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Getting Nix Done – Aus dem Tagebuch eines Aufschiebers

Aus dem
t3n Magazin Nr. 28

06/2012 - 08/2012

Im Grunde ist es doch alles ganz einfach, wenn man einen Termin hat, zu dem etwas fertig werden muss: Man plant sich die dafür notwendige Zeit ein, beginnt zum festgelegten Zeitpunkt mit den entsprechenden Tätigkeiten und schließt sie in diesem Rahmen ab. Die Wirklichkeit sieht allerdings oft etwas anders aus, wie folgende Ausschnitte aus einem anonymen Tagebuch beweisen.

Getting Nix Done – Aus dem Tagebuch eines Aufschiebers

Noch 8 Wochen bis zur Frist. Freue mich: Das wird eine gute Sache. Toll, dass ich diesen Auftrag bekommen habe. Wichtig ist nur, dass ich nicht schon wieder bis zuletzt warte, das auch wirklich anzufangen. Diesmal wird es anders. Acht Wochen sind eine lange Zeit. Ich werde sie nutzen.

Noch 4 Wochen bis zur Frist. Vier Wochen sind mehr als genug Zeit. Bereite mich vor allem geistig darauf vor, denn die richtige innere Einstellung ist die Grundlage von allem. Das haben die in der Yoga-Gruppe neulich auch gesagt. Draußen ist übrigens großartiges Wetter.

Noch 21 Tage bis zur Frist. Im Prinzip ist alles fertig. Also im Kopf. Ich muss das jetzt nur noch umsetzen. Dafür sind drei Wochen wirklich eine lange Zeit. Heute Abend gehe ich mit meinen Kumpels feiern. Denn nichts geht über eine gute Work-Life-Balance. Kenne zu viele Leute mit Burnout. So etwas will ich auf gar keinen Fall. Bei all dem Stress muss man auch mal abschalten können.

Noch 19 Tage bis zur Frist. Bin jetzt wirklich schon sehr motiviert, damit ganz bald anzufangen. Es soll ja schließlich nicht alles wieder auf den letzten Drücker passieren. Das steht fest. Habe die letzten Wochen vor allem dazu genutzt, mich mehr und mehr darauf zu fokussieren und meinen Geist zu schärfen. Denke, dass es jetzt quasi jeden Moment losgehen könnte. Im Prinzip. Sozusagen.

Noch 17 Tage bis zur Frist. Endlich die Wohnung aufgeräumt. Das wurde aber auch Zeit.

Noch 14 Tage bis zur Frist. Habe mich in den letzten Tagen über verschiedene Produktivitätstechniken informiert. Das ist schon toll, was es da alles gibt. Von „Getting Things Done“ (GTD) schwärmen ja viele. Das probiere ich jetzt auch mal aus. Ich wollte schon immer meine Festplatten aufräumen und das ist das perfekte Projekt dazu.

Noch 13 Tage bis zur Frist. Die Festplatten aufzuräumen war eine dämliche Idee. Total sinnloses Projekt. Sortiere stattdessen meine Bücher nach Farben.

Noch 11 Tage bis zur Frist. „Getting Things Done“ ist komplizierter, als ich dachte. Ich nutze jetzt die „Pomodoro“-Technik, um mich in GTD einzuarbeiten. Das wird klappen. Es ist wichtig, dass ich effizienter werde, denn die Frist kommt langsam näher.

Noch 9 Tage bis zur Frist. Teste verschiedene Produktivitäts-Apps. Da sind wirklich nützliche Sachen dabei, wenn man sich einmal gründlicher umschaut. Die einfacheren sind einfach nur Todo-Listen. Über den Punkt bin ich natürlich schon hinaus. Bei anderen kann man richtige Projekt definieren, Termine vergeben, das alles ausführlich beschreiben oder sogar Bilder hinterlegen.

Noch 7 Tage bis zur Frist. Meine Lieblings-App ist abgestürzt und jetzt sind alle Daten weg. Dabei hatte ich da perfekt mein Fahrradtraining für zwei Jahre im Voraus angelegt. Sehr ärgerlich.

Noch 5 Tage bis zur Frist. Muss jetzt bald anfangen, sonst wird's am Ende doch wieder eng. Gut ist, dass ich alles schon im Kopf habe und es nur noch umsetzen muss. Im Prinzip. Heute fühle ich mich aber nicht besonders.

Noch 4 Tage bis zur Frist. Bin irgendwie müde und schlaff. Kann auch nicht erklären, warum. Habe heute allerdings auch viel ferngesehen. Gute Nacht.

Noch 3 Tage bis zur Frist. Schaue mir die Produktivitäts-Apps noch einmal an. Denke, dass da irgendwo der Schlüssel liegt. Denn viel fehlt ja nicht mehr, damit ich das jetzt tatsächlich mache.

Noch 2 Tage bis zur Frist. Also heute gehe ich es wirklich an.

