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Die 40-Cent-Idee: Wie Sharethemeal einen Exit der besonderen Art hinlegte

Fotos: Michael Hübner

Keine Millionenfinanzierung, kein Geschäftsmodell und keine Aussicht auf Gewinn: Mit der Idee, den Welthunger per App zu bekämpfen, feiert Sharethemeal trotzdem Erfolge. Wie konnte das passieren?

Der Besuch bei einer der ungewöhnlichsten Neugründungen in Berlin führt uns an einen historischen Ort. Hier, mitten im Stadtteil Kreuzberg, wenige Gehminuten vom berühmten Grenzübergang Checkpoint Charlie entfernt und mit dem Axel-Springer-Hochhaus in Sichtweite, befindet sich das Hauptquartier von Sharethemeal. Naja, Hauptquartier ist dann doch irgendwie albern: Das 15-köpfige Team um Mitgründer und CEO Sebastian Stricker hat sich nämlich in einem – ungelogen – gerade mal 45 Quadratmeter großen Büroflügel eingemietet. Macht aber nichts.

Eine Smartphone-App gegen den Weltunger

„Wir denken gar nicht daran, umzuziehen“, sagt Stricker mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. „Gerade tüfteln wir fieberhaft am Launch einer neuen Version unserer App“. In dem Büro haben Entwickler ihre Köpfe über Smartphones und Laptops zusammengesteckt, die Türen sind gepflastert mit bunten Kanban-Zetteln. Als Wanddekoration müssen Roadmaps, afrikanische Landkarten und Nationalflaggen sowie Lobeshymmnen von Politikern und Konzernchefs herhalten. Eine von ihnen stammt von Martin Schulz, dem amtierenden Präsidenten des Europäischen Parlaments und wohl prominentesten Unterstützer von Strickers Mission: „Eine großartige Möglichkeit für jeden, schnell und einfach etwas gegen den Hunger in der Welt zu tun“, steht auf einem ausgedruckten Stück Papier.

Womit wir auch schon beim Thema sind: Sharethemeal will nicht weniger als den chronischen Hunger auf der Erde beenden. Ein Mammutprojekt, wie ein Blick auf Statistiken zeigt: Nach Angaben der Vereinten Nationen leiden weltweit 795 Millionen Menschen an Hunger. Das entspricht jedem neunten Menschen beziehungsweise jedem siebten Kind. Zwar ist die Entwicklung schon heute rückläufig – vor 25 Jahren waren es noch über eine Milliarde Menschen. Stricker aber geht das nicht schnell genug.

Seine App soll das ändern. Wie der Name schon andeutet, können Nutzer der App virtuelle Mahlzeiten an hungernde Kinder spenden. Das ist vergleichsweise einfach und funktioniert mithilfe von Mikrospenden. Die Beträge können wahlweise einmalig, im Wochenturnus oder bis zu ein Jahr im Voraus gespendet werden. Bezahlt wird mit Paypal oder Kreditkarte – direkt in der App.

Transparenz als Erfolgsrezept

Grundlegend neu ist ein solches Konzept zunächst einmal nicht, das gibt auch Stricker unumwunden zu. „Natürlich gibt es schon andere Spenden-Apps“, sagt er. Mit „One Today“ hat Google schon vor zwei Jahren eine App zur Unterstützung gemeinnütziger Organisationen lanciert. Trotzdem ist Stricker überzeugt, das Problem besser an der Wurzel packen zu können als der reiche Internetkonzern. „Für uns spricht die geographische Fokussierung auf ein einzelnes Problem“, erklärt er. Während man mit der App von Google einfach einen US-Dollar an eine Hilfsorganisation seiner Wahl spende, investiere man bei Sharethemeal ganz konkret in Mahlzeiten für Kinder im südafrikanischen Lesotho.

Kleines Büro, große Ambitionen: t3n-Redakteur Daniel Hüfner (re.) spricht in Berlin mit Sharethemeal-CEO Sebastian Stricker. Der Österreicher hat sich zum Ziel gesetzt, den Hunger auf der Welt zu beenden.
Kleines Büro, große Ambitionen: t3n-Redakteur Daniel Hüfner (re.) spricht in Berlin mit Sharethemeal-CEO Sebastian Stricker. Der Österreicher hat sich zum Ziel gesetzt, den Hunger auf der Welt zu beenden.

