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Kolumne

Amazon: Mit der Cloud auf dem Weg zum wertvollsten Konzern der Welt

    Amazon: Mit der Cloud auf dem Weg zum wertvollsten Konzern der Welt
(Foto: Shutterstock)

Auch 2016 hat Amazon an den Kapitalmärkten erneut Stärke bewiesen. Ob der E-Commerce-Riese langfristig den Börsenthron erklimmen kann, fragt sich Nils Jacobsen in seiner Wall Street Valley-Kolumne.

Es ist wieder diese Zeit des Jahres: Kaufen, bis die Kreditkarte glüht. Der natürliche Profiteur des Weihnachtsgeschäfts ist naheliegenderweise der weltgrößte Online-Einzelhändler Amazon. Der vor 22 Jahren von Jeff Bezos gegründete Internet-Pionier der Web 1.0-Ära hat einen weiten Weg zurückgelegt: vom chronisch defizitären Online-Kaufhaus zum zweitwertvollsten Internetkonzern der Welt – übrigens nach der Google-Muttergesellschaft Alphabet. Im Spätsommer klopfte Amazon bereits an die Tür der Top 5 der Börsenwelt und ist heute bereits 350 Milliarden Dollar wert – sogar 400 Milliarden Dollar waren es im Oktober zum Allzeithoch bei Kursen von über 840 Dollar.

Amazon erlöst bereits deutlich mehr als Alphabet und Microsoft

Dann kam Trump – und mit ihm das Ende der furiosen Börsenrallye. „Sie werden Probleme bekommen, wenn ich Präsident bin“, hatte Trump im Wahlkampf immer wieder getönt. Der neu gewählte Präsident stört sich offenkundig an Amazons monopolähnlicher Stellung im Online-Handel und Bezos’ verlegerischem Ehrgeiz mit der Washington Post, die nicht zuletzt für die Veröffentlichung des Skandalvideos von Donald Trump und Billy Bush verantwortlich war. Es dürften – wie so oft bei Trump – Nebengeräusche bleiben.

Tatsächlich ist Amazons Aufstieg eine der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten, die die USA seit Ende der Zweiten Weltkrieges erlebt haben. Enorme 134 Milliarden Dollar dürfte der Internet-Gigant in diesem Jahr umsetzen – das ist eine Größenordnung, mit der Jeff Bezos sogar wertvollere Tech- und Internetriesen wie Alphabet (Jahreserlöse 2016 geschätzt: 90 Milliarden Dollar) und Microsoft (Jahreserlöse 2016 geschätzt: 94 Milliarden Dollar) deutlich distanziert.

Lediglich Apple liegt mit Umsätzen von 215 Milliarden Dollar noch deutlich vor Amazon, doch der Kultkonzern aus Cupertino schrumpft und musste im bereits abgelaufenen Fiskaljahr ein Erlös-Minus von gleich 18 Milliarden Dollar verkraften. Amazon hingegen dürfte 2016 ein Umsatzplus von stolzen 27 Milliarden Dollar bzw. 25 Prozent einfahren.

2020 bereits mehr Umsatz als Apple?

Schreibt man die Trends fort, könnte in den kommenden Jahren tatsächlich der Ernstfall eintreten und Amazon Apple nach Umsätzen überholen. Das dürfte allerdings ein bisschen dauern: Apple sollte durch den erwarteten iPhone 8-Boom zumindest im Fiskaljahr 2018 die Rückkehr des Umsatzwachstums gelingen. Amazon dürfte dagegen langfristig Probleme bekommen, das Fabelwachstum von aktuell 25 Prozent aufrechtzuerhalten. Gelingt Amazon aber in den kommenden vier Jahren zweistelliges Wachstum, während Apple kein Nachfolgeprodukt zum iPhone auf den Markt bringt und nach Erlösen zumindest stagniert, könnte sich die Wachablösung nach Umsätzen zu Beginn des nächsten Jahrzehnts vollziehen.

Doch das ist bekanntlich nur die eine Seite der Betrachtung: Was an der Wall Street unter dem Strich zählt, sind schließlich Gewinne. Nach diesem Kriterium befinden sich Apple und Amazon an den jeweils unterschiedlichen Seiten der Medaille: Während der Kultkonzern aus Cupertino auch im Fiskaljahr 2016 mit knapp 46 Milliarden Dollar den mit Abstand größten Jahresnettogewinn der Wirtschaftswelt eingefahren hat, dürfte Amazon mit einem Nettogewinn von lediglich 2 bis 2,5 Milliarden aus dem Geschäftsjahr 2016 gehen.

