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Der Anti-Deutsche aus dem Silicon Valley: Peter Thiel im Portrait

Der Anti-Deutsche aus dem Silicon Valley: Peter Thiel im Portrait

Peter Thiel hat mit innovationsfaulen Finanzdienstleistern kräftig Beine gemacht und als erster externer Investor dem sozialen Netzwerk zu globaler Größe verholfen. Politiker hält er für rückwärtsgewandt und umgeht sie deshalb, wo es nur geht – auch wenn das bedeutet, sich in internationale Gewässer zurückzuziehen. Ein Portrait einer streitbaren Person.

Wenn Peter Thiel über die Rolle des Silicon Valleys und über die Bedeutung von Technologie für die gesamte Menschheit spricht, glaubt man als Außenstehender einem Prediger zuzuhören, der für seine Kirche wirbt und seine libertäre Religion als das Allheilmittel einer erkrankten Welt versteht. Für den 1967 in Frankfurt geborenen Thiel liegt nämlich ausschließlich in der Wissenschaft und dem stetig technologischen Fortschritt der Schlüssel zum gesellschaftlichen Wohlstand. Wer das nicht erkennt, sieht seiner Meinung nach das große Ganze nicht und verdient es bisweilen, übergangen zu werden. Er kritisiert vor allem, dass amtierende Politiker falsche Entscheidungen treffen – beispielsweise Technologien verbieten, notwendige Forschungsgelder zurückhalten oder Gesetze nicht neuen Entwicklungen anpassen, und somit vor allem die alte Geschäftswelt schützen anstatt zukünftige Ideen zu fördern.

Der Tech-Idealist schafft sich insofern seine eigenen Realitäten. Als einflussreicher Milliardär, der zudem Mitglied im Steering-Committee der Bilderberg-Konferenz ist, kann er das auch. Er glaubt beispielsweise an die starke Kraft disruptiver Geschäftsideen, die an der Politik vorbei große Märkte umkrempeln und den gelebten Status Quo verändern. „Es ist nicht so, dass wir in einer perfekten Welt leben. Wir leben in einer Welt voller Probleme und es ist unerlässlich, dass wir versuchen diese Probleme zu beheben“, gab er erst kürzlich auf einem Panel während des diesjährigen Web Summit in Dublin zu verstehen. „Und das bedeutet manchmal auch, nicht nach Erlaubnis zu fragen, sondern später um Vergebung.“

Erster Coup des Peter Thiel: PayPal löste ein Schmerz beim Nutzer, und verstieß gegen Gesetze

Peter Thiel glaubt das gesellschaftlicher Wohlstand nur mit technischem Fortschritt erreicht werden kann. (Bild: via flickr, Lizenz CC BY-ND 2.0)
Peter Thiel glaubt das gesellschaftlicher Wohlstand nur mit technischem Fortschritt erreicht werden kann. (Bild: via flickr, Lizenz CC BY-ND 2.0)

So hat der 47-jährige Thiel es auch mit PayPal gemacht, einem Online-Bezahlsystem, das den damaligen Mitgründer, CEO und Partner von Elon Musk und Max Levchin reich machte. PayPal war sein erster Coup, der ihm 55 Millionen US-Dollar einbrachte, als das Unternehmen von eBay im Oktober 2002 für 1,5 Milliarden US-Dollar aufgekauft wurde. PayPal ermöglichte es Nutzern online Gelder zu transfieren – und zwar ohne die übliche Banklaufzeit einer Überweisung. Der Betrag wurde beim Empfänger sofort gutgeschrieben, was in der damaligen Zeit aus Verbrauchersichtein regelrechter Knüller war – aus politischer Sicht jedoch schwierig, da die Transaktionen zunächst ungeprüft passierten. Nutzer brauchten sich für den Dienst nur mit einer E-Mail-Adresse anmelden und nur oberflächlich verifizieren.

Dass PayPal während der Gründungszeit und auch später noch unzählige Finanz- und Bankgesetze verletzte, war den Verantwortlichen bewusst, für sie jedoch nicht Grund genug, die Probleme vorab zu klären. PayPal überging alle Bedenken und bot eine für damalige Verhältnisse völlig neue und sehr komfortable Form des digitalen Geldtransfers an – die einen echten Schmerz beim Nutzer löste. Heute ist der Dienst kaum noch wegzudenken – so gut wie jeder Onlinehändler bietet die Zahlung per PayPal an. Laut Unternehmensangaben sind inzwischen 230 Millionen Mitgliedskonten in über 193 Ländern freigeschaltet.

