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Interview

#Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek: „Hass im Netz schränkt die Meinungsfreiheit ein“ [#rpTEN]

(Foto: Anne Koch)

Wie können wir Hasskommentare im Netz eindämmen? Anne Wizorek widmet sich dieser Frage bei ihrem Vortrag auf der re:publica. Mit t3n.de hat die #Aufschrei-Initiatorin und Beraterin vorab über verzerrte Debatten und Zuspitzung gesprochen.

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Anne Wizorek hat viel Erfahrung mit Hashtags gesammelt: Mit #Aufschrei zettelte sie eine monatelange Debatte über Alltagssexismus an. (Foto: re:publica 2015 / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Anne Wizorek hat mit dem Hashtag #Aufschrei einst eine riesige Diskussion über Alltagssexismus ausgelöst. Heute engagiert sie sich für mehr Liebe im Netz. Auf der re:publica wird sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Kübra Gümüsay darüber sprechen, wie wir gegen Hass vorgehen können. Mit t3n.de hat die Autorin vorab über ihr neues Projekt, den Kontrollverlust bei Hashtags und notwendige Zuspitzung gesprochen.

t3n.de: Anne, an Hasskommentare haben wir uns gewöhnt. Gemeinsam mit deiner Kollegin Kübra Gümüsay willst du jetzt mit der Initiative #OrganisierteLiebe Liebe im Netz organisieren. Warum?

Anne Wizorek: Uns geht es darum, das Positive in den Fokus zurückzuholen. Hass im Netz schränkt die Meinungsfreiheit ein. Wir müssen aufpassen, dass nicht die, die am lautesten schreien, auch als einzige gehört werden. Das führt dazu, dass die, die sich differenziert mit einem Thema auseinandersetzen, nicht mehr oder weniger in der Berichterstattung auftauchen. Das ist ein Ungleichgewicht, das zu einer Verzerrung der Debatte führen kann. Wir wollen mit #OrganisierteLiebe anregen, dass auch die Leiseren wieder gehört werden.

t3n.de: Wut ist aber ein sehr viel stärkerer Treiber als Liebe.

Wizorek: Wir wollen Wut und Kritik nicht abschaffen. Sie sind eine legitime Reaktion auf schlimme Ereignisse und Diskriminierung. Es geht uns nicht darum, das Eine gegen das Andere auszuspielen.

t3n.de: Worum dann?

Wizorek: Es geht konkret um einen Konter zu Ressentiments und Hass. Im Netz ist dieser auch noch oft mit Hetze verknüpft. Und dem sollten wir nicht so viel Raum geben. Wenn wir uns die Debatte zu Geflüchteten angucken, dann sehen wir das sehr deutlich: Vieles konzentriert sich auf Parolen von Pegida, AfD und Co. Aber die Leute, die vor Ort ehrenamtlich Hilfe leisten, positive Erfahrungen machen und einen ganz anderen Blick auf die Debatte liefern könnten, die kommen nur sehr selten vor.

„Es ist einfacher, eine Kolumne von Martenstein zu teilen, als einen differenzierten Artikel über Gender Studies.“ 

t3n.de: Ihr wollt das ändern, indem ihr differenziertere Artikel liked, teilt und kommentiert. Kann das überhaupt etwas verändern?

Wizorek: Das ist schließlich auch eine Frage der Aufmerksamkeitsökonomie im Internet. Wegen der vielen unüberschaubaren Inhalte gewichten wir heute unter anderem durch Buttons in sozialen Netzwerken. Daher ist es wichtig, auch positive, konstruktive Beiträge zu unterstützen. Beispielsweise fällt es offenbar vielen leichter, sich über eine Kolumne von Harald Martenstein über die Unsinnigkeit von Gender-Studies aufzuregen, als einen differenzierten Artikel über Gender-Studies zu teilen. Dabei würde das Teilen eines tiefgründigen Artikels signalisieren, dass das Inhalte sind, von denen wir mehr lesen wollen – und nicht den Martenstein.

t3n.de: Gerade im Netz funktioniert aber viel über Zuspitzung und nicht über die Differenzierung. Wie wird man im Netz ohne pointierte Aussage gehört? 

Wizorek: Zuspitzung muss per se nichts Schlechtes sein. Wenn wir uns Twitter angucken, haben wir dort 140 Zeichen für eine These. Das ist allein schon durch die Form eine Zuspitzung. Bei Hashtag-Kampagnen kann es hilfreich sein, etwas auf den Punkt zu bringen, statt lange Artikel zu formulieren. Das kann einer Debatte einen Impuls geben. Aber es ist wichtig, auch auf anderen Plattformen mit längeren Formaten die Debatte weiter zu führen.

t3n.de: Du hast selbst Erfahrung mit Hashtags, Hass und Zuspitzung gemacht, nachdem du #Aufschrei initiiert hast. Was hast du daraus gelernt?

Wizorek: Am meisten habe ich in Bezug auf Backlash gelernt, also die Gegenreaktion in Form von Angriffen und Hass. Wir wollten mit #Aufschrei ja Diskriminierungserfahrungen sichtbar machen. Solche Aktionen rufen aber auch immer noch mehr Angriffe hervor. Das betrifft nicht nur Aktionen zu Alltagssexismus, sondern zum Beispiel auch zu Alltagsrassismus, wie man bei #schauhin und #campusrassismus im vergangenen Jahr sehen konnte.

