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Digital Worker around the World – Leben und arbeiten in Stockholm

Digital Worker around the World – Leben und arbeiten in Stockholm

Was macht Schweden so attraktiv für Digital-Worker? Wie lebt und arbeitet es sich dort, was ist beim Start dort zu beachten? Unser Redakteur Jochen G. Fuchs hat sich für euch in Stockholm umgeschaut und diese Reportage mitgebracht.

Digital Worker around the World – Leben und arbeiten in Stockholm

Stockholms Gelassenheit ist überall spürbar. Ein Platz in der Altstadt. (Foto: Joch…

IMG_3347Der Anflug auf Stockholm ist atemberaubend, das unter mir vorbeihuschende Archipel lässt meinen Atem stocken. Inseln neben Insel geht schließlich in weite Landschaften mit viel Wald und noch viel mehr Seen über. Schließlich huscht die Silhouette unseres Flugzeugs über den Wald hinweg in Richtung Arlanda – auf die Landebahn des internationalen Flughafens in Stockholm. Ich bin eigentlich zu Besuch bei Schwedens größtem Startup-Spektakel: dem „Sthlm Tech Fest“, aber vorher besuche ich noch ein schwedisches Fintech-Unternehmen. Schauen wir mal, wie dort gelebt und gearbeitet wird.

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Landeanflug auf Stockholm-Arlanda. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Erste Eindrücke aus Stockholm

Blick auf den Stadtteil Södermalm von der Insel Riddarsholm aus. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Blick auf den Stadtteil Södermalm von der Insel Riddarsholm aus. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Hotdogs. Hotdogs. Eiscreme. Hotdogs. Hotdogs. Eiscreme. Seit ich aus Stockholm zurück bin, kann ich das Ikea-Bistro als kleinen Splitter schwedischer Kultur akzeptieren. In Stockholm bekommt man beides an jeder Ecke, Tonnen der heißen Würstchen und Eis verzehrt Schwedens Bevölkerung jährlich, aber keine Angst: Das ist kein Zeichen für Schwedens Esskultur, ich habe ausgezeichnet und in aller Vielfalt gegessen. Vom Köttbullar (Chöttbullar gesprochen, mit einem leicht kehligen „Ch“) über Wild, hin zur mexikanischen Küche und aromatisch-fruchtig-scharfer Pasta aus dem motorisierten Foodcart.

(Foto: Jochen G. Fuchs)
Ein Platz mitten in der Altstadt Gamla Stan. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Stockholm, die Hauptstadt und Königsresidenz, ist eine wunderbare Mischung aus Moderne und Geschichte. Die Altstadt Gamla Stan bietet enge Gassen, historische Architektur und es sind viele Einflüsse aus italienischen Baustilen zu finden. Nicht umsonst heißt Stockholm auch „Venedig des Nordens“.

(Foto: Jochen G. Fuchs)
Das im Stil der Nationalromantik erbaute Rathaus „Stadshuset“ weist in der Architektur italienische EInflüsse auf. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Södermalm, der zentraler Stadtbezirk, an dessen Rand meine Unterkunft liegt, ist hingegen eine charmante Mischung aus alten, traditionellen Holzhäusern und moderneren Wohnanlagen, verbunden mit viel Grün zum Atmen. Jedenfalls atme ich gut durch, während ich von einem Kanelbullar abbeiße, ein süchtig machendes Hefegebäck mit Unmengen von Zimt, Kardamom und Hagelzucker. Ich übernachte hier am südlichen Ufer der Bucht Riddarfjärden, am Söder Malärstrand, in einem ehemaligen Kreuzfahrtschiff aus dem Jahr 1928: der M/S Kronprinzessin Märtha.

