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8.000 Spielzüge in 26 Minuten: Der beste Starcraft-Spieler Deutschlands

8.000 Spielzüge in 26 Minuten: Der beste Starcraft-Spieler Deutschlands

Starcraft II ist das schnellste Computerspiel der Welt und Giacomo Thüs einer der besten deutschen Spieler. Ein Treffen mit jemandem, der keine Zeit zu verlieren hat.

8.000 Spielzüge in 26 Minuten: Der beste Starcraft-Spieler Deutschlands

Giacomo Thüs ist einer der besten Starcraft-Spieler Deutschlands. (Foto: Thekla Ehling)

Es ist fast keine Bewegung zu sehen. Die Augen sind entspannt, aber konzentriert, der Rücken leicht durchgestreckt, die Beine unter dem Sitz des Stuhls gekreuzt. Das Gesicht wirkt im blauen Licht des Monitors ein wenig bleich. Auf dem Bildschirm ist ein Gewusel aus virtuellen Einheiten, Blitzen und Feuerbällen zu sehen. Man hört das leise Summen des Computers, ansonsten ist der dunkle Raum vom Klicken der Tastatur erfüllt. Die Finger der linken Hand rasen über die Tasten, die rechte schiebt die Maus in einer rasanten Choreografie über den Tisch. Giacomo Thüs ist gut in Form heute, bis zu 300 Aktionen sind es dann, die er in einer Minute ausführt. Nach zwei Runden und einer Spielzeit von 26 Minuten und 34 Sekunden hat er den Gegner besiegt. In knapp 8.000 Spielzügen, von denen jeder spielentscheidend sein kann.

Giacomo Thüs ist einer der besten Starcraft-II-Spieler Deutschlands. Er ist einer der wenigen, die davon leben können, zu spielen. (Foto: Thekla Ehling)
Giacomo Thüs ist einer der besten Starcraft-II-Spieler Deutschlands. Er ist einer der wenigen, die davon leben können, zu spielen. (Foto: Thekla Ehling)

Starcraft II ist wohl das schnellste Computerspiel der Welt und Giacomo Thüs ein Meister der Geschwindigkeit. Er ist einer von wenigen Deutschen, die davon leben können, zu spielen. Sein Werbepartner zahlt ein festes Gehalt, dazu kommen Preisgelder, je nach Saison und Spielerfolg können es im Monat durchaus vierstellige Beträge sein. Zum Studieren kommt der 25-Jährige im Moment nur nebenbei. Spielen heißt für ihn Arbeiten. Wie ein Leistungssportler konzentriert er sich auf eine gute Vorbereitungsphase vor großen Turnieren, auf genug Schlaf vor wichtigen Spielen und auf Austausch und Training mit anderen Profis. Anfang des Jahres 2013 stand er als einziger Deutscher unter den letzten drei Spielern der Intel Extreme Masters, einem der wichtigsten Turniere weltweit. Jetzt ist September und gerade trainiert er für die ESL Pro Series, die deutschen Meisterschaften der Starcraft-Szene. Um sich optimal vorbereiten zu können, hat sich Giacomo Klausur verordnet und ist mit ein paar Freunden ins mittelhessische Linden gefahren. Hier hat er die nötige Ruhe, um Geschwindigkeit zu trainieren.

Das Vereinsheim von Team Alternate, das mitten auf dem Firmengelände des Computerzulieferers liegt. Hier trainiert der Starcraft-Profi und bereitet sich auf Wettkämpfe vor. (Foto: Thekla Ehling)
Das Vereinsheim von Team Alternate, das mitten auf dem Firmengelände des Computerzulieferers liegt. Hier trainiert der Starcraft-Profi und bereitet sich auf Wettkämpfe vor. (Fotos: Thekla Ehling)

