werden bei HP und ich glaube auch bei Siemens Ingenieure entlassen. Von einem Technik-Studium kann man vermutlich nur abraten. Mit 30 ist man zu alt und die Chinesen sind oft viel leistungsfähiger.

    Als Ingenieur/Informatiker würde ich vom Gründen abraten. Wenn man sieht wie viel Millionen investiert werden und wo das Geld vermutlich verbleibt, arbeitet man lieber für die Firmen die gute qualitative Software entwickeln und spart sich den Stress mit Abmahnungen, Verklagungen, Durchgriffs-Haftung auf Geschäftsführer usw. Siehe 'veoh' wo m.W. auch die Eigentümer verklagt werden......

    Jung-BWLer ohne Job bei Beraterfirmen sind viel eher als Gründer geeignet. Die Welt wartet auf leuchtende Fernbedienungen (siehe Snapper vs. Zapper aus dem Kinofilm), extragroße Donuts, Wal/Erd/Haselnuss-Schnaps, Wein-Bringdienste und die vielen anderen großartigen Gründer-Ideen von denen wir bei den entsprechenden Portalen oft genug (Gründung, Zwischenmeldungen, gelegentlich auch Insolvenz oder Aufkauf/Aufgabe,...) lesen kann.... .

    Skype wurde m.W. beispielsweise in Europa (Luxemburg) gegründet. Und SAP und Software-AG gibts auch noch. ARM ist aus England. Amerika ist möglicherweise ein größerer zusammenhängender Markt als kleine Euroländer. Speziell als solche wo 40% der Bevölkerung gar kein Internet haben und die konservative Partei 40% der Stimmen kriegt (und ein paar % an die Koalitions-Partner abgibt). Die Türkei ist besser versorgt als manch großes Euro-Land und hat eine mehrfach höhere Twitter-Nutzung in der Bevölkerung als Deutschland.
    Das man parallel am Second-Screen mitdiskutiert ist ein Wochen-End-Projekt. Aber ich weiss nicht wie viel die EPG-Lizenzen kosten und wenn man für alles haftet was die Leute machen spart man sich sowas also doch lieber. Und 1-Euro-GmbHs nutzen vermutlich wenig dank Geschäftsführer-Durchgriffs-Haftung.

    Und manche Startups sind evtl nur Neue-Markt-Fortsetzungen. Andere Investoren wollen nur Steuern sparen und die Mitarbeiter sind Praktikanten. Wieso zahlen die keine Tariflöhne ? Wieso sehe ich überwiegend Praktikanten-Jobs in den Ausschreibungen ? Früher gabs Industrieunternehmen wo der Betriebsrat verbot, das Leute mit Diplom als Werks-Studenten (also "unterbezahlt" gegenüber dem üblichen Tariflohn mit dem man eine Familie ernähren und zur Uni schicken und ein Haus abbezahlen konnte) arbeiten durften. Wer heute ein Diplom hat, kann sich mit Optionen bezahlen lassen und nach der Firmenpleite oder Entlassungs-Welle mit 30 oft genug zwangsweise Freiberufler werden. Praktikanten zahlen keine Rentenbeiträge. Rente gibts bald doch erst ab 40 Beitrags-Jahren habe ich neulich gelesen. Rechnet mal rückwärts ab wann man nach dem Studium durchgängig arbeitslosigkeits-frei arbeiten muss um überhaupt mal die Mindest-Rente als Diplom-Informatiker zu kriegen...

    Und wer zu Hause am Pad surft, merkt gar nicht wie übel programmiert viele Apps am Phone unter 2G/3G funktionieren und wie langsam alles ist. Auch google spielt diesen Marktvorteil nicht durch proxy-compression-caches aus um sich einen massiven Speed-Vorteil gegen iOS zu erarbeiten wo Webkit megabytes mit 2G/3G bei vielen Homepages runterlädt und die UMTS-Flat nach einer Woche verbraucht ist und man bis Monats-Ende GSM machen darf.


    @Thilo: General Electric macht viel was auch Siemens macht. Also auch Medizin-Technik. Deren Geräte funktionieren vermutlich auch. Zumindest machen die mit CRT/MTR(?)-Bildern Werbung im TV.
    Es ist auch oft so, das es nur 2-5 Anbieter gibt. In vielen Branchen. Echte Mittelständler haben aber andere Interessen als Großkonzerne die Startups kaufen und dann kaum weiterentwickeln (Skype bei Ebay, ICQ bei AOL, Paypal bei Ebay, Dodgeball/DMOZ/Base/... bei Google, IMDB bei ich glaube Amazon usw.,...) oder als BWLer-Studenten die keinen Berater-Job bekommen haben und eine Firma gründen (müssen) vielleicht nur um keine Lücke im Lebenslauf zu haben. Eine Ontologie (Info-Grafik, Übersicht) der Investoren-Interessen würde schnell klarmachen wieso so viele Startups scheitern oder wieso z.B. manche Macher schlechter Filme immer wieder Filme finanziert bekommen.

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