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Was der Ashley-Madison-Hack für die Zukunft des Internets bedeutet [Kolumne]

Was der Ashley-Madison-Hack für die Zukunft des Internets bedeutet [Kolumne]

Der Hack des Seitensprungportals Ashley Madison und die darauf folgende Panik bei den Mitgliedern stellen ein Paradebeispiel für die Eigenheit des Internets dar, Merkwürdigkeiten und Widersprüche des menschlichen Zusammenlebens schonungslos bloßzustellen. Wie wir als Gesellschaft damit umgehen, entscheidet auch über die Zukunft des Netzes, analysiert Martin Weigert in seiner Kolumne .

Was der Ashley-Madison-Hack für die Zukunft des Internets bedeutet [Kolumne]

(Foto: Stokkete / Shutterstock)

(Screenshot: Ashley Madison)
Knapp 40 Millionen Mitglieder sind bei Ashley Madison registriert. (Screenshot: Ashley Madison)

Die Art und Weise des modernen menschlichen Zusammenlebens erscheint auf den ersten Blick schlüssig, ist aber bei genauerem Hinsehen widersprüchlich und mitunter ziemlich merkwürdig. Nur wenige wollen jedoch genau hinsehen, denn es ist Arbeit und mag zu unangenehmen Erkenntnissen führen. Die historisch entstandenen Organisationsformen und gesellschaftlichen Verhaltenskodizes schienen daher trotz ihrer eingebauten Konflikte und Schwächen lange zu funktionieren. Das Internet und moderne digitale Technologie bereiten der scheinbaren Harmonie aber ein jähes Ende.

Technologie hält Menschen den Spiegel vor

Technologie hält uns den Spiegel vor und zwingt uns dazu, das zu sehen, was wir bisher immer recht erfolgreich verdrängen konnten. Der Hack des Seitensprungportals Ashley Madison und die Folgen liefern ein eindrückliches Beispiel hierfür.

Nachdem in Folge eines Datendiebstahls viele Millionen Datensätze von Mitgliedern der Website im Internet auftauchten, sind Menschen überall auf der Welt in Sorge darüber, dass ihre heimlichen Affären ans Licht kommen könnten. Der Sicherheitsexperte Troy Hunt dokumentiert in einem Blogpost die Gefühlslagen und Ängste der Betroffenen. Spätestens seit dem Erscheinen von Meldungen, gemäß derer es sogar Suizide bei Nutzern der Site gegeben haben soll, wird deutlich, für wie verheerend die Auswirkungen ihrer Entlarvung von Anwendern eingeschätzt werden. Erpresser nutzen diese Verzweiflung natürlich sofort aus.

Der Ashley-Madison-Hack und die brüchige Fassade

Die Debatte rund um den Datenklau bei Ashley Madison dreht sich momentan primär darum, wie man die Hacker dingfest machen und künftige Vorfälle dieser Art verhindern kann, um individuelle Schicksale zu schützen. Gleichzeitig aber offenbart sich ein fundamentaler Widerspruch der Funktionsweise menschlicher Beziehungen: Obwohl in den zumeist christlich geprägten Kulturkreisen der westlichen Welt ein unumstößliches, gesetzlich verankertes Ideal der monogamen Beziehungen existiert, ist das Hintergehen von Partnern seit jeher weit verbreitet. Jeder weiß, dass es passiert, und jeder kennt aus dem persönlichen Umfeld oder aus den Medien ein paar solcher Fälle. Da Details über die Ausmaße aber spärlich sind, lebten wir alle ganz gut mit dem gesellschaftlichen Konsens, die Fassade der monogamen Beziehung zwischen zwei Menschen bis ans Lebensende aufrecht zu erhalten.

Mit dem Hack von Ashley Madison erhält diese Fassade große Risse. Zwangsläufig richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit jetzt auf die Tatsache, dass diese Website allein 39 Millionen Mitglieder hat – darunter Personen jedes sozialen und beruflichen Status. Zählt man die mutmaßlich Millionen Menschen hinzu, die interessiert wären, aber entweder die Site nicht kannten oder aufgrund von (im Nachhinein berechtigten) Sicherheitsbedenken von einer Mitgliedschaft absahen, kann man eigentlich nicht mehr von einem Randphänomen sprechen. Ashley Madison zeigt uns: Heimliche Affären sind eher die Regel denn die Ausnahme, was im totalen Gegensatz zu der propagierten Vorstellung der treuen Beziehung steht. Doch obwohl sie in keiner Weise einer Minderheit angehören, erleben viele Nutzer des Seitensprungportals dieser Tage panische Angst, aufzufliegen. Irgendwas stimmt da nicht.

