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KI in der Wirtschaft: Intelligenz braucht keine Regeln

(Grafik: Shutterstock / Antiv)

Künstliche Intelligenz gilt als der vielleicht wichtigste Tech-Trend. Doch in Deutschland legen die Industriepioniere die Fesseln an. Startups experimentieren viel freier und nutzen bereits heute die Potenziale der Zukunftstechnologie.

Bist du schwul, depressiv oder in Kauflaune? Sorgst du dich um deine Kinder, bist du ein aggressiver Zeitgenosse oder hast du gar eine Ehekrise? Das alles – so heißt es – weiß die künstliche Intelligenz über uns. Sie kennt uns besser als unsere Freunde, weiß mehr als unser Partner. Das zumindest behaupten jene, die von solchen Entwicklungen profitieren: Immer mal wieder geistern Studien durch die Medien, die beispielsweise aus Twitterdaten vorhersagen wollen, ob jemand eine psychische Krankheit ent­wickelt, oder aus Facebook-Posts die Persönlichkeit berechnen wollen. Psychologen würden für diese Definition wohl diverse Fragebögen und wochenlange Gesprächssitzungen benötigen. Mit der KI hingegen reicht schon ein wenig Datenauswertung – so das Versprechen.

Das ist nicht so größenwahnsinnig, wie es sich vielleicht liest. Mit der neuen Technologie könnten Kundenwünsche generiert, Prozesse optimiert, die Produktion effizienter, unser Alltag leichter werden. Unternehmen müssten sich eigentlich darauf stürzen. Aber die Wahrheit ist eine andere: Die großen deutschen Konzerne sind extrem zögerlich, wenn es zu den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz kommt.

So bemängeln Technologieberater, dass die deutsche Wirtschaft im KI-Bereich nicht gut aufgestellt sei. Eine Umfrage von Sopra Steria unter 200 Managern großer Unternehmen ergab im April, dass sie sich von der Angst vor der neuen Technologie ausbremsen ließen, und auch der Leipziger Thinktank 2b Ahead vermeldete nach seiner Trendstudie im Juni, deutsche Unternehmen fühlten sich „mangelhaft auf künstliche Intelligenz vorbereitet“.

Regeln statt Lernen

Von den großen Anbietern können sie wenig Hilfe erwarten. Selbst KI-Pioniere wie IBM, die KI-Dienstleistungen in Deutschland anbieten, sind hierzulande noch zurückhaltend. Das Unternehmen ist spätestens seit dem Sieg seines Computers Deep Blue 1996 gegen den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparow für die Öffentlichkeit ein Begriff. Und seit der Supercomputer Watson 2011 Menschen in der Quizsendung Jeopardy weit übertrumpfte, steht der Name für das Potenzial der künstlichen Intelligenz.

Aber als sich Computerlinguisten einer deutschen Universität kürzlich in einer internen Veranstaltung mit einem IBM-Forscher trafen, waren sie baff. Die Wissenschaftler hatten selbst viel Erfahrung darin, aus Tweets oder Facebook-Posts weitere Informationen zu berechnen, die Nutzer teils nicht bewusst geteilt hatten. Sie kannten verschiedene Ansätze, wie ein maschinelles Lernverfahren aus den Tweets beispielsweise das Geschlecht eines Nutzers erkennt oder ob dieser Kinder hat – ähnlich wie die erwähnten Verfahren, die teils allein aus der Wortwahl erkennen, ob jemand depressiv ist. Sie kannten schon die Hürden jener Verfahren, aber auch die rasanten Fortschritte der Mustererkennung dank künstlicher neuronaler Netze. Die Forscher waren neugierig, wie diese die Praxis voranbringen. Und welches Unternehmen steht schon so sehr für künstliche Intelligenz wie die Watson-Mutter? Die Enttäuschung war groß: Der Watson-Forscher zeigte ihnen lediglich, wie das Unternehmen für seine Kunden – beispielsweise deutsche Supermärkte – ein Stimmungsbild aus sozialen Netzwerken extrahiert. Praxiseinsatz von komplexer KI? Von wegen. „Die machen das gar nicht!“, sagt einer der Forscher im Rückblick, „die sind total basic.“

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