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Warum die Android-Spielkonsole Ouya das Zeug zum Game-Changer hat [Kommentar]

Aktuell versetzt vor allem ein Kickstarter-Projekt die Web-Szene in helle Aufregung: die Android-Spielkonsole . Innerhalb von drei Tagen hat das Projekt bereits über vier Millionen Dollar per Crowdfunding erhalten. Auch die Games-Branche dürfte aufhorchen: Wie kann der Versuch der Portierung einer mobilen Plattform auf stationäre Verhältnisse für eine solch große Aufmerksamkeit sorgen? Weil die Spiele-Branche in einer fundamentalen Krise steckt – und wirkliche Innovation nur aus dem Bereich des Mobile-Gaming kommt.

Warum die Android-Spielkonsole Ouya das Zeug zum Game-Changer hat [Kommentar]
So soll die Android-Spielekonsole Ouya aussehen.

Ouya-Macher: „Der heiße Kram erscheint auf Smartphones und Tablets“

Die Macher, die hinter der 99-Dollar-Konsole Ouya stecken, bringen es im Grunde auf der Kickstarter Projektbeschreibung auf den Punkt: „Wir haben verstanden – Smartphones und Tablets sind die Plattformen, auf denen der ganze heiße Kram erscheint.“ Was mit dem Launch des Apple App Store im März 2008 seinen Anfang nahm, setzte sich im Laufe der Jahre kontinuierlich fort: Günstige, nur per Download verfügbare Games haben zunächst den Markt für Mobile-Gaming umgekrempelt und strahlen jetzt zunehmend auch auf den stationären Spielemarkt ab. Die extrem hohe Aufmerksamkeit, die die Android-Spielkonsole Ouya genießt, ist der beste Indikator dafür.

Doch was ist los in der stationären Games-Branche? Kann man angesichts von Verkaufserfolgen eines „Call of Duty“, eines „Halo“ oder eines „Assassin’s Creed“ überhaupt von Krise sprechen? Die Core-Gamer jedenfalls mögen das anders sehen – aber dennoch schleicht sich verstärkt eine latente Unzufriedenheit ein. Die Industrie schafft es kaum noch, aus sich selbst heraus Innovationen zu generieren. Die großen Publisher setzen Millionenbudgets für altbekannte Marken ein, bei denen der kommerzielle Erfolg mehr oder weniger sicher ist. Ein „Fifa“ verkauft sich jedes Jahr millionenfach, auch das nächste „GTA“ wird die erwarteten Erlöse einfahren.

Es fehlt die Innovation in der „klassischen“ Games-Industrie

Aber das ist alles ein „Ölen“ und „Pflegen“ des großen Maschinenwerks, dass so groß geworden ist, dass es sich kaum mehr selbst reinigen, verändern kann. Es sind die mobilen Plattformen wie iOS und , die beispielsweise Nintendo das Leben auf dem mobilen Games-Markt schwer machen: Mit kleinen, innovativen Titeln für wenig Geld eroberten sie den Markt, der vorher so sehr vom Nintendo DS und in Teilen von der PlayStation Portable besetzt war. An dieser Stelle mit dem Dualismus „Core-vs-Casual“-Games zu kontern und zu meinen, dass die Spielchen auf iOS und Android nur was für Leute sind, die keine „richtigen“ Games zocken würden, hilft nicht wirklich weiter. Gaming hat sich verändert, ist vielschichtiger geworden: Mehr Menschen spielen verschiedene Games an vielerlei Orten.

Infinity Blade 2:  Durchaus mit Core-Games auf stationären Konsolen vergleichbar
Infinity Blade 2: Durchaus mit Core-Games auf stationären Konsolen vergleichbar

Dabei drängen zunehmend auch sogenannte Core-Games auf Plattformen wie iOS und Android: Titel, die eine gewisse Eingewöhnung, einen gewissen Skill bedürfen, Tiefgang im Gameplay haben, eine mehrstündige Kampagne sowie Multiplayer bieten: Shadowgun, Dead Trigger, Infinity Blade, Modern Combat, NOVA, Real Racing, Galaxy on Fire. Das sind mit klassischen Core-Games durchaus vergleichbare Spiele – die ein Bruchteil von ihren großen 360- und PS3-Brüder kosten. Hinzu kommen innovative, abgefahrene Titel wie Temple Run und Sword & Sworcery, charmante Titel wie Tiny Wings, Erfolgsgeschichten wie Angry Birds, der Trend zur Digitalisierung von Brett- und Kartenspielen wie Magic oder Monopoly.