Heimliche Affären sind kein Einzelfall (Foto: Photographee.eu / Shutterstock)
Ashley-Madison-Hack: Heimliche Affären sind kein Einzelfall. (Foto: Photographee.eu / Shutterstock)

Ashley-Madison-Hack: Kulturelle Absurditäten werden aufgedeckt

Was wir hier beobachten können, ist ein Paradebeispiel für die Fähigkeit des Internets, die Absurditäten und komischen Nebeneffekte unserer kulturellen und sozialen Vereinbarungen aufzudecken. Denn ohne das Internet gäbe es Ashley Madison nicht und auch keinen Diebstahl der Anwenderdaten.

Die große Frage ist, was man aus dieser Eigenheit des Internets macht und wie man mit ihr umgeht. Eine Eigenheit, die sich relativ regelmäßig beobachten lässt. Es ist eine wichtige Frage, die über die Zukunft des Internets mitentscheidet. Denn im Endeffekt geht es darum, was stärker ist: Der kollektive Wille, die Widersprüche des „modernen“ Mensch-Daseins in die Zukunft mitzunehmen, oder die entfesselnde Wirkung digitaler Technologie, die aufgrund ihrer schieren Unkontrollierbarkeit eine pragmatisch motivierte Bereitschaft zur Auflösung der Widersprüche zur Folge hat. In anderen Worten: Wird Technologie ultimativ unser Zusammenleben verändern, oder zwingt ein vielleicht im Menschen intrinsisch vorhandener Drang nach Ambivalenz und Widersprüchlichkeiten im Verhalten am Ende die Technologie in die Knie – etwa in Form von zu massiven Restriktionen führender Regulierung und Gesetzgebung. Also genau das, was sich zur Zeit in immer mehr Ländern beobachten lässt.

Hacks und Sicherheitslücken wird es geben, solange Informationstechnologie unseren Alltag bestimmt. Da sollte man sich keine Illusionen machen. Wir haben allerdings Einfluss darauf, wie wir auf die schonungslose Bloßstellung gesellschaftlicher und zivilisatorischer Sonderbarkeiten und Skurrilitäten reagieren. Und ob wir bereit sind, sie als solche anzuerkennen. Ein Hack dieser Art ist strafrechtlich ein Strafbestand. Ob er aber das Privatleben von Menschen zerstört oder nicht, entscheidet nicht die Technologie, sondern unser moralisches Regelwerk und unsere Normen zum Zusammenleben.

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3 Antworten
  1. von Uns geht es immer besser am 26.08.2015 (18:18 Uhr)

    Früher gabs halt Swingerclubs oder Bars wo Willige hingehen. Deren Kreditkarten-Abrechnungen sind wohl auch eher Privatsache.

    30% hätten Ihren Partner schon betrogen sind gängige und immer wieder auftauchende Statistiken die sich bei news.google wohl finden lassen dürften. So wie das Schokolade glücklich macht oder der Klimawandel nicht bewiesen ist...

    Ehebrecher die an Fremde Alimente zahlen (siehe Homo-Ehen-feindliche Politiker mit zweit- und dritt-Familien auf Steuer-Zahler-Kosten! oder die vielen Alimente-zahlenden Prominenten) nehmen ihrer gesetzlichen Familie Einnahmen weg und was aus deren offiziellen wie auch inoffiziellen Kindern wird weil sie sich nicht mal um eine Familie gekümmert kriegen oder lieber ewige Schulden auf Volks-Kosten aufbauen sieht man ja oft genug in den Promi-Meldungen. Deutsche Marken-Firmen sind schon pleite gegangen weil 60 Erben bzw. Erben-Gruppen die Wirtschaftlichkeit nicht halten konnten.
    Vielleicht ist es hier ja ok wenn Ihr für andere Magazine schreibt während Ihr hier ein volles Gehalt bezieht...

