Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

t3n 32

Instagram-Alternative EyeEm im Porträt: Wie die Berliner mit ihrer Foto-Community durchstarten

    Instagram-Alternative EyeEm im Porträt: Wie die Berliner mit ihrer Foto-Community durchstarten
Startup-Porträt EyeEm: Instagram war gestern

EyeEm klingt wie eine Begrüßungsformel aus der New Yorker Bronx. In Wirklichkeit ist EyeEm eine deutsche Foto-App, die weltweit genutzt wird und mächtig vom Wirbel um Instagram profitiert hat. Jetzt experimentiert das Team damit, wie sich mit Fotosharing auch Geld verdienen lässt. Sollte es klappen, steht dem Siegeszug (fast) nichts mehr im Wege.

Manch gute Startup-Idee entsteht aus dem Bedürfnis heraus, einen bestimmten Mangel im Alltag abzuschaffen (Online-Schlüsselnotdienste, Carsharing-Plattformen, Müslimix-Zusammensteller). Der Mangel, der zur Gründung von EyeEm führte, war hingegen akkut: Florian Meissner ging für einen Fotoauftrag nach New York, als ihm in der U-Bahn seine Fotoausrüstung geklaut wird. Er bekommt ein iPhone geschenkt, macht fortan Handy-Fotos und glaubt daran, dass sich darüber Menschen miteinander verbinden lassen.

Startup-Porträt EyeEm: Instagram war gestern
Startup-Porträt EyeEm: Instagram war gestern

Vier Jahre später ist aus der Idee ein 17-köpfiges Team geworden, das unter dem Namen „EyeEm“ in Berlin Mitte sitzt. Wie so oft in Berlin dauert es ein bisschen, bis man den richtigen Eingang gefunden hat: An Hausnummern wird gespart und das richtige Gebäude befindet sich am Ende eines Hinterhofs. Seit zwei Jahren sitzen die vier Gründer hier mit ihren Mitarbeitern. Im Büro sieht es in etwa so aus, wie man es von einem Foto-Sharing-Startup erwarten würde: Die Wände sind an vielen Stellen mit Fotos beklebt, überall hängen Fotocollagen und im Eingangsbereich prangt in großen Lettern der Name „EYEEM“, wobei jeder Buchstabe aus einzelnen Fotos zusammengesetzt ist.

Neben Florian gehören noch Lorenz Aschoff, Ramzi Rizk und Gen Sadakane zum international zusammengewürfelten Gründerteam. Jeder von ihnen hat in unterschiedlicher Form mit Fotografie zu tun, sie kennen sich aus dem Freundeskreis oder haben zusammen in Agenturen gearbeitet. Richtig stolz ist das Team auf Ramzi, der als CTO das achtköpfige Entwicklerteam leitet. „Er ist ein super Programmierer, kann darüber hinaus fotografieren und hat einen Sinn für Ästhetik – eine ziemlich einmalige Kombination“, preisen seine Kollegen den zurückhaltenden, libanesisch-stämmigen Entwickler an. Überhaupt sei eine gewisse Affinität zur Fotografie bei allen Mitarbeitern Voraussetzung.

Fotos: riesiges Netzwerkpotenzial

Als Florian nach jenem denkwürdigen Erlebnis in New York in die Handy-Fotografie einsteigt, erscheint ihm das Potenzial schon bald riesig. Der Beklaute nimmt die beiden Plattformen Hipstamatic und Polarize genauer unter die Lupe, mit denen sich bereits 2009 Fotos mit Hilfe von Filtern in Retro-Polaroid-Bilder verwandeln lassen. Sein Eindruck ist, dass man das Netzwerkpotenzial von Fotos noch ausschöpfen müsse. Bald ist ein erster Blog aufgesetzt, Florian erzählt Freunden in Deutschland von seiner Idee und sammelt seine drei Mitgründer um sich. Heute ist er das Gesicht von EyeEm, kümmert sich um das tägliche Geschäft und um Partnerschaften, führt Interviews. Da er beim t3n-Besuch krank ist, erzählen Lorenz und Gen die Geschichte von EyeEm.

Im Großraumbüro wird an einem tragfähigen Geschäftsmodell gebastelt.
Im Großraumbüro wird an einem tragfähigen Geschäftsmodell gebastelt.

Cleveres Tagging-System

Heutzutage muss sich jede Foto-Sharing-Filter-App die Frage gefallen lassen, was denn das Besondere an ihr sei. Der große Vergleichsparameter ist dabei Instagram. Die EyeEm-Macher selbst finden, dass man mit Instagram gar nicht so viel gemeinsam habe. Natürlich gebe es Farbfilter, die Fotos können auf unterschiedlichen Plattformen geteilt werden, es existiert eine aktive Community. „Aber im Gegensatz zu Instagram steht bei uns die Relevanz der Inhalte im Vordergrund und nicht nur der soziale Aspekt.“ Die Vision sei, Fotos auf neue Art und Weise miteinander zu verbinden – und dadurch letztlich auch die Menschen.

