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Digitale Gesellschaft

Kleine Schritte, große Wirkung – Wie Nutzer der Internetüberwachung entgegentreten können

    Kleine Schritte, große Wirkung - Wie Nutzer der Internetüberwachung entgegentreten können
Smartphones sind überall. (Foto: Phil Campbell, CC BY 2.0)

In seiner Aufgeweckt-Kolumne plädiert Andreas Weck dafür, sich mehr verschlüsselten Alternativen zu öffnen. Etablierte Internetdienste, die um ihr Geschäft fürchten, könnten für eine Wende in der Debatte um die Internetüberwachung sorgen.

Prolog: Ich muss mich korrigieren, liebe Leser. Im Rahmen der Spähaffäre habe ich oft die Meinung vertreten, dass die Verschlüsselung der privaten Kommunikation nur symptomatisch, keinesfalls aber zielführende Option ist, um in der Debatte etwas zu bewegen. Doch mit etwas Abstand und einigen Überlegungsphasen muss ich sagen: Ich habe mich geirrt. Ich behaupte nun, dass die Nutzung von Diensten, die verschlüsseln, doch zielführend sein kann – und als Teil eines Ganzen schlussendlich auch ein Umdenken bewirkt. Ich versuche meine Gedanken hier zu skizzieren.

Teile der eigenen Onlinenutzung verändern: Time to change!

Seit vielen Wochen hadere ich mit einigen Webdiensten: Ich beginne mich zu fragen, ob ich die ein oder andere App oder den ein oder anderen Service, den ich nutze, tatsächlich benötige und wenn ja, ob es nicht Alternativen gibt, die mir mehr Kontrolle über meine Daten bieten können. Ein Beispiel ist WhatsApp, das in der Vergangenheit häufiger durch Sicherheitspannen aufgefallen ist: Ich nutze den Dienst – wie ihr sicherlich auch – seit einigen Jahren. Die Kontaktliste ist voll mit Nutzern, die ich allerdings kaum anschreibe. Viele Chats liegen brach und werden nur ein paar Mal im Jahr aktiviert. Ganz wenige Chats sind bei mir in Dauernutzung. Ich fragte mich, warum also weiterhin WhatsApp als einzigen und standardmäßigen Messenger nutzen? Die paar Leute, mit denen ich ernsthaft und rege darüber kommuniziere, kann ich sicherlich auch anders kontaktieren, beispielsweise über einen verschlüsselten Dienst – in Sachen Instant-Messaging gibt es nämlich eine Vielzahl an Anbieter, die clientseitig-verschlüsselt für mehr Privatsphäre sorgen. Ich habe mir also einen dieser Dienste parallel zu WhatsApp auf mein Smartphone gezogen. Die Rede ist von myEnigma.

Mit verschlüsselten Alternative, die Debatte um die Internetüberwachung beeinflussen. myEnigma ist nur einer von vielen Protagonisten. (Screenshot: myEnigma)
Mit verschlüsselten Alternativen, die Debatte um die Internetüberwachung beeinflussen. myEnigma ist nur einer von vielen Protagonisten. (Screenshot: myEnigma)

Zugegeben, der Dienst hat noch viel zu tun: Die Oberfläche ist nicht besonders schick. Eine Google-Maps-Funktion, um Standorte zu verschicken, fehlt genauso wie eine Palette an individuellen Smileys, die gerade für junge Nutzer sicherlich essentiell sind. Aber: verschlüsselte SMS und Einzel- sowie Gruppenchats können problemlos per Klick aufgesetzt und reibungslos genutzt werden. Ich konnte ein paar, mir wichtige Personen, mit denen ich häufig Nachrichten austausche, dazu animieren sich auch myEnigma zu installieren. Und seit einigen Tagen findet ein Großteil meiner Kommunikation nicht mehr ausschließlich auf WhatsApp, sondern auch auf einem mehr Privatsphäre bietenden Mitbewerber statt. Gut für myEnigma, schlecht für WhatsApp und kein schwerer Wechsel für mich.

Was ich nun getan habe, könnte durchaus Schule machen und – sofern Nutzer es gleichtun – für Druck an der genau der Stelle sorgen, die auch Regierungen schmerzt. Nämlich in der Wirtschaft.

Internetkonzerne können die Causa in eine neue Richtung steuern

Aktuell haben wir ein großes Problem:  Politik und Wirtschaft haben bezüglich der Spähaffäre keine Konsequenzen zu befürchten. Grundgesetzbrüche von Politikern werden kaum bis gar nicht abgestraft – trotz einer beispielhaften Medienberichterstattung über die illegalen Aktivitäten – und Internetdienste brauchen sich nicht um ihre Nutzer sorgen, weil die Alternativen keine 1-zu-1-Mitbewerber und vor allem überschaubar sind. Doch im Hinblick auf den zweiten Punkt braucht man gar nicht in so einem Schwarz-Weiß-Muster zu denken: Es gibt sehr wohl Alternativen, die zumindest einen Teil unseres Online-Daseins in eine neue Richtung kippen können. Nicht komplett, aber genug, um den ein oder anderen großen Internetdienst den Schweiß auf die Stirn zu treiben: Brechen die Interaktionen nämlich ein, weil sich ein Teil der Nutzer woanders austobt, müssen Lösungen herbeigeführt werden, die das Geschäft wieder beleben. Um beim Beispiel WhatsApp zu bleiben, hieße das: entweder bietet man eine adäquate clientseitige Verschlüsselung an, um Nutzer wie mich und die mir wichtigen Personen wieder für sich zu gewinnen. Oder man übt Druck auf die Politik aus, damit Regeln geschaffen werden, die das Vertrauen in die Branche wieder stärken. So oder so wäre schon etwas bewirkt.

Aller Anfang ist schwer: Aber nicht unmöglich!

Nun möchte ich aber auch gar nicht sagen, dass das immer so einfach ist. Schon gar nicht möchte ich behaupten, dass durch ein solches Szenario Apparate wie NSA, GCHQ oder der BND eingestampft oder vom Codeknacken abgehalten werden. Aber die Umstände für den Nutzer ändern sich zum Vorteil, sobald sich Wirtschaft und Politik die neue Realität eingestehen müssen – auch wenn das nicht über Nacht geschieht. Privatsphäre würde von vielen Internetdiensten wieder eine Bedeutung bekommen, denn entweder sie machen da mit oder es geht ihnen ans Geld – und das wäre fatal für die Internetkonzerne. Doch nicht nur die branchendominierenden Unternehmen, auch Regierungen würden aufgeschreckt, wenn ein Microsoft, ein Google, ein Facebook oder eben Dienste wie WhatsApp, sich mit unwilligen Nutzern konfrontiert sehen und sich das Szenario beispielsweise über die Einnahmen hinaus auch auf die Gewinne auswirkt.

Anders als in anderen Problembereichen, in der Kritiker gerne an die Macht des Konsumenten appellieren, haben wir Internetnutzer einen großen Vorteil: Die Alternativen im Cloud-, Instant-Messenger- oder E-Mail-Markt gehen preislich nicht so stark auf die Geldbörse wie die Entscheidung ein T-Shirt von der Stange gegen ein ökologisch-produziertes einzutauschen. Oder sich gegen ein Rindersteak aus der Massentierhaltung für eines aus einem Demeter-Betrieb zu entscheiden – was ich an der Stelle gerne empfehlen möchte. Der Instant-Messenger myEnigma ist beispielsweise kostenfrei erhältlich und liefert die Grundfunktion von WhatsApp – das inzwischen sogar kostenpflichtig geworden ist für Neuanmelder. Aber auch andere Projekte wie heml.is, das sich über Crowdfunding finanziert hat und demnächst ein gleiches Angebot – nur in schick – etablieren und im Freemium-Modell starten will, verdienen eine Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur von uns Journalisten, sondern auch von den Nutzern.

Ich kann nur jedem raten, sich solchen Anbietern mehr zu öffnen und sie, wenn auch zu Beginn nur parallel neben den Platzhirschen, als ernstzunehmende Alternative auszuprobieren. Wir werden noch lange über die Internetüberwachung sprechen, das ist auch gut und notwendig. Aber wir sollten es nicht mehr nur bei Worten belassen und uns ernsthaft nach Alternativen umschauen, die einen neuen Weg weisen können. Ohne wirtschaftliche Zwänge brauchen wir von der Politik nichts zu erwarten. Und es dürfte nur wenig teurer und unwesentlich unbequemer für uns Nutzer werden. Worauf also noch warten?

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Aufgeweckt“ findet ihr hier.

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9 Reaktionen
B.Schmidt
B.Schmidt

Kleiner Tipp: Die PSW GROUP testet momentan die gängigsten Messenger-Apps unter http://blog.psw-group.de/category/messenger-test, so bekommt jeder eine gute Übersicht und kann sich entsprechend seinen Bedürfnissen entscheiden.

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Peter
Peter

Ich persönlich finde das Problem betrifft auch weniger die Daten, die ich irgendwo eingebe (egal ob das mein Facebook-Status oder ein Google-Suchfeld ist), damit muss ich rechnen, auch wenn es ärgerlich ist; sondern eher die, die gesammelt werden, ohne dass ich bewusst interagiere. Von Plus1-Knöpfen und Like-Knöpfen, Analytics-Snippets, und Apps die vorsichtshalber mal komplette Telefonbücher meiner Freunde abgreifen.

