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Startups

Wie es sich anfühlt, wenn ein Startup scheitert

    Wie es sich anfühlt, wenn ein Startup scheitert

So fühlt es sich an, wenn ein Startup scheitert. (Screenshot: 99dresses)

Vier Jahre lang investierte Nikki Durkin ihre Zeit, ihr Geld und ihre Energie in das Startup 99dresses. Und trotzdem ging es schief. Wie sich das anfühlt, verschweigen die meisten – Nikki nicht. Ein ungeschminkter Einblick in das Gründerleben.

Wir hatten die User, wir hatten den Schwung, und dann ging alles schief. Ein Rückblick auf vier Jahre Achterbahnfahrt.

Vorwort

Über 90 Prozent aller Tech-Startups scheitern, aber ich hätte nie gedacht, dass dieses Schicksal auch mein Baby 99dresses treffen würde – allerdings auch nicht, dass ich viel widerstandsfähiger bin, als ich mir je hätte träumen lassen. Als ich 99dresses gestartet habe, war ich gerade fertig mit der High School und hatte keinen Plan. Ich wusste nicht mal, was ein Startup eigentlich sein soll! Ich wollte einfach nur ein persönliches Problem lösen: ein Haus voller Klamotten und nichts zum Anziehen.

Seit damals habe ich einiges überstanden: Co-Founder sind mir in den Rücken gefallen, Investitionen wurden zurückgezogen, massive Tech-Fuckups haben den Verkauf unterbrochen, ich hatte Visa-Probleme, war pleite, hatte kein Team, das falsche Team, musste Leute entlassen – und auch sonst ging schief, was schief gehen kann.

Ich habe viel gelernt, viele Schlachten gewonnen – aber den Krieg habe ich verloren. Für all das übernehme ich komplett die Verantwortung. Waren andere Menschen in 99dresses involviert? Natürlich. War es ihre Schuld? Nein. Die Startup-Medien glorifizieren harte Zeiten. Sie feiern Unternehmen wie Airbnb, die Frühstücksflocken verkauft haben, um zu überleben, und dann aus einer Idee ein Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen geschaffen haben. Selten hört man von Startups, die nach langem Durchhalten doch gescheitert sind – von der emotionalen Achterbahn, durch die die Gründer_innen müssen, und was wirklich schief gegangen ist.

Nikki Durkin, Gründerin von 99dresses. (Foto: Twitter)
Nikki Durkin, Gründerin von 99dresses. (Foto: Twitter)

Als die Dinge bei 99dresses begonnen haben schlecht auszusehen, habe ich nach genau diesen Storys verzweifelt gesucht – gesucht nach irgendjemandem, der schon mal erlebt hatte, was ich gerade durchgemacht habe. Versagen macht einsam und isoliert. Mein Facebook-Feed war voll mit Freunden, die neue Produkte auf Techcrunch angekündigt und Fotos von ihren glücklichen Teams gepostet haben. Frag irgendeinen Gründer, wie es ihm geht, und du wirst immer etwas Positives hören, ob es nun stimmt oder nicht.

Ich habe Nachrufe auf Startups gefunden, in denen erläutert wird, warum die Firma eingegangen ist. Aber nirgends stand etwas über die emotionale Seite – wie es sich anfühlt, so viele Jahre in ein Projekt zu investieren, nur, um ihm dann beim Untergang zuzusehen. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Gründer Männer sind und nicht gerne über ihre Gefühle reden, vielleicht ist es auch einfach nur peinlich, übers Versagen zu reden. Ich weiß es nicht. Aber das hier soll mein Beitrag sein: Ein Bericht darüber, wie es sich anfühlt, zu versagen. Ich hoffe, es hilft jemandem.

Der Anfang

Viele Startup-Menschen sagen, dass man Fehler feiern sollte. „Fail fast, fail early, fail often!“ singen sie, und versuchen, selbst dem schlimmsten Schmerz noch ein positives Antlitz zu verpassen. Keiner traut sich zu sagen: Versagen ist scheiße. Hätte ich mich an den Singsang gehalten, hätte ich 99dresses schon 2011 aufgegeben, als ich im Haus meiner Eltern in Australien gesessen und für eine gefühlte Woche nur geweint habe. 99dresses ist neun Monate zuvor in Australien gestartet und hatte anfangs großen Erfolg, aber es gab technische Probleme und andere Sorgen, die das Projekt gefährdet haben. Ich habe mich gefühlt, als würde ich in einem riesigen schwarzen Ozean ertrinken. Nirgends war Licht, und ich wusste nicht, wo ich hinschwimmen soll.

