Das könnte dich auch interessieren

Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Digitales Leben

Wie eine Abschaffung des 140-Zeichen-Limits Twitter radikal verändern würde

    Wie eine Abschaffung des 140-Zeichen-Limits Twitter radikal verändern würde

(Foto: Denys Prykhodov / Shutterstock.com)

Um seine fast schon chronische Stagnation zu überwinden, wird Twitter um radikale Veränderungen nicht herum kommen. Eine zentrale Frage stellt dabei das ikonenhafte 140-Zeichen-Limit dar. Sollte es bleiben oder gehört es abgeschafft? Martin Weigert beleuchtet in seiner Kolumne Weigerts World Pro und Contra.

Twitter-Hauptquartier in San Francisco. (Bild: Flickr-Anthony Quintano / CC-BY-2.0)
Twitter-Hauptquartier in San Francisco. (Bild: Flickr-Anthony Quintano / CC-BY-2.0)

Seit langem befindet sich Twitter in einem latenten Krisenzustand. Die Tatsache, dass das Unternehmen derzeit nicht einmal einen festen CEO vorweisen kann sondern vom ehemaligen Mitgründer Jack Dorsey interimsmäßig geleitet wird, macht die Situation nicht gerade einfacher.

Eines ist allerdings klar: Früher oder später wird sich am Produkt Twitter einiges radikal verändern. Zumindest dann, wenn weiterhin Wachstum bei allen wichtigen Kernzahlen angestrebt wird. Ein charakteristisches Merkmal des Produkts, das eines Tages über Bord geworfen werden könnte, ist die Begrenzung von Tweets auf 140 Zeichen. Es gibt verschiedene Argumente, die für eine derartige Maßnahme sprechen. Aber auch zahlreiche dagegen.

Was für eine Abschaffung des 140-Zeichen-Limits spricht

Weniger erzwungene Simplifizierungen

Ich bin zwar ein Anhänger der Verringerung von Komplexität sowie der sinnvollen Vereinfachung. Allerdings zwingt die Kürze von Tweets viele Nutzer zu übertriebenen Simplifizierungen von Zusammenhängen. Weil eine Differenzierung in 140 Zeichen kaum möglich ist, fallen Aussagen schnell in ein Schwarz-Weiß-Muster. Gerade bei Debatten zu sensiblen und kontroversen Themen sorgt dies für eine nicht sinnvolle Polarisierung von Positionen. Auch ohne die Begrenzung auf 140 Zeichen würden nicht plötzlich alle Twitter-User komplizierte Zusammenhänge als solche anerkennen. Aber sie haben wenigstens die Option dazu.

Weniger fragmentierte Debatten

Seit Marc Andreessen den sogenannten Tweetstorm erfunden hat, verwenden immer mehr Twitter-Nutzer nummerierte Tweet-Ketten, um umfangreichere Gedanken unterteilt in viele kleine 140-Zeichen-Häppchen zu verbreiten. Dies ist ein Workaround mit diversen Schwächen: Er fragmentiert den Diskurs, schafft unübersichtliche Timelines und erschwert aus Sicht von Medienleuten die Referenzierung an anderer Stelle.

Hübschere Tweets

Die Zeichenbegrenzung sorgt dafür, dass Nutzer allerlei kreative Abkürzungen und Stilmittel verwenden, um mehr Zusammenhänge in 140 Zeichen unterzubringen, als mit herkömmlichen Rechtschreibregeln möglich wäre. Das sieht häufig nicht sonderlich schön aus, kann zu Missverständnissen führen und stellt mitunter eine zusätzliche Einstiegshürde für neue, mit dem Twitter-Jargon nicht vertraute Nutzer dar.

Eine Chance auf weniger impulsive Empörung

Twitters Begrenzung auf 140 Zeichen eignet sich prächtig dafür, impulsive, gefühlsgetriebene Empörung zu äußern. Nicht selten stünde den Verantwortlichen etwas mehr Reflexion über einen Sachverhalt gut zu Gesicht. Fiele die durch das 140-Zeichen-Limit erzwungene Prägnanz weg, bestünde zumindest die Chance, dass User ihre emotionalen Ausbrüche ausführlicher zu formulieren versuchen und sich während des dann länger andauernden Schreibvorgangs etwas beruhigen.

