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Startup-Portrait Outfittery: Der erste Shop für Shopping-Hasser

Aus dem
t3n Magazin Nr. 36

06/2014 - 08/2014

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Outfittery hilft seinen Kunden bei etwas, das sie aus tiefstem Herzen fürchten: dem Kleidungskauf. Der ausschließlich an Männer gerichtete Service schickt ganze Outfits, persönlich ausgewählt, bis zur Haustür. Damit hat das Startup eine echte Marktlücke besetzt: Zwei Jahre nach dem Start vertrauen sich mehr als 100.000 Einkaufsmuffel regelmäßig dem Service von Anna Alex und Julia Bösch an.

Startup-Portrait Outfittery: Der erste Shop für Shopping-Hasser
Das Outfittery-Team. (Foto: Dimitri Hempel)

Bei unserer Ankunft im Outfittery-Quartier am Leuschnerdamm geht es zunächst durch einen Hinterhof und dann mit dem Aufzug in den dritten Stock. Doch halt – hier stehen wir direkt mitten im Geschehen: Kleiderstangen, Musterboxen und geschäftiges Hin und Her. Hinter den Glastüren sitzen Mitarbeiter in Gruppen zusammen und diskutieren. Irgendwann tritt einer von ihnen hinaus in den Flur: „Ihr seht so verloren aus – ich bringe euch mal hoch zum Empfang“. Der ist nämlich, wie sich herausstellt, noch eine Etage höher.

Der Empfangstresen ist mit übereinander gestapelten Outfittery-Boxen verkleidet. „Die Vormieter wollten uns ein superteures Möbel aufschwatzen,“ verrät man uns, „aber das hier ist mindestens genau so schick!“ In der Tat passen die schlichten weißen Boxen mit den schwarzen Rändern gut zur Atmosphäre: viel Platz, weiße Wände und klare Akzente, wie etwa die Beispiel-Outfits, die an einer Wand an Seilen von der Decke hängen. Je weiter man vordringt, desto unterschiedlicher werden die Räumlichkeiten: Vom luftigen Großraumbüro über Räume, in denen eine Vielzahl an Mitarbeitern mit Headphones Telefongespräche führt, bis hin zum eigenen Fotostudio, in dem gerade neue Outfits abgelichtet werden, ist alles dabei. Für unser Gespräch ziehen wir uns mit Julia Bösch (mittig im Bild, blaues Oberteil) und Anna Alex (rechts von Bösch) in den Showroom zurück, der an ein Ladengeschäft erinnert und das Outfittery-Sortiment auch zum Anfassen vorstellt.

Eine typische Outfittery-Box besteht aus mehreren Outfits, Schuhen und einer persönlichen Notiz der Stylistin. (Foto: Dimitri Hempel)
Eine typische Outfittery-Box besteht aus mehreren Outfits, Schuhen und einer persönlichen Notiz der Stylistin. (Foto: Dimitri Hempel)

Bei Outfittery erhält jeder Kunde nach der Registrierung einen persönlichen Stylisten. Basierend auf einem online ausgefüllten Fragebogen und einem persönlichen Telefonat wählt dieser eine Auswahl potenzieller Outfits aus und schickt sie in der Outfittery-Box nach Hause. Das, was gefällt, wandert direkt in den Kleiderschrank, der Rest geht zurück. Kunden können ihre Stylisten jederzeit wieder per E-Mail, Telefon oder über ihr Kunden-Dashboard kontaktieren, wenn sie ein neues Outfit brauchen.

Der typische Outfittery-Kunde ist zwischen 25 und 50 und hasst Einkaufen. Oder besser: Er hat schlicht nicht die Zeit dafür. „Die meisten unserer Kunden arbeiten gerne und viel“, erklärt Alex. Statt ihren freien Samstag in überfüllten Innenstädten zu verbringen, gönnen sie sich gerne einen persönlichen Shopping-Service. Sich von einem Fachmann assistieren zu lassen, seien die meisten von ihnen aus anderen Lebensbereichen gewohnt: „Im Prinzip sind wir so etwas wie ein Steuerberater – für den Kleiderschrank.“

Ein Online-Pure-Player, der näher am Kunden ist als die Filiale

Geld verdient Outfittery wie andere E-Commerce-Anbieter auch über die Differenz von Einkaufs- und Verkaufspreis. Dass dieser trotz des persönlichen Services nicht höher als im Handel üblich ausfällt, liegt daran, dass Outfittery sich ausschließlich auf das Online-Geschäft fokussiert. Da es keine Ladenfläche gibt, die unterhalten werden muss, fallen die zusätzlichen Personal- und Servicekosten nicht so stark ins Gewicht. Zudem sind die Warenkörbe der Outfittery-Kunden mit durchschnittlich 300 Euro sehr gut gefüllt.

Was macht Outfittery besonders? „Im Gegensatz zu anderen E-Commerce-Anbietern denken wir nicht vom eigenen Sortiment aus, sondern horchen zuerst in unsere Kunden hinein und reagieren dann auf die persönlichen Bedürfnisse.“ So vermeiden sie, dass Online-Shopper sich angesichts einer riesigen Auswahl überfordert fühlen. Daher gebe es bei Outfittery auch keine Einzelstücke zu bestellen, erklärt Bösch: „Wir wollen den Kunden gar nicht mit dem vollen Sortiment konfrontieren.“ Stattdessen arbeitet das Startup mit selbst zusammengestellten Gesamt-Looks, die auf der Website vorgestellt werden und als Basis für die Wahl der Kunden dienen. Neben klassischen Modemarken mischen die Outfittery-Stylisten gerne auch unbekannte, internationale Designer in die Ensembles.

