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Startups

Abseits von Berlin: Der heimliche Milliarden-Exit von TeamViewer

    Abseits von Berlin: Der heimliche Milliarden-Exit von TeamViewer

Guter Platz für Startups: München. (Foto: Stefan Jurca / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Auf einen Exit im Milliardenbereich wartet die Startup-Szene in Berlin schon lange. Abseits von Berlin ist dem Software-Unternehmen TeamViewer der Milliarden-Exit längst gelungen.

Als TeamViewer, eine deutsche Software für Fernwartungen von Computern und Onlinemeetings, kürzlich von dem in London ansässigen Private-Equity-Unternehmen Permira übernommen wurde, hat das kaum jemand mitbekommen. Dabei zahlte Permira laut einer Person, die mit der Sache vertraut ist, Anfang Mai 1,1 Milliarden US-Dollar für den Softwarehersteller aus Göppingen in der Nähe von Stuttgart – ein Milliarden-Exit also, nach dem sich die Berliner Startup-Szene schon so lange sehnt.

TeamViewer wollte sich auf Anfrage nicht zu der Höhe der Summe äußern. Permira antwortete auf eine entsprechende Anfrage nicht. Mit der Software können PCs und Macs über das Internet ferngesteuert werden – während gleichzeitig per Videokonferenz telefoniert wird. Für Privatanwender ist die Software kostenlos, Unternehmen müssen zahlen.

Hat fast unbemerkt einen Milliarden-Exit geschafft: TeamViewer. (Screenshot: TeamViewer)
Hat fast unbemerkt einen Milliarden-Exit geschafft: TeamViewer. (Screenshot: TeamViewer)

Auch als die Netviewer AG aus Karlsruhe vor etwas mehr drei Jahren durch das US-Unternehmen Citrix übernommen wurde, sorgte das kaum für Schlagzeilen. Einer informierten Person zufolge sollen damals 150 Millionen Euro geflossen sein. Netviewer wollte diese Summe ebenfalls nicht kommentieren. Dabei zahlte Citrix damals auch einige klassische Startup-Investoren aus, darunter die Samwer-Brüder, den European Founders Fund und T-Ventures, die Wagniskapitalsparte der Deutschen Telekom.

Drittes Beispiel: Vor zwei Wochen hat das israelische Unternehmen Matomy seinen Anteil an der Münchner Digitalmarketingfirma Team Internet AG von 30 auf 70 Prozent aufgestockt. Laut Andreas Bruckschlögl, Regionalvertreter des Bundesverband Deutsche Startups e.V für Bayern, erzielt das Unternehmen einen Jahresumsatz von 23,3 Millionen Dollar und schreibt mit 4,26 Millionen Dollar Ebitda schwarze Zahlen. „Dieser eindrucksvolle Exit wurde leider lediglich mit einer Kurznachricht auf Gründerszene bedacht, andere Portale wiederum haben darüber gar nicht berichtet“, sagt Bruckschlögl. Laut Reuters nannte ein Insider die Summe von 20 Millionen Euro für die Anteile. Ein Manager des Unternehmens wollte sich mit Verweis auf einen unterschriebenen NDA zu diesen Zahlen nicht äußern.

Zu den deutschen Tech-Unternehmen abseits des Medienfokus gehört beispielsweise auch der Business-Softwareanbieter Pro-Alpha aus Weilerbach bei Kaiserlautern. Das Unternehmen ist global aktiv und macht nach eigenen Angaben mit über 400 Mitarbeitern 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Im August 2013 kaufte die Beteiligungsgesellschaft Bregal Capital einen Mehrheitsanteil an dem Unternehmen von den Gründern. Auch Proalpha wollte sich auf Anfrage nicht zur gezahlten Summe äußern.

Stille Übernahmen von „Hidden Champions“ im deutschen Softwaremarkt

Die stillen Übernahmen sind prototypisch für eine Gattung von „Hidden Champions“ im deutschen Softwaremarkt abseits der Berliner Startup-Szene, von denen selbst die interessierte Öffentlichkeit wenig mitbekommt. Viele der Softwareunternehmen stellen anders als Hype-Startups aus Berlin keine Produkte für Endverbraucher her – wirtschaften aber sehr erfolgreich im Hintergrund mit Unternehmenskunden. Besonders im sogenannten Software-Cluster zwischen den Universitäten Darmstadt, Kaiserslautern, Karlsruhe, Saarbrücken sowie dem SAP-Standort Walldorf im Südwesten Deutschlands und im Großraum München sind viele der Business-Software-Unternehmen zu finden.

„Da kann man eigentlich nur Schmunzeln über den Hype um Berliner Startups“

„Da kann man eigentlich nur Schmunzeln über den Hype um Berliner Startups“ sagt Sascha Pfeiffer, geschäftsführender Direktor bei der Unternehmensberatung Altium, die auf Fusionen und Übernahmen spezialisiert ist. „Dort [im Software-Cluster] werden jeden Tag ein bis drei Unternehmen gegründet – und viele werden auch größer als diese B2C-Startup-Buden.“ Als B2C werden jene Unternehmen bezeichnet, die sich an Verbraucher richten, also „Business to Consumer.“

Deutschland genieße im Bereich der B2B-Softwareunternehmen – also jene mit Unternehmenskundengeschäft – international einen guten Ruf im Softwarebereich, ebenso wie Großbritannien und Skandinavien. Stark seien die Deutschen vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Planung und Infrastruktur – das deckt sich mit den Stärken der deutschen Industrie. Anders als bei den meisten Software-Unternehmen, die noch in den 1980er und 1990er Jahren gegründet wurden, stelle sich die aktuelle Gründergeneration von vorneherein global auf, sagt Pfeiffer.