    Wer Doping begeht hat halt das Risiko aufzufliegen (wikipedia: Fuentes doping-skandal). Exempel werden oft nur an Einzelnen statuiert. Der Rest kommt wie üblich davon. Siehe DDR oder 17.Juni (früherer deutscher Gedenktag) oder Tianameng-Platz... . Daran erkennt man wie wirksam Gerechtigkeit funktioniert und wessen Pensionen Deine Steuern mitbezahlen...
    de.wikipedia.org/wiki/Unabhängige_Historikerkommission_–_Auswärtiges_Amt
    de.wikipedia.org/wiki/Hans_Globke


    "Technologie hält uns den Spiegel vor und zwingt uns dazu, das zu sehen, was wir bisher immer recht erfolgreich verdrängen konnten. "
    Warst Du schon bei rot-grün dabei als uns Video-Übertragungen (also Netflix und Spotify) per UMTS und natürlich (der bis heute und wohl auch in Zukunft nicht stattfindende) Ausbau und natürlich die Neuen-Markt-Gewinne versprochen wurden ? Geschichte wiederholt sich. Vielleicht erkennt man hier schnell wieso.

    Seit wann gibt es die schon ewig geforderten Internet-Pressekonferenzen ? Erst durch Periscope kommt sowas extrem ultralangsam in Bewegung obwohl es schon 1999 per AOL am Festnetz-Modem gegangen wäre, Fragen zu stellen und zu beantworten als Neue Markt Chef oder Politiker oder Lokal-Fußball-Vereins-Trainer.

    Seit wann weiss jeder Jugendliche wie viel Staats-Schulden er in seinem Leben abarbeiten muss für Straßen und Brücken die längst abgerissen wurden oder für insolvente Firmen (Sozialkosten bewirken neue Staatsschulden) ?
    Wieso liefern die Piraten das nicht ? Wieso sind die Linken nicht per Internet wirksamer organisiert ? Ist Parteistaat und Hinterzimmer-Politik relevanter ?

    Transparenz ist der Feind der Miswirtschaft. Wäre Wikipedia hier verboten worden ? Du bist wohl noch jung und glaubst an Verbesserung und das es uns jährlich besser gehen wird... oder sogar an den Fachkräftemangel der hier vor Monaten widerlegt wurde. Leider filtert der link (auf t3n.......) das Posting glaube ich.
    Nenn drei erfolgreiche IT-Großprojekte.
    Pakistan, Great China-Firewall, Prism.
    Und jetzt drei deutsche erfolgreiche IT-Großprojekte. Pakistan gehört ja nicht dazu.
    http://www.golem.de/news/ueberwachung-in-pakistan-verschweigen-ist-gold-1507-115370.html

    Kritiker wie Jesus oder Netzpolitik sind nicht bei jedem beliebt.


    Den USA gehts auch jährlich immer schlechter obwohl die erhöhte Transparenz haben... Aber dank z.B. The Wire oder House of Cards weiss man auch wie Politik gerne gegen Bürger arbeitet. Das sind keine fiktiven Geschichten auch wenn sie bei manchen Anfängern so wirken.
    Wenn in China im Real-Life ein paar korrupte Bürgermeister hoppsgenommen werden (wie auch hin und wieder in Mittelmeer-Ländern weil bei zillionen Euro teuren Bauprojekten für ein paar Meter Straße halt die Begehrlichkeiten hoch sind), erscheinen angeblich kurz darauf in den chinesischen Daily-Soaps die im Mittelalter in der Kaiserzeit spielen schnell Episoden wo korrupte Dorf-Vorsteher auffliegen.

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  2. von Sara am 27.08.2015 (15:45 Uhr)

    Nicht jeder, der sich bei solch einer Plattform anmeldet, muss auch zwangsläufig in der Realität wirklich eine Affäre geführt haben. Die Anzahl der Benutzer sagt daher nicht zwangsläufig etwas aus. Das Interesse an solchen Portalen ist aber in der Tat enorm und die "Anonymität" des Internets fördert so ein Verhalten sicherlich. Interessant wird, ob solche Vorfälle wie der Hack von Ashley Madison sich nun negativ auf das Geschäftsmodell solcher Portale auswirken.

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  3. von Karl am 29.08.2015 (15:53 Uhr)

    Die Fassade einer monogamen Beziehung haben meine geliebte Ehefrau und ich schon lange hinter uns gelassen und es bisher keine Sekunde bereut. :)

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