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Basteln für die Großen: So wächst die Maker-Szene in Deutschland

Basteln für die Großen: So wächst die Maker-Szene in Deutschland

Früher werkelten die Tüftler alleine im Keller, heute vernetzen sie sich. Die Maker-Bewegung wächst und mit ihr die Frage: Wer sind die kreativen Macher von heute?

Basteln für die Großen: So wächst die Maker-Szene in Deutschland

Die Maker-Bewegung wächst. (Foto: Thorsten Schiller)

Plötzlich war da der Moment, an dem Mario Lukas einfach nicht mehr weiterkam. Er musste mal raus aus seiner kleinen Werkstatt im Arbeitszimmer, wo der 3D-Drucker steht, gebaut aus Schrott: Lukas fährt zum Bahnhof, setzt sich in den Zug nach Köln und schaut einfach aus dem Fenster. Am Hauptbahnhof steigt er um, zurück in den Zug nach Aachen. Und dann auf der Rückfahrt, irgendwo zwischen Feldern und Kleingartenlauben, nimmt er sein kleines rotes Buch aus der Tasche und malt die Skizze neu. So könnte es klappen!

Mario Lukas ist Maker. Einer, der auf seiner Visitenkarte sein Gesicht als QR-Code gedruckt hat, das zu seiner Homepage leitet. Auf der Rückseite steht ein Zitat von Mark Twain: „The man with a new idea is a crank until the idea succeeds“ – ein Mann mit einer neuen Idee gilt solange als verrückt, bis die Idee sich durchsetzt. Seine Ideen schreibt Lukas in das kleine rote Buch. Er druckt Schaltpläne aus und klebt sie dort ein, skizziert Fortschritte und streicht Misserfolge durch, notiert sich Geistesblitze und passt sie an, damit sie Wirklichkeit werden können. Lukas ist einer, der ständig auf Ideen kommt, die andere schnell als verrückt bezeichnen.

In seinem Reich: An diesem Arbeitsplatz arbeitet Mario Lukas mit Mini-Computern, Mikrocontrollern, einem 3D-Drucker, einem Lötkolben und vielem mehr. (Foto: Jessica Borchardt)
In seinem Reich: An diesem Arbeitsplatz arbeitet Mario Lukas mit Mini-Computern, Mikrocontrollern, einem 3D-Drucker, einem Lötkolben und vielem mehr. (Foto: Jessica Borchardt)

Lukas ist einer, der ständig auf Ideen kommt, die andere schnell als verrückt bezeichnen.

Vor zwei Jahren hat Lukas einen Toilettenpapier-Drucker gebaut, der RSS-Feeds, Facebook-Nachrichten oder Tweets auf Klopapier druckt – im original Commodore-Schriftsatz. Lukas ist C64-Fan. Die Bauteile für seinen Drucker: alte CD-ROM-Schubladen, Stepper von alten Druckern, Schrauben, Zahnräder, fünf Kugellager von Inlineskatern, ein Arduino-Board mit Netzwerk-Schnittstelle – die Liste ist lang. Den Code dafür hat er selbst geschrieben. Auf seiner Homepage dokumentiert der 33-jährige Informatiker jeden einzelnen Arbeitsschritt, listet Materialien auf und zeigt Videos der fertigen Installationen. Er hat sich einen 3DLaser-Scanner gebaut, einen sogenannten Fabscan, dessen Pläne es natürlich auch online gibt. Einen Lasercutter hat Lukas auch, aber den lagert er momentan bei seinen Eltern in der Eifel, in deren Werkstatt hat er mehr Platz und einen Schlauch für die Abluft.

Ein Projekt von Mario Lukas: Ein Arduino-Board mit Netzwerk-Schnittstelle. (Foto: Jessica Borchardt)
Ein Projekt von Mario Lukas: Ein Arduino-Board mit Netzwerk-Schnittstelle. (Foto: Jessica Borchardt)

Angefangen hat alles mit einem Arduino-Board, einem Geburtstagsgeschenk. Seit zwei Jahren bezeichnet er sich als Maker und hat schon dutzende Dinge mithilfe seiner 3D-Geräte gebaut. Sein jüngstes Projekt: ein Glasuntersetzer, der seine Farbe dem Getränk anpasst. Ein Drucksensor aus Velostat erkennt das Gewicht unterschiedlicher Gläser. Ein Temperatur-Sensor misst, ob das Getränk kalt oder heiß ist. Und ein Arduino-Board bringt schließlich die LEDs zum Leuchten. Und wenn es klappt, wie es soll: Lukas zum Strahlen.