Kennengelernt haben sich Anna Alex und Julia Bösch Ende 2009, als sie am selben Tag ihren Job bei Zalando antraten. Beide hatten nach ihrem Wirtschaftsstudium bei Rocket Internet angeheuert, um Erfahrungen im Bereich Startups und E-Commerce zu sammeln. Dass sie irgendwann selbst unter die Gründer gehen wollten, stand für beide fest: „Wir haben sofort gemerkt: Mit uns, das passt.“ Der Fashion-Bereich sollte es bleiben, doch wie eine neue Idee generieren? Bösch erinnerte sich an einen New Yorker Studienfreund, der sich aus Zeitmangel einem Personal Shopper anvertraut und ihr von den Ergebnissen vorgeschwärmt hatte. Könnte man so einen Service nicht in die Masse bringen? Über das Internet, ohne Mehrkosten für die Kunden? Hier witterten Bösch und Alex Potenzial. Das war 2011 – zum Jahresende verließen sie Zalando, um ihre Idee mit vollem Einsatz zu verfolgen.

Die beiden Outfittery-Gründerinnern Julia Bösch und Anna Alex haben sich bei Zalando kennengelernt. (Foto: Dimitri Hempel)
Die beiden Outfittery-Gründerinnern Julia Bösch und Anna Alex haben sich bei Zalando kennengelernt. (Foto: Dimitri Hempel)

In Böschs Wohnzimmer nahm das Geschäftsmodell während der nächsten Wochen Gestalt an, Familie und Freunde wurden als Service-Tester rekrutiert. Im März 2012 stellte Outfittery die erste Stylistin ein und bezog ein eigenes Büro. Dort konnte das Startup allerdings nicht lange bleiben: „Zu der Zeit haben wir auch den Versand über unsere Zentrale abgewickelt. Irgendwann haben sich die anderen Startups auf der Etage beklagt, weil die ganzen Kartons auf dem Flur ihnen den Weg zur Toilette versperrten – und uns nahegelegt, eine neue Bleibe zu suchen.“ Mittlerweile residiert Outfittery auf 1.200 Quadratmetern, über zwei Etagen verteilt, in Berlin-Kreuzberg.

„Für Gründer ist Berlin perfekt“

Die Entscheidung, sich in Berlin anzusiedeln, haben Bösch und Alex keine Sekunde lang bereut. Von der hohen Gründerdichte könne man nur profitieren: „Es gibt immer jemanden, an den man sich bei Fragen wenden kann. Man trifft sich auf einen schnelle Kaffee, und ein paar Stunden später ist das Problem gelöst.“

Einen weiteren Standortvorteil sehen die beiden beim Recruiting. Zwar kämpft man in Berlin mit vielen anderen jungen Unternehmen um die besten Talente. Aber die Gruppe derer, die sich überhaupt auf das Abenteuer Startup einlassen und aufgrund einer bloßen Idee ihre gesicherten Verhältnisse aufgeben, ist hier viel größer als in anderen Teilen Deutschlands. Und wenn man neue Mitarbeiter dazu bringen will, in die Stadt des Arbeitgebers zu ziehen, sei Berlin ein überzeugendes Argument.

Auch die Bedingungen für die Akquise von Investoren seien in der Hauptstadt nahezu ideal – zumindest aus Sicht eines deutschen Startups. Und die beiden Gründerinnen wissen, wovon sie sprechen: Outfittery hat, verteilt über drei Finanzierungsrunden, bisher mehr als 17 Millionen Euro eingesammelt. Unter den sechs Investoren sind bekannte Firmen wie Holtzbrinck Ventures, der High-Tech Gründerfonds und Highland Ventures aus den USA.

Wenn Bösch anderen Gründern einen Tipp geben sollte, würde sie ihnen raten, die Nähe zu Investoren schon zu suchen, bevor man tatsächlich die Hand aufhält. „Wenn schon eine Beziehung da ist, ist das ein enormer Vorteil.“ Hier biete die hervorragend vernetzte Berliner Startup-Szene zahlreiche Gelegenheiten. Gerade bei der Seed-Finanzierung sei es zudem wichtig, erste Erfolge vorweisen zu können: „Als wir auf die Investoren zugegangen sind, war unsere Seite bereits live und wir hatten sogar schon erste Kunden, die wir nicht mehr persönlich kannten – für uns ein wichtiger Meilenstein, und diese Meinung haben auch die Investoren geteilt.“

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2 Antworten
  1. von Alex am 14.11.2014 (11:38 Uhr)

    Der erste Shop, wirklich? Mir fallen direkt zwei ein die dieses Prinzip vorher betrieben haben...

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  2. von efwefwe am 14.11.2014 (11:47 Uhr)

    Schon wieder? Da gab es doch vor einem halben Jahr schon einen großen Beitrag zu. Berlin hat auch noch andere Startups.

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