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Digitale Gesellschaft

Bevormundung durch Tech-Konzerne: Sie wissen besser, was gut für dich ist

    Bevormundung durch Tech-Konzerne: Sie wissen besser, was gut für dich ist

(Foto: Shutterstock)

Nutzer der führenden Online-Plattformen haben sich daran gewöhnt, dass die Betreiber Vorgaben zur Verwendung machen und gelegentlich einen Hang zur Bevormundung aufweisen. Je tiefer die Giganten in den Alltag der Anwender vordringen, desto mehr werden ihre Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ das Leben bestimmen, befürchtet Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Airbnb plant in den USA gemäß einer geleakten Website (Google-Cache) die Einführung einer mit 1.000 US-Dollar aufgeladenen Prepaid-Geldkarte für ausländische Gäste, die sich Währungsumrechnungs- und Auslandseinsatz-Gebühren ihrer eigenen Bank ersparen wollen. Zehn Prozent der ausgegebenen Summe gibt es in Form von Airbnb-Guthaben als Bonus. Eine Einschränkung des Angebots: Einige Bezahl-Kategorien werden von der Nutzung ausgeschlossen, darunter auch Hotels. Airbnb erklärt dies in seiner FAQ mit für Prepaid-Karten geltenden Regeln seitens der Hotelbranche. Ob dies stimmt, lässt sich nicht ohne weiteres nachprüfen. Die Thematik der Akzeptanz von Prepaid-Karten in Hotels ist komplex.

Das Gründerteam von Airbnb. (Foto: Airbnb)
Das Gründerteam von Airbnb. Das Unternehmen plant laut eines Leaks die Einführung einer Prepaid-Geldkarte. (Foto: Airbnb)

Es würde jedoch zur allgemeinen Entwicklung der heutigen, von immer mächtigeren Plattformen dominierten Internetökonomie passen, wenn Airbnb aktiv dafür sorgt oder zumindest billigend in Kauf nimmt, dass Nutzer die MasterCard nicht für die Bezahlung von Hotelnächten verwenden können. Denn je stärker die Plattformen werden, desto ausgeprägter wird gewöhnlich auch ihre Bevormundung der Anwender.

Zwei Trends die zur Bevormundung führen

Forciert wird die Bevormundung von zwei die Landschaft der digitalen Plattformen prägenden Trends: zum einen die stetige Ausweitung der Services einer Plattform, die dazu führt, dass Firmen plötzlich zu direkten Konkurrenten werden – was teilweise gegen Rivalen gerichtete Einschränkungen für die Konsumenten mitbringt. Zum anderen die Tatsache, dass die Grenze zwischen online und offline verschwindet. Viele der Digitalplattformen entwickeln sich zu elementaren Bestandteilen des Berufs- und Privatlebens. Eventuelle Einschränkungen wirken sich somit nicht mehr nur auf die „Zeit im Internet“ (RIP) aus, sondern auch weit darüber hinaus.

Als Amazon jüngst Apple TV und Googles Chromecast aus dem Angebot warf, zeigte dies exemplarisch, wie die zunehmende Überlappung der Tätigkeitsfelder der Netzriesen zur Bevormundung der Konsumenten führt. Wer heute bei Amazon.de nach „Apple TV” sucht, dem wird im ersten Suchergebnis die hauseigene Set-Top-Box Fire TV präsentiert. Denn Amazon weiß, was für den Kunden das Beste ist. Nicht ein Apple TV oder Chromecast, sondern ein Fire TV.

Lästige Einschränkungen mit Gewöhnungseffekt

Über viele Jahren haben User sich daran gewöhnen können, dass die Plattformen im Rahmen ihrer AGB und Nutzungsbedingungen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, um bestimmte Nutzungsszenarien einzuschränken oder Usern spezifische Vorgaben zu machen. Sei es aus finanziellen, strategischen, rechtlichen oder moralisch-kulturellen Gründen:

Bei einer Reise ins Ausland mögen einem Lieblings-Alben oder der neueste Serienhit vom Musik- oder Videostreamingdienst überraschend vorenthalten werden – obwohl man pro Monat für den Zugang bezahlt. Facebook „erspart“ seinen Nutzern aus Überzeugung Fotos oder Videos mit nackter Haut. Entwickler von Apps – besonders bei Apple – müssen ganz genau aufpassen, die nicht immer eindeutigen Regeln des Plattformbetreibers zu verletzten. Auch hier ist ist Nacktheit ein Tabu. Und vieles mehr. Google glaubte einst, dass es seinen hunderten Millionen Nutzern ein weiteres soziales Netzwerk aufdrängen müsse. Microsoft ist der Ansicht, dass User von Windows 10 unbedingt den Edge-Browser ausprobieren sollten – ungeachtet ihrer bisherigen Browser-Präferenz.