Mario Lukas ist als Maker Teil einer wachsenden Bewegung. Früher nannte man sie Bastler – Männer und Frauen, die im Keller ihre Modelleisenbahnen modifizierten oder sich für ihre Sega-Konsole ein neues Gehäuse bauten. Die Maker von heute vernetzen sich, basteln nicht länger für sich alleine. Viele dokumentieren ihre Arbeit akribisch, die Projekte entstehen meistens auf Open-Source-Basis: Jeder kann sie nachbauen. Die Hilfsmittel: Microcontroller wie Arduinos oder Mini-Computer wie Raspberry PI, mit denen Einsteiger schnell und für kleines Geld Bastelideen umsetzen können. Im Forum der Seite arduino.cc etwa sammeln sich über 100.000 Beiträge zu Projekten, fast 200.000 Fragen zur Elektronik werden behandelt. Es geht um Robotik, um Messungen oder um smarte Textilien. Ob man misst, wie viel Strom man zu Hause verbraucht, oder einem die Blumen im Garten einen Erinnerungstweet schicken, wenn sie frisches Wasser brauchen: Wer kreativ ist, kann fast alles bauen. Und sich im Netz darüber austauschen, dazulernen, Probleme klären oder auf Seiten wie Thingi verse seine fertigen Projekte hochladen und zum Nachbau anleiten.

Maker-Szene: USA als Vorreiter

Die Maker-Kultur kommt aus den USA, in Kalifornien fand 2006 auch die erste Maker Faire statt, eine Fachmesse für die digitale Do-it-yourself-Bewegung. In diesem Jahr kamen mehr als 125.000 Menschen zu der Messe, in den USA sind manche Maker zu Stars geworden. Ob Limor Fried, die als Lady Ada ihre eigene Elektronikfirma Ada Industries gegründet hat und heute Materialien für Basteleien von Tausenden Makern liefert, oder Jeri Elsworth, die 2004 damit bekannt wurde, dass sie ein komplettes C64-System auf einen Chip mit Joystick baute und heute über Kickstarter in weniger als drei Tagen 400.000 US-Dollar für ihr neues Projekt sammelt. Auch Adam Savage mischt in der Szene mit, in Deutschland wohl am besten durch die Knall-Bumm-Peng-TV-Serie „Mythbusters“ bekannt. Chris Anderson, Chefredakteur der amerikanischen Wired, hat sogar ein Buch mit dem Titel „Makers“ geschrieben. Er beschreibt darin ein „Internet der Dinge“ und prophezeit eine nächste industrielle Revolution. Denn durch die Vernetzung und die Möglichkeit, mehr und mehr Dinge selber zu erschaffen oder zumindest zu reparieren, würden die Konsumenten mächtiger und die Technikwelt demokratisiert werden. Konsumenten werden zu Produzenten und vielleicht sogar zu Erfindern.

In der Kölner Dingfabrik treffen die unterschiedlichsten Typen aufeinander und basteln gemeinsam an Projekten. (Foto: Thorsten Schiller)
In der Kölner Dingfabrik treffen die unterschiedlichsten Typen aufeinander und basteln gemeinsam an Projekten. (Foto: Thorsten Schiller)

Mehr Individualität, mehr ausprobieren und weniger wegwerfen.

„Anderson vergisst die stumpfen Konsumenten“, sagt Alexander Speckmann, klopft seine Hose ab und lässt sich ins Sofa fallen. Die würden weiter alle Produkte neu kaufen. Doch es stimmt, sagt Speckmann: Immer mehr Leute wollen mehr Individualität, mehr ausprobieren und weniger wegwerfen. Und die Szene ist vielfältig. Das bekannteste Tool der Maker ist zwar der 3D-Drucker und viele Bastler nutzen Arduino und Raspberry PI, doch findet man genauso Handwerker, die Holz und Metall verarbeiten oder Künstler mit digitalen Projekten. Und im Kölner Fablab, der „Dingfabrik“, treffen sie alle aufeinander.

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3 Antworten
  1. von Jason Bladt am 22.09.2014 (17:01 Uhr)

    Im Einleitungstext hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen: [...] wächst und mit ihr die Drage: [...]

    Antworten Teilen
  2. von assadollahi am 02.11.2014 (20:53 Uhr)

    falls es wen interessiert, hier meine highlights von der make munich, die gestern und heute stattfand: http://assadollahi.de/wp-admin/post.php?post=139&action=edit

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