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Das Wechat-Phänomen: Wie eine einzelne App den chinesischen Markt beherrscht

(Foto: Kevin Münkel)

Mit Wechat hat der chinesische Konzern Tencent ein eigenes Ökosystem für Unternehmen mit mehr als 900 Millionen Nutzern geschaffen. Doch auch für Privatpersonen ergeben sich ganz neue Geschäftsmodelle.

Ying ist früh aufgestanden. Sie versucht meist, ihren kleinen Pfannkuchen-Stand aufzubauen, bevor die Sonne aufgeht. Für umgerechnet sechzig Cent gibt es das chinesische Frühstück mit Ei und Kräutern. Für einen Euro kommt noch ein Würstchen dazu. An der Seite steht eine kleine Metallschale für das Kleingeld, das die Kunden hineinwerfen, wenn Ying den Teig auf die heiße Platte gießt. Die Schale füllt sich seit ein paar Jahren aber kaum noch. Nicht, weil der Laden nicht mehr gut läuft, sondern weil die meisten Kunden, die morgens auf dem Weg zur Arbeit an ihrem Stand vorbeikommen, mit dem Handy bezahlen. Dafür nutzen sie einen QR-Code, der, auf ein kleines Papierstück gedruckt, neben der Kleingeld-Schale baumelt. Scannen die Kunden den Code, können sie direkt die Summe eintippen. Ying nickt dann nur kurz, wenn es auf ihrem Handy piept. Danach brät sie weiter.

Dass sogar kleine Händler wie Ying digitale Bezahlmethoden nutzen, wäre in Deutschland undenkbar. Dafür nutzen hierzulande viel zu wenige Menschen das Handy als Geldbörse. In ­China ist das anders: Ob an einem informellen Stand auf einem der Nachtmärkte, im Hotel bei einer Geschäftsreise oder beim Kauf des neuen Motorrollers: Chinesen zücken am liebsten ihr Smartphone, statt umständlich nach Geld zu kramen. Bezahldienste im Westen können da nicht mithalten. Über Paypal liefen 2016 insgesamt rund 6,1 Milliarden Überweisungen. In China waren es allein am Tag für Singles im November – ein Tag vergleichbar mit dem Valentinstag – mehr als eine Milliarde Überweisungen über den Bezahldienst Alipay. Im letzten Quartal 2016 wurden 1,74 Billionen Euro (12,8 Billionen Yuan) über Apps verschickt.

Dauerbegleiter Smartphone

Die Beliebtheit der neuen Bezahlmethoden erklärt sich im Umgang der Chinesen mit dem Internet. Ob bezahlen, chatten, spielen, einkaufen oder netzwerken: Alles läuft über das Handy. Neun von zehn Nutzern gehen mit dem Smartphone online. Während die Deutschen ihr Handy auch Mal zu Hause lassen, ist es in ­China zu einem Dauerbegleiter geworden, der immer in der Hosen­tasche ist. Das beeinflusst die Netzkultur: „Da die meisten Chinesen keinen Laptop haben, sondern mit ihrem Handy im Internet sind, brauchen sie einfache Lösungen für ihre mobilen Geräte“, sagt Maximilian Rech von der Universität ESSCA in Shanghai. Unternehmen füllen mit ihren Diensten ein Vakuum, das es in anderen Ländern in dieser Form nicht gab. Durch die Desktopkultur sind etwa in Deutschland bereits viele digitale Lösungen entstanden. Weil die Chinesen die PC-Ära aber quasi übersprungen haben, ist das in der Volksrepublik nicht gegeben. Denn die chinesische Regierung hat die Wirtschaft zwar Ende der 1970er Jahre geöffnet, viele Branchen werden aber bis heute von Staatsunternehmen dominiert.

Der Finanzsektor ist ein Beispiel dafür: Er ist ineffizient und veraltet, Geldgeschäfte dementsprechend aufwendig und umständlich. In den Filialen müssen Nutzer selbst für eine einfache Überweisung einen Stapel Papiere ausfüllen. In ländlichen Gebieten gibt es kaum Filialen, sodass hunderte Millionen Menschen gar kein Konto besaßen, bevor Alipay und die Konkurrenten mit ihren digitalen Bezahldiensten auf den Markt kamen. Heute können die Chinesen mit ihrem Smartphone nicht nur bezahlen, sondern auch Aktien kaufen, einen Kredit aufnehmen und ihre Kreditwürdigkeit in einem schufaähnlichen Dienst dokumentieren.