Anne Wizorek: „Wir können Probleme nur lösen, wenn wir sie klar benennen“

t3n.de: Wie kann man das verhindern und ein Thema im Netz steuern?

Wizorek: Gar nicht. Als #Aufschrei in der Nacht losging und sich verbreitet hat, war mir spätestens am Tag darauf klar, dass ich den Hashtag loslassen muss. Das ist einfach so. Das Gute an Hashtags ist, dass alle mitmachen können, und das Schlechte an Hashtags ist: dass alle mitmachen können. Das heißt eben auch, dass ihn Menschen für Zwecke benutzen, die nicht der ursprünglichen Absicht entsprechen.

t3n.de: Bringt eine Hashtag-Debatte dann überhaupt etwas?

Wizorek: Ja. Ein Beispiel: Als wir die Hashtag-Aktion #Ausnahmslos angekündigt haben, um uns gegen sexualisierte Gewalt und gegen Rassismus zu positionieren, wurde in Foren gezielt dazu aufgerufen, den Hashtag zu kapern und Bilder mit Gewalt gegen Frauen zu teilen. Gescheitert ist der Hashtag dadurch aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Diese Reaktion ist am Ende auch nur ein Beleg dafür, dass das von uns angesprochene Kernproblem sexualisierter Gewalt existiert. Wir können gesamtgesellschaftliche Probleme nur lösen, wenn wir sie klar benennen, und die Hasskommentare auf eine solche Aktion sind wiederum Teil unseres Urspungsproblems.

t3n.de: Wie hast du persönlich die Debatte zu #Aufschrei erlebt?

Wizorek: Ich finde es schon sehr beeindruckend, wie sich der Hashtag weiterentwickelt hat. Ich war kürzlich im Haus der Geschichte in Bonn, wo eine Ausstellung namens „Unter Druck“ zum Thema Medien zu Ende gegangen ist. Da wurde auch der Grimme-Online-Award, den #Aufschrei bekommen hat, ausgestellt und es wurde visualisiert, wie die Tweets entstanden sind. Das war ein weiteres schönes Signal, was die Debatte ausgelöst hat.

t3n.de: Was ist von #Aufschrei geblieben?

Wizorek: In deutschen Medien werden heute Hashtags und Debatten in sozialen Medien viel eher aufgegriffen und abgebildet. Besonders Onlineportale reagieren schneller auf Hashtag-Debatten im Netz. Dass der Hashtag ein Initialzündungs-Element für Debatten geworden ist und als solches auch ernst genommen wird, halte ich für eine positive Entwicklung.

Anne, vielen Dank für das Gespräch.

Den Vortrag von Anne könnt ihr euch heute um 13 Uhr auf Stage 2 angucken.

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5 Reaktionen
PCRE

@LisaHegemann Hasskommentare (???) ist eine Begrifflichkeit die Sie instrumentalisieren um gezielt ihr Meinungsdiktat zu etablieren resp. die Sichtweisen der Minoritäten / Majoritäten zu unterminieren; 'hetzen' Sie schon oder 'meinen' Sie noch ?!

Meinungsfreiheit bedeutet Meinungsfreiheit und NICHT Meinungseinschränkung ! - Lassen Sie den vermeintlichen Hasskommentaren ihren berechtigten Raum im Netz und beschränken Sie ihre Ausführungen auf legales Agieren anstatt zu unterdrücken was Dritte zum Ausdruck bringen (möchten).

Dari4sho
Dari4sho

Wahnsinn, nach all den Hass- und Hetzkampagnen, die die gute Anne losgetreten hat - mit Lügen, mit Intrigen und Mobilisierung von Twitter-Trollen erster Güte. Ich zitiere mal aus Ihrem Buch: "Solche Attacken sollen die Betreffenden zum Schweigen bringen. Ziel ist, sie mit so viel Hass zu überschütten, dass sie es am Ende bereuen, sich öffentlich geäußert zu haben." – Anne Wizorek aus Ihrem Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht“. Eine infantile, scheinheilige und unhaltbare Persönlichkeit in öffentlichen Diskursen. Icke bin entzürnt.

David

Aha…also Hasskommentare schränken die Meinungsfreiheit ein, aber die Aufschrei-Debatte und der eigentliche Auslöser war natürlich völlig korrekt, nicht übertrieben und wurde sachlich behandelt?
Birgit Kelle hat das exakt auf den Punkt gebracht mit ihrem George Clooney Vergleich. „Hätte nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney dieselben Worte mit Laura Himmelreich gewechselt,
hätte das Gespräch vielleicht einen „ganz neuen Dreh“ bekommen.“ Die Bewertung ob „heißer Flirt“ oder „Sexismus“ unterliegt also in diesem Fall keiner sachlichen Neutralität sondern persönlichen Befindlichkeiten.
Der Feminismus in seiner Reinform sollte dazu dienen die Frauenrechte vernünftig zu stärken und sich nicht darauf beschränken Männer zu verteufeln. Gleichberechtigung heißt „gleichauf“ nicht „untergeordnet“´. Frau Wizorek ist für mich das Beste Beispiel für Personen die das öffentliche Leben nicht braucht und die erst durch die Möglichkeiten des Internets endlich eine Plattform bekommen haben um krude Theorien und Männerhass zu publizieren, natürlich alles unter dem Deckmantel des Feminismus.

Alexander
Alexander

Getroffene Hunde bellen.

David

Beeindruckender Wortschatz und bestechende Fundamental-Analyse meines Kommentars...oder einfach nur heisse Luft.

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