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Startups

Bootstrappen, wo andere Urlaub machen: Wie ein verschlafenes Fischerdorf zur Startup-Hochburg wurde

    Bootstrappen, wo andere Urlaub machen: Wie ein verschlafenes Fischerdorf zur Startup-Hochburg wurde

Bootstrapping am Strand. (Foto: The Blue House)

In Taghazout gibt es auf den ersten Blick nichts, was dem Erfolg eines Startups zuträglich wäre. Trotzdem ist das verschlafene Fischerdorf in Marokko unter Gründern zum Geheimtipp avanciert. Was ist dran am Hype?

Bootstrapping statt Traumurlaub

Wenn im Silicon Valley zu später Stunde noch die nächste Millionen-Finanzierung gefeiert wird, geht Shaun Moore erst einmal eine Runde surfen. „Das macht den Kopf frei“, sagt der 26-Jährige, „keine großstädtische Hektik, keine lauten Partys.“ Der Mann mit den schulterlangen Locken und dem breiten Grinsen hält nicht sonderlich viel vom amerikanischen Gründerkitsch.

Sein ganz eigenes kleines Gründerglück hat Moore trotzdem gefunden. Nur eben nicht in London oder Dallas, wo er eigentlich herkommt, sondern in Taghazout, einem Fischerdorf in Marokko. 5.000 Einwohner zählt der verschlafene Küstenort 22 Kilometer nördlich von Agadir – und bietet auf den ersten Blick aber auch wirklich gar nichts, was den Erfolg einer Geschäftsidee in irgendeiner Weise begünstigen könnte. Kunterbunte Startup-Schmieden? Fehlanzeige. Finanzkräftige VC-Firmen? Wohl kaum. Spektakuläre Konferenzen? Mitnichten. Sogar Wikipedia sind abgesehen von einem Strand und einem alten Ortskern „keinerlei besondere Attraktionen“ bekannt. Das ist Taghazout. Ein Kaff wie es im Buche steht.

Die Idee für eine smarte Türklingel entstand am Strand

„Abgeschiedene Orte sind Ideal zur Validierung.“

Glaubt man Moore, ist dieses Kaff für Startups aber alles andere als verkehrt. Nicht nur wegen der um ein Vielfaches geringeren Lebenshaltungskosten im Vergleich zu den typischen Startup-Metropolen: „Vor allem in der Frühphase“, sagt er, „wenn man sich sehr kritisch mit dem Produkt auseinandersetzen muss, sind solche abgeschiedenen Orte ideal zur Validierung einer Idee.“

Chui-Gründer Shaun Moore (rechts) mit seinem Kompagnon Mezare (links). Zusammen haben sie in Taghazout ihre Idee für eine smarte Türklingel in Reinform gebracht. (Foto: Dallasnews)
Chui-Gründer Shaun Moore (rechts) mit seinem Kompagnon Nezare Chafni (links). Zusammen haben sie in Taghazout ihre Idee für eine smarte Türklingel in Reinform gebracht. (Foto: Dallasnews)

Es verwundert also kaum, dass sich Moore ausgerechnet die marokkanische Atlantikküste als Startplatz für seine Geschäftsidee ausgesucht hat. Zusammen mit einem ehemaligen Studienfreund hat er hier den Grundstein für Chui gelegt, ein heute in Dallas angesiedeltes Startup, das eine smarte Türklingel verkauft. Das bauklotzförmige Gerät in der Größe einer Pralinenschachtel wird einfach an der Haustür befestigt und kommt dank einer automatischen Gesichtserkennung ganz ohne herkömmliche Schlüssel aus. 500 Vorbestellungen zählt die 199 US-Dollar teure Türklingel schon. Das sind immerhin 100.000 US-Dollar Umsatz.

Taghazout, ein Abenteuerspielplatz für Gründer

Das Besondere? Die Idee entstand nicht etwa an einem Reißbrett in einem hochgerüsteten Inkubator, sondern am Strand von Taghazout. Hier hat Aline Mayard mit dem „The Blue House“ einen Abenteuerspielplatz für angehende Gründer geschaffen. Das lehmfarbige Gebäude im Stile einer andalusischen Finca ist eine Mischung aus traditionellem Feriendomizil und modernem Co-Working-Space. Dabei wollte sich Mayard vor zwei Jahren eigentlich nur kurz persönlich von dem Ort überzeugen, über den sie zuvor schon als Journalistin für ein arabisches Magazin berichtet hatte. Die Natur und das kosmopolitisch angehauchte Flair von Taghazout aber lassen auch die 27-Jährige nicht kalt. „Ich war schnell überzeugt, auch anderen Startups diesen Ort zugänglich machen zu können“, sagt sie.