(Foto: Jochen G. Fuchs)
Das Loginn Hotel, eine Unterkunft mit Jugendherbergs-Charakter in einem historischen Kreuzfahrtschiff. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Start in Schweden

In der Anfangsphase in einem Unternehmen und als Tourist während des Urlaubs ist Englisch völlig ausreichend, es findet sich nahezu niemand, der nicht fließend und gut verständlich Englisch spricht. Einiges ist auch zweisprachig beschriftet, beispielsweise Schilder im Nahverkehr. Bei Lebensmitteln endet dann aber meist die Zweisprachigkeit, im Supermarkt sind viele Lebensmittel nur schwedisch gekennzeichnet. Schwedisch lernen sollten interessierte Digital Worker am besten schon vorab – die schwedische Botschaft empfiehlt, sich mindestens Grundkenntnisse vor dem Schritt nach Schweden anzueignen. Einige Kurzinformationen zum Arbeiten in Schweden finden sich auf einer Informationsseite der Botschaft: Einer Arbeitserlaubnis ist für EU-Bürger nicht notwendig, nach drei Monaten muss lediglich eine Registrierung bei der Einwanderungsbehörde Migrationsverket erfolgen. Danach gehts am besten gleich zur Finanzbehörde Skatteverket, um eine Personennummer zu beantragen, ohne die gibt's keine Wohnung, kein Bankkonto und keinen Telefonvertrag.

Bei Klarna in Stockholm

Klarna Headquarter in Stockholm: Haupteingang. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Klarna in Stockholm: Haupteingang. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Einen lebendigen Eindruck in den Arbeitsallltag vermittelt nur ein Blick hinter die Kulissen, deshalb besuche ich das schwedische Fintech-Unternehmen Klarna in Stockholm. Die Startup-Landschaft ist in Schweden sehr lebendig und seit einiger Zeit in den monatlichen „STHLM Tech Meetups“ anzutreffen, auch andere schwedische Startup-Zentren beginnen sich sehr intensiv zu vernetzen. Ein tieferer Einblick in Stockholms Tech-Landschaft findet sich auch in meinem Bericht zum Stockholm-Tech-Fest: „Hej da, Stockholm! Einblicke in Skandinaviens Startup-Epizentrum“.

Klarna Headquarter in Stockholm: Haupteingang befindet sich unten links im Bild. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Klarna Headquarter in Stockholm: Haupteingang befindet sich unten links im Bild. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Villa Kunterbunt

Das international tätige Payment-Unternehmen Klarna hat in Stockholm ein frisch gestaltetes, neues Hauptquartier bezogen. Ungefähr 15 Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt, erstreckt sich an der Adresse Sveavägen 44 auf rund 9.000 Quadratmetern die repräsentative Heimstätte für etwa 700 der rund 1.200 Mitarbeiter weltweit. In Stockholm versammeln sich Mitarbeiter aus mehr als 30 Nationen, was für Stockholms Startup-Welt nicht ungewöhnlich ist.

Die Lobby. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Die Lobby. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Ein großzügige Lobby mit Empfangsbereich geht in einen futuristisch blau ausgeleuchteten „Eingangstunnel“ über, der von der Lobby aus mit einer elektronisch gesteuerten Personenschleuse in das Gebäude hineinführt.

Hier wird nicht gebeamt, sondern zu Fuß gelaufen – auch wenn es anders aussieht. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Hier wird nicht gebeamt, sondern zu Fuß gelaufen – auch, wenn es anders aussieht. (Foto: Jochen G. Fuchs)

DSC_0490Im unteren Stockwerk sind verschiedene Meeting-Räume, eine Kaffeebar und die Aufgänge zu den oberen Etagen zu finden. Die Meeting-Räume wurden witzig und kreativ nach verschiedenen Mottos gestaltet: Im Raum Algorithm sind die Wände erwartungsgemäß mit mathematischen Formeln bepflastert. Es handelt sich dabei um echte Bestandteile des Risk-Management-Algorithmus, der aktuell bei Klarna zum Einsatz kommt. „Merchant“ wirkt wie ein Besprechungsraum im Lager, mit Versandkartons als Wandschmuck. Ein weiterer Raum stellt ein symbolisches Kunden-Wohnzimmer dar, daneben gibt es noch Konzepte wie „Simplicity“, „Safety“ und andere; die untenstehende Bildergallerie vermittelt einen schönen Eindruck. Gesteuert wird die Nutzung der Räume über ein System, das in kleinen Bildschirmen am Türrahmen des jeweiligen Besprechungsraums mündet. Dort ist die aktuelle Belegung des Raums und der weitere Belegungsplan einsehbar.

Der Besprechungsraum „Algorithm“. An den Wänden sind Teile einer Formel zu sehen, die bei Klarna im Geschäftsalltag genutzt wird. Alle Besprechungsräume sind thematisch eingerichtet. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Der Besprechungsraum „Algorithm“. An den Wänden sind Teile einer Formel zu sehen, die bei Klarna im Geschäftsalltag genutzt wird. Alle Besprechungsräume sind thematisch eingerichtet. (Foto: Jochen G. Fuchs)
„Merchant“. Dieser Besprechungsraum thematisiert den Onlinehändler. (Foto: Jochen G. Fuchs)
„Merchant“. Dieser Besprechungsraum thematisiert den Onlinehändler. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Reise nach Jerusalem

Bei Klarna in Stockholm spürt man das Widerstreben der Schweden gegen starre Organisationsstrukturen: Es gibt schlicht keine festen Arbeitsplätze, an welchem Schreibtisch man sich niederlässt, kann jeder Mitarbeiter morgens selbst entscheiden. Und arbeiten wo er will. Auf der Dachterasse, in den verschiedenen Bistro-ähnlichen Kaffeeküchen oder einem Schreibtisch irgendwo im Gebäude. Eine kleine Ausnahme ist die Führungsetage, die zwar einen festen Bereich im Gebäude hat, aber auch keine festen Schreibtische.

Klarna Mitarbeiter in einem der Besprechungsräume. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Klarna Mitarbeiter in einem der Besprechungsräume. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Essen, Trinken und Durchatmen

Auf jedem Stockwerk finden sich offene Kaffeeküchen mit Sitzgruppen, die sowohl zum Arbeiten als auch für die Fika-Pause genutzt werden können. Der schwedische Kaffee und die dazugehörige Kaffeepause Fika sind lebenswichtig für Schweden. Neben dem Kaffeetrinken und dem Verzehr von süßen Kleinigkeiten ist der soziale Aspekt maßgeblich. Leicht zu bemerken übrigens, wie wichtig die Fika ist: Rund 1.700 Kaffetassen werden von jedem Schweden im Laufe eines Jahres vertilgt. Neben den freistehenden Kaffeebars ist noch ein mit Blumen und Kräutern leicht begrünter, größerer Essbereich vorhanden. Mit verschiedenen Goodies kümmert sich Klarna hier über den Tag hinweg um seine Mitarbeiter.

Kaffeeküche im Erdgeschoss, direkt nach dem Eingang. Im Hintergrund sind Besprechungsräume zu sehen. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Kaffeeküche im Erdgeschoss, direkt nach dem Eingang. Im Hintergrund sind Besprechungsräume zu sehen. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Im 1. OG, ein offener Bistro-ähnlicher Bereich bei einer der Kaffeeküchen. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Im 1. OG, ein offener Bistro-ähnlicher Bereich bei einer der Kaffeeküchen. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Kaffeeküche. Im Ernst, Kaffee ist wichtig in Schweden. Gefühlt gibt es wahrscheinlich mehr Kaffeküchen als Schreibtische. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Kaffeeküche. Im Ernst, Kaffee ist wichtig in Schweden. Gefühlt gibt es wahrscheinlich mehr Kaffeeküchen als Schreibtische. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Falls jemand einen Freiluftkoller bekommen sollte, hilft die Dachterasse weiter, die aktuell noch begrünt wird. Sobald die Terasse fertiggestellt ist, wird es noch einen kleinen Wasserbereich mit Springbrunnen oder einer Fontäne auf dem Dach geben. Die Sicht über Stockholms Dächer ist jedenfalls schon so beeindruckend.

Die Dachterasse ist auch mit fehlender Begrünung schon ein attraktiver Anzugspunkt geworden. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Die Dachterasse ist auch mit fehlender Begrünung schon ein attraktiver Anzugspunkt geworden. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Bildergallerie: Klarna Headquarter

Leben und arbeiten in Schweden

Für uns Digital Worker ist Schweden ein attraktives Land. Wer auf Spielereien wie Self-Service-Kassen in den Supermärkten steht, wie es Coop in Stockholm praktiziert, gerne mit Paypal seine Snacks aus den Automaten an der Straßenbahn-Haltestelle zieht – der wird sich hier wohl fühlen. Einkäufe auf dem Wochenmarkt lassen sich übrigens auch mit Kreditkarte bezahlen, wie ich beim Schlendern durch die Stockholmer Innenstadt feststellen durfte.

Supermarktkette Coop ist mit Selfservice-Kassen ausgestattet. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Die schwedische Supermarktkette Coop ist mit Selfservice-Kassen ausgestattet. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Schokoriegel per Paypal oder Kreditkarte? Bitte sehr. (Foto: Jochen G. Fuchs)
Schokoriegel per SMS, Paypal oder Kreditkarte? Bitte sehr. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Infrastruktur: Internet und Telefon

Aber abgesehen von solchen Spielereien, stimmen wichtige infrastrukturelle Voraussetzungen für den digitalen Nomanden: In Schweden mit seiner Internetverbindung unzufrieden zu sein, ist vielleicht möglich, aber nicht die Regel. Schweden hat laut Ranking des „Network Readiness Index“ vom Weltwirtschaftsforum einen wohlverdienten ersten Platz eingenommen. Mobilfunkversorgung und mobiles Internet sind ebenfalls herausragend. Geht auch nicht anders, Telefonieren ist Volkssport. Hier klemmt quasi gefühlt jedem Fußgänger eine Freisprecheinrichtung mit einer Standleitung irgendwo am Ohr.

Priorität Familie

Das Familienleben hat in Schweden Priorität und die rechtlichen Rahmenbedingungen lassen den schwedischen Angestellten deshalb viel Freiraum für die Familienplanung. Jonas, der mich durch das Klarna-Hauptquartier führt, kommt gerade aus der Elternzeit. Im Vergleich zu unserer deutschen Elternzeit ist die in Schweden ganz anders organisiert. Insgesamt stehen 480 ganze Tage bezahlter Elternzeit zur Verfügung, die bis zum achten Lebensjahr des Kindes frei zur Verfügung stehen. Nahezu 80 Prozent ihres Gehalts bekommen Schweden weitergezahlt. Allerdings können die Tage auch weiter ausgedehnt werden, die Elternzeit mit einer Halbtagsarbeit zu kombinieren ist kein Problem. Dann reichen die 480 Tage logischerweise auch über einen längeren Zeitraum.

Am Arbeitsplatz

Bei Klarna ist der fehlende, feste Schreibtisch ein Zeichen für etwas typisch schwedisches: sympathisch flache Organisationsstrukturen. Ja, es gibt Hierarchien in schwedischen Unternehmen, aber diese fühlen sich anders an, als in Deutschland. Irgendwie sanfter, weniger scharfe Abgrenzungen. Gesiezt wird hier übrigens nur das Königshaus, dem der Durchschnitts-Stockholmer auf der Straße aber eher unaufgeregt begegnet, der Rest der Bevölkerung ist per Du. Auch Mitarbeiter und Vorgesetzte nennen sich grundsätzlich beim Vornamen.

Fazit

Schweden ist nicht nur ein landschaftlich schönes Land, sondern gerade für Digital Worker spannend. Ein hoher Digitalisierungsgrad, gute Infrastruktur und High-Tech-Verliebtheit, gepaart mit einem hohen Innovationswillen, machen Schweden und besonders Stockholm mit seinen über 20.000 Tech-Unternehmen zu einem attraktiven Ort zum Leben und Arbeiten. Mir persönlich fehlt Stockholm schon jetzt. Falls es jemals andersherum sein sollte und ein deutscher Digital Worker in Stockholm Heimweh bekommt: die bayerische Kneipe im Altstadtbezirk „Gamla Stan“ könnte helfen.

(Foto: Jochen G. Fuchs)
(Foto: Jochen G. Fuchs)

Die Reise erfolgte auf Einladung von Klarna.

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5 Antworten
  1. von Andreas am 18.01.2015 (11:11 Uhr)

    Stimme zu, Stockholm rocks!!!

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  2. von SchwedenBox am 18.01.2015 (14:31 Uhr)

    Ein hübscher Werbeartikel, einzig den Zweck verfolgend, Arbeitskräfte anzulocken.

    Jochen G. Fuchs hat keine Ahnung/Kenntnis vom Leben in Schweden.