Bedenkt man, dass das von Südafrika eingeschlossene Land mit 30.000 Quadratkilometern gerade mal so groß ist wie Niedersachsen, mag diese Aussage zunächst etwas verblüffen. Doch der Hilfsbedarf in Lesotho ist hoch: Mehr als die Hälfte der rund zwei Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze, 40 Prozent der Kinder sind chronisch unterernährt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 48 Jahren. Vor diesem Hintergrund seien Schulmahlzeiten besonders gut geeignet, um den Kreislauf aus Hunger, Armut und mangelnder Bildung zu durchbrechen, sagt Stricker.

Einwänden, ein Großteil der Spendengelder versickere branchenüblich in der Verwaltung, begegnet er routiniert. Ja, das höre er nicht zum ersten Mal. „Eine der größten Sorgen unserer Nutzer ist, dass ihr Geld nicht effektiv bei den Kindern ankommt“, sagt Stricker. Darum will Sharethemeal gegenüber Google und anderen Spenden-Apps vor allem mit Transparenz punkten. So können Nutzer der App beispielsweise jederzeit mitverfolgen, wie viele Kinder durch ihre Spende schon mit einer Mahlzeit versorgt wurden und anhand von Geotags sogar sehen, wo diese wohnen. Zu jedem Kind gibt es ein Foto sowie eine kurze Geschichte mit Angaben zu Hobbys und dem Berufswunsch. „Alles echt“, versichert Stricker. Die Informationen stammen von Mitarbeitern des Welternährungsprogramms, mit denen das Startup vor Ort in Lesotho zusammenarbeitet. Strickers Ziele sind ambitioniert: „Als erstes wollen wir so alle Vorschulkinder in Lesotho mit Mahlzeiten versorgen“, sagt er. Dann will das Startup weitere Hilfsprogramme und Regionen in anderen Entwicklungsländern unterstützen.

Vom Entwicklungshelfer zum Startup-Gründer

Um zu verstehen, dass die Idee nicht aus einer Bierlaune heraus entstanden ist, genügt ein Blick auf die Vita von Stricker. Der 32-jährige Österreicher arbeitete zunächst drei Jahre lang als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group, wo er auch seinen späteren Mitgründer Bernhard Kowatsch kennenlernte. Danach heuerte Stricker als Entwicklungshelfer in Tansania an – für die Stiftung von Bill und Hillary Clinton. Später verschlug es ihn nach Liberia und Sierra Leone, um für das Welternährungsprogramm der Uno zu arbeiten. Zusammen mit Kowatsch, der erst wenige Monate zuvor auch bei der Uno angefangen hatte – und der inzwischen an neuen Projekten arbeitet –, manifestierte sich dort im Frühjahr 2014 schließlich die Idee, selbst ein Unternehmen zu gründen.

„Wir waren überzeugt, dass Innovationen einen großen Einfluss darauf haben können, wie man soziale Probleme löst“, erklärt Stricker rückblickend. Die konkrete Idee sei aus den 40 Cent heraus entstanden, die Nutzer heute über die App spenden können. Dahinter verbirgt sich der von den Vereinten Nationen festgelegte Standardkostensatz, den es braucht, um ein hungerndes Kind einen Tag lang zu ernähren. Der Betrag, so Stricker weiter, decke sämtliche Kosten ab, „nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch Logistik und Verwaltung. Es ist für unsere Verhältnisse also extrem billig, ein Kind mit einer Mahlzeit zu versorgen.“ Beflügelt von der Idee, diese 40 Cent auf einfache Art und Weise einzusammeln, machte es bei den Gründern nach weiteren Recherchen schließlich klick: „Als wir dann noch verstanden haben, dass es zwei Milliarden Smartphones auf der Welt gibt, aber ‚nur‘ 100 Millionen hungernde Kinder, haben wir im Februar vergangenen Jahres angefangen, ein erstes Konzept für eine App zu entwickeln“, so Stricker.

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