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Digitale Gesellschaft

Wie drei Wissenschaftler die Literatur mit einem Bestseller-Algorithmus ermordeten

    Wie drei Wissenschaftler die Literatur mit einem Bestseller-Algorithmus ermordeten

(Bild: © olly - Fotolia.com)

Drei mutige Helden zogen aus, um heroisch die Jagd nach dem Schatz des verlorenen Bestsellers aufzunehmen. Oder waren es eher Tick, Trick und Track von der Universität Entenhausen, die eine durchgeknallte Erfindung von Daniel Düsentrieb ausprobieren? Jochen G. Fuchs nimmt den Bestseller-Algorithmus auseinander.

Drei Wissenschaftler einer US-Universität haben einen Algorithmus entwickelt, der einer Vorhersage darüber treffen können soll, ob ein Buch ein Bestseller wird, oder nicht. Dazu analysiert der Algorithmus das Textkonstrukt eines Buchs anhand verschiedener Kriterien der quantitativen Stilistik: Verwendung der Wortarten, Wortverteilung und grammatikalischer Aufbau. Eine faszinierende technische Möglichkeit tut sich für Verlage auf: eine Möglichkeit, die Flut der Manuskripte maschinell zu bearbeiten und zu bewerten. Toll ...! Nein, zum Geier: absolut fürchterlich!

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Ein Bestseller-Algorithmus bestimmt den Inhalt unserer Bücherregale? Nein Danke. (Bild: © sinuswelle - Fotolia.com)

Ich liebe Bücher – nein, ich korrigiere mich: Ich liebe Geschichten. Deshalb erscheinen mir die drei Wissenschaftler hier wie die drei Hexen aus Fontanes „Die Brücke am Tay“. Die sich mit dem berühmten Zitat „Wann treffen wir Drei wieder zusamm'“ wieder zu neuen Schandtaten verabreden – nachdem Sie das vergängliche Werk aus Menschenhand, die Brücke am Tay, mit großem Getöse in den Fluten versinken ließen. Ich sehe die drei Wissenschaftler vor meinen inneren Augen, wie sie händereibend und kichernd in gebückter Haltung am Steilhang stehen und – um beim Bildnis der Brücke zu bleiben – dabei zusehen, wie die Brücke der Literatur im Meer der Ignoranz versinkt.

Dieser Algorithmus ist der Tod der Literatur.

Sicher, die Autoren betonen ihren Respekt vor dem Handwerk, sie betonen sinngemäß, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen den erkannten Mustern und der Qualität des Werks, sondern nur eine Korrelation zwischen dem sozusagen„technisch perfektem Wort-Gerüst“ und dem möglichen Erfolg des Buches herrscht. Also kurz gesagt: Der Algorithmus sagt nicht, wie ich ein gutes Buch schreibe, er sagt auch nicht ob das Buch literarisch wertvoll ist, sondern: Dieser Bestseller-Algorithmus sagt vor der Veröffentlichung die Chancen auf einen Bestseller vorher. Also wozu die Aufregung? Ganz einfach: Sollte sich ein solcher Algorithmus im Alltag durchsetzen, wäre das der mögliche Tod der Literatur. Und nebenbei bemerkt: Dieser Algorithmus kann eigentlich gar nichts – auch wenn er technisch funktioniert. Aber der Reihe nach.

Bücher bewerten? Dieser Bestseller-Algorithmus kann gar nichts

Oh, sicher, der Bestseller-Algorithmus tut genau das, wozu er geschrieben wurde und er leistet ganz sicher auch alles, was in dieser Studie versprochen wird. Nur eines, das kann er nicht: Vorhersagen über einen zukünftigen Bestseller tätigen. Die Argumentation der Studienautoren baut auf einer selbsterfüllenden Logik auf: Ein guter Autor kann grammatikalisch und syntaktisch elegante Wort-Konstruktionen erstellen. Also lautet der Umkehrschluss: Wenn ich in einem Textkonstrukt auf grammatikalisch und syntaktisch elegante Wort-Konstruktionen treffe, steckt automatisch ein guter Autor dahinter. Was passiert denn, wenn ich da ein Mistwerk mit einer einschläfernden und unispirierten Geschichte reinwerfe, das handwerklich unheimlich toll geschrieben ist? Dann schreit das Teil „Juhuu, ein Bestseller“.

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Bestseller brauchen Atmosphäre um zu wachsen – je nach Autor auch mal eine pittoreske Atmosphäre. (Bild: © autofocus67 – Fotolia.com)

Literatur lässt sich nicht mit Algorithmen bewerten

Literatur ist mehr als nur eine syntaktisch möglichst effektive Aneinanderreihung von Wörtern. Wer meint, er könne die Seele eines Buchs anhand von Algorithmen bewerten, hat den Sinn der Literatur nicht verstanden. Das wahrlich Wertvolle, die Seele eines Buchs, ist die Geschichte und wie sie erzählt wird. Und diese Seele eines Buchs kann nur der menschliche Geist bewerten. Wenn ich beginne, Literatur mit den Werkzeugen des Verstandes auseinanderzunehmen und sie auf bloße Wörterreihungen und Konstrukte reduziere, raube ich ihr die Seele. Und erhalte im schlimmsten Falle etwas, das schon George Orwell in „1984“ als mahnendes Menetekel der Gesellschaft an die Wand geworfen hat: Die Orwell'sche Bücher-Schreib-Maschine.

