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Media Future: Das Netz der Selbermacher

Aus dem
t3n Magazin Nr. 26

12/2011 - 02/2012

Die Entscheidung, was eine Nachricht wert ist, liegt heute in der Hand der Nutzer. Viele Verlage und Journalisten müssen ihre Rolle in dieser veränderten Medienwelt erst noch finden. Dabei bietet die Vernetzung mit den Usern viele spannende Möglichkeiten. Vor allem für Self-Publisher wird das Internet so zur Veröffentlichungs-, Marketing- und Finanzierungsplattform zugleich.

Die digitale Medienrevolution

„Wenn die Nachricht wichtig ist, dann wird sie mich finden.“ So zitierte 2008 die „New York Times“ einen amerikanischen Studenten, der von einer Medienforscherin zu seinem Mediennutzungsverhalten im Alltag befragt wurde. Der Student gibt auf lakonische Weise zu verstehen, dass er weder Zeitung liest, noch Radio hört, noch Fernsehen schaut. Er surft auch nur selten zu den Nachrichtenportalen im Internet. Stattdessen liest er lieber die Statusmeldungen seiner Freunde bei Facebook. Dort ist alles verlinkt, was er seiner Meinung nach wissen sollte. Ob Weltpolitik oder Partyverabredung – die Nachrichten finden ihn. Schon zwei Jahre zuvor, 2006, schuf der New Yorker Medienkritiker Jay Rosen die legendäre Phrase von den „Leuten, die wir früher als Publikum kannten“ („the people formerly known as the audience“). Rosen verbindet die Brechtsche Radiotheorie (Empfänger sollen zu Sendern werden) mit Andy Warhols 15 Minuten Ruhm für jeden.

Die Sentenzen des namenlosen Studenten und des namhaften Medienexperten sind zu Metaphern für die digitale Medienrevolution geworden. Früher entschieden die Medien, was eine Nachricht ist (bis heute druckt die „New York Times“ auf jede Titelseite ihr Motto: „All the News That's Fit to Print“). Doch tatsächlich entscheiden heute zunehmend die Nutzer per Link, Retweet, „Gefällt mir-“ oder „+1“-Klick, was für sie relevant ist. Und mehr noch: Sie wollen im sozialen Netz Informationen und Unterhaltung nicht bloß konsumieren und weiterleiten, sondern auch produzieren. Wer der Welt etwas zu sagen hat, der bloggt, twittert, facebookt und googleplust, lädt Videos bei YouTube hoch und benotet die Pizza Salami beim neuen Italiener.

Medien sind keine Gatekeeper mehr

Wer talentierter ist, mehr weiß und mehr Mühe investiert, schreibt einen Wikipedia-Eintrag, führt ein Blog oder bringt ein Musikalbum oder ein Buch heraus. Für all das brauchen sogenannte Self-Publisher heutzutage weder eine Sendelizenz noch eine Druckmaschine. Was im Netz veröffentlicht, beachtet und weiterverbreitet wird, bestimmen traditionelle Medien nur noch zum Teil.

Staatlich gelenkte Medien konnten in Tunesien, Ägypten und Syrien nicht verhindern, dass die Revolutionäre Nachrichten zur Lage über Facebook und Twitter austauschten und dass diese um die Welt gingen. Das fast völlige Versagen der Stuttgarter Medien, das Bahnprojekt S21 unabhängig und kritisch publizistisch zu begleiten, führte nicht dauerhaft zu einer reinen Gefälligkeitsberichterstattung, sondern zur Gründung von unabhängigen Nachrichten-, Kommunikations- und auch Propagandaplattformen als Rückgrat der Protestbewegung gegen S21.

Auch die Enttarnung von Guttenbergs Doktorarbeit war keine Leistung investigativ arbeitender Journalisten, sondern von tausenden namenlosen Fleißarbeitern, die als Kollektiv mit ihrer Arbeit in einem Wiki innerhalb von zwei Wochen bewiesen, was eine große Redaktion vielleicht ein halbes Jahr später hätte belegen können: Die Dissertation war ein Plagiat. Hier war die gleiche Schwarmintelligenz am Werk, die seit zehn Jahren die Wikipedia füttert und gedeihen lässt.

Verlage, Sender und die dort arbeitenden Journalisten stellt dieser profunde Wandel der Rolle von Medien und ihrer Nutzung vor echte Herausforderungen. Dass sie im Internet Flagge zeigen müssen, wenn vor allem junge Menschen immer weniger Zeitung, Radio und Fernsehen nutzen [1], ist mittlerweile selbstverständlich. Und dass zu einer Internetpräsenz nicht nur ein eigenes Webportal, sondern auch Auftritte bei Twitter, Facebook, YouTube und Co. gehören, spricht sich in der Branche allmählich ebenfalls herum.

Doch mit dem Verlust der Gatekeeper-Rolle und ihrer neuen Position mittendrin unter wachsenden Heerscharen von Amateuren und semi-professionellen Publizisten können sich Journalisten offenbar nur schwer anfreunden. Dass es Menschen gibt, die nicht für Geld, sondern für fünf Minuten Aufmerksamkeit, für ihre Überzeugung oder im Dienst des Gemeinwohls Zeit, Geld und Wissen in die Produktion eigener Internet-Inhalte stecken, ist für viele Profis mit Presseausweis schwer zu begreifen.

Der „Laie“ als Feindbild

kom media futureJanis Krums Hudson River
Dieses Foto eines notwassernden Flugzeugs ging per Twitter um die Welt. Der Amateurfotograf bot es weder einer Zeitung noch einem TV-Sender an.

Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, fordert, dass Journalisten die „Kränkung“ ihres Berufstandes durch das Eindringen der Laien in ihr angestammtes Metier rasch überwinden sollten. „Während wir selten einen Profimusiker dabei ertappen werden, dass er die Mehrheit der Laienmusiker öffentlich verunglimpft und ihre Verdienste für die Musik abstreitet, begehen verunsicherte Journalisten und Medienmanager alter Schule diesen Fehler heute regelmäßig“, so Blau in einem Essay für die „Süddeutsche Zeitung“ [2].

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Inhalte-Produzenten, die ohne journalistische Ausbildung und unbeabsichtigt elementare Aufgaben von Journalisten übernehmen. Man muss das gar nicht „Bürgerjournalismus“ nennen (ein missverständlicher Begriff, der impliziert, dass jeder, der etwas veröffentlicht, das auch in journalistischer Absicht tut), viel treffender ist eigentlich der Ausdruck „random acts of journalism“ („ungeplante journalistische Handlungen“).

Der amerikanische Webunternehmer Janis Krums, der im Januar 2009 zufällig von einer Fähre aus ein notwasserndes Flugzeug auf dem Hudson River beobachtete, war erst einmal nur ein Augenzeuge. Auch dass er mit seinem iPhone das legendäre Bild von den Menschen auf den Tragflächen schoss, macht ihn noch nicht zu einem Pressefotografen. Aber er verbreitete das Bild per Twitter, schuf also Öffentlichkeit – ein journalistischer Akt des Publizierens. Und zwar ohne Einschaltung eines TV-Senders oder einer Zeitung. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in den Tagen danach natürlich die Massenmedien für eine weltweite Verbreitung des Fotos sorgten.

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Der Pakistani Sohaib Athar twitterte eine Nacht lang seine Beobachtungen in Abbottabad. Er ist kein Journalist, aber er handelte wie einer, indem er Nachrichten veröffentlichte, einordnete und bewertete.

Wo beginnt Journalismus? Die Grenze ist fließend

Der Pakistani Sohaib Athar, der in Abbottabad unter seinem Twitternamen @ReallyVirtual – ohne es zu wissen – den Angriff der US-Marines auf Osama Bin Ladens geheime Festung live twitterte, ist auch kein Journalist, sondern Programmierer. Er tat aber das, was jeder gute Reporter tut: Er erkannte, dass ein ungewöhnliches Ereignis passierte (fremde Hubschrauber über der Stadt) und teilte seine Beobachtungen der Öffentlichkeit mit. Im Laufe der Nacht verfolgte er außerdem, was andere Twitterer vor Ort mitteilten, übersetzte ihre Tweets ins Englische und kommentierte, ob er die jeweiligen Nachrichten für glaubwürdig hielt. Er übernahm somit als Amateur noch weitere journalistische Aufgaben: Nachrichten einordnen, filtern und bewerten – was inzwischen auch „kuratieren“ genannt wird. Athars Handlungen unterschieden sich – zumindest in jener Nacht – nicht wesentlich von denen professioneller Journalisten. Mit einem Unterschied: Alles begann bereits Stunden bevor klassische Medien über die Ereignisse der Nacht erstmals berichteten [3].