Zur selben Zeit habe ich viele Interviewanfragen bekommen. Als junge Frau in einer von Männern dominierten Sparte war ich wohl recht interessant. Mein Job war, in diesen Interviews positiv und glücklich zu wirken und ich kam in den Berichten immer als wirtschaftliches Wunderkind rüber, weil ich jung war und Brüste habe. Ich bin mir dabei immer wie eine Wichtigmacherin vorgekommen. Journalisten haben mich immer wieder gefragt, wie stolz ich auf meine Errungenschaft sei. Aber war ich das? Was hatte ich schon vollbracht? Wir hatten so viel Momentum wie wir Probleme hatten und ich habe nur auf den Tag gewartet, an dem allen klar wird, dass ich auch nur mit Wasser koche.

„‚Aber du gehst so ein hohes Risiko ein!‘, haben sie gesagt.“

„Aber du gehst so ein hohes Risiko ein!“, haben sie gesagt. Das kam mir nie so vor. Das wirkliche Risiko war in meinen Augen ein Studium, ein sicherer Job, ein komfortables Leben. Nicht, dass daran etwas falsch wäre, aber es ist nicht mein Ziel. Schlimmstenfalls konnte ich immer noch zu meinen Eltern zurückziehen. Die wirklich mutigen Gründer sind die, die im Katastrophenfall auf der Straße landen und es trotzdem tun. Wenn man nichts zu verlieren hat, kann man leicht Risiken eingehen.

Meine Mutter meinte: „Nikki, bist du dir sicher, dass du das willst? So viel Druck, und du bist doch erst 19. Niemand wird dir etwas schlechtes nachsagen, wenn du es nicht durchziehst.“ Meine Eltern sind meine größten Unterstützer, aber meine Mutter hat es gehasst, mich leiden zu sehen, egal wie gut es auch für meinen Charakter war. Ich habe mich furchtbar gefühlt. Ich hatte kein Geld, kein Team, Produktprobleme, war kurz vor einem Burnout, habe keinen Ausweg gesehen und fühlte mich einsam. Und trotzdem habe ich weitergemacht.

Ich bin nicht gescheitert, weil ich es nicht durfte. Das war mein Baby und es würde nur über meine Leiche untergehen. Ich wurde taub und habe mich durch einige hoffnungslose und depressive Wochen gekämpft und mich trotzdem jeden Tag an den Schreibtisch gezwungen. Und irgendwann ist es besser geworden.

Von ganz unten kann es nur nach oben gehen

Ich habe mich bei einem mit 10.000 Dollar dotierten Business-Planning-Wettbewerb meiner Uni angemeldet, einem Freund 500 Dollar gezahlt, damit er sich meinem Team anschließt, einen Businessplan geschrieben und gleich mal den ersten Platz belegt. Das war genug Geld für ein Ticket in die USA und Lebenshaltungskosten.

„Wir waren wieder da. Und gleich wieder weg.“

Ich habe meinen Freund und Berater Matt getroffen, der mich unter seine Fittiche genommen und mir bei meinem Projekt unglaublich weitergeholfen hat. Mein Haupt-Entwickler ist im Krankenhaus gelandet und ich musste ihn durch zwei Co-Founder ersetzen. Ich habe es auf Y Combinator geschafft und bin für fünf Monate ins Startup-Mekka Silicon Valley gezogen. Wir haben unser Produkt von Grund auf neu gebaut und es in den USA gelauncht. Auf einmal war wieder Schwung in der Bude, inklusive 1,2 Millionen Dollar Seed-Funding.

Wir waren wieder da.

Und gleich wieder weg.

Aufstieg und Fall

Ich musste nach Australien zurück, um mein Visum zu erneuern. Kurz darauf verließen meine „Co-Founder“ ohne ein Wort der Warnung das Unternehmen. Die 1,2 Millionen Dollar waren zu dem Zeitpunkt noch nicht auf meinem Konto, und das war auch gut so – wie sollte ich meinen Investoren den Verlust meines ganzen Teams erklären? Schlimmer noch, wie konnte ich das nicht kommen sehen?

