von Ulrike Langer, 30.11.2011

Media Future: Das Netz der Selbermacher

Aus dem
t3n Magazin Nr. 26

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Prozessjournalismus nutzt systematisch das Feedback der User

Für das ZDF produziert das „Blinkenlichten“-Trio den „Elektrischen Reporter“. Das hybride Web- und TV-Format beweist sowohl mit seiner formal ungewöhnlichen und stilbildenden Retro-Ästhetik als auch mit seinem transparenten Ringen um Relevanz, dass Webvideos nicht mit Allerwelts-Wackelfilmchen gleichzusetzen sind. Ein halbes Jahr lang testete Blinkenlichten verschiedene neue Formate als öffentliche Dummys und ließ das Feedback der Nutzer in die Entwicklung einfließen. Aus der Debatte mit den Nutzern sind unter anderem „Übermorgen TV“, „Hyperland“ und ein gleichnamiges ZDF-Blog hervorgegangen.

Drei freie Journalisten haben sich als Webvideo-Produzenten zusammengeschlossen. Ihr bekanntestes Produkt ist das ZDF-Format „Elektrischer Reporter“.

Drei freie Journalisten haben sich als Webvideo-Produzenten zusammengeschlossen. Ihr bekanntestes Produkt ist das ZDF-Format „Elektrischer Reporter“.

Einige dem sozialen Netz zugewandte Medien und Journalisten beginnen die Auseinandersetzung mit den Ideen und kritischen Einwänden noch früher im journalistischen Produktionszyklus. Dieser so genannte „Prozessjournalismus“ versteht Journalismus nicht als eine Abfolge abgeschlossener Produkte, über welche die Nutzer immer nur im Nachhinein urteilen können (so heißt es zum Beispiel bei Spiegel Online stets: „Diskutieren Sie über diesen Artikel“), sondern als fortlaufenden Prozess. User-Feedback wird schon während der Recherche ausgewertet oder führt überhaupt erst dazu, dass Journalisten beginnen zu recherchieren.

Zeit Online beschäftigt eine eigene Community-Redaktion damit, das fortlaufende Feedback von Nutzern zu lesen, zu beantworten und gegebenenfalls in neue Beiträge einfließen zu lassen. Das sind laut Wolfgang Blau immerhin 17.000 Kommentare pro Woche auf der Webseite plus Status-Updates von 70.000 Fans bei Facebook und an @zeitonline gerichtete Tweets von 90.000 Followern bei Twitter. Zusätzlich beobachtet die Redaktion per Social Media Monitoring, welche interessanten Trends und Diskussionen sich im sozialen Netz entwickeln.

Unabhängige Self-Publisher profitieren von Vernetzung

Die regionale „Rhein-Zeitung“ (RZ) aus Koblenz ist als Pionierin unter den Regionalzeitungen schon mehr als zwei Jahre auf sozialen Plattformen wie Twitter, Facebook und Wer-kennt-wen aktiv und hat die Beobachtung und Nutzung von Social Media in den Rang eines Ressorts mit zwei Redakteuren erhoben. Die Redaktion profitiert zunehmend davon, dass die Nutzer über diese Plattformen Ideen unter anderem für exklusive regionale Berichte liefern. Von der geplanten Schließung des Oberlandesgerichts Koblenz erfuhr die Zeitung im Frühjahr 2011 beispielsweise zuerst über eine Facebook-Gruppe. RZ-Digitalchef Marcus Schwarze fasste Mitte Oktober den Austausch der RZ mit den Nutzern zu diversen Themen vom Twitter-Schlagwort #0zapftis (Staatstrojaner aus Bayern) über die fortlaufende Geschichte eines juristisch bedrohten Fanforums zum Nürburgring bis zur Suche nach einer verschwundenen Frau per Facebook in einem Blogbeitrag für die RZ unter der Überschrift zusammen: „Der zündende Link ist ein stetiger Funke.“ [8] Will sagen: Der Austausch mit der Zielgruppe über Social-Media-Plattfomen trägt Früchte.

Mindestens ebenso wie Redaktionen können unabhängige und spezialisierte Self-Publisher von der Vernetzung profitieren. Und das gilt nicht nur für Journalisten, sondern auch für PR-Profis, Webdesigner, Programmierer oder Experten, die an der Schnittstelle zwischen Code und Journalismus arbeiten: Datenjournalisten. Wer gute Referenzen in Eigeninitiative ins Netz stellt, sorgt dafür, dass der eigene Name potenziellen Kunden (zum Beispiel Verlagen oder B2B-Kunden) immer wieder auffällt.

Social Media- und PR-Berater wie Klaus Eck, Mirko Lange, Annette Schwindt, Tapio Liller und Marie-Christine Schindler nutzen ihre eigenen Blogs, Twitter und Facebook, um ihre Fähigkeiten im Netz unter Beweis zu stellen. Der Frankfurter Verlagsberater Leander Wattig nutzt sein Blog und Facebook und diverse Aktionen, wie die von ihm gestartete Branchen-Plattform „Ich mach was mit Büchern“ und den „Virenschleuderpreis“, um die Vernetzung innovativer und innovationsinteressierter Köpfe in der Buchbranche voranzutreiben. Journalist Richard Gutjahr hat ein halbes Dutzend TV- und Webexperten um sich versammelt, um mit ihnen gemeinsam das „Rundshow“-Konzept eines modernen und transparenten TV-Senders zu entwickeln. Sämtliche Mitstreiter (Journalisten, Designer, Webeuntenehmer) nutzen ihre vielfältigen Social-Media-Aktivitäten, um das Projekt bekannt zu machen.

Auf der Pattform Spot.Us können Nutzer Recherchen mit ihren Spenden finanzieren. So können journalistische Projekte auch ohne klassische Medien verwirklicht werden.

