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Ausstieg bei Facebook: „So geht man doch nicht mit seinen Nutzern um“ [Interview]

Ausstieg bei Facebook: „So geht man doch nicht mit seinen Nutzern um“ [Interview]

Es sind gerade die großen Web-Konzerne wie und , die in Folge der PRISM-Affäre in Verruf geraten sind. Nicht wenige Nutzer ziehen Konsequenzen und kehren ihnen den Rücken zu. Einer von ihnen ist der Digital-Journalist Martin Giesler.

Ausstieg bei Facebook: „So geht man doch nicht mit seinen Nutzern um“ [Interview]

Interview mit Martin Giesler: „Gerade der Ausstieg bei Facebook und das sinnbefreite Wegscrollen der Timeline dort ist ein Segen.“

t3n.de: Lieber Martin, ich erinnere mich daran, dass du bis vor wenigen Wochen noch ein ziemlich aktiver Social-Media-Enthusiast warst. In Folge der Bekanntmachung der NSA-Spähprogramme durch Edward Snowden, hast du dich nun von einigen Webdiensten abgemeldet: Unter anderem Facebook und Google+ – ein stiller Protest oder bloßer Selbstschutz?

Martin Giesler: „Es gab für mich auch andere Gründe mich bei Facebook abzumelden.“ (Bild: Twitter)
Martin Giesler: „Es gab für mich auch andere Gründe mich bei Facebook abzumelden.“ (Bild: Twitter)

Martin Giesler: Bei Facebook hatte ich mich tatsächlich direkt an dem Wochenende abgemeldet, als der Guardian die Enthüllungen durch Edward Snowden publizierte. Da konnte man ja noch gar nicht das Ausmaß des Skandals erfassen. Folglich gab es für mich auch andere Gründe, mich bei Facebook abzumelden, die über die Zeit in mir gereift sind. Ähnliche Argumente gelten auch für Google+, Dropbox und Instagram. Kurz und knapp: Mir geht es um die Frage, ob mir der Social-Media-Dienst wirklich so viel wert ist, dass ich die Kosten – nämlich fragwürdigen Schutz meiner Daten und die Transformation meiner Person in einen gläsernen Konsumenten – in Kauf nehme? Diese Frage beantworte ich unter den gegebenen Umständen mit einem klaren Nein. Zudem würde ich mich von Facebook als Nutzer auch wirklich verraten fühlen oder hat irgendjemand einen Hinweis oder eine Mail von Facebook bekommen, dass die NSA indirekten Zugang zu den Nutzerdaten hat?

t3n.de: Du meinst, so etwas sollte wenigstens in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen nachlesbar sein? Du scherzt, oder?

Martin Giesler: Wenn es eine neue Funktion in Facebook gibt, dann schafft es Facebook dem User mit Hinweisen auf der Plattform darauf aufmerksam zu machen – die bekannten Walkthroughs. Wenn aber die Frage im Raum steht, ob die NSA massenhaft Daten von Facebook-Nutzern ausspioniert hat, dann informiert Facebook wie? Genau. Mark Zuckerberg schreibt bei sich auf seiner Facebook-Seite einen Eintrag. Das war es. Den lesen Journalisten – und Leute, die Mark Zuckerberg folgen. Aber doch nicht der normale User. Der erfährt von den Spionage-Programmen aus der Zeitung. So geht man doch nicht mit seinen Nutzern um.

t3n.de: Und doch ist es gängige Praxis. Lassen denn andere Dienste privatwirtschaftlicher Unternehmen durchblicken, dass es bei denen anders läuft?

Martin Giesler: Bei anderen Unternehmen besteht nicht grundsätzlich eine so große Beziehung. Wenn ich ein paar Schuhe von Asics kaufe, dann trage ich sie. Das war es. Wenn ich aber mit einem Unternehmen den Deal eingehe, ständig Daten auszutauschen – Dienst nutzen vs. Informationen preisgeben – dann erwarte ich eine andere Informationspolitik.

t3n.de: Twitter nutzt du weiter – ist das nicht inkonsequent?