Die Veränderung des Games-Markt mag aus der Smartphone-Ecke kommen, weil sie so flexibel ist – und zwar für Spieler als auch für Entwickler. Diese beispielsweise brauchen für die Entwicklung eines iOS-Games lediglich einen Developer-Account, der nicht einmal 100 Euro kostet. Sie können ihre Titel selbst vertreiben und vermarkten – und streichen trotz des gehörigen Apple-Anteils von 30 Prozent noch 70 Prozent der Erlöse ein. Und nur auf solch einer Plattform ist eine Erfolgsgeschichte wie die von Andreas Illiger möglich: Der deutsche Entwickler von Tiny Wings hat mit seinem 79-Cent-Titel die Smartphones dieser Welt erobert und wurde quasi über Nacht zum Millionär, kürzlich legte er übrigens nach. Mögen diese Erfolgsgeschichten wie die von Illiger auch eher Einzelfälle sein, zeigen sie einfach die Möglichkeiten auf, die solche Plattformen wie iOS oder auch Android bieten. Dieser Innovationsgeist, diese Neugier, diese Experimentierfreude – diese positive Energie gibt es momentan fast ausschließlich auf diesen Plattformen. Und der Erfolg der Android-Spielkonsole Ouya ist der diffuse Ausdruck eines Wunsches, diese Innovationskraft auch auf die stationären Plattformen portieren zu können.

Tiny Wings: eine Erfolgsgeschichte auf iOS
Tiny Wings: eine Erfolgsgeschichte auf iOS

Ouya wird keine neue Xbox, setzt aber ein Zeichen

Denn machen wir uns nichts vor: Ouya wird keine neue Xbox und auch keine neue PlayStation. Eine weltweit erfolgreiche Spielkonsole wie die Xbox 360, die PlayStation 3 oder die Wii ist nicht mal eben zusammengebaut. Selbst wenn erfahrene Leute wie der „Xbox-Vater“ Ed Fries an der Entwicklung beteiligt sind, selbst wenn die Ouya-Macher zehn, selbst 20 Millionen US-Dollar bei Kickstarter einfahren: Jahrelanges Know-How, pure Manpower, Finanzmittel, eine technische Infrastruktur für eine weltweit reibungslos funktionierende Plattform – all dies ist für den Betrieb einer modernen Spielkonsole nötig und ist nicht mal eben per Crowdfunding abrufbar.

Aber denoch: Selbst wenn Ouya nur eine günstige Konsole für Bastler werden sollte, für Android-Fans, die einfach nur ihre Android-Games auf dem großen TV-Screen mit einem haptischen Controller zocken möchten, sollte das ein deutliches Zeichen für die Gaming-Industrie sein. Ein Zeichen dafür, dass es zu kurzfristig gedacht ist, nur auf alt bekanntes zu setzen – in Form eines Nintendo 3DS oder einer PlayStation Vita beispielsweise, die zwar mit toller Technik ausgestattet sind, denen es aber einfach an Innovation mangelt. Achtung, ihr Etablierten: Es gibt zu gute Beispiele in der kurzen Tech-Geschichte, bei denen ein Game-Changer plötzlich auftauchte und die etablierten Player vor den Karren fuhr – und am Ende den Markt für immer veränderte.

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7 Antworten
  1. von Wella am 13.07.2012 (11:55 Uhr)

    Ich bin auf jeden Fall gespannt wie das wird, ich hätte Lust auf eine Plattform wo ich sämtliche Spiele aus sämtlichen Konsolen spielen kann... super realistisch ist das nicht aber der erste Ansatz ist da!

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  2. von Change-Gamer am 13.07.2012 (12:26 Uhr)

    Auch erbärmlich ist doch, das diese Projekte Marktpotenziale aufzeigen welche die teuer bezahlten Marketing-Abteilungen von Milliardenfirmen nicht realisiert haben.

    Man braucht auch einen Macintosh um zu entwickeln oder nutzt Dienstleister und Metacode-Systeme bzw. programmiert gleich in HTML5. D.h. die 99 Dollar sind nur einer von mehreren möglichen Preis-Kosten.
    Das man bei Droid und M$ und iOS jeweils in Dalvic(Java), .NET/C# bzw. Objective-C programmieren muss und daher den Code nicht mehrfach verwenden kann, weil keiner etwas dafür anbietet, sollte man auch nicht unerwähnt lassen.