Noch 1 Tag bis zur Frist. Verdammt, warum habe ich gestern eigentlich nichts gemacht? Ich weiß auch nicht, wo die Zeit plötzlich geblieben ist. Und war es wirklich notwendig, sich so lange auf YouTube herumzutreiben? Jetzt wird es doch wieder einmal erst auf den letzten Drücker etwas. Ich verstehe mich da manchmal selbst nicht. Gerade in solchen Situationen müsste ich doch schnell schalten. Die Frist kenne ich jetzt schon seit Wochen! Und jetzt habe ich gerade mal noch 24 Stunden Zeit! Spätestens jetzt muss ich nun wirklich loslegen. Es hilft nichts.

Noch 12 Stunden bis zur Frist. Okay. Jetzt lege ich los.

Noch 8 Stunden bis zur Frist. So wird das nichts. Ich mache mir jetzt erstmal eine Flasche Wein auf.

Noch 4 Stunden bis zur Frist. Die zweite Flasche Wein war keine gute Idee. Meine Güte, ist mir übel.

Noch 10 Minuten bis zur Frist. Beschwerde-E-Mail an den Auftraggeber verfasst. Habe ihm mal genau erklärt, wo er sich seine Frist hinstecken kann. Alles Sklaventreiber.

12 Stunden nach der Frist. Entschuldigungs-E-Mail geschrieben. Hoffe, ich bekomme einen Aufschub. Mache mich jetzt auch sofort dran. Die Kopfschmerzen sind echt unglaublich. Einen kleinen Moment lege ich mich noch hin. So kann ich eh nicht arbeiten.

1 Tag nach der Frist. Noch keine Antwort wegen des Aufschubs, aber egal: Ich bin jetzt endlich fertig! Habe tatsächlich alles losgeschickt.

2 Tage nach der Frist. Festgestellt, dass ich die falschen Dateien geschickt habe. Jetzt aber.

1 Woche nach der Frist. Per Telefon nachgefragt und erfahren: Die Frist ist erst in drei Wochen, ich habe mich vertan. Notiz an mich selbst: So früh dran war ich noch nie. Ich fahre jetzt erst einmal eine Runde mit dem Rad.

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13 Antworten
  1. von Bastian am 29.05.2012 (00:09 Uhr)

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Genauso ist es... Leider!
    Ich hätte mir ein paar Anregungen bzw. "Wege aus dieser Krise" gewünscht.
    Vielleicht eine Anregung für das nächste Heft. Bis dahin bitte ich erst einmal um Terminverschiebung... ;)

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  2. von Atilla W. am 16.11.2012 (16:40 Uhr)

    Ich habe herzlichst gelacht! Vielen Dank dafuer. Man sollte sich wirklich besser organisieren. Ich glaube, morgen fange ich damit an. Bestimmt.

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  3. von maryisdead am 16.11.2012 (17:05 Uhr)

    Köstlich, danke!

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  4. von derWachert am 16.11.2012 (17:39 Uhr)

    Traurige Wahrheit könnte man es nennen. Die Sache mit den 24 Stunden pro Tag ist wirklich verzwickt und bei Gott, die ganzen GTD-Tools machen es keineswegs besser finde ich :P Eher im Gegenteil wie hier ja auch gut im Text zu lesen ist hehe

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  5. von frank katzer am 16.11.2012 (20:04 Uhr)

    ha ha! exakt die apps habe ich auch.
    und ich glaube heute immernoch daran, dass sie helfen.

    ich schau gleich nochmal im appstore...

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  6. von Marcel Selle am 16.11.2012 (20:26 Uhr)

    Eigentlich wollte ich noch was machen, dann habe ich diesen Artikel gefunden, gelesen und wieder ein bisschen Zeit weniger. Danke ;)

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  7. von Fabian am 17.11.2012 (00:42 Uhr)

    Wer hat hier mein Text geklaut?! Und ich dachte immer, nur mir geht es so! Naja einen Unterschied gibt es wohl doch. Ich vertue mich nicht um 3 Wochen ;-)

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  8. von Timo Kühne am 19.11.2012 (14:01 Uhr)

    Sehr amüsant. Ich habe herzlich gelacht. Ich kann nur jedem empfehlen, einfach anzufangen. Je öfter man seinen inneren Schweinehund besiegt, desto schwächer und leiser wird er. Dennoch kenne ich solche Situationen nur zu gut. Wobei ich unter Druck und Stress meine besten Leistungen abrufen kann. Dieser Beitrag wird gleich auf allen Social-Media Plattformen verteilt. Daumen hoch für diesen abwechslungsreichen Beitrag.

    Gruß Timo

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  9. von Jürgen Dammann am 19.11.2012 (16:29 Uhr)

    Tja, so iss es...des teufels liebstes Möbelstück"die lange Bank"

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  10. von Wishu Kaiser am 19.11.2012 (17:42 Uhr)

    Erinnert mich an mich :\

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  11. von Icke am 19.11.2012 (19:11 Uhr)

    Ich kann "Prokrastination" meanwhile auch schon buchstabieren ^^

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  12. von Harridan26 am 09.04.2013 (14:52 Uhr)

    Lange nimmer so gelacht! Woher kenn ich das nur :D
    Mir hängst gerade nach, die Thesis schieben und schieben und schieben.... Aber morgen mach ich mich wirklich an die Arbeit - ach so, Mittwochs ist immer ein bestimmter Tag -, dann am Donnerstag *gg* Da aber wirklich!

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