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Kolumne

Wie die Ablenkungsökonomie uns ständig den Blick auf das Wesentliche versperrt

    Wie die Ablenkungsökonomie uns ständig den Blick auf das Wesentliche versperrt

(Bild: Shutterstock /AleksOrel)

Filterblasen sind nur ein Teil eines viel größeren Problems: der ständigen Suche nach Ablenkung von den wichtigen Problemstellungen unserer Zeit, bemerkt Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Seit Jahren läuft die Debatte über digitale Filterblasen und die möglichen Folgen. Die Positionen dazu gehen auseinander. Die einen sagen, Filterblasen als Online-Theorie seien überschätzt. Andere dagegen sehen in Folge einseitiger Informationsbeschaffung über Echokammern in sozialen Medien die Demokratie bedroht. Wieder andere zweifeln das Phänomen ansich nicht an, sehr wohl aber die angebliche Schuld der Algorithmen. Entlang dieser Linien wird im Prinzip seit dem Erscheinen von Eli Parisers Buch zur Filterbubble diskutiert. Zuletzt in Folge der allgemeinen gesellschaftlichen und medialen Polarisierung und ganz aktuell mit Blick auf den Wahlsieg von Donald Trump mit gestiegener Intensität.

Doch vielleicht sind Filterblasen ohnehin nicht das große Problem unser Zeit und eigentlich nur Ablenkung von etwas viel Wesentlicherem: nämlich eben besagter Ablenkung – der menschlichen Tendenz, die Aufmerksamkeit ständig auf andere Dinge zu richten als die, die wirklich eine Rolle spielen.

Den Drang, auf komplexe, schier unlösbare, mitunter schwer fassbare Fragestellungen der Gegenwart mit der Kreation einfacher, massen- und medientauglicher Schein-Probleme zu reagieren und somit vom Kerndilemma abzulenken, skizziert Adam Curtis derzeit in seiner brillianten neuen Dokumentation HyperNormalisation. Der britische Dokumentarfilmer schildert die Tendenz der politischen Eliten des Westens, aufgrund ihnen über den Kopf wachsender System-Komplexität in den letzten Jahrzehnten simplifizierte Gut-und-Böse-Narrative geschaffen zu haben, um von der eigenen Hilflosigkeit abzulenken. Aus Problemlösern wurden Problemverwalter und Risikomanager, die vor allem damit befasst sind, die Fassade einer angeblichen Realität aufrecht zu erhalten. Mit einem massiven Verlust des Vertrauens in die Politik zur Folge.

Den Hang zur Suche nach Ablenkung und zur Fabrizierung von passenden Stories trifft im digitalen Zeitalter auf fruchtbarsten Boden. Kaum ein Begriff beschreibt die digitale Realität passender als „Ablenkung“. Jede Minute der Nutzer ist umkämpft. Nicht umsonst ist von einer Aufmerksamkeitsökonomie die Rede. Wobei „Ablenkungsökonomie“ noch passender wäre. Um die Aufmerksamkeit der User buhlen dabei neben dem klassischen kurzweiligen Prokrastinationsmaterial eine Vielzahl von Diskussionen, tausende Nachrichten und unzählige Micro-Konflikte. Tweets machen sie wütend. Emotional aufreibende Facebook-Post ziehen sie in lange, anstrengende Kommentar-Debatten (was etwas anderes ist als die von mir vorgeschlagene „einem Troll pro Tag widersprechen“-Strategie). Ein sich über einen wahrgenommenen Missstand Luft machender, aufwühlender Blogbeitrag gewinnt erfolgreich ihre Beachtung. Eine Freundin konfrontiert sie mit einer kontroversen Meinung per Whatsapp. Ein Shitstorm, mit einer bekannten Person im Mittelpunkt, zieht sie in ihren Bann. Jeder einzelne Sachverhalt deklariert für sich, wichtig zu sein.

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Eine Reaktion
DRSI
DRSI

Ich habe mich einmal von einem angeblichem Zitat von Albert Einstein ablenken lassen.
Sinngemäß soll er gesagt haben:
"Ich bin nicht schlauer als andere Menschen. Ich denke nur länger über ein Problem nach."

Nun habe ich mich erfolgreich damit abgelenkt, einen Kommentar zu schreiben.

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