Eine ernsthafte Publishing-Plattform

Sollte die Zeichenbegrenzung für Tweets aufgehoben werden, würde Twitter automatisch an Attraktivität für Autoren längerer Texte gewinnen. Anstatt dass der Dienst nur als Distributionskanal von Werbung für an anderer Stelle veröffentlichte Inhalte dient, böte er sich plötzlich für die Veröffentlichung von ausführlicheren Inhalten an. Gerade im Hinblick auf die global vernetzte Nutzerschaft und natürlich vorhandene Viralitäts-Komponente entstünden neue spannende Möglichkeiten der Verbreitung von Content.

Nicht absehbare Konsequenzen

Eine Entfernung des 140-Zeichen-Limits hätte zusätzlich zu all den erwähnten Punkten auch Konsequenzen, die sich im Vorfeld schwer abschätzen lassen. Denn das Look & Feel von Twitter würde sich wandeln, was wiederum die Art und Weise beeinflusst, wie, wann und wie oft Anwender Twitter ihre Aufmerksamkeit widmen. Im Vorfeld nicht oder nur schwer abschätzbare Folgen könnten sich als positiv oder negativ für den Service herausstellen, weshalb dieser Aspekt unter „Pro“ sowie unter „Contra“ gehört.

Twitter hebt die Zeichenbegrenzung auf (Screenshot: Twitter)
Twitter hebt die Zeichenbegrenzung auf (Screenshot: Twitter)

Was gegen eine Abschaffung des 140-Zeichen-Limits spricht

Twitters Leichtigkeit wäre bedroht

In seiner aktuellen Form eignet sich Twitter für das spontane, unverbindliche und kurzzeitige Eintauchen in den Informations-Stream. Der Häppchen-Charakter von Tweets stellt sicher, dass eine Nutzung von Twitter relativ wenig kognitiven Aufwand erfordert. Die individuelle Wichtigkeit und Relevanz der 140-Zeichen-Aussagen lässt sich jeweils blitzschnell evaluieren. Selbst in Situationen mit äußerer Ablenkung. Mit zunehmender durchschnittlicher Textlänge ginge dieser Charakter des Dienstes verloren. Der Konsum von Tweets würde zu einem mental anspruchsvolleren Prozess avancieren, mit einer Verringerung der Attraktivität des Dienstes als Zeitvertreib in kurzen Pausen und womöglich reduzierter Nutzeraktivität als Folge.

Verlust des entscheidenden Differenzierungsmerkmals

Die Begrenzung auf 140 Zeichen ist so eng mit Twitter verknüpft, dass allein ihre Erwähnung genügt, damit jeder halbwegs mit der digitalen Welt vertraute Mensch weiß, wovon die Rede ist. Die Abschaffung des legendären Produktmerkmals würde dem Dienst einen nennenswerten Teil seiner Identität rauben. Was unterscheidet Twitter dann noch von Konkurrenz-Angeboten wie Facebook oder Google+? Diese Frage bereitet den Twitter-Machern ohnehin schon seit langem Kopfschmerzen und würde dann noch dringender werden.

Aufwand für externe App-Entwickler

Twitters 3rd-Party-App-Ökosystem ist nicht sonderlich groß. Dennoch gibt es eine Reihe von primär an Professionals gerichteten Diensten auf Basis von Twitter. Da eine Aufhebung des 140-Zeichen-Limits einen Rattenschwanz an Konsequenzen mit sich brächte, wären sie gezwungen, ihre Anwendungen an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Dieser Punkt dürfte insgesamt nicht groß ins Gewicht fallen, soll aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Eine Beschleunigung des Blogsterbens

Blogging erlebt seit Jahren einen durch zentralisierte, von mächtigen Gatekeepern kontrollierte Online-Plattformen befeuerten Niedergang. Wenn in einem einzigen Tweet ein ganzer Blogpost Platz fände, würde das unweigerlich die Zahl von auf unabhängigen Blogs publizierten Texten weiter verringern.

