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Kolumne

Anschläge in sozialen Medien: Einfach mal wegschauen

Millionen Menschen beteiligen sich in sozialen Medien an Spekulationen, Gerüchten und Falschmeldungen. Martin Weigert plädiert in seiner Kolume Weigerts World fürs Wegschauen.

Wer am Freitag 18:00 Uhr zu einer Verabredung, einem ausgedehnten Abendessen oder einer Kneipentour aufbrach und erst Samstagvormittag nach dem Aufstehen wieder einen Blick auf die Nachrichtenlage oder in soziale Medien warf, der erfuhr von einem Amoklauf in München am Vorabend mit zehn Todesopfern und Dutzenden Verletzen. Die Anzeichen dafür, dass es sich nicht um einen durch Daesh (IS)-Ideologie motivierten Terroranschlag sondern um eine Art persönlichen Rachefeldzug mit anschließendem Suizid handelt, hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits verdichtet.

„Verfolger der sozialen Medien erlebten eine ganz andere Geschichte.“

Andere, die im Laufe des Freitagabends Twitter, Facebook sowie einschlägige Nachrichtenangebote im Blick behielten oder Fernsehen schauten, erlebten eine ganz andere Geschichte: Anfänglich deuteten die Meldungen auf einen großangelegten extremistischen Terroranschlag mit mehreren Tätern hin, nach dem leider mittlerweile allzu bekannten Muster. Quasi vor den eigenen Augen entwickelte sich für das schockierte und zugleich gefesselte Publikum ein blutiger Echtzeit-Thriller. Ein Thriller, bei dem man gefühlt selbst zum Protagonisten werden konnte, indem man per Social Media Gerüchte, Videos, Eilmeldungen, Spekulationen oder zynische Anmerkungen konsumierte und verbreitete. Mittendrin statt nur dabei, aber gleichwohl in sicherer Distanz, aus dem heimischen Sessel.

Verstörend-faszinierende Freitagabend-Unterhaltung

Für beide beschriebenen Personengruppen steht am Ende des gleiche Ergebnis: nämlich die gesicherten Fakten, die nun sukzessive ans Tageslicht gelangen. Doch der Weg, der zu dieser einen Realität führte, unterschied sich stark: Während die Nachrichten-Abstinenzler sich mit Drinks, gutem Essen, Gesprächen, kulturellen Erlebnissen oder sonstigen Freizeitaktivitäten bei Laune hielten, sorgte bei gebannt in die bayerische Landeshauptstadt Blickenden die sich stetig verändernde Nachrichten- und Gerüchtelage für verstörend-faszinierendes Freitagabend-Entertainment.

Die meisten, die sich aus einer Kombination aus Mainstreammedien und Social Media live über die Ereignisse informierten, erlebten ein alternatives Unterhaltunsprogramm. Zwar eines, dass man sich nicht gewünscht hätte. Nun aber, wo es einmal da war, ließ man sich sofort in seinen Bann ziehen und partizipierte bereitwillig. So wie beim sonntäglichen Tatort, der von Zuschauern regelmäßig massiv mit Tweets begleitet wird. Nur für eine Minderheit hatte die Dauerbewachung der Münchner Tragödie einen praktischen Nutzen abseits vom Infotainment: für Personen in der Nähe des Tatorts. Wobei man angesichts der zahlreichen kursierenden Desinformationen selbst da über Vorzüge und Nachteile diskutieren kann. Aber darum soll es hier jetzt nicht gehen, zumal darüber lieber die betroffenen Personen selbst urteilen sollen.

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Ereignisse, die von Aufmerksamkeit leben

(Foto: Shutterstock)
Auf allen Kanälen dabei sein? Muss nicht sein. Abschalten ist in manchen Fällen auch mal gut.(Foto: Shutterstock)

Scheinbar bedeutsame Nachrichtenereignisse besitzen immer einen hohen Unterhaltungswert. Ganze Industrien bauen auf dieses Fundament. An Infotainment ist nichts auszusetzen. So ist nun einmal die menschliche Natur. Meist schadet es niemandem. Problematisch wird es, wenn Nachrichtenereignisse im Fokus stehen, die davon leben, dass Millionen hinschauen. Ereignisse, die wahrscheinlicher werden, wenn sie in einer massiven Aufmerksamkeit resultieren. Bei Suiziden wird ein kausaler Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und einer erhöhten Suizidrate angenommen. Auch Terrorismus nährt sich zumindest zum Teil aus den Aufmerksamkeits-Nebeneffekten und medialen sowie gesellschaftlichen Schockwellen, die er auslöst. Ich kann und will keine Schlüsse zum spezifischen Fall vom Freitag ziehen. Doch ich behaupte, dass jeder Periscope- und Facebook-Livestream, jede Echtzeit-Bewachung und jeder spekulative Tweet/Retweet über Hintergründe und Täter für die Täter zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Genugtuung bringt – wenn nicht gar gewolltes Resultat ist.

Viele Äußerungen in meinen Feeds deuten auf ein kollektives Gefühl der emotionalen Ermüdung hin. Man will Attacken dieser Art einfach nicht mehr ertragen müssen. Dann wäre es allerdings konsequent, in keiner Weise an den sich zuverlässig in ihrer Peripherie abspielenden Mechanismen zu beteiligen; sich nicht als Distributeur von Spekulationen, ungesicherten Nachrichtenberichten mit „Eil“-Hinweis oder voreiligen Vermutungen zu betätigen (solange man nicht selbst am Ort des Geschehens ist); sich vielleicht auch mal zu fragen, wer eigentlich abgesehen von einem selbst einen Nutzen daraus zieht, dass man fleißig die fix zusammengeschusterten Eilmeldungen der Nachrichtenportale und Mutmaßungen aus seiner Timeline vertwittert. Ja, wozu macht man das eigentlich? Doch wohl kaum, weil man befürchtet, dass die eigenen Follower sonst die Nachricht verpassen.

Stattdessen könnte man einfach abwarten. Selbst wenn dies unglaublich schwierig ist. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ein Tweet brachte am Wochenende treffend auf den Punkt, welcher Aufgabe man sich widmen könnte.

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