„Das Navi schickt mich mitten ins Industriegebiet.“

Das Navi schickt mich mitten ins Industriegebiet. Das Vereinsheim des Teams Alternate liegt auf dem Firmengelände des Computerversandhandels und ist komplett zugeparkt, denn nebenan wird gerade ein monströser Sattelschlepper entladen. Kistenweise Computer und Unterhaltungselektronik. Auch in den gefliesten, verdunkelten Räumen sieht es ein wenig aus wie in einem Lager – in geöffneten Kisten stehen Breitbildschirme und Tastaturen, außerdem surren bestimmt 10 Rechner unter den Tischen. Die Rollläden sind fast komplett geschlossen, das meiste Licht spendet ein großes, leuchtendes Rechteck, das ein Beamer auf die Wand wirft. „This Stream is currently offline“ steht darauf. Im Fenster stehen große Pokale, wie man sie bei einem Vereinsheim erwartet. Giacomo, den hier alle nur mit seinem Spielernamen ,Socke‘ anreden, ist etwas müde – gestern Nacht hatte er noch ein wichtiges Spiel. Gerade ist er aus der Dusche gekommen, die langen Haare hängen ihm in nassen Strähnen bis zu den Schultern. Eigentlich lebt Giacomo in Siegen, wo er Sozialwissenschaften und Englisch auf Lehramt studiert. Aber dass man Alltag und Spielen unter einen Hut bekommen muss, ist ihm nicht neu. Schon als Ende der 90er Jahre der erste Teil von Starcraft erschien, war er von der strategischen Herausforderung und der unglaublichen Geschwindigkeit so fasziniert, dass er tiefer einstieg. „Ich spiele eigentlich nur, wenn ich weiß, dass ich eine Qualifikation schaffen muss, oder wenn ich mich auf ein wichtiges Spiel vorbereite,“ sagt er. Sein erstes größeres Finale vor mehreren 100 Zuschauern absolvierte er bereits mit 13 Jahren. Mitte 2004 gehörte er bereits zu den Besten des Landes. Aber dann platzte eine Qualifikation, in die er viel Zeit und Energie gesteckt hatte, und Giacomo entschied sich für eine Spielpause. Sie dauerte bis vor drei Jahren, als der lang erwartete Nachfolger Starcraft II erschien. Giacomo stieg wieder ein und nahm schnell Fahrt auf. Dank seiner Erfahrung und Fingerschnelligkeit war er bald wieder an der Spitze.

Man kann nicht sagen, dass Starcraft ein Zuschauersport ist.

Schnell, schneller, Starcraft: Wer das Spiel auf Wettkamp-Niveau spielen will, braucht eine schnelle Hand. (Foto: Thekla Ehling)
Schnell, schneller, Starcraft: Wer das Spiel auf Wettkamp-Niveau spielen will, braucht eine schnelle Hand. (Foto: Thekla Ehling)

„Wer gegen einen Profi spielt, fühlt sich in etwa so, als würde er mit zwei Händen voll Schachfiguren beworfen.“

Auch wenn in Deutschland, Skandinavien und vor allem Korea bisweilen Events mit über 10.000 Zuschauern stattfinden, auch wenn es eigene Fernsehsender gibt, die Spiele online übertragen – dem Außenstehenden erschließt es sich nur langsam. Vielleicht hilft ein Vergleich mit dem König aller Spiele: Ebenso wie Schach ist Starcraft ein reines Strategiespiel. In beiden kann es der Spieler zu einer großen Meisterschaft bringen. Beide haben eine eigene Wettkampfkultur hervorgebracht, die in bestimmten Kreisen ein großes Publikum anzieht. Im Unterschied zu Schach verfügt das Spielfeld von Starcraft jedoch über ca. 50.000 Felder und 200 Figuren für jedes Team. Alles was geschieht, die eigenen Züge und die des Gegners, die Angriffe, Konter und Bluffs, geschieht nicht in Runden, sondern gleichzeitig. Und wer gegen einen Profi spielt, der seine Einheiten in einem virtuosen Rush über das Spielfeld jagt, fühlt sich in etwa so, als würde er mit zwei Händen voll Schachfiguren beworfen. Was darüber hinaus über die verschiedenen Strategien, Spielstile oder die Vor- und Nachteile der spieleigenen Rassen gesagt werden kann, füllt unzählige Websites, eigene Fernsehkanäle, Handbücher, Trainingstutorials und Expertenbeiträge. Gerade in der Generation der 14- bis 25-Jährigen besitzen Spiele wie Starcraft II eine unglaubliche Popularität und haben zur Entstehung einer eigenen Branche geführt: dem E-Sport. In Deutschland begann die Erfolgsgeschichte dieses Phänomens Mitte der 90er mit einigen Freunden, die leidenschaftliche Zocker sind. Sie stellten eine Liste ins Internet, auf der sich Gleichgesinnte für Turniere eintragen können, dann packten sie ihre Rechner in einen alten Ford Transit und verbrachten Wochenende für Wochenende mit elektronischen Wettkämpfen. Die Events wuchsen, aus dem losen Netzwerk wurde eine Szene und später ein Ligensystem, deren Organisation sich am Beispiel des Fußballs orientiert. Heute ist die ESL – Europäische E-Sports Liga – eine internationale Plattform mit über drei Millionen registrierten Spielern.

