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Blendle-Chef Marten Blankesteijn im Interview: „Niemand zahlt für Nachrichten!“

Blendle-Chef Marten Blankesteijn im Interview: „Niemand zahlt für Nachrichten!“

Heute ist der digitale Zeitungskiosk Blendle in Deutschland gestartet. Im erzählt CEO Marten Blankesteijn, warum es kein Abo-Modell geben wird und was den deutschen vom holländischen Nutzer unterscheidet.

Blendle-Chef Marten Blankesteijn im Interview: „Niemand zahlt für Nachrichten!“

Marten Blankesteijn (Foto: Mark Horn)

Das niederländische Startup Blendle wurde 2013 von Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping gegründet und ist in der niederländischen Version am 28. April 2014 online gegangen – heute startet Blendle auch in Deutschland. Nutzer können sich einen kostenlosen Account anlegen, Guthaben einzahlen und dann in den angebotenen Magazinen und Zeitungen blättern und sich einzelne Artikel oder Titel kaufen und diese Online konsumieren – ein Rückgaberecht bei Nichtgefallen inklusive. Zum Start der deutschen Version haben wir Marten Blankesteijn ein paar Fragen gestellt.

Blendle_Team_Fotocredit Leonard Faeustle
Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping mit ihrem Team (Foto: Leonard Fäustle)

t3n: Marten, Blendle ist vor ein paar Monaten in Deutschland in einer Beta-Version gestartet ist. Was sind deine Erfahrungen: Wie unterscheidet sich der deutsche Nachrichtenmarkt vom holländischen?

Marten Blankesteijn: Der größte Unterschied ist, dass Deutschland viel größer ist und es deswegen auch viel mehr Publikationen gibt. Vor allem regionale Zeitungen gibt es viel mehr in Deutschland und sie sind viel wichtiger.

t3n: Buzzwords wie „Long-Read“ und „Storytelling“ machen gerade in der Medienbranche die Runde. Bevorzugen eure Leser tatsächlich umfassende Stücke gegenüber einfachen Nachrichtenstücken?

Marten Blankesteijn: Absolut. Niemand zahlt für Nachrichten und ich glaube auch nicht, dass sich das jemals ändern wird. Aber Menschen sind bereit, für wirklich guten Journalismus zu zahlen – für lange Interviews, Meinungen, Analysen und Hintergrundberichte.

t3n: Mit Facebooks „Instant Articles“ oder Snapchats „Discover“-Tool werden soziale Netzwerke immer wichtiger als Nachrichtenanbieter. Sind die goldenen Jahre der News-Seiten vorüber?

Marten Blankesteijn: Trotz Facebooks „Instant Articles“ und Snapchats „Discover“-Tool bleiben die Verlage die Anbieter der Nachrichten. Die sozialen Netzwerke helfen ihnen lediglich ihre Artikel einem größeren Publikum bereitzustellen, welches sie allein nicht erreichen könnten. In der Offline-Welt arbeiten Verlage auch mit Zeitungsständen zusammen, um ihre Artikel zu verbeiten. Bisher sehe ich keine Anzeichen dafür, dass der Traffic von Newsseiten wegen Sozialen Netzwerken einbricht – im Gegenteil.

t3n: Journalisten suchen bei euch jeden Morgen die Top-Stories für Blendle aus. Ist das der erste Schritt in Richtung „Exklusive Artikel von Blendle auf Blendle“, so wie Netflix das mit Serien macht?

Marten Blankesteijn: Nein, wir sind ein Tech-Unternehmen. Unser Ziel ist es, den Lesern genau die Stories zu geben, die sie lesen wollen und ich denke, das ist etwas, in dem wir sehr gut werden. Persönliche Kuration – von unseren eigenen Redakteuren oder bekannten Deutschen wie Tilo Jung – ist einer der Wege, wie wir das erreichen wollen. Es gibt keinen Grund für uns, selbst Artikel zu verfassen: Es gibt genug großartigen Journalismus in Deutschland und der ist in seiner Gesamtheit auf Blendle zu finden. Netflix war mehr oder weniger gezwungen, seine eigenen Inhalte zu produzieren, weil sie nicht genug Lizenzen bekommen konnten, um ihre Plattform interessant genug zu machen. Wir haben dieses Probelm nicht.

t3n: Erzähl uns etwas über euer deutsches Team: Wie viele Menschen konzentrieren sich nur auf den deutschen Markt? Und warum braucht ihr einen „Senior Editor” wie Michaël Jarjour, wenn ihr doch keine News produziert?

Marten Blankesteijn: Momentan haben wir nur ein kleines Team, das sich einzig auf den deutschen Markt konzentriert. Acht Menschen arbeiten derzeit Vollzeit an Deutschland, die meisten davon Journalisten unter Michaël Jarjours Führung. Die machen, wie ihr richtigerweise sagt, keine News. Aber seien wir ehrlich: Das Letzte, was die Welt braucht, ist ein weiteres Startup, dass Content produziert. Was sie aber braucht, sind Menschen, die die richtig guten Sachen finden. Daran arbeitet Michaël mit seinem Team: Sie kuratieren einen täglichen und wöchentlichen Newsletter, die unseren Leser helfen, neue, einzigartige und aufregende Geschichten zu finden. Und der Erfolg war ziemlich großartig. An unseren besten Tagen hatte unser Newsletter eine Open-Rate von über 90 Prozent, das ist in der Industrie einzigartig. Das waren natürlich unsere Beta-Nutzer, und diese Zahl wird wohl recht stark zurückgehen. Aber es ist ermutigend, denn man sieht, dass Menschen es schätzen, wenn echte Menschen für sie Inhalte kuratieren.