    Es ist halt nur eine Settopbox für Android-Spiele.
    SmarTVs mit HTML5-Spielen werden den Rentner und Hausfrau im Wohnzimmer ans TV fesseln wenn die Sender mal drauf gekommen sind.

    Aber die Technologie wird dank Moores Law auch immer bezahlbarer, wodurch die PS3 und Xbox360 zwar alle 15-20 Monate schlanker (=billiger zu bauen) und stromsparender werden, aber die Basis-Specs nicht mal eben verändert werden können wohingegen von einem Tag auf den nächsten alle iOS und MacOS-Apps mit Retina-Texturen und Icons daherkommen können. Wegen PS3 ist 3D-TV auf 2*720-Bilder beschränkt glaube ich. Man muss also lernen das Spiele alle 2-3 Jahre zu überarbeiten und aufzuhübschen wären oder gleich in UltraquadFineHD-Texturen zu entwickeln und herunterzurechnen und als Updates die besseren Texturen verkaufen. Gleiches für die 3D-Modelle die auch jährlich detaillierter werden könnten.

    Da haben es normalo-Spiele auf normalo-Hardware einfacher und erreichen mehr Leute als die Hardcore-Gamer.
    Die Frage ist eher, ob die 400-Euro-Grafikkarten-Käufer eher gleich bleiben oder weniger werden oder 1000-Euro-Ultrabooks mit Leistung für aktuelle Spiele kaufen. Der Markt der Autoschrauber und Eisenbahn-Modellbauer wird ja vielleicht auch nicht weniger sondern ist einer von vielen Hobbies mit entsprechender Kaufkraft. Das könnte für Core-Gamer auch gelten.

    Und per Player für diese Videogame-Dienstleister wo man remote per Videostream die neuen Games zocken kann, haben klassische Konsolen auch weniger Potential auch wenn es viele Offliner und Schmalbander gibt. Die nächste Xbox720 ist vielleicht ein Blade fürs Rechenzentrum und die Spiele werden aufs WinPhone9 gestreamed und per HDMI-Adapter am TV gespielt.

    Nintendo leidet vielleicht am meisten unter günstigen Geräten mit modernen Eingabeformen wie Auge oder Handbewegungen/Kinect. Vielleicht re-erfinden die sich ja dann und bieten auch Online-Gaming an und man kann Mario-Cart weltweit per Sony/Droid/Iphone/...-Handy gegeneinander in der Worldwide-Nintendo-Mario-Cart-Super-League spielen wo sogar Südkoreaner Gamer-Leagues neidisch auf die Preisgelder schauen.

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  3. von Emumops am 13.07.2012 (12:28 Uhr)

    Denkt mal an die Möglichkeiten. Ich freue mich z.b. auf portierte Emulatoren für alle möglichen alten Systeme. Mit ner umfangreichen ROM-Base bringen die auch einen Heiden-Spaß. SNES, NES, etc. daran zu spielen ;)

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  4. von Luca Caracciolo am 13.07.2012 (13:42 Uhr)

    @Marc: Genau den Artikel bei Penny Arcade habe ich auch im Artikel verlinkt. Es geht ja auch nicht, wie geschrieben, darum, eine wettbewerbsfähige Konsole auf den Markt zu bringen. Das ist zumindest nicht meine Argumentation. ;)

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  5. von Christian am 13.07.2012 (14:58 Uhr)

    "Smartphones und Tablets sind die Plattformen, auf denen der ganze heiße Kram erscheint."

    Naja, das sehe ich aber anders. Angry Birds, Doodle Jump und Tiny Wings (usw.) sind für mich nicht gerade "heißer Kram". Shadowgun, Dead Trigger und Dead Space sehen zwar für Smartphones schon sehr gut aus aber kommen trotzdem nicht an PC Titel ran. Als Zeitvertreib während einer langen Bahnfahrt sind die ok aber für mehr auch nicht.
    Die Smartphone Spiele kosten zwar nur einen Bruchteil der "Großen" aber umgehauen hat mich bisher noch keins. Wenn die Spiele so bleiben wie bisher, wird die Konsole wahrscheinlich nur als Pausenfüller dienen.

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  6. von laskuso am 14.07.2012 (14:29 Uhr)

    Bleibt erst mal abzuwarten, ob das gute Teil überhaupt annährend hält, was es verspricht. Schließlich geben die Leute nicht nur jede Menge Vertrauensvorschuss sondern auch einen ordentlichen Batzen Geld (~99 US $). Das ist auf jeden Fall erst mal weg - und die Produktion von OUYA beginnt frühstens in 9 Monaten.
    ->>

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