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Beacons und Apples iBeacon: NFC-Killer oder Spielerei des E-Commerce?

Beacons und Apples iBeacon: NFC-Killer oder Spielerei des E-Commerce?

Beacons und vor Apples iBeacon sind seit einiger Zeit in aller Munde und werden durchaus kontrovers diskutiert. Aber was genau steckt dahinter – und warum sollte man sich als App-Entwickler unbedingt damit auseinandersetzen? Diese und andere Fragen soll der folgende Artikel beantworten.

Beacons und Apples iBeacon: NFC-Killer oder Spielerei des E-Commerce?

iBeacon. (Bild: Apple)

Genauso wie sich Marketingabteilungen über die neuen Möglichkeiten der Kundenansprache freuen, stellen sich Datenschützern die Haare zu Berge. In Amerika sind bereits die Stores und Macy’s-Kaufhäuser mit Beacons gerüstet und täglich werden es mehr. Fakt ist: Beacons werden zukünftig zur Marke gehören wie Webseiten und Newsletter. Allerdings mit dem Unterschied, dass ihnen zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Denn wer hört schon weg, wenn sich auf dem Smartphone eine Push-Nachricht machtvoll in die erste Reihe der Aufmerksamkeitskette vordrängelt.

Beacons und iBeacon

Auf der Hardwareseite sind Beacons kleine, auf Bluetooth LE basierende, meist batteriebetriebene Miniatursender mit sehr geringem Stromverbrauch, die permanent in einem kurzen Intervall von ca. einer Sekunde eine eindeutige ID aussenden. Mit Hilfe einer App kann auf das Betreten oder Verlassen der von dem besetzten Region reagiert werden. Da die Feldstärke Teil des Sendeprotokolls ist, lassen sich daraus Rückschlüsse auf die ungefähre Position des Smartphones ziehen. Senden etwa mehrere Beacons in einem Raum, kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Sender, der einer Person am nächsten ist, bestimmt werden. Die Sendeleistung eines Beacon reicht von wenigen Zentimetern bis zu etwa 100 Metern.

Verschiedene Bauformen lieferbarer Beacons
Verschiedene Bauformen lieferbarer Beacons.

Apple hat mit „iBeacon“ ein eigenes Framework entwickelt, das seit iOS 7 die Programmierung solcher Funktionen auf wenige Codezeilen beschränkt. Außerdem werden iOS-Apps, die auf bestimmte Beacon-IDs „geeicht“ sind, automatisch selbst dann aufgerufen, wenn sie nicht aktiv oder nicht einmal gestartet sind. Eine solche App muss also nur auf dem Gerät installiert sein, um im geeigneten Moment – der Kunde gerät in die Reichweite eines Beacon – darauf reagieren zu können und ihm beispielsweise eine Nachricht schicken. Das geschieht quasi unaufgefordert, möglicherweise überraschend und eventuell auch unerwünscht, aber zumindest ohne dass der Benutzer dazu irgendetwas tun müsste.

iBeacon: Simples „Buzzword“ oder doch mehr?

Denkbare Einsatzgebiete können damit stationäre Geschäfte oder größere Warenhausketten sein, deren App der Kunde ohnehin bereits auf seinem Gerät installiert hat. Läuft er dann z. B. zufällig an einer Filiale seiner bevorzugten Kaffeehaus-Kette oder Burger-Bude vorbei, könnte diese ihm automatisch eine Push Notification mit einem speziellen Sonderrabatt schicken oder ihn auf ein Angebot für eine bestimmte Ware aufmerksam machen, vor der er sich bei seinem letzten Besuch vielleicht längere Zeit aufgehalten hat. Betritt er das Geschäft, könnte der weitere Ablauf einer vorhersehbaren und genau kontrollierten Inszenierung oder Choreografie gleichen – so wie in praktisch allen Supermärkten der meist eilige Kunde zunächst mit einem verlockenden Gemüsesortiment ausgebremst wird oder neben dem Eingang von Baumärkten geschickt platzierte Bratwurststände zu finden sind, die die Aufgabe haben, den Handwerker von seiner statistisch den Einkauf deutlich beschleunigenden und damit unerwünschten Begleitung zu trennen („Du Schatz, geh schon mal vor, ich kaufe schnell ’ne Bratwurst“).