Nicht absehbare Konsequenzen

Eine Entfernung des 140-Zeichen-Limits hätte zusätzlich zu all den erwähnten Punkten auch Konsequenzen, die sich im Vorfeld schwer abschätzen lassen. Denn das Look & Feel von Twitter würde sich wandeln, was wiederum die Art und Weise beeinflusst, wie, wann und wie oft Anwender Twitter ihre Aufmerksamkeit widmen. Im Vorfeld nicht oder nur schwer abschätzbare Folgen könnten sich als positiv oder negativ für den Service herausstellen, weshalb dieser Aspekt unter „Pro“ sowie unter „Contra“ gehört.

Finde einen Job, den du liebst zum Thema Twitter, Weigerts-World-Kolumne

Alle Jobs zum Thema Twitter, Weigerts-World-Kolumne
7 Reaktionen
Torsten Williamson-Fuchs
Torsten Williamson-Fuchs

Freiwillig den USP (140 Zeichen) aufzugeben, käme aus meiner Sicht der Fehlentscheidung von MTV gleich. Erwachsene werden sich erinnern, dass MTV Mitte der 1990er verschlüsselt hat und seitdem nicht mehr wahrgenommen wird. Wie mir Dieter Gorny damals erzählte, knallten bei VIVA an diesem Tag die Sektkorken. Twitter wird das so nicht machen. Eine Gespensterdebatte, Martin?

Antworten
Martin Weigert

Man weiß eben nie im Vorfeld, ob eine radikale Abkehr von alten Prinzipien falsch oder richtig ist. Bei MTV mag es ein Fehler gewesen sein. In anderen Branchen verschlafen die Alteingesessenen ihre Chance, sich zu verändern und anzupassen - und werde irgendwann ausgestochen.

Was jetzt bei Twitter gilt, ist schwierig zu beurteilen (weshalb ich im Beitrag auch keine Stellung beziehe). Aber angesichts der nicht idealen Lage des Dienstes und der diversen Vorteile, die eine Abkehr vom 140-Zeichen-Limit hätte, empfinde ich den Begriff "Gespensterdebatte" als unpassend. Auch heilige Kühe muss man in Frage stellen - mit offenem Ergebnis natürlich.

Antworten
mercalli12
mercalli12

Die Begrenzung aufzuheben wäre ein Fehler. Wie schon erwähnt ist es DAS USP von Twitter. Evtl. kann man Hashtags Links und @s von den 140 Zeichen ausnehmen, sodass man 140 Zeichen für seinen eigentlichen Text hat. Das wäre schon mal deutlich besser.

Antworten
Mario H.
Mario H.

Da bin ich absolut bei euch. Eine Abschaffung würde nur bedeuten, dass Twitter sich der Konkurrenz angleicht und direkt konkurriert. Und gegen facebook würde Twitter verlieren.
Da lieber Links und @s nicht mitzählen. Und gleichzeitig nach weiteren, neuen USPs schauen.

Antworten
rboab
rboab

Sehe ich genauso: Links und (Links zu) Fotos von der Zeichenbegrenzung ausschließen wäre ein vernünftiger Schritt.
Ich für meinen Teil würde Twitter nicht mehr nutzen wollen wenn mir dort längere Texte ungewollt angezeigt werden würden.

Antworten
Martin Weigert

Ja genau, aber PMs sind imo eine ganz andere, für Twitter (noch) weitaus weniger kritische Geschichte.

Antworten
Lange Sätze
Lange Sätze

In China kann man mit den 140 Zeichen lange Sätze bilden...
140 Worte wäre evtl also ein sinniger Schritt. Aber wie schon Cramer bei CNBC feststellte wissen die Twitter-Bosse wohl nicht, wo es lang gehen soll und sie hätten wohl auch überhaupt nichts falsch gemacht.

War es nicht sogar so, das man 10.000 Zeichen in PMs bei Twitter benutzen darf ?

Antworten

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen