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Digitales Leben

Die „Arroganz der Macht“ – Reporterlegende Charles Lewis über PRISM, die Zukunft des Journalismus, die Gier der Verlage und Soziale Netzwerke

    Die „Arroganz der Macht“ – Reporterlegende Charles Lewis über PRISM, die Zukunft des Journalismus, die Gier der Verlage und Soziale Netzwerke
NSA: Alle großen Smartphone-Betriebssysteme können überwacht werden.

Ist Print tot? Können Journalisten in Zeiten von PRISM noch frei recherchieren? Welche Auswirkungen haben Soziale Netzwerke auf die Medien? Und was braucht es eigentlich, um investigativer Journalist zu werden? Charles Lewis, einer der profiliertesten Reporter der USA, im Interview.

Text
Charles Lewis. (Foto: Wikipedia / CC BY-SA 3.0)

Charles Lewis ist einer der profiliertesten Journalisten der USA. 1989 kündigte er beim investigativen Fernsehmagazin „60 Minutes“ von CBS und gründete mit dem Center for Public Integrity in Washington eine Non-Profit-Organisation für investigativen Journalismus. Bekannt wurde die Einrichtung vor allem für die Offshore-Leaks, einen riesigen Datensatz über Steueroasen. Lewis selbst unterrichtet darüber hinaus am Investigative-Reporting-Workshop der American University, ist Autor mehrerer Bücher und wurde für seine Recherchen vom PEN-Club der USA mit dem „First-Amendment-Award“ ausgezeichnet. In diesem Jahr ist er einer der Speaker des Scoopcamps – der Innovationskonferenz für Onlinemedien, die am 13. September in Hamburg stattfindet (Der Vortrag von Lewis wird übrigens, wie einige andere auch, per Live-Stream übertragen). Wir haben mit dem 59-Jährigen vorab über die Zukunft des Journalismus, Soziale Netzwerke und die Auswirkungen der jüngsten Überwachungsskandale auf die Medien gesprochen.

Charles Lewis: Ich bin nicht pessimistisch – nur realistisch

t3n.de: Mr. Lewis, lassen Sie uns eine Frage gleich vorneweg klären: Ist Print tot?

Charles Lewis: Print ist nicht tot. Aber Zeitungspapier, Versandkosten, die tägliche Zustellung – all das ist teuer und wird zunehmend als Relikt der Vergangenheit gesehen. Die Zielgruppe besteht aus immer älteren Konsumenten, die über Jahrzehnte an eine bestimmte Aufmachung, die Bequemlichkeit und einen gewissen Lebensstil gewöhnt worden sind. Mit dem Aufkommen neuer Medientechnologien – Radio, Fernsehen, Kabelfernsehen und natürlich Internet – gehen die Zeitungs-Abonnements seit einem halben Jahrhundert zurück. Und: Mehr und mehr werden Online- und Multimedia-Produkte, die auf immer kleiner werdenden Tablets und Smartphones verfügbar sind, die Tradition, tagesaktuelle Informationen auf Papier zu drucken, verdrängen.

t3n.de: Einer von Deutschlands größten Medienkonzernen, Axel Springer, hat gerade diverse Tageszeitungen und Magazine verkauft, um sich auf das digitale Geschäft zu konzentrieren – ein Deal, der als Anfang vom Ende der Printpresse bezeichnet wurde. Sind sie auch so pessimistisch?

Charles Lewis: Ich bin nicht pessimistisch – nur realistisch. All das ist Teil eines historischen Trends und der neuesten technologischen Entwicklung, wie Informationen veröffentlicht und konsumiert werden. Linotype- und Schreibmaschinen stehen schon seit Jahren im Museum. Es ist nur eine Frage der Zeit, eine Frage von ein paar Jahrzehnten mehr, und die älteren Generationen werden ausdünnen. Ich habe Zeitungen, Magazine und Bücher mein ganzes Leben lang „auf die altmodische Art“ gelesen, und ich werde das auf absehbare Zeit auch weiter tun – so lange es geht. Ich werde weiterhin die New York Times und die Washington Post abonnieren, die mir jeden Tag ins Haus geliefert werden, ich lese diese und anderen große Medien aber auch online. Außerdem bin ich Abonnent von mehr als 20 Magazinen, also: solchen, die immer noch auf Papier gedruckt werden. Ich mag das. Aber ich stelle auch fest, dass dieses Format endlich ist – seine Tage sind gezählt ...

t3n.de: Sie sind aber nicht nur Leser, sondern auch Journalist ...

Charles Lewis: Ich bin investigativer Reporter und das schon seit gut 35 Jahren. Berichten, Schreiben und Veröffentlichen sind heute multimedialer als je zuvor, mit unendlichen Möglichkeiten wie Video, Audio, Animationen, Daten und anderen Präsentationsmöglichkeiten. Diese neue, digitale Welt ist global. Ihre grenzüberschreitende Berichterstattung, ihre Möglichkeiten und ihr Einfluss stecken allerdings immer noch in den Kinderschuhen. Sie sind noch nicht ansatzweise Realität. Noch nie zuvor waren so vielfältige Informationen für so viele Milliarden von Menschen so leicht zugänglich – unabhängig von Kultur, Herkunft, Sprache und so weiter. Diese neuen Werk- und Spielzeuge eröffnen ungeahnte Möglichkeiten des Storytellings und des Journalismus, die das Schreiben und das geschriebene Wort in ungeahnte Höhen treiben.

Amazon-Gründer kauft Washington Post – Eine großartige Verbindung?

Amazon-Gründer Bezos hat kürzlich die Washington Post gekauft. (Foto: Dion Hinchcliffe / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)
Amazon-Gründer Bezos hat kürzlich die Washington Post gekauft. (Foto: Dion Hinchcliffe / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)

t3n.de: Die Washington Post, die Sie abonniert haben, ist gerade von Amazon-Gründer Jeff Bezos gekauft worden. Hat da der E-Commerce den Journalismus ausgestochen?

Charles Lewis: E-Commerce bedeutet per Definition etwas zu verkaufen, und zwar inklusive Ramsch, Ponografie, gebrauchter Alltagsgegenstände – was auch immer. Im Journalismus geht es darum, die Wahrheit zu erzählen, für mich die höchste Form der Information. Berichten und Aufbereiten, Fakten checken und Veröffentlichen – kann man das wirklich kaufen und verkaufen, genauso wie gehackte Leber? Jeff Bezos hat rausgefunden, wie man Dinge online verkauft. Die Washinton Post und andere Zeitungen, zumindest in den USA, haben das nicht. Das könnte also eine großartige Verbindung sein, zwischen einem Internet-Unternehmer und einer altehrwürdigen Zeitung, der es technisch, unternehmerisch und online an Erfahrung fehlt. Ich zumindest hoffe das Beste, und das als jemand, der es die letzten 40 Jahre sehr genossen hat, die großartigen Berichte der Post zu lesen.

t3n.de: Sie selbst haben vor Jahren die CBS velassen, um das Center for Public Integrity zu gründen, das investigativen Journalismus unterstützt. Ist diese Form des Journalismus zu kostspielig für die traditionellen Medien geworden, um ohne Förderung zu überleben?

Charles Lewis: Lassen Sie mich eins klarstellen: Das Center for Public Integrity, sein internationales Gremium investigativer Journalisten und der Investigative-Reporting-Workshop, den ich gegründet habe und den ich an der American University in Washington leite – sie alle „unterstützen“ investigativen Journalismus nicht bloß. Hier geht es nicht nur um Geld oder darum, gute Arbeit möglich zu machen. Sie alle betreiben investigativen Journalismus – sie beschäftigen Reporter, sowohl festangestellte als auch freie, sie betreuen die Recherche, das Schreiben, das Aufbereiten, das Faktenchecken und den juristischen Teil, und sie alle setzen ihren Arsch aufs Spiel, indem sie sich mit den Mächtigen anlegen – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Heute gibt es 82 Non-Profit-Organisationen, die investigativen Journalismus betreiben und Mitglied des Investigative News Networks (INN) sind, das ich mit drei anderen 2009 gegründet habe.

t3n.de: Das klingt doch gar nicht so schlecht ...

Charles Lewis: Es gibt da draußen auch Hunderte von Zeitungen, die investigativ recherchieren könnten. Das Problem ist: Nur ein paar Dutzend tun das wirklich. Investigativer Journalismus ist teuer. Ich hoffe bloß, dass mehr Medienunternehmen – traditionelle „kommerzielle“ Medienunternehmen – beginnen zu begreifen, dass die Öffentlichkeit eine hohe Qualität fordert, einen Vor-Ort-Journalismus, der sich gegen die Mächtigen behauptet, der das öffentliche Interesse vertritt. Vor Jahrzehnten sind die kommerziellen Zeitungen vom Reiz des Geldes geblendet worden, die meisten gingen an die Börse oder ließen sich von Investoren kaufen, die sich nur um höhere und noch höhere Profite kümmern. Die Dinge sind aus dem Gleichgewicht geraten, und die Öffentlichkeit wurde nebensächlich. Ich glaube, der konventionelle, profitorientierte Journalismus – zumindest der größte Teil – ist vom Weg abgekommen und hat schlicht die Nerven verloren.

t3n.de: Was genau meinen Sie damit?

Charles Lewis: Cash und Fusionen haben über den Drang gesiegt, harte Fakten veröffentlichen zu wollen. Und irgendwo, wie soll ich das sagen, ist auch das verlegerische Rückgrat auf der Strecke geblieben – oder die Verleger sind ängstlich geworden, wie auch immer man das ausdrücken will. Es hat immer weniger Interesse an einem agressiven Journalismus gegeben, der Anzeigenkunden abschrecken oder zu viel Zeit kosten oder Verlage in juristische Schwierigkeiten bringen könnte und so weiter. Gleichzeitig gab es ein größeres Interesse an schnellen, leichten Geschichten und Feel-Good-News. In dem Maß, in dem die Zahl an PR-Schleudern, wir nennen sie auch „Bullshit-Artists“, zugenommen hat, haben auch Pressemitteilungen ihren Weg in die Zeitungen gefunden, teilweise wortwörtlich übernommen. All das hat „Nachrichten“ als Produkt sowie ihre Glaubwürdigkeit beschädigt und den öffentlichen Zynismus über das Nachrichtengeschäft beflügelt. Doch zurück zu Ihrer Frage: Es gibt immer noch etliche Medienunternehmen, beispielsweise CBS News 60 Minutes oder die New York Times und viele andere führende US-Zeitungen, die in der Lage sind, großartigen investigativen Journalismus zu machen. Aber der Zusammenbruch des Anzeigengeschäfts und der Verlust von rund einem Drittel an Print-Reportern in den vergangenen 20 Jahren haben ganz klar ihren Tribut gefordert. Und die Einreichungen für den Pulitzer-Preis sind auch um rund 30 Prozent gesunken ...

Assange, Manning, Snowden – „Alle drei haben heldenhafte Dinge getan“

Auch für viele Deutsche ist Edward Snowden ein Held. (Foto: Marcus Sümnick / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

t3n.de: Ihre Organisation will öffentliche und private Institutionen dazu bringen, „ehrlich, integer und verantwortungsvoll“ zu arbeiten und zu allererst das öffentliche Interesse im Blick zu haben. Menschen, die das auch gewollt haben, sind Julian Assange, Bradley Manning oder Edward Snowden. Sind diese Männer für Sie Helden oder Verräter?

Charles Lewis: Weder Assange, noch Manning, noch Snowden würden sich als investigative Journalisten bezeichnen – und sie werden auch nicht als solche gesehen. Manning und Snowden sind klassische Whistleblower, und Assange war sowohl Quelle für die traditionellen Medien als auch für die Öffentlichkeit. Seine vorrangige Leistung – egal, wie seine persönliche Zukunft aussieht – sind Wikileaks und das Konzept einer anonymen, vertraulichen Online-„Dropbox“ für brisante Dokumente. Ich glaube, alle drei haben heldenhafte Dinge getan. Gleichzeitig aber hat Manning, und das wusste er, gegen US-Gesetze verstoßen, und das Gleiche gilt vermutlich für Snowden. Ob ich glaube, dass das, was diese Männer getan haben, ein Dienst an der Öffentlichkeit war? Ja. Wussten sie alle, dass das schwerwiegende Konsequenzen haben könnte? Ja.

t3n.de. In der PRISM-Affäre hat James Clapper, der Geheimdienstdirektor der USA, die Medien für ihre „rücksichtslosen Enthüllungen“ kritisiert. Befürchten Sie, die Berichterstattung wird oder könnte durch diesen Druck von Behördenseite beeinflusst werden?

Charles Lewis: Das größte Problem für die Berichterstattung über PRISM und Themen, die nationale Sicherheit betreffend, ist, dass es so wenige Vollzeit-Reporter gibt, die sich mit ihnen auskennen. In einem Land von 330 Millionen Einwohnern ist ihre Zahl verschwindend gering, es sind vielleicht 15 oder sogar weniger. Das zweite schwerwiegende Problem ist, dass es für Journalisten zunehmend schwierig wird, sich mit Regierungsvertretern zu treffen und vertraulich Gespräche zu führen – zwischen den Tausenden von Überwachungskameras in Washington, angesichts der unzähligen Ermittlungen zu undichten Stellen unter Obama, in Anbetracht der irrsinnigen Vorstellung, sich in Regierungsgebäuden mit ihren Sicherheitssystemen und Zugangs-Logs zu treffen und dem weitreichenden Verdacht, dass die E-Mails, Telefongespräche und sogar die GPS-Smartphone-Daten von Journalisten aufgezeichnet werden.

t3n.de: Was glauben Sie: Wie werden sich die Medien durch PRISM, Tempora und andere Überwachungsprogramme verändern?

Charles Lewis: Diese Programme und die „Arroganz der Macht“, die dahinter steckt, sollten Journalisten alarmieren und aufrütteln, hartnäckig zu berichten und aufzudecken. Doch in unserer nicht funktionierenden amerikanischen Demokratie werden die meisten Politiker – Demokraten wie Republikaner – weiterhin die nationale Sicherheit hochhalten und diese Programme nichtsdestotrotz unterstützen. Und die Medien werden über Regierungsgeheimnisse und die Überwachung eine Weile berichten, solange diese Geschichten tagesaktuell sind – aber mehr werden sie kaum tun, denke ich.

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1 Reaktionen
Ara
Ara

Sehr interessantes Interview. Lediglich die Behauptung, dass soziale Netzwerke noch in den Kinderschuhen stecken, halte ich für fragwürdig - es ist die datenseitige Verknüpfung der Umwelt, die noch hinterherhinkt und dann über kurz oder lang Social Networks überflüssig macht, weil wir in einer Social World leben werden.

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