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Apple vs. US-Regierung: Wie das Urteil die Digitalszene umkrempeln könnte [Kolumne]

Apple vs. US-Regierung: Wie das Urteil die Digitalszene umkrempeln könnte [Kolumne]

Der Ausgang des Konflikts zwischen und dem FBI beziehungsweise der US-Regierung hat wegweisenden Charakter. Entschieden wird nicht nur über das Schicksal unzähliger Hardware- und Software-Unternehmen, bei denen Verschlüsselung eine wesentliche Rolle spielt, sondern auch über den Beibehalt eines Minimums an Privatsphäre im digitalen Raum. In seiner Kolumne schildert Martin Weigert die denkbaren Szenarien.

Noch ist völlig offen, wie der Konflikt zwischen Apple und der US-Regierung über die Entsperrung von als Ermittlungsgegenstand dienenden iPhones enden wird. Letztlich kann unterm Strich aber nur eines von zwei Ergebnissen stehen:

  1. Entweder wird Apple verbindlich das Recht darauf eingeräumt, die Verschlüsselung seiner nicht mittels einer Hintertür aufweichen zu müssen, selbst wenn eine solche Maßnahme eventuell für die Aufklärung von schweren Straftaten oder Terrorakten hilfreich wäre.
  2. Oder das Unternehmen wird dazu verdonnert, den Ermittlungsbehörden unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich per Backdoor eine Möglichkeit des Zugriffs auf verschlüsselte Daten anbieten zu müssen.

Das „Sieger-“Szenario

Apple iPhone 6s. charnsitr / Shutterstock.com
Gewinnt Apple, können Nutzer digitaler Hardware von der Verschlüsselung der Geräte profitieren. (Foto: charnsitr / Shutterstock.com)

Sollte Apple sich mit seiner Position durchsetzen, dass alle Nutzer digitaler Hardware von der Verschlüsselung der Geräte profitieren und dass erzwungene Hintertüren die persönliche Sicherheit von Millionen kompromittieren würden, entstünde zumindest vorläufig so etwas wie Rechtssicherheit. Dies böte Planungssicherheit sowohl für Apple als auch für zahlreiche andere Marktteilnehmer, deren Hardware oder auf starke Verschlüsselung setzt. Apple würde sein seit einiger Zeit sorgfältig konstruiertes Image als Vorkämpfer für Datenschutz und persönliche Integrität zementieren und dafür womöglich mit neuen Verkaufsrekorden belohnt werden. Ermittlungsbehörden und die Regierung müssten sich mit der Tatsache abfinden, dass der Schutz der Integrität aller Bürger als Prinzip über emotional aufgeladene Einzelereignisse gestellt wird.

Oder der folgenreiche Präzedenzfall

Doch angenommen, dem Konzern wird auf gerichtlichem oder politischem Weg die Pflicht auferlegt, die Verschlüsselung seiner iPhones auszuhebeln, dann hätte dies drastische Konsequenzen für alle Akteure, deren Geschäft in irgendeiner Form die Aufbewahrung von Kundendaten beinhaltet. Und zwar weltweit. Es entstünde ein prominenter Präzedenzfall, an dem sich Ermittlungsbehörden, Politiker und Gerichte rund um den Globus orientieren würden.

Unternehmen und Startups stünden vor einem Dilemma: Vorausgesetzt, sie wollen um allerlei Sicherheitsrisiken mit sich führende Backdoors herumkommen, so müssten sie entweder von vorne herein darauf verzichten, Verschlüsselungsmechanismen zu implementieren, die ihnen die technische Möglichkeit des Datenzugriffs nehmen. Oder sie müssten sich auf juristische Spießroutenläufe, hohe Geldstrafen, eine öffentliche Stigmatisierung sowie gar auf Verkaufs- oder Vertriebsverbote einstellen. Nur ganz Abgebrühte sowie kompromisslose Idealisten dürften Option zwei ins Auge fassen. Wer stabilen kommerziellen Erfolg anstrebt, dem bliebe im Prinzip nur die erste Option.

Auch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Gefahr

Die WhatsApp-Alternative Telegram erfreut sich wachsender Beliebtheit. (Bild: Telegram)
Auch auf Messaging-Apps wie Telegram könnte der „Präzedenzfall Apple“ Auswirkungen haben. (Bild: Telegram)

Die mittlerweile bei Messaging-Apps stark verbreitete Ende-zu-Ende-Verschlüsselung dient als anschauliches Beispiel: Wer über Apps wie Telegram, Signal, Threema oder WhatsApp (mehr oder weniger) mit Kontakten chattet, der muss sich heute keine Sorgen machen, dass Dritte mitlesen. Da die Daten auf Senderseite ver- und erst beim Empfänger wieder entschlüsselt werden und die dafür notwendigen Schlüssel auf den Smartphones selbst liegen, existiert für Dienstebetreiber keine Möglichkeit, Inhalte von Textnachrichten zu extrahieren und an Ermittler auszuhändigen. Sollte aber ein Apple-Präzedenzfall diese Praxis in Frage stellen, wären die Betreiber dieser Services im Prinzip gezwungen, ihre Ende-zu-Ende-Verschlüsselung abzuschaffen.

Privatsphäre im digitalen Raum wäre passé

„Das Recht der Privatsphäre würde im digitalen Raum in der Praxis komplett verschwinden.“

Für viele Unternehmen würde dies das Ende eines ihrer entscheidenden Produktmerkmale darstellen. Für User bräche eine neues Zeitalter an: Das Recht der Privatsphäre würde im digitalen Raum in der Praxis komplett verschwinden. Allgegenwärtiger Überwachung wären Tür und Tor geöffnet. Die wenigen Anbieter, die dann noch konsequent verschlüsseln, etwa mit Sitz in fernen, internationale Konventionen ignorierenden Ländern, würden am Rande der Illegalität operieren und sich sowie ihre User dadurch besonderen Risiken aussetzen.

Für alle Firmen des Technologie-Sektors sowie für sämtliche Individuen, die sich nicht mit dem Gedanken einer sich anbahnenden Big-Brother-Gesellschaft abfinden wollen, ist das beschriebene Szenario katastrophal.

Es bleibt daher zu hoffen, dass sich diejenigen, die am Ende in der Causa Apple ein Grundsatzurteil fällen, über die drastischen Konsequenzen eines Beschlusses gegen Apple im Klaren sind.

Nachtrag 13. März: Es ist soweit: Die US-Behörden nehmen laut New York Times die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von WhatsApp ins Visier.

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5 Antworten
  1. von Marcovich am 09.03.2016 (16:36 Uhr)

    Telegram, WhatsApp, Signal und Threema sollte man nicht in einen Topf werfen. Die ersteren beiden sind ziemlich unsicher, bei den letzteren kommt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zum Einstatz.

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  2. von Thomas am 09.03.2016 (18:07 Uhr)

    Der letzte Satz "Es bleibt daher zu hoffen, dass sich diejenigen, die am Ende in der Causa Apple ein Grundsatzurteil fällen, über die drastischen Konsequenzen eines Beschlusses gegen Apple im Klaren sind." ist gut gemeint aber leider ein Paradoxon. Was, wenn gerade dies der Sinn und Zweck des ganzen Prozesses ist?

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