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Website-Usability: So prüfst du die Nutzbarkeit deiner Website

Aus dem
t3n Magazin Nr. 26

12/2011 - 02/2012

Website-Usability: So prüfst du die Nutzbarkeit deiner Website

ist nicht nur ein wichtiger Erfolgsfaktor für eine Website, sondern bestimmt maßgeblich, wie viel Spaß die Nutzer mit der Seite haben. Die Evaluation der eigenen Usability muss man nicht den Spezialisten überlassen. Mit dem richtigen Vorgehen kann man die eigene Website selbst untersuchen und Schwächen bei der Usability aufdecken.

(Foto: RichVintage/iStock)

Usability-Studien sind nicht selten ein Extra, das Website-Betreiber und -Gestalter hin und wieder in Auftrag geben. Das muss aber nicht unbedingt sein: Wie wäre es stattdessen mit einem festen Usability-Tag? In regelmäßigen Treffen kann man dabei die eigene Seite weiterentwickeln. Pro Teilnehmer rechnet man eine feste Zeit ein, die man nach Belieben mit Projekten füllen kann. Auf diese Weise kann man das Thema Usability als festen Teil in das eigene Portfolio aufnehmen.

Freunde rekrutieren

Als Probanden eignen sich Freunde sowie Bekannte und auch ein Zusammenschluss verschiedener Freelancer ist möglich. Allerdings sollten die Teilnehmer aus der Zielgruppe kommen, die auch die eigene Website ansprechen soll. Hält man zudem eine kleine Aufmerksamkeit, etwa in Form von Süßigkeiten und Getränken vor, steigt die Motivation der Probanden zusätzlich.

Bei qualitativen Usability-Studien kann man schon mit wenigen Nutzern wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Usability-Experte Jakob Nielsen hat beispielsweise einmal erläutert, warum für die meisten qualitativen Tests nur fünf Nutzer notwendig sind. Selbst wenn man auf diese Weise nicht alle Schwachstellen findet, erhält man dennoch wichtige Erkenntnisse. Quantifizieren kann man später jederzeit mittels anderer Verfahren.

Gute Planung ist das A und O

Zur Vorbereitung der Studie sollte man sich Gedanken über die eigenen Nutzer machen. Es gibt unterschiedliche Nutzertypen, die mit verschiedenen Zielen an eine Website herangehen. Diese verschiedenen Absichten bildet man über das Szenario ab, das man seinen Probanden am Anfang der Studie erläutert. Möglich sind sowohl offene („Informieren Sie sich auf der Seite, ob Sie ein Thema interessiert“) als auch zielfokussierte Szenarien („Suchen Sie Informationen über den Staatstrojaner“).

Es bietet sich an, die Zeit für das Szenario einzuschränken. Dazu kann ein Satz wie „Sie haben einige Minuten Zeit, um sich über das Tagesgeschehen zu informieren“ dienen. Eine Zeitbeschränkung ist sinnvoll, wenn das Szenario selbst kein eindeutiges Ende hat und zu befürchten ist, dass Nutzer zu zeitraubenden Aktivitäten wie etwa Lesen von Artikeln übergehen.

Ganz grundsätzlich sollte man sich fragen, ob man ein Szenario explorativ aufbauen oder konkrete Aspekte vergleichen möchte. Ein exploratives Szenario wie „Schauen Sie sich auf der Webseite um“ eignet sich, wenn man noch keine Vorstellungen darüber hat, was den Nutzern bei der Website wichtig sein könnte. In einem solchen Fall erhält man allerdings sehr verschiedene Nutzungsmuster. Derartige Szenarien eignen daher gut für das Finden von Ansatzpunkten für weitere Studien.

Tipps für vergleichende Szenarien
Beiden Gruppen verschiedene Aufgaben stellen, um zu testen, ob die Website für verschiedene Nutzungsabsichten angemessen ist.
Verschiedene Designs mit jeweils der gleichen Aufgabe testen, um zu evaluieren, bei welchem die Aufgabe besser gelöst wird.
Niemals verschiedene Designs und Aufgaben gleichzeitig testen – sonst kann man die Ergebnisse später nur schwer aufschlüsseln.

Wenn es eher um konkrete Aspekte geht, sollte man ein klares Szenario formulieren („Informieren Sie sich über die Tagespolitik“). Teilt man die Versuchspersonen in zwei Gruppen auf, kann man später gut vergleichen, welche Gruppe das Szenario am besten gelöst hat.

Professionelle Studien setzen meist auf teure technische Ausrüstung mit Mikrofonen und Blickaufzeichnungskameras – dabei können auch schon einfache Mittel zu wertvollen Ergebnissen führen.
Professionelle Studien setzen meist auf teure technische Ausrüstung mit Mikrofonen und Blickaufzeichnungskameras – dabei können auch schon einfache Mittel zu wertvollen Ergebnissen führen.