Ich bin zu Matt gefahren, der mich mit Vodka abgefüllt und mir klar gemacht hat, dass ich ohne die beiden viel besser dran bin. So wie bei den meisten seiner Lektionen habe ich mich schwergetan, sie zu akzeptieren, aber er hatte Recht. Tags darauf sind zwei Investoren abgesprungen. Mein ganzes Werk ist mir zwischen den Händen zerronnen. Hätte ich doch nur mit jedem Investor einzeln einen Vertrag abgeschlossen anstatt zuzustimmen, mindestens eine Million zusammenzukriegen, um meine „Co-Founder“ an Bord zu kriegen.

Ich habe mit meiner Vision in Australien gesteckt, ohne technologischen Hintergrund und ohne Team oder Produkt (dafür hätte ich meine Co-Founder gebraucht), ohne Visum und mit dem bisschen Geld, das ich als YC-Firma erhalten hatte. Irgendwann zu dieser Zeit bin ich mit meiner Schwester in einem Park am Hafen von Sydney spazieren gegangen. Sie hat mir „Shake it out“ von Florence and the Machine vorgespielt und gesagt, dass das schon wieder werden würde. Ich habe nicht ganz gewusst, ob ich ihr glauben sollte, aber ich wusste, dass ich schon Schlimmeres überlebt hatte. „Shake it out“ wurde mein ganz persönlicher Motivationssong, der mich daran erinnert, dass ich so gut wie alles überstehen kann.

Es war Zeit für einen Neustart.

Alles auf Null

Trotz allem, was passiert ist, habe ich fünf Investoren gefunden, die an mich und das Projekt geglaubt haben, auch wenn ich Zweifel hatte – die ich ihnen natürlich nie zeigen durfte, das ist die Todsünde jedes Entrepreneuers. Lächle. Sei positiv. Verkaufe, verkaufe, verkaufe! Einer meiner Investoren meinte, „Shit happens. Nimm das Geld und repariere dein Ding.“ Ein anderer hat mir geschrieben, ich solle ihm etwas bauen, nach dem Frauen süchtig werden. Am Ende der Runde stand ich mit 595.000 Dollar da und suchte neue Co-Founder. Das Problem war nur: Ich habe niemandem getraut, nicht nach meiner vorausgegangenen Erfahrung.

Marcin Popielarz, „Head of Geekery“ bei 99dresses. (Foto: Twitter)
Marcin Popielarz, „Head of Geekery“ bei 99dresses. (Foto: Twitter)

Dann habe ich Marcin getroffen, der seinen IT-Job gekündigt hat um mit mir in einem Büro zusammenzuarbeiten, das wir „Die Höhle“ nannten – klein, billig, stickig und ohne natürliches Licht. Mitten in unserer ersten Arbeitsdiskussion ist mein Sessel zusammengebrochen. Am nächsten Tag hat er seine eigene Sitzgelegenheit mitgebracht und ich war furchtbar eifersüchtig. Wir haben 99dresses neu aufgebaut und sind in den USA gestartet – wir mussten uns vom anderen Ende der Welt um Lagerhaltung und Communitybuilding kümmern, was die Sache lächerlich schwer gemacht hat. Der Markt hatte uns überholt – mittlerweile hat es mehrere Kopien unseres Service gegeben und wir hatten einfach nicht genug Mehrwert.

Der US-Markt ist so groß, wie er umkämpft ist und viel härter zu knacken, als der australische Markt. Unser Mangel an Fortschritt war frustrierend, das Produkt, das ich unseren Investoren versprochen hatte, griff nicht, aber es war noch nicht zu Ende.

Unsere Wende um 180 Grad

Ich habe mir den erstbesten Flug in die USA geschnappt und mit so vielen Frauen aus unserer Zielgruppe gesprochen, wie ich nur konnte. Wir haben einige Probleme entdeckt, die uns klargemacht haben, warum unser Produkt hier nicht gegriffen hat. Dann habe ich das Team in Australien angerufen und ihnen gesagt, dass wir alles aus dem Fenster schmeißen und das Projekt aus einer anderen Richtung angehen müssen. Ich habe ihnen meine neue Idee vorgestellt, die zu dem gepasst hat, was ich von den Frauen, mit denen ich gesprochen hatte, in Erfahrung gebracht habe. Mein Team war, gelinde gesagt, wenig begeistert, was auch an meiner Art zu kommunizieren lag. Ich hätte fast den nächstbesten Flug nach Hause genommen – es roch alles nach Meuterei. Nicht mein glorreichster Moment als Chefin.