Entsprechend viele Chinesen verwenden die Bezahl-Apps: Alipay zählt 400 Millionen Nutzer und kommt auf  einen Marktanteil von 54 Prozent in der Volksrepublik. Der Dienst wächst auch ins Ausland: Seit Kurzem können Touristen selbst auf dem Fischmarkt in Sydney, der jährlich 330.000 Chinesen anzieht, mit Alipay bezahlen. In Hongkong und Südafrika ist es ebenfalls voll nutzbar. Konkurrenz bekommt Alipay von Wechat Wallet. Er ist der zweitwichtigste Anbieter mit einem Marktanteil von 37 Prozent. Obwohl der Dienst bei der Nutzerzahl von Alipay nicht mithalten kann, hat er einen entscheidenden Vorteil: Er ist in die beliebteste App des Landes integriert – Wechat.

Mit der digitalen Brieftasche den Strom bezahlen, per QR-Code das Fahrrad ausleihen, auf der Firmenseite von VW surfen: Auf Wechat ist alles möglich. (Screenshots: Lea Deuber)

Die App führt mit 889 Millionen aktiven Nutzern die Hitliste chinesischer Appstores an. Ein Drittel der Zeit, die die Chinesen mit ihrem Smartphone verbringen, bewegen sie sich im Universum ihres Wechat-Accounts: Sie lesen im Durchschnitt sieben Artikel pro Tag in der App, verbringen fast eine Stunde täglich dort. Entwickelt wurde das Programm 2011 von Tencent – obwohl die südchinesische Firma bereits mit dem Messenger QQ erfolgreich war. Die zweite App sollte aber eine andere Ausrichtung erhalten: Wechat funktioniert heute mehr wie eine Serviceplattform als ein Messenger. Die Netzwerke der Nutzer sind kleiner und privater, im Schnitt hat jeder nur rund 100 Kontakte. Anders als bei Instagram und Twitter können sie anderen Personen nicht folgen, sondern bewegen sich in ihrem privaten Netzwerk. Sie müssen nicht ihren Klarnamen angeben und können nicht sehen, ob jemand die von ihnen verschickte Nachricht bereits geöffnet hat. So entsteht eine Vertraulichkeit, die vielen Nutzern gefällt. Zwar besuchen die Chinesen auch Plattformen, auf denen sich Stars, Schauspieler und Sänger präsentieren, das Blogportal Weibo zum Beispiel. Aufgrund der privaten Atmosphäre teilen viele Nutzer ihre persönlichen Vorlieben und Einkäufe auf Wechat aber bereitwilliger, als sie es vielleicht bei Weibo oder Facebook machen würden.

Zum Erfolg von Wechat hat zudem die offene Schnittstelle beigetragen. In der App gibt es neben privaten Accounts auch Profile für Unternehmen und andere Organisationen, die dort aktiv sind. Durch die Schnittstelle können Unternehmen ihre Dienste unkompliziert mit der App verknüpfen. Das heißt: Wer in der Timeline eines Freundes eine Hose entdeckt, die ihm gefällt, muss diese weder bei Google suchen noch in eine separate App für die Bestellung wechseln. Er klickt schlicht auf das verknüpfte Bild, wird auf die Seite des Herstellers geleitet, eine für die App optimierte Miniseite, kann die Hose kaufen und direkt bezahlen. Diese Seiten sind nicht mit Facebook-Profilen von Unternehmen zu vergleichen. Sie sehen eher aus wie konzern­eigene Internetseiten mit angeschlossenem Onlineshop. Dazu kommt cleveres Marketing: Egal wo jemand kauft, er bekommt meist auch direkt ein paar Gutscheine dazu, die er wiederum über die eigene Timeline teilen kann. So animiert er andere Wechat-­Nutzer, über den Dienst ebenfalls Produkte zu bestellen und zu kaufen.

Wechat und die Nützlichkeitskultur

Ob große Automarken, Sporthersteller oder Handyproduzenten: Jeder hat in China ein Wechat-Konto. Und es lassen sich immer mehr Dienstleistungen aus dem „normalen“ Leben anschließen. Beispielsweise die Terminvergabe im Krankenhaus, der Installateur, der die Waschmaschine repariert, oder das Badminton­studio, das Plätze vermietet: Alles ist in der App nur ein paar Klicks entfernt. Mittlerweile können Chinesen sogar Visa für unter anderem die USA, Frankreich und Südafrika über den Dienst beantragen. „Fangbian-Kultur“ nennt das Digitalexperte Rech, das bedeutet übersetzt so viel wie Nützlichkeitskultur. „Apps sind beliebt, wenn sie praktisch sind und dem Konsumenten das Leben erleichtern“, so Rech. Wechat sei dafür ein Paradebeispiel, weil die App alles aus einem Guss anbiete.

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Eine Reaktion
Markus

Und was gibt es vergleichbares? Nichts! Weil wir es immer so kompliziert und perfekt mögen und damit gar nicht erst aus dem Quark kommen .. Und dann haben wir noch so viele Regularien, Vorschriften und Regeln, die uns bald lähmen.

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