EyeEm setzt auf ein ausgeklügeltes, geo-basiertes Tagging-System, das auf der Analyse sämtlicher Bilderdaten beruht. Der Kontext der Bilder ist wichtig, Dinge wie Ort, Zeit oder Event werden mit einbezogen. Alles dient dazu, dem Nutzer möglichst passgenaue Schlagworte vorzuschlagen und ihm das Tagging damit so einfach wie möglich zu machen. So bekommt man zum Beispiel beim Spaziergang im Winter andere Vorschläge als im Sommer, nachmittags andere als abends. „Es gibt keinen Fotodienst, der von hochgeladenen Fotos so viele Daten sammelt wie wir.“

Der betriebene Aufwand kommt letztlich dem Hauptprodukt zugute, dem „Discovery Feed“: EyeEm-Nutzer können sich Inhalte anzeigen lassen, die für sie thematisch oder örtlich relevant sind. Und so auf interessante Themen und Menschen stoßen. Welche Nutzer fotografieren noch gerne Weißwürste? Wer ist gerade in meiner Nähe? Auf diese Weise entstünden themenrelevante Communities, die sich – fernab von Facebook – zum Beispiel zum Thema Skateboarding vernetzen. „Während sich bei Facebook schnell mal 1.000 Freunde stapeln, sind unsere Netzwerke elastisch.“ Der Social Graph, auf den Facebook aufbaut, werde aussterben, glaubt man bei EyeEm. Weil User nach neuen und relevanteren Formen der Vernetzung suchen – und eine davon funktioniere über Fotos, das Kommunikations-Tool schlechthin.

„Nutzer müssen Kontrolle behalten“

Am Anfang dachten viele, EyeEm sei nur ein winziger Mitbewerber, der kurzzeitig davon profitierte, dass Instagram von Facebook gekauft wurde. Damals suchten sich viele Facebook-kritische Nutzer ein neues Zuhause. Mittlerweile zeigt sich aber, dass EyeEm Potenzial zu mehr hat: Anders als manche Mitbewerber hat EyeEm sofort mit internationalem Fokus losgelegt und wird bereits in 130 Ländern genutzt. Über die Hälfte der User kommt derzeit aus den USA, der asiatische Markt wächst.

Eine Zeit lang löste EyeEm Instagram sogar in puncto Beliebtheit ab und war in Apples US-App-Store nach YouTube die begehrteste App im Bereich Foto/Video. Der Grund: Instagram hatte mit Änderungen in den Geschäftsbedingungen User verärgert und einen medialen Kreuzzug hervorgerufen, da Nutzer die Rechte an ihren Fotos abtreten sollten. Die EyeEm-Gründer zieren sich bisher, selbst Zahlen preiszugeben. Jedoch analysierte Martin Weigert von netzwertig.com, dass es in dieser Phase etwa um die 50.000 Downloads pro Tag gewesen sein dürften [1].

Damit ist Instagram also nicht in erster Linie ein Mitbewerber, sondern ein Glücksfall, der EyeEm immer wieder neue User beschert. Doch ist es nicht scheinheilig, dass dieselben Nutzer, die täglich kostenlos Videos und Musik konsumieren, angesichts ihrer eigenen Bildrechte so auf die Barrikaden gehen? Und würde EyeEm nicht ähnlich wie Instagram handeln, wenn es irgendwann um die Frage des Geldverdienens geht? „Auf keinen Fall!“, empört sich Lorenz. „Es geht bei der Debatte um Transparenz. Nutzer müssen immer wissen, was passiert, und die Kontrolle darüber behalten. Falls sich bei uns die Fotorecht-Bestimmungen je ändern sollten, werden wir das mit unseren Nutzern besprechen und von jedem die Erlaubnis einholen, falls wir seine Bilder verwenden wollen.“

In den Büros von EyeEm gibt es überall schicke Fotowände – alle Mtarbeiter haben ein Faible für Fotografie.
In den Büros von EyeEm gibt es überall schicke Fotowände – alle Mtarbeiter haben ein Faible für Fotografie.

Die Einschränkung „falls sich bei uns die Fotorecht-Bestimmungen je ändern sollten“ ist jedenfalls interessant. EyeEm muss immer wieder die Kritik einstecken, dass es kein Geschäftsmodell habe. Bisher leben die Berliner vom Geld ihrer Investoren, neben Christophe Maire sind Wellington Partners sowie Passion Capital beteiligt. Aber klar ist: Eines Tages muss auch auf anderen Wegen Geld in die Kasse fließen.

„Wir sind schon kräftig am Experimentieren“, sagt Lorenz. „Fest steht: Unser Fokus liegt zunächst darauf, eine große Community und ein exzellentes Produkt aufzubauen“. Am intensivsten experimentiert EyeEm mit einem Konzept, das die Gründer „Missions“ nennen. Dabei handelt es sich um Foto-Aufträge für die Crowd: Kommerzielle Partner wie aktuell die Lufthansa suchen im Rahmen eines Wettbewerbs nach bestimmten Fotos, zum Beispiel „Strand in Sao Paulo“. EyeEm identifiziert per Geolocation Nutzer vor Ort und schickt ihnen Push-Mitteilungen mit der Einladung, am Wettbewerb teilzunehmen. Die Gewinner-Fotos werden über EyeEm an die Partner verkauft, die Prämie geteilt.

Links und Literatur

  1. Martin Weigert über EyeEm

Finde einen Job, den du liebst zum Thema iOS, Android

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen