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Amazon erobert Android: Wie Google die Kontrolle über sein Betriebssystem verliert

Amazon erobert Android: Wie Google die Kontrolle über sein Betriebssystem verliert

konzipierte als offenen und vielfältigen Gegenentwurf zu iOS-Ökosystem. Doch im Tablet-Segment wird Google der Boden unter den eigenen Füßen entzogen, analysiert Karsten Werner.

Amazon erobert Android: Wie Google die Kontrolle über sein Betriebssystem verliert

 

HBO-App auf dem Kindle Fire – Paradigmenwechsel

HBO vertreibt sein Programm in den USA künftig für Android-Tablets nur via Amazons „Kindle Fire“. Eine App für den Google Play Store ist nicht geplant, so dass Nutzer anderer Android-Tabs von diesem Angebot ausgeschlossen sind. Somit wird Google – über seine eigene Infrastruktur – von Amazon als Distributionskanal für einen der populärsten Inhalte-Anbieter der USA übergangen.

Die Meldung zu diesem Kontrakt zwischen Amazon und HBO fand in der deutschen Medienberichterstattung bisher wenig Beachtung, da das „Kindle Fire“ nur auf dem US-amerikanischen Markt angeboten wird und HBO („Game of Thrones“) hierzulande lediglich für Serienfans eine bekannte Größe darstellt.

HBO-Deal hat Signalwirkung für die weitere Entwicklung des Tablet-Marktes

HBO ist im US-Markt jedoch einer der wichtigsten Produzenten und Anbieter von Bewegtbildinhalten im Unterhaltungssegment, ein Player von besonderem Gewicht, dessen Entscheidungen für oder gegen bestimmte Distributionskanäle über Wohl und Wehe der entsprechenden Hardwareplattformen mitentscheiden können.

Diese Exklusiv-Vereinbarung wird deshalb auch für andere Märkte weitreichende Folgen haben, da von ihr eine klare Signalwirkung für die künftige Ausrichtung seitens Produzenten und Vermarktern von Premium-Bewegtbildinhalten im mobile Business ausgeht: Ihre Distributionen künftig auf geschlossene Ökosysteme unter dem Dach bereits bekannter Markenanbieter zu beschränken.

Wolf im Schafspelz: Das Kindle Fire verdrängt nicht das iPad, sondern andere Android-Tablets

Android-Marktanteile im Februar 2012. Grafik: Statista.
Amazon Kindle Fire: Die Verkaufszahlen beeindrucken

Erst im September 2011 zum damaligen Kampfpreis von 199 US-Dollar vorgestellt, hat sich das „Kindle Fire“ schließlich in kürzester Zeit mit einem Marktanteil 54,4% zum führenden Android-Tablet in den USA entwickelt und lässt dabei sogar weit technisch fortschrittlichere Konkurrenz-Produkte mit großem Abstand hinter sich. Laut einer Prognose von Gartner wird Amazon im Jahr 2012 18,4 Mio Geräte absetzen werden. Die „It Just Works“-Philosophie, auf der schließlich auch der Erfolg von Apples iDevices im Massenmarkt fußt, scheint auch für Amazon aufzugehen: Im Zweifelsfall entscheiden sich die Konsumenten für eine vertraute Marke und ein kontrolliertes Ökosystem und nehmen dafür Einschränkungen im Funktionsumfang und in den technischen Spezifikationen in Kauf.

Wo Android drin ist, steht Amazon drauf

Google scheint gänzlich ausgebotet. Das Kindle Fire befördert dabei nicht einmal einen Markentransfer, da für dessen Nutzer Google als der eigentliche Urheber der Software-Infrastruktur in keiner Form mehr erkennbar ist. De facto hat Amazon das Android-OS lediglich als Software-Basis übernommen und in Kombination mit einem individualisierten GUI sowie einer – zumindest aus Sicht der Konsumenten – proprietären Hardware ein eigenständiges Ökosystem aufgebaut.

Das erfolgreichste Android-Tablet ist also eines, dass das Betriebssystem lediglich wie eine beliebige Linux-Distribution nutzt, während Google – als eigentlicher Innovationstreiber in der Entwicklung dieses Mobile OS – in keiner Form mehr in Erscheinung tritt und somit von der Wertschöpfungskette innerhalb dieser Konstellation auch gänzlich ausgeschlossen ist.

Der Erfolg des „Kindle Fire“ dürfte dem Suchmaschinenriesen jedoch auch aus anderen Gründen ein Dorn im Auge sein: Die Zahl der Marktteilnehmer unter den Tablet-Herstellern wird sich verringern, da einige sich bei weiterhin homöopathischen Absatzahlen vom Markt zurückziehen werden – gerade erst hat LG seinen Rückzug aus dem Tablet-Markt announciert. Ein dem Smartphone-Segment vergleichbar dichtes Wettbewerberfeld, entsprechende Preisentwicklungen, und damit letztlich auch eine hohe Penetrationsrate von Android-Tablets, ist durch diese Dominanz des „Kindle Fire“ also gefährdet.

Google Tablet (Designstudie)

Bei Google hat man diese Bedrohung erkannt und steuert dagegen. Der Marktplatz wurde anwenderfreundlicher strukturiert und noch für 2012 ist ein eigenes Google Tablet geplant. Jedoch greifen diese Maßnahmen zu kurz, denn längst hinkt man nicht nur dem iPad als dominierendem Media hinterher, oder dem „Kindle Fire“ als einem Wettbewerber, den man indirekt selbst mit aufgebaut hat, sondern wird vielmehr einer sich verändernden Anspruchshaltung seitens der Konsumenten bzgl. der Qualität der Angebote nicht mehr gerecht. Anwendungsbarrieren und Komplexitäten, die Nutzer auf einem Smartphone – einem Alltagsgerät – noch tolerieren, fallen bei der Tablet-Nutzung weit stärker ins Gewicht.

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4 Antworten
  1. von Laufzeit verträge am 21.06.2012 (20:49 Uhr)

    Wer für Content bezahlen will, kauft Android ? Er kauft Content-Distribution-Hardware bzw. Abo-Verträge: Itunes, Sky-Premiere, Kabel-TV-Anbieter-Settop-Boxen, Amazon-Kindle. Gleiches für Handy-Verträge mit Handies.

    Google kriegt von mir kein Mitleid. Ausser Youtube fällt mir kein Aufkauf ein, der wirklich geleistet hätte.

    Amazon ist eher an Kunden interessiert auch wenn am Shop zig Dinge zu verbessern gingen.

    Android ist für Google genau so irrelevant wie für viele Schüler die Parallelklasse oder Schule nebenan oder für viele Studenten die anderen Fachbereiche. Bei Google klappt die Websuche, Werbevermarktung und Google Mail. Die Google-Manager nutzen wohl selber den Shop oder Tabletts nicht. Gleiches gilt für TV-Produzenten. Und iOS-Manager haben wohl immer und überall Wifi . Sonst würden sie merken wie armselig viele Apps unter GSM oder UMTS laufen.

    Solche Exklusivität muss man als Konsolenbesitzer auch immer hinterfragen. Viele "exklusive" Spiele sind ja nur zeit-exklusiv und gibts nach 6-12 Monaten auch für PC oder andere Plattformen und das teilweise auch noch in besser und man ärgert sich das man drauf reingefallen ist und die "schlechte" Version hat. Es kann also sein, das es HBO auch auf anderen Systemen geben wird. Davon abgesehen will man seinen Content auch schützen und da ist Fire vielleicht besser als Kraut-und-Rüben-Tabletts. Aber kann man Premiere/Sky nicht auch auf dem Ipad schauen ?

    Netflix gibts übrigens für 6-7 Pfund pro Monat auch in England. Hier auch ? Und wieso nicht. Danke Internet-Politik seit 1999 (rot-grün) bis heute (schwarz-gelb).

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  2. von peter am 22.06.2012 (09:03 Uhr)

    @vorposter: keine Ahnung, was du uns damit sagen willst. Mir scheint aber, dass Ama darauf aus ist, aus dem relativ offenen Android ein eigenes System zu b basteln, wie wärs mit Amadroid? Ich finde Amazon super, kaufe dort auch öfter, will davon aber sicher nicht abhängig werden. Mir scheint, Amazon und Apple ist das Aol der 20er jahre und das mißfällt mir. Wenn andere Leute das toll finden, meinetwegen. Ich habe mich z.B. bewusst gegen einen Kindle als eBook-Reader entschieden, obwohl das Gerät billiger und vergleichwsweise gut ist. Ich will aber mit meinem Gerät machen und kaufen, wo ich will und nicht ein Gerät nicht mal geschenkt, dass nur eine Verlängerung des Amazon-Stores ist.

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  3. von Tilo am 22.06.2012 (15:49 Uhr)

    Ich denke das es derzeit einfach nur ein Trend ist der sich auch wieder beruhigen wird. Es wird immer weiter gebastelt und gemacht, jeder will den anderen übertreffen und mal ehrlich: ohne ein bisschen Konkurrenz wäre es doch langweilig oder?

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  4. von Erik am 25.06.2012 (11:01 Uhr)

    Das sind so "Konzern-Silo-Strategien" die sich gegenüberstehen wie früher die Großmächte. Momentan wird im eCommerce/Internet zu Wasser, zu Lande und im Weltraum gegeneinander gekämpft wie damals Russen gegen Amis. Man wird sich in allen Punkten zunehmend ähnlich und wehe einer hat was dass der andere noch nicht hat.

    http://linklevel.de/appstore-wird-zum-silo-internet-zur-wagenburg-aber-nicht-fur-lange-zeit/2012/05/29/

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