Achillesferse Profitabilität

Gegenüber den Vorjahren, als Jeff Bezos fast immer Gewinne für das Wachstum opferte, ist ein Jahresabschluss mit einem Milliardengewinn fraglos schon ein großer Fortschritt – doch die Dimensionen fallen immer noch zu gering aus, um deutlich höhere Bewertungen zu rechtfertigen. Nach fundamentalen Bewertungskriterien wechselt Amazon aktuell für ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 150 den Besitzer.

Vor allem der direkte Vergleich mit der Internet-Konkurrenz offenbart Amazons Profitabilitätsproblem. Facebook (KGV: 40), das an der Wall Street mit einem Börsenwert von 320 Milliarden Dollar deutlich hinter Amazon liegt, befindet sich auf Kurs, einen Jahresnettogewinn von 8 Milliarden Dollar einzufahren, während sich Alphabet (KVB: 27) gar anschickt, einen Nettoüberschuss von rund 19 Milliarden Dollar zu erwirtschaften.

Treiber AWS

Will Jeff Bezos in den nächsten Jahren nach dem Börsenthron greifen, muss er Amazon also fraglos strikter auf Profitabilität trimmen. Zwei Hebel stehen dafür zur Verfügung: Einerseits mit weiteren Preisanhebungen des Universaldienstes Prime, dessen Jahresgebühr in Deutschland gerade von 49 auf 69 Euro erhöht wurde und in den USA bereits mit 99 Dollar zu Buche schlägt.

Andererseits ist Amazons eigentlicher Joker natürlich die boomende Cloud-Sparte AWS (Amazon Web Services), die maßgeblich für den Börsenboom der vergangenen Jahre verantwortlich ist – und auch für die steigende Profitabilität. Tatsächlich fährt AWS für Amazon die Gewinne im Alleingang ein: Im abgelaufenen Quartal erzielte AWS bei Umsätzen von 3,23 Milliarden Dollar einen operativen Gewinn von von 861 Millionen Dollar. In anderen Worten: Ohne den Boom der Cloud-Sparte schriebe Amazon auch nach 22 Jahren noch rote Zahlen.

Wall Street optimistisch – Kursziel 1000 Dollar

Entsprechend übertrifft sich die Wall Street mit Lobpreisungen für die AWS-Sparte, deren CEO Andy Jassy die Financial Times gerade zum Manager des Jahres adelte. Nach Einschätzung der australischen Investmentbank Macquarie bringt es die Cloudsparte bereits auf einen Unternehmenswert von 160 Milliarden Dollar und damit etwa auf 45 Prozent des aktuellen Börsenwertes. Im kommenden Jahr soll AWS gar bereits wertvoller werden als die E-Commerce-Aktivitäten, mutmaßen Analysten.

Entsprechend optimistisch ist die Wall Street auch nach der Kursverdreifachung in den vergangenen drei Jahren. Die Investmentbank Jefferies bestätigte vergangene Woche das Kursziel von 950 Dollar, Atlantic Equities sieht eine Zielmarke von 980 Dollar, während JP Morgan und Cantor Fitzgerald gar die magische 1000-Dollar-Marke ausrufen, die auf dem aktuellen Kursniveau von 740 Dollar nochmals einem Aufwärtspotenzial von 35 Prozent entspricht und den Börsenwert bis auf 475 Milliarden Dollar anschwellen lassen würde.

Zwar läge Apples Börsenwert auf dem aktuellen Kursniveau von 110 Dollar immer noch rund 100 Milliarden Dollar höher, doch der Konzern hilft selber kräftig mit, den Abstand in der Marktkapitalisierung zu verringern. Mit Rückkäufen von aktuell etwa 6 Prozent der frei handelbaren Aktien rasiert Apple seinen Börsenwert jährlich selbst um 35 Milliarden Dollar – im Jahr 2020 wäre Apple an der Wall Street auf dem gleichen Kursniveau wie heute also schon happige 140 Milliarden Dollar weniger wert.

Ob Amazon – das bislang auf Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen komplett verzichtet – das zur aussichtsreicheren Zukunftswette macht, ist wiederum eine ganz andere, fast philosophische Frage. Zum zweistelligen Wachstum verdammt bleibt der Internet-Pionier in jedem Fall, wenn er die gegenwärtigen und künftig höhere Bewertungen rechtfertigen will.

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