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Vom Tellerwäscher zum Chef-Nerd: Wie der Technikchef den Bayerischen Rundfunk aufmischt

    Vom Tellerwäscher zum Chef-Nerd: Wie der Technikchef den Bayerischen Rundfunk aufmischt

(Foto: Caroline Lindekamp)

Als Kind half Mustafa Isik im Restaurant der Eltern und träumte davon, zur Superprogrammiermaschine zu werden. Der selbsternannte Nerd bringt heute den Bayerischen Rundfunk auf digitalen Kurs.

Das Magische in der Informatik liegt für Mustafa Isik im Schöpferischen, aus Ideen schafft ein Programmierer Produkte. „Du denkst dir etwas aus und brauchst nicht mehr als einen Computer, um es zu bauen.“ Isik spricht in kurzen Sätzen, er ist an diesem Mittwochmorgen beim Sport. Er holt Luft und schiebt Gewichtsscheiben auf die Querstange, während er die Leidenschaft für seinen Beruf erklärt: „Nur deine Kiste und deine Idee. Kein Kapital, kein Maschinenpark, keine Muskelkraft.“

Noch einmal zwingt der 37-Jährige die Knie in Richtung seiner roten Turnschuhe, um die Gewichte wieder hochzustemmen. Aus dem Ghettoblaster schallen The Prodigy und Metallica, die Songs treiben den Sportler heute an. Als sie irgendwann in den 1990er Jahren einmal in den Charts liefen, begann gerade die Dotcom-Ära – und damit auch der Imagewandel der Programmierer. Statt als Computerfreaks mit mangelnder Sozialkompetenz galten sie plötzlich als schöpferische Genies, die Unternehmen wie Amazon und Google aufbauten. Der Begriff des Nerds war geboren, die Freaks entwickelten sich zu Vorbildern – und haben es heute durch Charaktere wie Sheldon Cooper in der Serie „The Big Bang Theory“ sogar in die Popkultur geschafft. Auch Isik bezeichnet sich gerne und oft als Nerd, seine Abteilung beim Bayerischen Rundfunk (BR) nennt er Nerd-Höhle. Er ist bei der öffentlich-rechtlichen Anstalt Abteilungsleiter für Softwareentwicklung und Plattformen (SEP) sowie Vorsitzender im Gremium Digitalboard, das die digitale Strategie des Hauses entwickelt.

The Prodigy und Metallica - Beim BR?

Zugegeben: Eine Landesrundfunkanstalt mit seit Jahrzehnten gewachsenen Strukturen und öffentlichem Auftrag klingt nicht nach einem Biotop für einen selbsterklärten Nerd. Und The Prodigy und Metallica waren in den 1990ern auch nicht die Dauerbrenner auf den BR-Kanälen. Doch Isik und sein mittlerweile rund 80-köpfiges Team haben ihre Räume in eine nerdfreundliche Spielwiese verwandelt: Zwischen Bildschirmen und Tastaturen brechen übergro.e, knatschbunte Spielzeuggewehre, die passende Plastikmunition und Videospielkonsolen mit der Büroatmosphäre. Digitale Montagen haben Mitarbeiterfotos in  Computerspielwelten versetzt und werden ausgedruckt zu einer bunten Wandcollage. Computerspiele und Comics sind auch ein Thema im Chefbüro. Das größere Eckbüro seines Vorgängers hat Isik als Besprechungsraum an sein Team abgetreten. „Das war so ein richtiges Boss-Büro.“

Das kleinere Büro von Boss Isik füllen ein großer Schreib- und ein Besprechungstisch fast aus. Sitzend verschwindet Isik hinter einer Reihe Computerbildschirme. Ein Mountainbike lehnt an einer Wand, gerahmte Bilder aus Cyberwelten zieren die anderen und Comicfiguren stehen auf der Fensterbank. Das Eckbüro hat Isik ganz Silicon-Valley-like mit bunten Sitzsäcken und gemütlichen Sofas ausgestattet. In anderen Konferenzräumen des BR sitzen die Mitarbeiter hinter schweren Tischen in der berühmten U-Formation, hier läuft die Kommunikation nach Isiks Gusto. Er hat Produktideen ebenso wie einen eigenen Führungsstil und Entwicklungsabläufe mit zum BR gebracht

Fast jedes Unternehmen – ob wie der BR im Mediensektor oder in anderen Bereichen – steht heute vor der Herausforderung, wie es sich in Zeiten von Digitalisierung und Vernetzung am besten aufstellt. Die einen setzen auf externe Dienstleister und kaufen neue Software einfach ein. Andere gründen eine Tochterfirma, um Innovationskräfte zu bündeln und vor eingefahrenen Strukturen im Mutterkonzern zu schützen. „Aber wir haben unsere Ziele höher gesetzt und wollen alle Kollegen in den Medienwandel einbeziehen. Unsere Abteilung ist sozusagen der Plutoniumkern im BR“, sagt Isik und schiebt augenzwinkernd hinterher: „Vielleicht fällt uns noch ein besserer Vergleich als etwas Radioaktivstrahlendes ein.“ Von Isiks Abteilung soll die digitale Strahlkraft ausgehen: Die Kollegen aus dem Programm und anderen Abteilungen sollen durch ihn verstehen, warum der Sender in Softwareentwicklung und Plattformtechnologien investiert. Relevanz kommt nicht allein über gute Inhalte, Relevanz kommt auch über die plattformgerechte Präsenz in allen Nutzungskontexten. Diese Strategie geht auf BR-Intendant Ulrich Wilhelm zurück.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu, dass Wilhelm „den guten alten BR in den größten Umbruch seit Gründung führt“. Isik nennt ihn den mutigsten Intendanten der ARD. Denn bei allem Reformzwang steht der BR auch unter einem Spardiktat. Mit dem Engagement Isiks als ARD-fremdem Gewächs wurden die üblichen Karrierewege übersprungen – und das gilt es gegenüber Zweiflern zu rechtfertigen. Hinter vorgehaltener Hand mögen manche dem quereingestiegenen Aufsteiger ein Scheitern gewünscht haben. Doch Isik und sein Team können den Kritikern Auszeichnungen wie den Grimme-Online-Award und gestiegene Reichweite für die Arbeit der Programmkollegen entgegensetzen.  Neben neuen Homepages, Apps und bald einer aufgemotzten Mediathek sind die Nachrichten-App und Webpräsenz BR24 Vorzeigeprojekte.

Da es Nachrichten-Apps schon zu Genüge gibt, wollte Isik sie für den BR noch mal neu denken und schaffte in gerade mal neun Monaten das fertige Produkt. Im Vordergrund der Software stehen granulare Informationen. Die App macht den Nutzer selbst zum „Chefredakteur“: Er kann die Inhalte nach eigenen Themeninteressen gefiltert abonnieren oder sich in den gewohnten Rubriken einen Überblick verschaffen. Das Design als schicker Rahmen soll sein Übriges tun. Ein Erfolg, der sich in den Nutzerzahlen niederschlägt. So entscheidend wie die knapp 400.000 Downloads sind die Retention und die Zielgruppe: Mehr als 60 Prozent der Nutzer bleiben der BR24-App treu. Der Altersdurchschnitt des BR-Publikums liegt bei 66 Jahren, bei der App 20 Jahre darunter. Das ist ein Erfolg im Kampf um die Reichweite und Erschließung neuer Zielgruppen.

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