Natürlich gibt es eine riesige Grauzone zwischen den „random acts of journalism“ von Bürgern und dem professionellen Medienbetrieb. Auch Menschen ohne journalistische Ausbildung können anstreben, mit ihren veröffentlichten Inhalten „groß rauszukommen“, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder auch nur neben ihrem eigentlichen Beruf ein wenig nebenher zu verdienen. Der Unterschied zu noch vor 10 oder 15 Jahren: Das Netz bietet erstmals jedem Self-Publishing-Aspiranten die Chance, seine Träume oder Pläne zu verwirklichen, denn die Werkzeuge (Handy, Webcam, Digicam, Notebook) sind in den vergangenen Jahren immer erschwinglicher geworden. Und die Plattformen (Open-Source-CMS und -Blogsoftware, Twitter, Facebook, YouTube, E-Publishing-Plattformen) stehen ohnehin größtenteils gratis zur Verfügung. Der Journalist und Blogger Richard Gutjahr erklärte im vergangenen Frühjahr auf seinem Blog, wie man für weniger als 100 Euro ein iPhone 4 in eine komplette HD-taugliche Multimediaausrüstung für das Netz verwandeln kann [4].

Marketer werden auf erfolgreiche YouTuber aufmerksam

Manche Amateure besitzen nicht einmal das. Ihre Videos entstehen vor der eingebauten Kamera ihres PCs in der Studentenbude oder im Kinderzimmer ihres Elternhauses (siehe Artikel ab Seite 43). Der 21jährige Sami Slimani aus Stuttgart, im Netz besser bekannt als „Herr Tutorial“, testet vor der Kamera Kosmetik, wobei die Produkte mittlerweile von Firmen gesponsert werden, oder er gibt Jugendlichen Ratschläge zum Flirten. Sein Kanal bei YouTube hat über 260.000 Abonnenten – unterstützt von einem Twitter-Profil mit mehr als 45.000 Followern und einer Facebook-Seite mit mehr als 82.000 Fans. Manche Folgen seiner rund 15minütigen Videos kommen auf sechs- oder siebenstellige Aufrufe. Das sind Dimensionen, bei denen auch Marketer hellhörig werden (siehe Artikel „Influencer Economy“ in t3n 24). Zumal solche, die Produkte und Dienstleistungen für junge Leute bewerben wollen, die über klassische Werbekanäle wie Fernsehen oder Zeitschriften kaum noch erreicht werden können.

Schon bei weitaus geringeren Abrufzahlen können Webfilmer ihren Kanal für eine Werbepartnerschaft bei YouTube registrieren lassen. Sie verdienen dann an vorgeschalteten Videospots sowie eingeblendeter Textwerbung – eine Option, die auch der deutsche Netbooknews.com-Blogger Sascha Pallenberg in Taiwan und Richard Gutjahr (siehe Artikel auf Seite 40) mit ihren Videos wahrnehmen. Beide erreichen durchschnittlich vierstellige Abrufzahlen pro Video [5].

Für den Videoexperten Markus Hündgen alias „Videopunk“ gibt es beim Webfilm keine Erfolgsformel: „Das Wichtigste ist: sei authentisch.“ Schon vor fast vier Jahren schrieb Hündgen in seinem „Videopunk-Manifest“: „Wir kennen die Fernseh-Regeln. Wir brechen sie, wo immer es geht. Wir experimentieren.“ [6]. Hündgen, der zwei Jahre lang für das Online-Portal „Der Westen“ Videos produzierte und verantwortete, Videokurse leitet und im Februar 2011 in Essen mit dem Deutschen Webvideopreis der Szene wichtige Impulse gab, liefert mittlerweile mit Unternehmer-Journalist Mario Sixtus und Ex-„Handelsblatt“-Redakteur Julius Endert in einer zum Coworking-Space umgebauten Düsseldorfer Garage "feinsten Bewegtbildjournalismus" [7].

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Der 21jährige Sami Slimani alias „Herr Tutorial“ nennt sich selbst „ein einfacher Junge“. Wie man bei YouTube Erfolg hat, weiß er aber ganz genau.

Autor:
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Eine Antwort
  1. von Self Publishing II – die Entwicklu… am 13.12.2011 (07:22Uhr)

    [...] auf die Zeitungs- und Nachrichtenlandschaft profitieren kann, wird an dem sehr guten Artikel von Ulrike Langer über die Veränderung des Journalismus durch Social Media und Self Publishing deutlich. [...]

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