Trotzdem haben wir zusammen weitergemacht. Wir haben die Website links liegen gelassen und uns ganz auf mobile Anwendugen konzentriert. Nach einer Woche war der erste Prototyp fertig und wir haben auf dieser Basis an unseren Apps gefeilt. Wir haben tausende Blogger mit der Bitte angeschrieben, unser Produkt zu testen, und ein paar haben zugestimmt. Waren sind getauscht worden und wir haben Geld eingenommen. Es hat funktioniert! Wir konnten gar nicht abwarten, es auch in den USA zu launchen, aber zuerst mussten wir dort physisch hin.

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13 Reaktionen
Lucy
Lucy

Sie bezeichnet Model als nutzlosen Dreck? Wer so etwas respektlos von sich gibt, verdient es nicht anders, als zu scheitern. Unfassbar.

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Jared
Jared

Mir tun alle Investoren leid, die in diese Idee investiert haben. das Scheitern stand allerdings schon seit der Gründung fest. Zu viel Konkurrenz mit besserem Konzept und Finanzplanung.

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Picco
Picco

Ich kappiers nicht ganz.... die Website läuft doch, warum ist 99dresses dann pleite/kaputt? Warum braucht man so hohe Millioneninvestments um so ein vergleichsweise simples System zu programmieren. Was mir klar ist, dass gerade am Anfang daurch nicht wahnsinnig hohe Einnahmen (provisionsbasiert!) entstehen. Aber man kann sowas ja auch erstmal nebenbei machen und muss kein Büro im teuren NY mieten, oder?

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Uwe
Uwe

@picco
Das ist mir auch als Erstes eingefallen. Ich betreibe ein Startup mit Kosten von ca. 250 Euro/Monat und einem Laptop von zu Hause aus.

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Rob
Rob

Tolle Story und sehr nah dran geschrieben – bin begeistert. Leider besteht ja ein Großteil deutscher Startups aus Copycats, meist nach amerikanischem Vorbild. Traurig, aber wahr. Die dürfen gerne alle auf die Schnauze fallen.

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Frank

Ich sehe den Plan, sich zurück zu ziehen, gar nicht als schlecht an, denn Langeweile ist eine durchaus gute Methode, um irgendwann wieder mit neuen Ideen und neuer Kraft anzufangen. Aus Langeweile kann Kreativität entstehen und wichtig für ein gutes Konzept sind auch die Ruhe und die Zeit.

Und viele später erfolgreiche Menschen sind vorher schon mindestens einmal gescheitert. Sie haben alle irgendwann einfach wieder angefangen. Wenn man nicht ins Tal hinab geht, wird man nicht den nächsten Gipfel besteigen können. Eigentlich eine banale Weisheit aber das gilt auch für gescheiterte Startups.
Wirklich gescheitert sind erst die, die sich in das scheinbar unvermeidliche Schicksal begeben und nichts mehr tun und auf die Rente warten.
Alle anderen haben nur weniger zufriedenstellende Zwischenstationen auf ihrem Lebensweg gemacht.

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christof_versacommerce.de
christof_versacommerce.de

Boah, was für eine Story! Danke :) ...
christof, cmo - http://versacommerce.de

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Erik

Ein sehr ehrlicher und offener Beitrag, der sicher einige Parallelen zu anderen Startups aufzeigt. Hat mir sehr gut gefallen, vielen Dank an die Autorin und die Redaktion für die Veröffentlichung!

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Eyüp Aramaz

Dieser einzige Artikel in der Rübrik "Startups" hat mehr Wert als z. B. 10 auf Gründerszene.de.

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Ich
Ich

Super Beitrag! Vielen Dank!!

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Olaf Barheine

90 Prozent der Startups scheitern? Das ist schon 'ne Hausnummer! Okay, in den USA sieht man es lockerer: Shit happens! Scheiterst Du in Deutschland, bleibt immer was hängen.

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Volker
Volker

Danke. Schöner Text über eine oft verschwiegene Seite der Branche...

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Tahsin Avci

Eine sehr nachfühlbare Story und toll in Worten eingefangen! Gerade erst diesen Montag habe ich selber meine Erfahrungen zu dem Untergang des ersten eigenen Social Game-Projekts in einem Blogeintrag zusammengefasst: http://imasupernow.jimdo.com/2014/06/29/game-over-continue-yes/

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