Geld spielt keine Rolle – Thiel wird zum Hedgefond-Manager

Das Geld aus dem PayPal-Verkauf gab den Startschuss für die aufregende Investoren-Karriere Peter Thiels. Er gründete direkt im Anschluss den Global-Macro-Hedgefond „Clarium Capital“ und platzierte einige Wetten im Energie-Bereich, die dem Unternehmen erste millionenschwere Erfolge einbrachte – dabei sepekulierte er häufig gegen vorherrschende Trends und Prognosen.

Thiel bekam insofern schnell den Ruf eines Investoren-Genies. Er sah unter anderem das Platzen der Dotcom-Blase voraus und den Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA. Er spekulierte in diese Richtung und schlug Profit aus den Ereignissen. Auch und gerade deshalb ist das Treiben derartiger Hedgefonds vielen Beobachtern ein Dorn im Auge, da sie in der Regel eine Sogwirkung auslösen und Krisen befeuern. Mit dem Aufkommen der Finanzkrise verlor Clarium Capital jedoch enorm viel Geld. Während das Unternehmen im Jahr 2008 noch etwa vier Milliarden US-Dollar Investitionsgelder verwaltete, schrumpften die sogenannten „Assets under Management“ im Jahr 2010 auf etwa 680 Millionen US-Dollar. Eine Talfahrt, die seine Kunden enorm schmerzte. Doch Scheitern ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kein Beinbruch. Auf der Haben-Seite gab es genügend Erfolge in Thiels Investorenleben – sein Ruf erlitt kaum Schaden.

Einer seiner erfolgreichsten Coups war beispielsweise das Early-Stage-Investment in Facebook. Dort investierte er als erster externer Geldgeber unter der Flagge seiner 2005 gegründeten Risikokapitalgesellschaft „Founders Found“ insgesamt 500.000 US-Dollar – was ihm sieben Prozent Anteile am Unternehmen und einen festen Platz in Mark Zuckerbergs engstem Beraterkreis einbrachte. Beim Börsengang im Mai 2012 verkaufte er den Großteil seiner Aktien und erhielt eine Rendite von 640 Millionen US-Dollar. Vier Monate später, nach dem Ende der Haltefrist für Alteigentümer und Mitarbeiter, verkaufte er weitere Anteile und erhielt nochmals 400 Millionen US-Dollar. Der gute Riecher ließ ihn einmal mehr nicht im Stich.

„Der größte Fehler war es, nicht in die Series-B von Facebook zu investieren.“

Für Thiel selber war Facebook allerdings langfristig gesehen Fluch und Segen zugleich. Denn obwohl das ihm noch mehr finanzielle Unabhängigkeit und Ruhm einbrachte, empfindet er es heute als einen seiner größten Investmentfehler, nicht auch in die zweite große Geldgeberrunde im Jahr 2005 eingestiegen zu sein. Die verpasste Chance hallt in seinem Bewusstsein nach. Denn er hat sich verhalten, wie Investoren es oft in Europa tun, die bei jedem Investment mit der Angst kämpfen, ihr Geld zu verlieren und deshalb oft sehr nüchtern entscheiden. Ein gravierender Unterschied zur US-amerikanischen Denkweise, bei der Geld keine Rolle spielt und Investoren eher die Angst umtreibt, das nächste große Ding zu verpassen.

So etwas sollte ihm nie wieder passieren. Thiel zeichnet bis heute verantwortlich für einige aufsehenerregende Investitionen – beispielsweise in SpaceX, ein privates Raumfahrtunternehmen seines ehemaligen Kompagnons Elon Musk, oder Palantir, eine Big-Data-Firma, die dem CIA zuarbeitet und nach eigenen Angaben dazu beigetragen hat, Osama Bin Laden aufzuspüren.

Ein Tech-Utopia auf dem Meer

Das Seasteading-Institute als liberaler Rückzugsort für Forscher und Tech-Entrepreneure. (Grafik: Seasteading)
Das Seasteading-Institute als liberaler Rückzugsort für Forscher und Tech-Entrepreneure. (Grafik: Seasteading)

Zu den visionärsten Ideen gehört das „Seasteading Institute“ – ein Projekt, das autonome und mobile Gemeinschaften auf Plattformen in internationalen Gewässern errichten will. Thiel unterstützte das 2008 von Wayne Gramlich und Patri Friedmann (Sohn des Friedensnobelpreisträgers und Reagan-Beraters Milton Friedmann) gegründete Projekt und setzt sich engagiert für die Umsetzung ein.

Seiner Vision zufolge könnte die Plattform beispielsweise vor der kalifornischen Westküste platziert werden und als liberaler Rückzugsort dienen, auf dem Forscher und Entrepreneure fernab von Gesetzen, Regulierungsvorhaben und moralischen Überzeugungen an ihren Visionen arbeiten können. Ein Tech-Utopia, das sich jeder Gesetzgebung entzieht, fürchten Kritiker. Worauf der Mitgründer Friedmann unter anderem im Detail-Magazin entgegnete: „Großartige Ideen starten als merkwürdige Ideen. [...] Das ultimative Ziel ist es, eine Grenze für das Experimentieren mit neuen Ideen für Regierung zu öffnen.“ Eigene Realitäten schaffen – Thiel war das ebenfalls 500.000 US-Dollar wert.

„Ich denke, dass die Menschen in Europa zu pessimistisch in die Zukunft gucken.“

Im Regulierungswahn schlummert für den Unternehmer ohnehin die größte Gefahr. Ganz besonders mit den Deutschen hadert er und glaubt, dass sie mit ihrem Pessimismus einen großen Teil dazu beitragen, dass wir in technologiefeindlichen Zeiten leben. Eine These, die hierzulande angesichts der rasant fortschreitenden Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft eher mit einem Stirnrunzeln betrachtet wird. Tatsächlich treffen hier zwei Kulturen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können – kapitalistisches versus sozialdemokratisches Denken. In der Financial Times äußerte sich Thiel kürzlich zur europäischen Mentalität und bezeichnete die Menschen hier als „Slacker“ – was übersetzt so viel heißt, wie: Drückeberger, Faulpelz oder Nichtstuer.

„Ich denke, dass die Menschen in Europa zu pessimistisch in die Zukunft gucken. Sie haben keine hohen Erwartungen, weshalb sie auch nicht wirklich daran arbeiten, die Dinge zu verändern.“ Doch nicht nur mit den langsamen Sozialdemokraten hat der Libertarier seine Probleme. Er ist auch der Meinung, dass Demokratie an sich nicht mit unternehmerischer Freiheit vereinbar ist, da die Öffentlichkeit nun mal keinen unregulierten Kapitalismus unterstütze. Dass die „kapitalistische Demokratie“ insofern nur ein Oxymoron ist, liegt für Peter Thiel spätestens seit der Einführung des Frauenwahlrechts und dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats auf der Hand. Visionäres Unternehmertum könne so nicht stattfinden.

Peter Thiel: Für Monopole und gegen akademische Eliten

Um Unternehmertum und Startups dreht sich auch sein vor wenigen Monaten erschienenes Buch „Zero to One – Notes on Startups, or How to Build the Future“, für das er momentan auf sämtlichen Konferenzen wirbt, was das Zeug hält – und auch die Lektüre hat es ziemlich in sich. Darin bricht er unter anderem eine Lanze für Monopole und macht darauf aufmerksam, dass der Wettkampf unter Unternehmen nur dazu führe, dass Verantwortliche sich ausschließlich auf das Geldmachen konzentrieren anstatt großen Ideen hinterherzujagen – wie es beispielsweise Google oder Apple tun, die sich eine Vormachtstellung in ihrem Bereich erarbeitet haben. Wettbewerb hemmt Innovationen? Auch eine Theorie, die irgendwie gegen alles spricht, was das Lehrbuch sagt. Doch – wie sollte es anders sein – hadert er auch mit dem Lehrbuch. Natürlich.

Thiel greift in seinem Manifest auch die akademische Elite an und rät jungen Menschen dazu, das Studium abzubrechen. Es fördere nur die Gleichförmigkeit, meint er. Dass er als Stanford-Absolvent selbst zum Schlag Mensch gehört, den er da kritisiert, macht ihm nichts aus. Das unterstreicht seiner Meinung nach vielmehr, dass er ganz genau weiß, wovon er da spricht. Doch tut der studierte Philosoph und Jurist das wirklich? Die Antwort mag im Auge des Betrachters liegen. Klar ist: Peter Thiel bleibt eine überaus streitbare Person. Ein politischer Querdenker, vielleicht sogar ein Querulant – doch das waren im Grunde alle Visionäre, die am Mainstream gerüttelt haben.

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