Etwas harmlosere Einsatzgebiete sind zum Beispiel auch Museen, in denen der Besucher – ausgehend von seinem aktuellen Standort – automatisch Informationen zu einem Kunstwerk erhält ohne selbst aktiv werden zu müssen. Denkbar wäre auch der Einsatz im Fitnessstudio: Beim Betreten würde jeder Kunde freundlich begrüßt. Zudem könnte er informiert werden, ob sein bevorzugtes Gerät gerade frei ist – und falls das nicht der Fall wäre - könnte der Kunde als kleine Entschädigung einen Rabatt auf ein Getränk erhalten und benachrichtigt werden, sobald das Gerät frei ist.

Erwünschter Service oder unerwünschte Überwachung

Die Einsatzmöglichkeiten von Beacons sind riesig und eröffnen Datenschützern zahlreiche Angriffspunkte – vielleicht hat sich der Kunde ja genau über diese Ware einmal auf Facebook geäußert, sich dafür auf interessiert oder wurde auf eBay überboten. Die Welt des „Big Data“ – so umstritten sie jetzt bereits ist – hat ja noch gar nicht wirklich begonnen und zeigt doch schon deutlich, wo die Reise hingehen wird. Der Grad zwischen erwünschtem Service und unerwünschter Überwachung ist schmal, und es hängt von der Phantasie der App-Entwickler ab, ob solche Szenarien vom Benutzer akzeptiert werden, die in Zukunft sicher verstärkt das von Xerox PARC bereits 1996 propagierte „calm computing“ erwarten.

Im Falle des Fitnessstudios könnte es ja durchaus erwünscht und sinnvoll sein, dass der Kunde nach seinem Besuch automatisch eine detaillierte Auflistung seiner Trainingseinheiten und benutzten Fitnessgeräte erhält. Das ist möglich, wenn jedes Gerät ein eigenes Beacon besitzt. Die App könnte ihn etwa tadeln, wenn die Belastungen zu lange oder zu einseitig ausfallen oder wenn der Kunde zu wenig für den beabsichtigten Erfolg tut – und ihm einen Termin vorschlagen, wann er das nächste Mal bitteschön vorbeikommen sollte.

Ein bisschen Online für den stationären Handel

Der Einzelhandel, bislang klar offline verortet und in Sachen Kundenbindung und Profilbildung auf aufwendige persönliche und personalintensive Betreuung oder unflexible Rabattmarken angewiesen, sieht in solchen Beacons eine neue Technologie, die die für ihn besonders attraktiven Impulskäufe unterstützt. Zwar ist man bekanntlich dem Traum vom „always online“ technologisch tatsächlich schon sehr nahe gekommen, aber um daraus Umsatz zu generieren, muss der Anwender oder Kunde in spe bislang noch selbst aktiv werden. Aktivitäten wie Online-Suchen, Recherchen, Preisvergleiche, et cetera erfordern aber ausgerechnet die unbeliebteste aller Smartphone-Tätigkeiten: Umständliche Tastatureingaben. Beim Beacon erfolgt die Kontaktaufnahme dagegen unaufgefordert.

Bauformen des Beacon

Der entscheidende Vorteil gegenüber bisherigen Technologien ist, dass nicht nur die Kommunikation unaufgefordert und automatisch geschieht, sondern dass die Hardware sowohl preiswert als auch vergleichsweise wartungsarm ist. Beacon-Sender kosten momentan um die 30 Euro; es ist aber zu erwarten, dass die Preise bei entsprechender Verbreitung sinken werden. Das intelligente Gegenstück, die auf dem Gerät installierte App samt Smartphone, hat jedermann ohnehin stets dabei – die „Generation App“ vergisst eher ihr Portemonnaie als ihr heißgeliebtes Längst-nicht-mehr-nur-Telefon.