Und die, meine lieben Wissenschaftler, will ich nicht haben. Behaltet sie.

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5 Reaktionen
Algorithmen sinnvoll nutzen
Algorithmen sinnvoll nutzen

Verlage könnten sowas messen und dem Autor mitteilen so das er sein Werk mal überarbeitet oder kostenlose Youtube-Anleitungen für sinnvolles Schreiben lernt. Der Algorithmus sollte auch um Sachtexte ergänzt werden. Den Blabla-Detektor gibts ja auch schon länger.

Viele Texte sind ja auch Auftragswerke für die man ein paar hundert Euro bekommt. Mit dem Algorithmus kann man Bewerber testen und die geeignetesten für den nächsten Groschenroman aussuchen.
Um Content-Diebstahl zu verhindern müsste die Deutsche Zentral-Bibliothek Texte digital hochladen und dort "sichern" lassen. Auch für Dr-Arbeiten und Diplomarbeiten wäre das sinnig. Leider gibts diese Dienstleistung vermutlich nicht. Leider auch nicht von Google-Books :-(

Davon abgesehen stellt sich die Frage ob der Algorithmus mit der deutschen Sprache klar kommt. Es gab mal einen Sprach-Atlas: Andere Sprachen haben z.b. mehr Zeiten oder andere Dinge. Deutsch war aber die einzige oder eine der wenigen Sprachen wo man die Wortstellung flexibler ändern kann. Bei den anderen Sprachen ist die Reihenfolge der Worte (bei gleicher Bedeutung) wohl stärker festgelegt.

Man kann auch unliebsame Texte (ACTA u.ä.) so formulieren das man schneller ermüdet. Schlaue Parteien könnten ihre Texte optimieren damit sie für die Leser schmackhafter werden und im Rutsch gelesen werden weil die Zeit im Fluge verging.

Davon abgesehen verkennen viele wohl den Aufwand. Wenn man tausende Tonbänder oder Romane oder Bewerbungen auf dem Tisch hat, muss man schnell und effizient entscheiden. Ihr mäht den Rasen ja auch nicht Halm für Halm mit der Nagel-Schere.
Ich würde zwar mehr Automatisierung im Verwaltungsbereich bevorzugen aber dort ist es auch gut. Und wenn der Autor abgelehnt wird, kann er ja bei Google-Books o.ä. selber publizieren und nimmt dann hoffentlich realistischere Preise als $15 für ein Buch. $5 für 500 Seiten ist vielleicht ok. Man muss ja nicht mit dem Verlag teilen sondern mit Google, Kindle, Apple, Sony oder wem auch immer. Was bei Sachbüchern üblich sein sollte, nämlich Updates, Verbesserungen und Ergänzungen kann bei Romanen auch stattfinden.
Man könnte ja mit Kurzgeschichten anfangen. Aber wie man sieht setzen sich Innovationen eher wenig durch.

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Jochen G. Fuchs

@laskuso
Ach, ich würde eine eindeutige Position nicht unbedingt als verbissen empfinden. Ich finde auch als Tech-Journalist darf man Technik in begründeten Fällen kritisch betrachten.

Und: Ja, das bezweifle ich auch. Aber Intention und Ergebnis können bekanntlich voneinander abweichen. Alfred Nobel ist ein populäres Beispiel für „die Geister, die ich rief..“.

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laskuso
laskuso

t3n – we don't love technology?

Warum denn so verbissen? Ich bezweifle, dass es Anliegen der Wissenschaftler war, die Literatur – wie sie seit Jahrtausenden funktioniert – zu rationalisieren oder gar auszulöschen.

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Jochen G. Fuchs

@Fuckleberry Hinn
Genau diesem Argument komme ich in meinem Artikel zuvor: „Oh, sicher, der Bestseller-Algorithmus tut genau das, wozu er geschrieben wurde und er leistet ganz sicher auch alles, was in dieser Studie versprochen wird.“

>Einen Bestseller kann man nicht messen..< Ähm, eben. Sage ich doch, nur leider ist genau das die Intention der Studienautoren. >Wenn jemand die typischen Anfängerfehler macht, braucht man sein Buch nicht weiter zu berücksichtigen. < Da kann ich dir absolut nicht zustimmen, Erstlingswerke sind in der Regel oft voller Fehler, können auch stilistisch unschön sein. Die Geschichte kann trotzdem erzählenswert sein. Es ist dann Aufgabe des Lektorats den Rohdiamanten zu bearbeiten und zu schleifen. Genau dieses Agument spricht gegen die Verwendung eines solchen Algorithmus. ;-) Viele Grüße aus der Redaktion, Jochen

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Fuckleberry Hinn
Fuckleberry Hinn

Ich denke, du hast die Logik dieses Algos nicht ganz erfasst. Einen Bestseller kann man nicht messen, guten Stil aber schon. Wenn jemand die typischen Anfängerfehler macht, braucht man sein Buch nicht weiter zu berücksichtigen. Auch wenn Agatha Christie oder Conan Doyle als schlechte Stilisten gelten, würden sie es doch geschafft haben.

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