Ein Ortsbesuch im Kölner ESL-Studio.

Das Publikum – „Irgendwie scheint niemand in diesem Raum über 30 zu sein.“ (Foto: Thekla Ehling)
Das Publikum – „Irgendwie scheint niemand in diesem Raum über 30 zu sein.“ (Foto: Thekla Ehling)

Giacomo ist als einer der Favoriten in die Winterserie gestartet und spielt heute ein Qualifikationsspiel für die Finals – offline und vor Live-Publikum. Es ist ein kalter Oktobertag, die Straßenbahn hält direkt gegenüber der Herbstkirmes, einer Welt aus glitzernden Lichtern und Budenzauber. In der Welt des digitalen Spielbetriebs ist hingegen alles in kühlem Blau gehalten. LED-Charme statt Lichterketten. Das Publikum ist aus ganz Deutschland gekommen. Ein Spieler ist aus Bayern angereist, um bei diesem Match dabei zu sein, neben uns werden Mitfahrgelegenheiten nach Kassel ausgetauscht. Die Zuschauer sitzen auf Treppenstufen, an der Bar, wo es kostenlose Drinks gibt, oder in der Legoecke, wo man den Sternenzerstörer von Star Wars bauen kann. Irgendwie scheint niemand in diesem Raum über 30 zu sein. Das Kamerateam, die Moderatoren und die Aufnahmeleitung inklusive. Fast alle Mitarbeiter rekrutiert das Unternehmen aus der Spielerszene: Die Branche ist wie eine große Familie, hier gibt es für jeden etwas zu tun. Auch wenn das Event heute gut vorbereitet und professionell präsentiert ist, wirkt alles ein wenig hemdsärmelig, die Anmoderationen scheinen weitgehend improvisiert, immer mal läuft jemand durchs Bild, die Kommentatoren haben Probleme mit dem Videostream. Wie ein richtiges Business wirkt der E-Sport nicht und das scheint durchaus beabsichtigt zu sein. Über die Studiomonitore wird das Spiel übertragen, die Moderatoren aus dem Nebenraum kommentieren aufgeregt. Neben der Spielkarte ist eine Nahaufnahme von Giacomo eingeblendet. Sein Gesicht wirkt anwesend und abwesend zugleich. Eine Meditation in Geschwindigkeit. „Schaut Euch ruhig um, heute habt ihr die einmalige Gelegenheit, mal den Profis über die Schulter zu schauen“, versucht der Moderator uns zu motivieren. Aber in der hinteren Ecke des Studios, wo die Spieler in ihre Partien vertieft sind, bleibt es ruhig. Ihre spürbare Konzentration baut eine unsichtbare Grenze auf, die keiner zu überschreiten wagt.

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5 Antworten
  1. von Dominik am 04.10.2014 (17:18 Uhr)

    Vielen Dank für diesen gut geschriebenen, ohne Vorurteile auskommenden Artikel, der die E-Sport Szene (bzw einen kleinen Teil davon) neutral aus der Sicht eines Aussenstehenden beschreibt!

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  2. von Dennis am 04.10.2014 (18:28 Uhr)

    Ich muss auch sagen, vielen Dank. Das war ein richtig schöner und interessanter Artikel. Es gehört viel dazu, ein guter Spieler zu werden. Was schön gewesen wäre, wenn Ihr ihn gefilmt hättet beim Spielen, damit man mal ne optische Vorstellung von 300 Spielzügen pro Minute hat.

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  3. von Dima am 06.10.2014 (10:07 Uhr)

    Sehr guter Artikel. Vielen Dank. Ein Lob an den Autor.

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  4. von Nikolai am 07.10.2014 (09:04 Uhr)

    War ein bisschen erstaunt, so etwas hier auf t3n zu sehen. Guter Artikel.

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  5. von Zeth am 09.10.2014 (14:11 Uhr)

    ausgezeichneter Artikel

    objektiv und angemessen geschrieben!

    Viele Dank!

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