Timeline Blendle
Die Timeline: Ein kleiner Reiter zeigt die „Staff Picks“ an, das sind die von Redakteuren empfohlenen Stücke. (Foto: Blendle)

t3n: Helft Ihr Verlagen, die Inhalte und Preise zu bestimmen?

Marten Blankesteijn: Ich bin in ständigem Kontakt mit Verlegern und leite ihnen Feedback von unseren Nutzern weiter. Das Modell Blendle ist auch für sie sehr neu, nicht nur für Leser. Man kann also diesbezüglich noch eine Menge Veränderungen erwarten. Das großartige an Blendle ist aber ja, dass man sein Geld zurückbekommt, wann immer man findet, ein Artikel war es nicht wert, zu teuer oder anderweitig nicht zufriedenstellend.

t3n: Wie viel lesen Blendle-Nutzer durchschnittlich? Und was geben Sie aus?

Marten Blankesteijn: Wir haben dazu noch keine zuverlässigen Daten in Deutschland, weil wir Blendle hier nur mit einer kleinen Gruppe von Menschen getestet haben. Was wir aber wissen, ist, dass hier ein riesiger Wissensdurst herrscht und Leute schnell bereit sind, Geld auszugeben. In Deutschland haben viele ihr Konto gleich mit 50 Euro aufgeladen, und das innerhalb einer Stunde nach Anmeldung. Das war eine große Überraschung.

Als wir in Holland anfingen, gaben Nutzer erstmal die 2,50 Euro aus, die wir allen Nutzern als Startguthaben geben. Danach haben sie um die fünf Euro nachgeladen. In Deutschland scheint es also ein direktes Vertrauen in Blendle zu geben. Das zeigt sich auch in den Lesezahlen: Viele unserer Nutzer haben in den zwei letzten Wochen des Beta-Tests über hundert Artikel gelesen. Und jeden einzelnen bezahlt.

t3n: Welche Themen und Kanäle laufen am besten?

Marten Blankesteijn: Analysen zu Tech-Themen laufen sehr, sehr gut. Das ist keine große Überraschung für mich, weil die meisten unserer Beta-Nutzer tech-affine Early Adopter sind. Das dürfte sich bald auch auf Themen aus anderen Bereichen ausweiten. Wovon ich aber glaube, dass es so bleiben wird: Blendle wird wirklich wegen der Qualität genutzt. Anders als praktisch überall im Internet, kommen auf Blendle gut recherchierte und auch lange Geschichten außerordentlich gut an. Qualitativ hochwertige, sogenannte „ernsthafte” Zeitungen haben regelmäßig bis zu dreißig Mal so gut verkauft wie Boulevard-Titel. Einer der meistgelesenen Artikel ist „Wohlstandsillusion”, ein großartiges Stück über die deutsche Wirtschaftslage aus dem Magazin „Cicero”. Das liest sich wirklich sehr gut, aber nur auf Blendle hat es die Möglichkeit, viral zu gehen. Bis jetzt war das ja hinter einer Paywall oder in einem Papiermagazin versteckt.

t3n: Plant ihr interne Links zu nutzen, beispielsweise für Inhaltsverzeichnisse?

Marten Blankesteijn: Wir arbeiten an einer Menge Dinge, um Blendle noch besser zu machen. Auch an diesem Feature. Ihr habt es hier zuerst erfahren.

t3n: Wie haben deutsche Verleger reagiert, als du ihr sie angefragt habt? Wer wird künftig noch dazu kommen und wer hat abgelehnt?

Marten Blankesteijn: Wir sind enthusiastisch empfangen worden. Viele Verleger haben unseren Erfolg in Holland beobachtet und gesehen, wie wir in etwas über einem Jahr über 400.000 Nutzer gesammelt haben. Da gab es also viel Begeisterung. Viele, die nicht von Anfang an überzeugt waren, änderten ihre Meinung, als wir ihnen Blendle gezeigt haben. Es ist halt dieses ganz neue Ding, das muss man erstmal sehen, anfassen und selbst nutzen. Heute haben wir über 100 Titel an Bord. Es gibt also nicht mehr viel, was man vermissen kann.

t3n: Momentan kann man nicht auf Werbung klicken. Wird sich das ändern?

Marten Blankesteijn: Nein.

t3n: Welches Feedback habt ihr bis jetzt von Verlegern erhalten?

Marten Blankesteijn: Verleger in Deutschland sind uns gegenüber sehr positiv eingestellt und unterstützen Blendle stark. Ich bin beeindruckt von der Bereitschaft zu experimentieren, sich zu verändern und anzufangen, Lesern das zu geben, was sie wollen.

t3n: Markus Böhm vom Spiegel hat die Frage aufgeworfen, ob es attraktiv ist, für einzelne Geschichten zu zahlen, in Zeiten von Netflix oder Spotify. Haben Sie darüber schon nachgedacht, oder ein Abo-Modell in Arbeit?

Marten Blankesteijn: Ich mag Flatrates – ich hätte sie gerne auch für Pubs, Supermärkte und Tankstellen. Aber in manchen Industrien funktionieren Flatrates einfach nicht für Lieferanten. Momentan ist das auch für Journalismus so. Wenn ein Zeitungsabo 30 Euro kostet, was würde passieren, wenn man für weniger gleich alle abonnieren könnte? Verleger glauben nicht, dass sich das für sie auszahlen kann. Und, ehrlich gesagt, würde ich am artikelbasierten Modell festhalten, sogar wenn Verleger uns erlauben würden, ein Flatrate-Modell zu probieren. Ich will auch Leute erreichen, die nur ein paar Euro pro Monat ausgeben wollen.

t3n: Danke und viel Erfolg!

Wer mehr wissen möchte und eigene Fragen hat: Marten Blankesteijn wird am 1.Oktober einer der Keynote-Speaker auf dem Scoopcamp in Hamburg sein.

 

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