Martin Giesler: Ich kann damit gut leben, wenn das einige Hardliner für inkonsequent halten. Allerdings ist das für mein Dafürhalten der falsche Weg: Wir sollten als aufgeklärte Nutzer nicht nur in Schwarz-Weiß-Kategorien denken. Social Media kann ganz wunderbar sein. Nur sollte jeder sich immer wieder die Frage stellen, ob der Nutzen für einen selbst überwiegt. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade in unserer „Medien-Journalisten-PR-Techblogger“-Blase häufig dazu neigen, jeden Dienst erst einmal als „Sei dabei oder Du kannst Deinen Job an den Nagel hängen“-Alles-oder-Nichts-Frage verstehen. Das ist falsch. Damit tun wir vor allem nur den Konzernen einen Gefallen. Und genau davon sollte sich ein aufgeklärter Journalist frei machen.

t3n.de: Ist dein digitaler Alltag, mit weniger Diensten, denn nun schlussendlich leichter oder schwieriger geworden?

Martin Giesler: Gerade der Ausstieg bei Facebook und das sinnbefreite Wegscrollen der Timeline dort ist ein Segen. Ich kann nicht erkennen, welche Vorteile mir durch meinen Abgang dort entgehen sollten. Der Marketing-Coup, dass beispielsweise jeder Journalist auf Facebook sein müsste, hat sich eh nie bestätigt. Mein digitaler Alltag ist durch die Konzentration auf einige ausgewählte Dienste wesentlich strukturierter und beschert mir auch ein gutes Bauchgefühl.

t3n.de: In deinem Blog stellst du in Frage, ob Nutzer ihre privaten Daten – wie sie die Internetdienste abfragen – in der Form auch im Ladengeschäft abgeben würden.

Martin Giesler: Dieser Vergleich ist den meisten Nutzern – und auch meinen Freunden – überhaupt nicht klar, und ist auch mir erst im Zuge des Daten-Skandals durch NSA, GCHQ und dem BND so richtig klar geworden. Die Menschen realisieren nicht, welchen Deal sie mit den Unternehmen eingehen. In den Medien lese ich viel über den selbstbestimmten User. Das ist in meinen Augen eine technogeile Sichtweise. Mit Blick auf Big Data – und wir reden nicht nur darüber, dass mir passende Werbung angezeigt wird – kann ich nicht sehen, dass die beispielsweise 25 Millionen deutschen Facebook-Nutzer wirklich verstehen würden was es heißt, wenn in Zukunft Präferenzen, Verhaltensweisen, Aufenthaltsorte und Sportaktivitäten ausgelesen und in echte Verträge umgewandelt werden. Das ist Zukunftsmusik – deren Grundlage wir aber heute erleben.

t3n.de: Wie können wir diese Zukunftsmusik denn lernen, richtig zu spielen? Reicht es, sich allein von den Services der Tech-Giganten abzumelden? Getreu dem Motto, „Die Macht des Konsumenten“ einsetzen?

Martin Giesler: Zunächst einmal sollte sich jeder Nutzer die Frage stellen, ob der Dienst einen wirklichen Mehrwert für ihn hat. Wenn dem so ist, dann sollte der User selbstbestimmt entscheiden, wo er mitmacht und wo eben nicht. Zudem muss der User lernen, was es wirklich heißt, dass man mit seinen Daten bezahlt – nämlich zu einer berechenbaren Konsum-Einheit zu verkommen. Hier aufzuklären, ist natürlich vornehmlich die Aufgabe von Journalisten, sollte sich aber auch stärker im Bewusstsein der User verankern. Wir befinden uns in einem Lernprozess – und ich versuche optimistisch zu sein.

t3n.de: Was für eine Rolle spielt die Politik in dem Prozess?

Martin Giesler: Die Politik muss die Rahmenbedingungen abstecken. Derzeit erleben wir allerdings, dass noch nicht einmal die Grundrechte eindrucksvoll verteidigt werden. Da werden auf einmal Super-Grundrechte ins Leben gerufen, die jeder rechtlichen Grundlage entbehren. Gesetze können aber nicht Spielball der Politik – und damit Auslegungssache sein. Wofür leben wir denn in einem Rechtsstaat? Die Politik muss sich entscheiden: Will sie Bürgerrechte verteidigen oder Sicherheit über alles stellen – und damit das Vertrauen in den Staat sukzessive aushöhlen.

Martin Giesler ist Redakteur beim ZDF und arbeitet dort in der Redaktion von heute.de. Zudem bloggt er auf 120sekunden.com über Journalismus und den digitalen Wandel, betreibt das Social Media Watchblog und ist Teil der Blogrebellen aus Berlin. Wer Kontakt aufnehmen will: @martingiesler.

Weiterführende Links zum Thema „Facebook-Privatsphäre“

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