Die Palette der Beacons reicht zur Zeit – nicht zuletzt dank diverser Kickstarter- und anderer Crowdfunding-Projekte – von Sendern in Münzgröße über solche, die dank Mignon-Zellen weniger wartungsintensiv sind und nicht nur wenige Monate durchhalten, bis hin zu USB-Steckern, die von jedem USB-Netzteil dauerhaft mit Strom versorgt werden können. Einige Hersteller liefern ihre Beacons mit fest programmierten ID-Daten aus; zumeist kann man diese aber über eine entsprechende Software ändern. Gelegentlich können auch Sende-Intervall und Sendeleistung konfiguriert werden, was zusätzlich die Reichweite oder den Batterieverbrauch zu optimieren hilft.

Programmierung, Monitoring und Ranging

Das mit iOS 7 ausgelieferte iBeacon-Framework benötigt die CoreLocation- und CoreBluetooth-Frameworks. Die wesentlichen Funktionen stellen die Klassen CLBeacon, CLBeaconRegion sowie CBPeripheralManager zur Verfügung. Über entsprechende Delegate-Methoden kann eine App auf das Betreten oder Verlassen bestimmter, von Beacons bestrahlter Regionen reagieren.

Einige der zahlreichen und meist einstellbaren Beacon-Parameter
Apples iBeacon: einige der zahlreichen und meist einstellbaren Beacon-Parameter.

Den Erstkontakt mit einem Beacon nennt man „Monitoring“. Konnte das Betreten einer Region erfolgreich registriert werden, lässt sich über „Ranging“ ermitteln, welche Beacons in der Nähe senden und welches das mit der größten Feldstärke ist. Dieses Beacon wird dann mit hoher Wahrscheinlichkeit der Person am nächsten sein.

Einstiegsmöglichkeiten in die Beacon-Welt

Auch wenn man nicht der Inhaber einer großen Warenhauskette ist: Die Beliebtheit von Schlüsselfinder- und Koffer-Tracking-Apps und solchen, die sich - dank eines im Auto platzierten Beacon – automatisch den zuletzt angesteuerten Parkplatz merken, belegen, dass es hier viel Potential gibt, und dass der Einstieg oft nur an einer Idee plus einigen wenigen Codezeilen hängt. Falls man zum Ausprobieren kein Beacon kaufen möchte, lässt sich auch ein neueres iOS-Gerät oder ein MacBook als Sender betreiben. Der Wow-Effekt ist aber beim Einsatz der kleinen Hardware-Dingerchen deutlich größer.

Beacons als Konkurrenz für NFC, QR-Codes und Geofencing

Beacons werden häufig als „NFC-Killer“ oder „Indoor-GPS“ bezeichnet. Aber wo ist der Unterschied und wer hat tatsächlich die besseren Chancen für die Zukunft? Ein Vergleich zwischen diesen Technologien liegt also nahe:

Near Field Communication (NFC): Der Hauptnachteil steckt bereits im Namen – die miteinander kommunizierenden Geräte dürften nicht weiter als einige Zentimeter voneinander entfernt sein. Galt NFC bislang als der kommende Standard vor allem für Bezahlsysteme, kann die klare Absage von Apple – ähnlich wie im Falle des einstigen Web-Quasistandards – die Karten neu mischen.

Quick Response Code: QR-Codes erfordern vergleichsweise viel Benutzeraktivität, da beispielsweise beim iPhone erst eine QR-fähige App geladen werden muss. Nur wenn Lesen und Erkennen Bestandteile des Betriebssystems sind, wäre die Benutzung einigermaßen akzeptabel. Die sofort erkennbare Optik kann zudem sehr störend sein, signalisiert dem Benutzer aber, dass hier etwas schlummert.