Eine Studie der Europäischen Kommission vom April, die die Hightech-Spitzenzentren Europas untersuchte, sieht München EU-weit sogar auf dem ersten Platz – dahinter folgen der Osten von London, Paris und Karlsruhe. Berlin muss sich auf Platz 15 bei diesem Ranking sogar Bonn auf Platz 12 geschlagen geben. In dem Bericht konnten die Standorte in drei Bereichen Punkte sammeln: Wirtschaftstätigkeit, Forschung und Entwicklung sowie Innovation im Informations- und Kommunikationstechniksektor.

Berlin ist bei der Anzahl der Gründungen vorne

„Es wird immer so getan, als ob sich die New Economy nur in Berlin abspielt – das ist natürlich Quatsch“

„Es wird immer so getan, als ob sich die New Economy nur in Berlin abspielt – das ist natürlich Quatsch“, sagt Unternehmensberater Pfeiffer. „Es gibt tausende Softwareunternehmen in Deutschland, sehr viele davon in Süddeutschland.“ Der aktuelle Gründungsmonitor der staatlichen KfW-Bank weist Rheinland-Pfalz und Hessen – die beiden Bundesländer, in denen der sogenannte Software-Cluster beheimatet ist – als die Flächenstaaten mit der größten Gründungstätigkeit 2013 über alle Branchen hinweg aus. Geschlagen geben müssen sich die Bundesländer allerdings von den beiden Stadtstaaten Berlin und Hamburg.

„Aus meiner Sicht sind Gründe, warum das Tech-Cluster Berlin derzeit die höchste Aktivität zeigt: Entwickler und Gründer bevorzugen die Hauptstadt wegen des Öko-Systems – alle notwendigen Netzwerke finden sich vor der Haustür. Auch sind die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu München, Hamburg und so weiter deutlich günstiger“, sagt Andreas Rüter, IT-Experte und Managing Director beim Beratungsunternehmen Alix Partners. Derartige Aktivitäten zögen wiederum internationale Investoren an, die nach Berlin kämen und dort investierten. Andere Cluster befänden sich aus ähnlichen Gründen in ostdeutschen Städten wie Dresden, Leipzig und Erfurt. „Natürlich bleibt auch viel auf der Strecke, aber das ist normal und im Valley genauso.“

Laut vorläufigen Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) muss sich Bayern bei der Existenzgründerintensität nicht nur den Stadtstaaten Berlin und Hamburg geschlagen geben – es landet auch hinter Hessen und Bremen auf Platz vier. Allerdings nimmt München demnach beim Existenzgründersaldo wiederum eine Spitzenposition ein – denn in Bayern überleben einfach mehr Unternehmen als anderswo. „In den Medien wird die deutsche Gründerszene oftmals mit Berlin gleichgesetzt. Dabei gibt es mittlerweile in jeder Stadt spannende Neugründungen, über die nur oftmals leider nicht berichtet werden“, sagt Startup-Lobbyist Bruckschlögl.

Auch in Hamburg gibt es Kandidaten für den Milliarden-Exit

Neben den Berliner Unternehmen Wooga, Soundcloud, Researchgate, 6Wunderkinder und Zalando sieht Christian Miele, Vorstand des Bundesverbands Deutsche Startups, auch die beiden Hamburger Unternehmen Kreditech und Facelift als mögliche Kandidaten für einen Milliardenexit. „Bei Kreditech bin ich mir nach der aktuellen Finanzierungsrunde sicher“, sagt Miele, der derzeit die Internationalisierung bei dem Unternehmen verantwortet. Das Hamburger Unternehmen hatte vergangenen Monat zuletzt weitere 40 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt. Kreditech berechnet anhand von Online-Beziehungen und Bewertungen auf Plattformen wie Facebook und eBay die Kreditwürdigkeit und will damit eine Art Schufa für die ganze Welt sein. Facelift ist ein Unternehmen, das sich auf Facebook-Marketing spezialisiert hat und laut dem Branchendienst Gründerszene zuletzt im Februar 15 Millionen Dollar eigesammelt hatte.

Ein großer Unterschied besteht zwischen der vor allem auf Verbraucher ausgerichteten wilden und bunten Startup-Welt in Berlin und der eher im Verborgenen, aber sehr wirtschaftlich arbeitenden Welt der Business-Software vor allem im süddeutschen Raum: Letztere reden nicht gerne über ihr Geschäft. Bei den Unternehmen stoßen Medienanfragen auf Mauern des Schweigens – bis auf dürftige Presseinformationen dringt nichts nach draußen. Pfeiffer selbst sagt, dass sein Unternehmen viele Gründer zu Millionären gemacht habe. Doch öffentlich darüber reden will so gut wie niemand. „Die meisten sind total bescheiden“, sagt Pfeiffer.

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Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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