    Ein paar Klarstellungen:

    + Stockholm ist extrem teuer, vom (schwer genießbaren) Imbiss bis zur Wohnung.
    + Die kaum bezahlbaren Wohnungen erhält man erst nach Jahren Wartezeit.
    + Die Gehälter stehen in keinem Verhältnis zu den überhöhten Preisen.
    + Ist man krankgeschrieben, bekommt man deutlich weniger, anfangs gar nichts bezahlt.
    + Es gibt, insbesondere in den Großstädten viele soziale Probleme und eine nicht unerhebliche Kriminalität.
    + Es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit, insbes. unter jungen Menschen.
    + Gibt es schwedische oder andere Bewerber, hat der deutsche Bewerber es meist schwer, überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch vorzudringen. Die Schweden sind entgegen aller verbreiteten Märchen (mindestens) genauso fremdenfeindlich wie die Deutschen.
    + Flüchtlinge haben weitestgehend Narrenfreiheit. Gesetzesverstöße werden kaum bzw. oft gar nicht geahndet. Wird von schweren Straftaten berichtet, die von Flüchtlingen verübt worden, werden keinerlei Namen genannt. Wird ein Deutscher des geringsten Fehlverhaltens bezichtigt (nicht unbedingt überführt!), so findet dieser sich mit vollem Namen und Angabe des Herkunftslandes in der Zeitung wieder.
    + Es gibt kaum ansprechende Gastronomie. Gastronomie ist, egal auf welchem Qualitätsniveau, immer sehr teuer. Die berühmten „Köttbullar“ sind für den Touristen vielleicht gelegentlich mal ganz nett (wenn man kein Problem mit Pferdefleisch hat), aber auf Dauer kaum eine Ernährungslösung.
    + Dienstleistungen sind nicht sehr entwickelt (in der Gastronomie eher katastrophal). In Schweden wird man noch immer aus dem Laden geworfen, wenn der Verkäufer gleich Feierabend hat. Das Personal erscheint eine Minute vor Beginn der Öffnungszeit (oder auch später) und beginnt dann mit den Vorbereitungen. In Geschäften werden die Waren erst nach Beginn der Öffnungszeit eingeräumt. Mit dem Reinigen der WCs beginnt man ebenfalls erst, wenn die Kunden schon da sind.
    + Auch Vorgesetzter schwedische Kollegen zu sein, ist zuweilen kein Vergnügen, da es kaum eine Hierarchie und irgendwelche Möglichkeiten der Motivation oder Sanktion gibt.
    + Zu Betriebsfeiern erscheinen Schweden nur, wenn diese während der Arbeitszeit stattfinden.
    + Kritik wird nicht offen geübt. Man wird anonym, je nach Fall, beim Chef oder einer Behörde (z. B. Polizei) angeschwärzt.
    + Wer sich Hoffnungen auf eine schwedische Freundin oder Frau macht, wird sich mit einer Attitüde auseinandersetzen müssen, die sich hier kurz damit erklären lässt, dass Schweden sich selbst gern als Feministisch bezeichnet. Wen das an Alice Schwarzer erinnert, der liegt nicht ganz falsch.

    Diese negativen Anmerkungen beziehen sich auf o. g. „Schweden-ist-wunderbar-Werbeartikel“ und sind als Weckruf gedacht. Natürlich hat Schweden auch viele Vorzüge, auch und gerade gegenüber dem Leben in Deutschland, zumindest bestimmten Regionen Deutschlands.

    Schweden ist aber kein Pippi-Langstrumpf-Paradies. Man sollte sich selbst ein Bild machen und sich nicht von solchen Artikeln oder diversen Foren, die alles rosarot darstellen (weil man Fan ist oder sein Ferienhaus vermieten will) täuschen lassen.

    Hejdå.

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    • von Christian am 19.01.2015 (08:29 Uhr)

      "+ Es gibt, insbesondere in den Großstädten viele soziale Probleme und eine nicht unerhebliche Kriminalität."

      "... und eine relativ geringe Kriminalität." http://schwedenbox.com/auswandern.htm

      ??

      Antworten Teilen
    • von Matthias Lewin am 19.01.2015 (19:06 Uhr)

      Hui, SchwedenBox, was ist denn da passiert?! Ich wohne seit zwei Jahren in Stockholm und kann gerne mal zu einzelnen Punkten Stellung nehmen und meine Erfahrungen wiedergeben.

      Was den Wohnraum angeht, so ist es sicherlich so, dass es gerade am Anfang, ohne persönliches Netzwerk, ziemlich schwer ist, eine geeignete Wohnung zu finden und man muss sich mit Zeitverträgen durchschlagen.

      Was das Monetäre angeht, so kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass es sich dennoch lohnt. Nicht alles ist teurer und unter dem Strich bleibt mir (und auch vielen Bekannten) mehr.