Nutzern über die Schulter schauen

Die Interaktion der Versuchspersonen mit der Website ist für die Studie von zentralem Interesse und sollte daher genau erfasst werden. Im Rezeptionslabor geschieht dies meist mittels Blickaufzeichnungstechnologien, sodass später sichtbar ist, welche Elemente der Website die Versuchsperson betrachtet hat. Für eine kleinere Studie reicht es, den Bildschirm mit der Website aufzunehmen. Dazu eignet sich jedes Screen-Capturing-Programm. Sinnvoll kann auch eine Software sein, die Screen-Capturing und Audio-Aufnahme kombiniert. Auf dem Mac bietet sich dazu etwa Silverback an.

Lautes Denken als Analyseinstrument

Mit der Aufzeichnung der Nutzerinteraktion hat man bereits einen wichtigen Teil der Studie erfasst. Jedoch erklären diese Daten noch nicht, warum ein Nutzer auf eine bestimmte Art und Weise reagiert.

Tools wie Silverback vereinfachen die Studien, weil sie alle Arbeitsschritte in einer Anwendung vereinen, sind jedoch nicht unbedingt notwendig.

Eine Lösung für dieses Problem ist das so genannte „Laute Denken“. Lautes Denken bedeutet, dass ein Nutzer seine Gedanken ausformuliert („Wo finde ich jetzt den Warenkorb? Warum ist hier nicht so ein Symbol mit einem Einkaufswagen?“). Lautes Denken eignet sich für bewusste Vorgänge wie Navigation, nicht jedoch für eher Unbewusstes oder Dinge, über die man nicht gerne spricht.

Lautes Denken kann man wahlweise gleichzeitig oder nachträglich zur Rezeption durchführen. Kommt der gleichzeitige Ansatz zum Tragen, bittet man seine Probanden, während der Studie zu formulieren, was ihnen durch den Kopf geht. Fragt man die Probanden erst nach der Aufgabe, wie es ihnen ergangen ist, können sie sich vielleicht nicht mehr an alles erinnern, dafür ist jedoch die Rezeption selbst ungestört.

Lautes Denken in der Praxis

Erfahrungsgemäß kommen nicht alle Probanden gut mit dem Lauten Denken zurecht. Eine genaue Erklärung ist daher unerlässlich. Die Probanden sollten erkennen können, dass es nicht um schön formulierte Aussagen geht, sondern um einen möglichst direkten Zugang zu ihren Gedanken.

Es ist sinnvoll, die Aussagen von Probanden und Versuchsleiter aufzuzeichnen – hierzu muss man zwingend die Zustimmung der Probanden einholen. Zur Aufzeichnung eignet sich ein beliebiger Audio-Rekorder als Software oder als Gerät. Bei gleichzeitigem Lauten Denken gilt: Erst die Audio-Aufnahme starten und dann mittels eines eindeutigen Signals markieren, wann die Screen-Aufnahme beginnt – so kann man die Aufnahmen später übereinanderlegen und weiß jederzeit, welche Stelle der Proband gemeint hat. Eine spezielle Software wie etwa Silverback übernimmt die Synchronisierung und Aufnahme automatisch.

Hat man zudem die Möglichkeit, das Gesicht des Probanden zu filmen, erlauben Gesichtsausdrücke oder Körperbewegungen (Augen zusammenkneifen, nach vorne beugen) wichtige Rückschlüsse. Nach der Untersuchung kann man weitere Tests durchführen. Ist es beispielsweise wichtig, was die Probanden vom Inhalt behalten haben, bietet sich ein Wissenstest an.

So verhält man sich als Untersuchungsleiter richtig
Fragenkatalog erstellen, um nichts zu vergessen.
Fragen aufzeichnen, damit man später kontrollieren kann, ob man den Probanden beeinflusst hat.
Probanden darauf hinweisen, dass man nur die Website testet. Das nimmt ihnen etwas den Druck.
Probanden bei Bedarf zu Lautem Denken anregen („Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“).
Zunächst nur offene Fragen stellen („Was denken Sie darüber?“).
Geschlossene Fragen nur verwenden, wenn die Probanden das Thema bereits angesprochen haben („Hätten Sie etwas anderes erwartet?“, nachdem ein Proband seine Überraschung ausgedrückt hat).
Suggestive Fragen sind tabu („Finden Sie, dass das Logo zu klein ist?“).

Auswertung

Die Auswertung ist der arbeitsintensivste Teil jeder Usability-Studie. Drei Schritte sind hier sinnvoll: Transkription, Zusammenfassung und Interpretation.

Bei der Transkription geht es darum, eine schriftliche Fassung der Aufzeichnungen anzufertigen. Beim nachträglichen Lauten Denken kann man die einzelnen Erkenntnisquellen zunächst unabhängig behandeln und erst danach aufeinander beziehen. Beim gleichzeitigen Lauten Denken hingegen ist es wichtig, dass der Untersuchungsleiter die Daten aus verschiedenen Quellen zeitgleich aufeinander beziehen kann. Dabei hat sich eine tabellarische Darstellung als sinnvoll herausgestellt, da man so verschiedene Teilaspekte der Daten übersichtlich nebeneinanderstellen kann. Die Infobox unten gibt einen Vorschlag über die verwendeten Spalten, den man den eigenen Bedürfnissen anpassen kann.