Auf der Pattform Spot.Us können Nutzer Recherchen mit ihren Spenden finanzieren. So können journalistische Projekte auch ohne klassische Medien verwirklicht werden.

Crowdfunding als Alternative zur Werbefinanzierung

Das frisch erschienene Buch „Universalcode“ über den digitalen Journalismus, an dem die Autorin dieses Beitrags mitgewirkt hat, wäre ohne den ständigen Austausch mit der Zielgruppe wahrscheinlich sogar nie erschienen. In über 50 Updates auf seinem Blog hielt Initiator und Co-Herausgeber Christian Jakubetz die Nutzergemeinde über den Entstehungsprozess auf dem Laufenden, viele Anregungen von Nutzern sind in das Buch eingeflossen. Die meisten Autoren, allesamt Spezialisten auf ihren jeweiligen Gebieten, wurden über Social Media auf das Projekt aufmerksam und boten von sich aus an, daran (vorerst ohne Honorar) mitzuwirken. Der öffentliche Diskurs über das Buch ist zudem untrennbar mit seiner Finanzierung verbunden. Über die Publishing-Plattform Euryclia trugen rund 1.000 verbindliche Vorbesteller dazu bei, dem selbstpublizierten Buch eine finanzielle Basis zu verschaffen und so sein Erscheinen zu sichern.

Startnext ist die bekannteste deutsche Crowdfunding-Plattform. Für die Spendenbereitschaft der Deuschen gibt es ein originelles Wort: Krautfunding.

Startnext ist die bekannteste deutsche Crowdfunding-Plattform. Für die Spendenbereitschaft der Deutschen gibt es ein originelles Wort: Krautfunding.

Dieses so genannte Crowdfunding (siehe Artikel ab Sete 50) ist eine wichtige Stütze des Self-Publishing – engagierte Nutzer tragen mit freiwilligen Spenden oder mit finanziellen Vorleistungen dazu bei, dass Projekte verwirklicht oder weitergeführt werden können. Der Podcaster Tim Pritlove, zentrales Mitglied im Chaos Computer Club, erhält von seinen Fans monatlich um die 2.000 Euro Spenden, die er zum Beispiel in eine bessere Ausrüstung investiert. Allerdings: Je deutlicher ein Projekt Werbeeinnahmen erzielt oder mit klassischen Verkaufsmechanismen kommerziell erfolgreich ist, desto geringer die Erfolgschancen beim Crowdfunding. In freiwilligen Spenden für Spiegel Online sähe wohl kaum jemand eine Notwendigkeit. Umgekehrt gilt: Je größer der gesellschaftliche Nutzen, je darbender das Medium, je fester die Fanbindung, je origineller das Projekt, desto größer die Spendenbereitschaft. Sie steigt in der Regel weiter an, wenn Webpublizisten ihre Werke unter einer Creative Commons (CC) Lizenz der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Im Journalismus ist Spot.Us die populärste Plattform, auf der Journalisten gesellschaftlich relevante Themenideen vorschlagen und für deren Umsetzung Nutzer spenden können. Das bekannteste dort umgesetzte Projekt ist ein Beitrag von Lindsay Lohan über den pazifischen Müllteppich, der einen Pulitzerpreis errang. Die "New York Times" finanzierte das aufwändige Projekt zur Hälfte und sicherte sich damit das Recht zum Erstabdruck, anschließend erschien die Story unter einer CC-Lizenz bei Spot.Us.

Während von Spot.Us bisher nur amerikanische Journalisten profitieren können, gibt es eine ganze Reihe weiterer Plattformen, die auch deutschen Self-Publishern offenstehen. Darunter die deutschen Plattformen Startnext und Inkubato, vor allem für Kulturprojekte. Oder Sellaband, eine Plattform, bei der Musiker ohne Plattenverlag ihre Finanziers finden und ihnen abgestufte exkusive Angebote machen können [9]. Weitere Plattformen zum Crowdfunding und Krautfunding (originelle Eindeutschung) stellt Ansgar Warner, Herausgeber des Online-Magazins E-Book-News, in seinem neuen Buch vor. Es ist nicht sein erstes, aber das erste, bei dem das Thema und die gewählte Art der Veröffentlichung exakt übereinstimmen. „Krautfunding“ ist im Sommer 2011 als krautgefundetes E-Book im Eigenverlag erschienen [10].

Fazit

Heute entscheiden Nutzer, was eine Nachricht ist und was nicht. Verlage, Sender und Journalisten müssen ihre neue Rolle in der veränderten Medienwelt, in der jeder Laie ein Publizist sein kann, oft erst noch finden. Dabei bietet die Vernetzung ungeahnte Möglichkeiten, an Informationen zu kommen und Inhalte zu verbreiten.

Jeder, ob großes Medienunternehmen oder kleiner Self-Publisher, kann von der neuen Vernetzung profitieren. Für letztere ist vor allem die Spezializierung auf ein Themengebiet oder ein besonderes Talent und zudem die enge Verbindung zur Webszene oder der Fanbasis wichtig. Das bedeutet, Beiträge im Netz nicht nur „abzuwerfen“, sondern sich intensiv um den Austausch mit der Zielgruppe zu bemühen. Wenn dies gelingt, besteht die Chance, eigene Projekte mit Hilfe von Crowdfunding zu finanzieren.

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Links und Literatur

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Eine Antwort

  1. von Self Publishing II – die Entwicklu… 13.12.2011 (07:22Uhr) 1.

    [...] auf die Zeitungs- und Nachrichtenlandschaft profitieren kann, wird an dem sehr guten Artikel von Ulrike Langer über die Veränderung des Journalismus durch Social Media und Self Publishing deutlich. [...]

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