      Krankschreibung: Stimmt, der erste Tag gilt als Karrenztag, für den man kein Geld bekommt. Aber auch das fällt ja eigentlich nur ins Gewicht, wenn man öfter krank ist...

      Kriminalität: Es stimmt, dass in meinem Umfeld mehr passiert ist als in Deutschland. Ich weiß aber nicht, ob sich das nur an Stockholm festmachen lässt.

      Zur Bevorzugung von Schweden: Daraus würde ich nun keine Ausländerfeindlichkeit ableiten (womit nicht gesagt ist, dass es die nicht gibt). Gerade bei Jobs ist es ähnlich wie bei Wohnungen: Das Netzwerk zählt. Daher ist eben häufig der Start in Stockholm äusserst schwer. Lernt man Leute kennen, ergeben sich meistens Möglichkeiten in alle Richtungen.

      Flüchtlinge haben Narrenfreiheit?! Habe ich anders kennengelernt...

      Kaum ansprechende Gastronomie?! Kommt sicherlich auf den Geschmack an, aber Restaurants aller Richtungen gibt es natürlich wie Sand am Meer... Ein fundamentaler Unterschied ist aber sicherlich das "Ausgeh-Verhalten", da die meisten Clubs um 1 oder 3 Uhr schließen. Daher startet eben alles auch entsprechend früher.

      Den Punkt, den du unter "Dienstleistungen sind nicht sehr entwickelt" ansprichst, kann man sehr wohl auch unter neu gewonnener Lebensqualität abhandeln. Nicht immer alles so eng und gestresst sehen!

      Beim Verhältnis zu Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern sollte man eher darauf achten, dass der Ton die Musik macht. Top-down funktioniert hier eben nicht.

      Betriebsfeiern: Kann ich nicht bestätigen, hängt sicherlich in erster Linie vom Betriebsklima ab.

      Was das Äussern von Kritik angeht, so sind die Nuancen in der Sprache sehr wichtig. Es dauert sicherlich einige Zeit, aber dann kann man Feedback auch besser einschätzen und weiss, dass gut eben nicht immer gut bedeutet.

      Deinen letzten Punkt verstehe ich überhaupt nicht - es sei denn du vertrittst das Meinungsbild, dass Frauen hinter den Herd gehören.

      Meiner Meinung nach schießt ihr da weit über das Ziel hinaus. Sicherlich ist in Schweden nicht alles so, wie die verklärte Pippi Langstrumpf Welt uns weiß machen will, aber dein Post ist ja wirklich das andere Extrem. Man braucht einen langen Atem, um in Stockholm Fuß zu fassen und muss vor allem auch einige typisch deutsche Eigenschaften ablegen. Und dann macht es hier wirklich sehr viel Spaß!

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  3. von Nico Saborowski am 19.01.2015 (08:58 Uhr)

    Hallo Herr Fuchs,

    Ich finde ihren Artikel sehr ansprechend. Sie kommen dem Ziel als "Monet der szenischen Natur-Text-Einstiege" zu gelten, immer näher!

    Ich hatte das Glück ein halbes Jahr lang in Schweden studieren zu dürfen und vieles was Sie ansprechen, kommt mir doch sehr bekannt vor. Vor allem die flachen Hierarchie-Strukturen: Während ich in Deutschland beim Anschreiben darauf achten muss, welch akademischen Titel mein Gegenüber hat, genügt an der schwedischen Uni der Vorname - einfach und unkompliziert.

    Zwar scheint sich der Trend zu ändern, aber sollte man in Schweden leben, muss man sich einer anderen Trinkgewohnheit anpassen. Während man in Deutschland schon gerne mal in der Woche Alkohol trinkt, wird in Schweden lieber am Wochenende getrunken...und zwar viel. Freitagnachmittag sieht man dann auch eine Menge Personen in der Stadt herumlaufen, die Beutel der gleichen Farbe herumtragen.


    Zu SchwedenBox:
    Ich habe damals in einem "Ausländer-Viertel" in Falun gelebt. Dreistöckige Wohnblöcke, bei denen es zu keinem Zeitpunkt zu irgendeinem Problem kam. Integration hat hier super funktioniert. Wie das allerdings in Husby oder anderen Bezirken in Stockholm aussieht, mag ich nicht beurteilen.

    MfG,
    Nico

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