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Heiko
Heiko

Die Möglichkeiten sind schon reichlich vorhanden.
Seit ca. 5 Jahren suche zu 80% mit Ixquick, und mit google fast nur in Notfällen oder wenn ich bewusst die Rankings von mit mir befreundeten kleinen Seiten beeinflussen will. Ach ja, hin und wieder hämisches Adword-Klicken bei idiotischen Anbietern kommt auch mal vor ;-)

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Peter
Peter

Eine vielversprechende Alternative für Whatsapp könnte auch Kontalk werden: http://kontalk.org/
Die Website sieht zwar nicht sehr vielversprechend aus, aber die App funktioniert bei mir einwandfrei und macht einen guten Eindruck.

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ICh
ICh

Guter Artikel, leider gibts myEnigma nicht für Windows Phone :-(

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Gedankenzirkus
Gedankenzirkus

Ein sehr guter Artikel, der in meine derzeitigen Beschäftigungen mit dem Thema passt. Hat mich bestärkt. Und toller Hinweis auf die Cowrdfunding-Aktion von heml.is.

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Dirk

100%iges Vertrauen kann es nie geben. Der Fehler Nummer 1 ist immer das verwendete Betriebssystem. Man muss also iOS, Android, Windows, X-Distribution (Linux, Unix a.s.o.) vertrauen, dass sie entweder nicht ausspionieren oder gravierende Sicherheitslücken gibt. Fehler Nummer 2 ist dann zusätzlich installierte Software wie Zune oder iTunes.
Das ist wahrscheinlich nur Schwarzmalerei und nichts davon spioniert aus. Aber wie von der NSA bekannt, sieht sie sich nicht verpflichtet moralisch zu handeln (also bei entdeckten Sicherheitslücken diese nicht ausnutzen UND Entsprechende zu informieren, damit die Sicherheitslücke geschlossen wird).
Aber es gibt genug andere Software von Drittanbietern, die Übles installieren könnten. Auch Apps könnten spionieren. Das OS iOS ist zwar restriktiv und würde ein spionieren zwar nicht erlauben, aber wir wissen nicht, was für Fehler iOS hat, die eine App ausnutzen könnte.

tl;dr
Ich denke, dass es richtig ist der NSA, BKA, GCHQ und weiteren es VIELLEICHT das Ausspionieren schwerer zu machen, aber man sollte nicht den Irrglauben haben: Weil etwas als sicher versprochen wird, ist es auch sicher.
(Im Übrigen setzt Versprechen auch Vertrauen voraus ...)

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wowawebdesign
wowawebdesign

Endlich mal wieder ein guter Artikel auf t3n.de! :)

Ich kann nur zustimmen, auch bei mir hat sich in den letzten Wochen ein Wandel in meiner Einstellung vollzogen. Auch ich versuche, mich ein wenig anonymer und mit weniger Spuren im Internet zu bewegen. Nicht, weil ich irgendwelche illegalen Aktivitäten verbergen will. Das einzige, was ich zu verbergen habe, ist meine Privatsphäre. Wen geht es etwas an, welche Online-Shops ich aufsuche und nach was ich dort suche?

Beispiel E-Mails: ich kenne z.B. PGP schon lange, habe es aber eigentlich nie wirklich genutzt. Problem war hier, das fast keine meiner Kontakte PGP nutze. Das versuche ich seit kurzem zu ändern, indem ich meine Kontakte über PGP informieren möchte und vielleicht für die Nutzung gewinnen kann. Ich habe auch eine Videoanleitung für Einsteiger erstellt, in der die Einrichtung von PGP unter Windows gezeigt wird (http://bit.ly/encryptwithpgp ). So hoffe ich, vielleicht den einen oder anderen zum Umdenken zu bewegen.

Noch eine Alternative zu WhatApp: Threema (https://threema.ch/de/). Auch hier werden Nachrichten grundsätzlich nur verschlüsselt übertragen. Ausserdem kann man seine Kontakte in verschiedenen Stufen als vertrauenswürdig einstufen, ähnlich wie bei PGP. 100% Vertrauen haben nur Kontakte, deren ID man persönlich per Smartphone gescannt hat. Nutzen allerdings auch noch nicht sehr viele.

Alles in allem denke ich, dass es auch wichtig ist zu zeigen, dass man mit den gegenwärtigen Vorgehensweisen nicht einverstanden ist und etwas dagegen unternimmt. Je mehr Leute das machen, desto besser natürlich. Aber leider sind viele immer noch viel zu blauäugig.

Grüße
Wolfgang

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simon
simon

Hallo!
Ich muss auf meinem Computer Zune installiert haben, damit ich Daten vom Windows Phone auf meinen PC ziehen kann und umgekehrt. Mich nervt nur, dass Zune öfters probiert sich mit einem DoD Network Information Center zu verbinden. Was soll ich jetzt genau machen? Deinstallieren kommt auf gar keinen Fall in frage.

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