Neue Innovationen bringen neue Vorgaben

Belgische Datenschützer zwingen Facebook das umstrittene datr-Cookie abzuschalten. 10 FACE / Shutterstock.com
Es fängt klein an: Facebook bevormundet Nutzer, was Nachtheit angeht. (Bild: 10 FACE / Shutterstock.com)

Diese und ähnliche Fälle sind jeweils mitunter ärgerlich, aber irgendwie hat man sich damit abgefunden. Bedenklich wird es jedoch, wenn die zunehmende Ausbreitung der Plattformen in immer mehr Bereiche des Lebens zur Folge hat, dass plötzlich die Vorgaben und Bevormundungsbestrebungen der Plattform-Macher jede Minute unseres Daseins diktieren. Noch sind wir an diesem Punkt nicht angekommen, doch wir bewegen uns darauf zu. Mit den nächsten Mega-Trends wie Smart Home und persönliche Assistenten, selbstfahrende Autos, FinTech oder Virtual Reality werden die digitalen Plattformen nochmals tiefer in den Alltag vordringen. Ihre Bevormundungsversuche und aus Anwendersicht nicht immer wünschenswerten Regelwerke bringen sie natürlich mit.

Ein Wired-Beitrag versuchte jüngst, die verbreitete Annahme zu widerlegen, dass Virtual Reality (VR) auch der Pornoindustrie neuen Auftrieb geben werde. Das meines Erachtens nach stichhaltige Haupt-Argument des Autors: VR und die verwandte Augmented-Reality-Technologien würden schon heute durch Großkonzerne kontrolliert, die nackte Haut konsequent sanktionieren. Anders als bei vergangenen technologischen Innovationen hätte die Pornobranche dieses Mal gar keine Chance, als Early Adopter im großen Stil von den neuen Möglichkeiten zu profitieren.

Gegensteuern, so lange es nicht zu spät ist

Ist die Entwicklung zu immer gravierenderen Bevormundungen durch die Digital-Plattformen unaufhaltsam? Sicherlich nicht. Der Markt könnte es regeln, beispielsweise Händler stärken, bei denen Chromecast und Apple TV erhältlich sind. Auch Wettbewerbsbehörden und Verbraucherschützer haben gewissen Einfluss auf und Macht über die Praktiken der Plattform-Riesen. Doch ob diese Instrumente wirklich ausreichen, ist fraglich. Zumal die marktführenden Plattformen intelligente Lobby-Aktivitäten betreiben. Sie stehen zwar nicht über dem Gesetz, lernen aber schnell, wie sie die Gesetzgebung beeinflussen können. Es gilt daher, sehr genau hinzuschauen. Die Bürger und „unabhängigen“ unternehmerischen Akteure der digitalen Gesellschaften müssen bedenkliche Entwicklungen stoppen, bevor es zu spät ist.

#FLICKR#
In Norwegen ist es Kreditinstituten per Gesetz untersagt, Transaktionen in Geschäften zu akzeptieren, die Glücksspiel akzeptieren. (Foto: reynermedia / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Zum Abschluss eine Anekdote: Kürzlich wollte ich mit der MasterCard einer norwegischen Bank in einem Lotto- und Postkarten-Geschäft in Schweden eine Geburtstagskarte bezahlen. Allerdings lehnte das Terminal meine Kreditkarte ab. Der Inhaber des Geschäfts erkärte mir daraufhin, dass Glücksspiel in Norwegen bis auf Ausnahmen illegal ist. Karteninstituten sei per Gesetz untersagt, Transaktionen in Geschäften zu akzeptieren, die Glücksspiel ermöglichen. Eine kurze Recherche bestätigte diese Aussage. Eigentlich bin ich ein Anhänger des bargeldlosen Bezahlens. Dieses Erlebnis stimmte mich aber sehr nachdenklich. Zwar hat der Vorfall nichts mit dem Verhalten der führenden Online-Plattformen zu tun. Doch das Gefühl, durch ein externes Regelwerk – in diesem Fall das Gesetz eines Drittstaates – derartig in meiner eigenen Entscheidungsautonomie und Handlungsfreiheit eingeschränkt zu werden, hatte etwas Dystopisches. An dieses Erlebnis musste ich denken, als ich über die eingangs beschriebenen Pläne von Airbnb las.

Gerdy
Gerdy

Verwende Bargeld, kaufe bei kleinen und lokalen Anbietern.
Bewahre Geduld und Beherrschung gegenüber den Verlockungen von Onlinediensten, Plattformen und Anbietern.
Verzichte einfach, wenn sie unverschämt werden...

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Lars

Danke für die Kolumne. Was mir grundsätzlich noch fehlt, ist dass Benuzter Bevormundung bevorzugen, weil es ihnen die Entscheidungsfindung abnimmt. Das ist einfach ein allgemeiner Trend, dass sich man sich bloss nicht mit den Hintergründen der einen oder anderen Technik beschäftigen will.

Bei Technik gilt der Anti-Heimwerker-Trend. Während wir in unseren 4 Wänden versuchen nach Möglichkeit alles selbst zu machen, wollen wir bei Technik nur einen grossen Knopf, der alles irgendwie schon macht.

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