Geofencing: Geofencing erlaubt die Lokalisierung anhand von GPS-(Global-Positioning-System)-Daten. Bei dieser modernen Form von „Schnitzeljagd“ wird ein Objekt an einer bestimmten Stelle platziert, dessen exakte Position nicht bekannt ist. Da zur Lokalisierung GPS zum Einsatz kommt, muss die Sicht auf vier Satelliten gewährleistet sein – was in Innenräumen selten der Fall ist.

Fazit

Beacons werden uns ganz sicher in unserer zukünftigen neuen Welt immer häufiger begegnen – wie „brave“ sie sein werden, ob sie den Benutzer nerven oder beiden Seiten den erwünschten Mehrwert bringen, hängt dabei insbesondere von der Phantasie der App-Entwickler ab.

Über die Autoren

ivo-wesselIvo Wessel ist iOS-App-Entwickler der ersten Stunde und lebt als Freelancer in Berlin. Er ist Sprecher auf verschiedenen iOS-Konferenzen, schreibt über alle möglichen iOS-Themen und entwickelt natürlich auch gerne im Kundenauftrag. Ivo Wessel spricht am 14.07.2014 von 11:45 bis 12:45 Uhr auf der Developer Week über iBeacons.

Florian Bender_webFlorian Bender ist langjähriger Kenner der Softwareentwickler-Szene und verfügt über ein exzellentes Netzwerk in die IT-Branche. Als Projektleiter des Entwickler-Events Developer Week verbindet er Branchenwissen und neueste Trends aus den Bereichen .NET, Mobile und Web-Entwicklung zu einer Pflichtveranstaltung für Software-Developer.

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5 Antworten
  1. von sascha fuchs am 28.06.2014 (14:11 Uhr)

    Ob nun Baumarkt, Fitness Bude oder der Kaffeeröster, der Kunde benötigt die jeweilige App die er sich auf seinem Smartphone installieren muss. Und das kann schon zum Hinderungsgrund werden.

    Natürlich können sich Geschäfte zusammenschließen um eine App programmieren zu lassen, ist nur fraglich ob Unternehmen X den "Erfolg" von Unternehmen Y Querfinanzieren will.

    Das Kunden später auf die Nerven gegangen wird ist jetzt schon klar, Geschäfte die auf iBeacon setzen sind im Zugzwang, sobald einer anfängt die Pushs aggressiver zu senden, werden die anderen nachziehen.

    Abgesehen von der Frage des Datenschutzes sehe ich keine große Zukunft für iBeacons im Einzelhandel.
    Für Museen oder Messen sehe ich einen größeren und sinnvolleren Nutzen.

    Wird besser laufen als NFC aber nach einem Jahr kräht auch danach kein Hahn mehr.

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  2. von Olaf Barheine am 28.06.2014 (15:01 Uhr)

    Für Indoor-Navigation (böse Zungen sprechen auch vom "Puppenstuben-GPS") fände ich iBeacons schon sehr reizvoll. Sei es für die Führung im Museum, durch Messehallen oder im Supermarkt zu den Produkten, die auf meinem elektronischen Einkaufszettel stehen. Schauen wir mal!

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  3. von Andreas am 29.06.2014 (02:03 Uhr)

    Ist es denn für die Nutzung erforderlich, dass Bluetooth am Smartphone aktiv ist?

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  4. von Tobias Künning am 29.06.2014 (09:24 Uhr)

    Ich sehe nicht wo die Beacons eine alternative zu NFC im Paymentbereich werden könnten. Nur weil man in Deutschland zu langsam ist Contactless Payment ordentlich zu pushen heißt das nicht das NFC sich nicht durchsetzen wird. Deutschland ist bei Bezahlsystemen so weit hinten, hier regiert leider Bargeld. Ich denke das Beacons und NFC nebeneinander existieren werden.

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  5. von Jesica am 30.06.2014 (13:55 Uhr)

    Thank you for sharing this information.
    To get nfc tickets click here NFC Tickets

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