Taghazout liegt circa 20 Kilometer nördlich von Agadir am Atlantik. Unter Gründern ist der kleine Ort zum beliebten Reiseziel avanciert. (Foto: The Blue House)
Taghazout liegt circa 20 Kilometer nördlich von Agadir am Atlantik. Unter Gründern ist der kleine Ort zum beliebten Reiseziel avanciert. (Foto: The Blue House)

„Meistens sind wir um sieben Uhr aufgestanden, haben beim Frühstück die Tagesziele festgelegt und sind dann bis zum Mittagessen in die Wellen gesprungen.“

Inzwischen bietet Mayard Gründern wie denen von Chui im „The Blue House“ alles, was sie zur Konkretisierung einer ersten Geschäftsidee brauchen. Es gibt endlich schnelles WLAN, einen Drucker, mehrere Meeting-Räume, jede Menge Post-Its und sogar Spielknete. Gründer oder ganze Teams können sich hier im Rahmen eines speziell für die Ideenbildung konzipierten Programms zwei Wochen lang für nicht mehr als 300 Euro pro Woche einmieten. Drei Mahlzeiten sind dabei ebenso inklusive wie Unterkunft und diverse Freizeitaktivitäten. „Wir organisieren zum Beispiel auch Yogakurse und Surfstunden“, erklärt Mayard ihr Konzept.

Gründer warnt sie aber davor, sich in der Zeit nur auf die faule Haut zu legen. So müsse etwa jedes Startup schon bei der Ankunft ein klares Ziel an ein Whiteboard kleben, das es in den zwei Wochen erreichen will. „Das“, erklärt Mayard, „ist sehr wichtig, weil man hier wirklich Dinge anpacken kann, die man Zuhause vielleicht bloß aufschieben würde.“

Gründer im Co-Working-Space „The Blue House“ bei der Arbeit. (Foto: The Blue House)
Gründer im Co-Working-Space „The Blue House“ bei der Arbeit. (Foto: The Blue House)

Der Tagesablauf von Chui-Gründer Moore hatte deshalb schon schnell ein klares System. „Meistens sind wir um sieben Uhr aufgestanden, haben beim Frühstück die Tagesziele festgelegt und sind dann bis zum Mittagessen in die Wellen gesprungen“, sagt er. „Danach haben wir zeitgleich mit unseren Partnern in den USA angefangen zu arbeiten.“ Auf einer bequemen Terrasse mit Meerblick, versteht sich. Moore und sein Mitgründer nutzten dabei auch die Nähe zu Touristen und Einheimischen, um ihre Idee schrittweise zu verfeinern. Eine Maßnahme, die Gründer in Taghazout unbedingt durchführen sollten, wie Moore empfiehlt: „Menschen, die dir oder deinem Produkt gegenüber nicht voreingenommen sind, können dir das ehrlichste Feedback geben.“ So konnte Chui seine Idee soweit optimieren, dass sie am Ende ihres Aufenthalts einen Hardware-Ingenieur in den USA mit der Fertigung eines Prototyps beauftragen konnten.

Taghazout: Das Fischerdorf mit Startup-Flair

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Die Schattenseiten? Sprachbarrieren und Heimweh

Dass in Taghazout aber nicht alles Gold ist, was glänzt, weiß auch Moore. Vor allem die fehlende persönliche Nähe zu Freunden oder Mentoren, sagt er, sei manchmal problematisch. Hinzu kommen Sprachbarrieren: Kaum ein Einwohner spricht Englisch, kaum ein Gründer Arabisch. Nicht zuletzt drohen disziplinarische Schwierigkeiten. „Wer liegt nicht lieber mit einem Cocktail in der Hand am Strand als sich durch einen Businessplan zu kämpfen?“, sagt Moore.

Dass Gründer all das aber nicht abschreckt, belegt zumindest die Zahl der Bewerbungen, die Aline Mayard allein im Mai für ihre Ideenschmiede erhalten hat. 70 Startups hätten sich ihr zufolge auf eine Ausschreibung beworben. An mangelnder Nachfrage dürfte das Vorhaben also nicht scheitern. In Zukunft will Mayard Geschichten wie die von Chui ohnehin am laufenden Band produzieren. Nach einem Mitgründer sucht sie schon und bis September – wenn der nächste Programmdurchlauf stattfindet – soll auch ein größeres Gebäude bezogen werden.

Shaun Moore jedenfalls will irgendwann noch einmal ihr Gast in Taghazout sein. Wenn nicht als Tourist, dann vielleicht mit einer neuen Geschäftsidee. Mehr als „Notebook und Bleistift“, sagt er, brauche es dafür ja nicht.

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1 Reaktionen
Nicht uninteressant
Nicht uninteressant

Interessant wären abmahn- und trivialpatentfreie Orte wo man die Startups auch dauerhaft betreiben kann.
Wo man günstig leben kann sieht man in den Dokumentationen wo Rentner günstig im Ausland leben weil hier die Kosten zu hoch sind.

Früher gabs den Begriff der "Klausur-Tagung" wo abgeschlossen wird bis man fertig ist. Im Prinzip ist das ähnlich. Bill Gates soll auch 2-3 Tage im Jahr in einer Wald-Hütte Emails bearbeiten.
Das wäre laut Wikipedia auch wichtiger Anteil der Gruppen-Psychologie.

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