Nummerierung sinnvoll zum späteren Verweis auf die Textstellen, idealerweise verwendet man für jeden neuen inhaltlichen Aspekt eine neue Zeile mit einer eigenen Nummer
Nutzeraussagen möglichst wörtliche Transkriptionen
Handlungen Aktivitäten des Nutzers mit der Webseite und dem Browser, z. B. Klicks auf Navigationspunkte oder den Back-Button
Mimik und Gestik hier achtet man auf Handlungen, die Anhaltspunkte für die Interpretation geben, etwa Augen zusammenkneifen oder Vorbeugen

Bei der Zusammenfassung der Daten geht es darum, die große Menge auf ein überschaubares Maß zu bringen, ohne sie zu verfälschen. Das ist besonders für die Transkription des Lauten Denkens sinnvoll. Ein Beispiel: Die beiden Aussagen „Wo ist der Warenkorb?“ und „Ist hier nicht so ein Einkaufswagen-Symbol?“ kann man als „Proband findet Warenkorb nicht“ zusammenfassen. Am besten schreibt man die Zusammenfassung in eine Spalte direkt neben der wörtlichen Transkription – so kann man später jederzeit überprüfen, ob die Zusammenfassung den Inhalt verfälscht hat.

Bei der Auswertung schließlich bezieht man die Zusammenfassungen und die Notizen zu Nutzerinteraktionen und Mimik/Gestik aufeinander. Dabei muss man sowohl auf eindeutige Aspekte (Proband fragt nach Warenkorb, kneift Augen zusammen und klickt an verschiedenen Stellen) als auch auf Widersprüche (Proband drückt Verwirrung aus, findet den gesuchten Navigationspunkt aber direkt) achten. Lassen sich diese Widersprüche auflösen? Könnte der richtige Klick zufällig gewesen sein? Könnte es Gründe geben, warum der Proband nicht die Wahrheit gesagt hat? Gibt es Anhaltspunkte für diese Interpretationen, zum Beispiel aus Gestik und Mimik?

Am Ende der Auswertung steht eine Übersicht mit Erkenntnissen, mit denen man arbeiten kann. Hat man zwei Gruppen von Probanden angelegt, kann man nun direkte Rückschlüsse auf Vor- und Nachteile der getesteten Varianten ziehen. Hat man hingegen nur eine Gruppe, geben die Erkenntnisse Anhaltspunkte für konkrete Verbesserungen. Dass man auch diese in einem späteren Schritt testen sollte, versteht sich mittlerweile von selbst.

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4 Antworten
  1. von Andreas am 04.05.2012 (12:34 Uhr)

    "... Teilt man die Versuchspersonen in zwei Gruppen auf, kann man später gut vergleichen, welche Gruppe das Szenario am besten gelöst hat."

    Argh! Epic fail in der Formulierung! Personen scheitern nicht - nur Testobjekte. Es wird ja nicht die Person, sondern das Testobjekt geprüft! Das ist immens wichtig!

    Manche Menschen suchen Fehler nämlich umgehend bei sich selbst: "Ich verstehe das halt nicht, tut mir leid, dass ich die Aufgabe nicht geschafft habe." Und plötzlich sehen sie sich in einer Prüfungssituation: Stress, Erfolgsdruck, Angst "um Gottes willen, hoffentlich blamiere ich mich nicht", ...

    Wozu aber überhaupt Gruppen vergleichen? Das steht hier nicht. Oder hab ich es überlesen? Das macht nur Sinn, wenn ich feststellen will ob eine Gruppe A (junge Menschen) mit einer Webseite besser zurecht kommt als eine Gruppe B (alte Menschen). Oder wenn ich zweit verschiedene Varianten einer Webseite teste - mit welcher Varianten kommen die Tester besser zurecht?

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  2. von Max am 07.05.2012 (11:00 Uhr)

    Unmoderierte Remote Usability-Tests sind auch noch eine Alternative, die man sich anschauen kann.
    Bei uinspect beispielsweise können Usability-Tests auch einfach per Online-Formular beauftragt werden.

    Die Videos mit Sprach- und Bildschirmaufzeichnung der Testpersonen sind dann schon wenige Stunden später abrufbar.

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  3. von Solarstrom Simon am 17.05.2012 (16:14 Uhr)

    Aktualität und Inhalte für den Nutzer sind wichtig.

    Die Idee mit den Test kosten Günstig bringt einiges.

    Irgendwann ist man von seiner eigenen Gestaltung so Überzeugt das man glaubt das wäre es......

    mit sonnigen Grüßen Solarstrom Simon

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  4. von Lothar Seifert am 21.05.2012 (10:42 Uhr)

    Wenn man selbst eine Webseite gestaltet, dann hat man die so oft angeschaut, dass einem Fehler kaum noch auffallen. Das Prüfen durch weitere Personen ist sehr sinnvoll. Danke für die Tipps. Eine gute Möglichkeit habe ich bei einer speziellen Gruppe im Netzwerk Xing gefunden. Die Ratschläge hier hier kommen ehrlich und unvoreingenommen.

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