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Boreout statt Burnout: Wenn Langeweile zum Problem wird

Boreout statt Burnout: Wenn Langeweile zum Problem wird

Wir hören immer nur, wie oft sich Menschen kaputt arbeiten. Dabei ist auch der „Boreout“, die Langeweile am Arbeitsplatz gefährlich. Im erklärt Buchautor Peter R. Werder, wie es dazu kommen kann.

Boreout statt Burnout: Wenn Langeweile zum Problem wird
(Foto: Shutterstock)

Das Autoren-Duo Philippe Rothlin und Peter R. Werder haben den Begriff Boreout geprägt und darüber ein Buch geschrieben. Im Gegensatz zum Burnout wird damit ein Symptom beschrieben, in dem Beschäftige aus Langeweile oder aufgrund von Unterforderung im Beruf krank werden. Die Symptome sind allerdings ähnlich.

t3n.de: Was genau kann zu einem Boreout führen?

Die beiden Schweizer Unternehmensberater haben das Phänomen Boreout erforscht.
Die beiden Schweizer Unternehmensberater haben das Phänomen Boreout erforscht.

Peter R. Werder: Wir haben in all unseren Büchern „Diagnose Boreout“, „Die Boreout-Falle“ und „Unterfordert“ Ursachen beschrieben, die sich nicht in wenige Worte fassen lassen. Es gibt Menschen, die haben das Falsche studiert, andere arbeiten am falschen Ort oder haben führungsschwache Vorgesetzte. Es kann auch vorkommen, dass die Menschen einfach faul sind, die meisten werden aber faul gemacht.

t3n.de: Besonders Berufsanfänger sollen anfällig sein. Warum?

Peter R. Werder: Wir alle haben zu Beginn unserer Karriere Illusionen, glauben an das Gute. Das versperrt uns den Weg zu erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Wir müssen erst erkennen, dass manchmal weniger hinter großspurigen Stellenbeschreibungen steckt und das eben nicht alle unter Stress stehen. Das verdrängen wir am Anfang, sodass wir eher in die Boreout-Falle tappen. Die Enttäuschung ist dann natürlich umso größer.

t3n.de: Wie kommt es dann dazu?

Peter R. Werder: Es ist nicht allein liegen gebliebene Arbeit, sondern eine sogenannte Pendenzenliste, auf der sich zu viel Arbeit stapelt.  Jemand, der an einem Bankschalter arbeitet, benutzt einen Computer. Diese Person hat aber keine Pendenzenliste, sondern arbeitet einfach, wenn sich jemand an den Schalter anstellt. Erst dann, wenn Sie ihre Arbeit „dosieren“ können, wenn Sie mit Tasklisten (eben Pendenzenlisten) arbeiten, können Sie beginnen zu steuern. Sie arbeiten mal viel, mal wenig, täuschen Arbeit vor. Jemand, der an einem Schalter arbeitet, kann nicht so tun, als ob er arbeiten würde. Entweder steht jemand davor oder nicht. Das ist wichtig, denn sonst unterscheidet sich ein Boreout kaum von normaler Unterforderung. Die Verhaltensstrategie, so zu tun, als ob man arbeiten würde, sind zentral.

Pendenzliste kommt dabei aus dem Schweizerdeutsch, ein richtiges deutsches Wort gibt es nicht. Am nächsten kommt dem lediglich der Begriff Taskliste. Man sagt: „Ich erledige meine Pendenzen.“ – das heißt: „Ich arbeite meine offenen Tasks ab.“

t3n.de: Wie erkennt man den Boreout?

Peter R. Werder:  Man ist abends erschöpft, obwohl man zu wenig zu tun hat. Man ist überfordert mit der Unterforderung. Deswegen manipuliert man das Umfeld mit Verhaltensstrategien: Man täuscht vor, dass man arbeiten würde, tut es aber eigentlich nicht.

Der Boreout ist noch immer ein Tabu

t3n.de: Was kann man dagegen tun?

Peter R.Werder: Wie die Ursachen sind auch die Mittel dagegen vielfältig. Von Anfang an ist darauf zu achten, ob der informelle Vertrag, der durch gegenseitige Erwartungen an die neue Stelle geschlossen wurde, eingehalten wird. Bekommt man die Arbeit, für die man eingestellt wurde? Ist es genug Arbeit? Wenn nein, sollte man dies früh und unaufgeregt ansprechen. Wir haben in unseren Büchern Empfehlungen formuliert und bieten Checklisten an. Am Schluss ist man immer für sich selber verantwortlich.

t3n.de: Im Gegensatz zum Burnout ist der Boreout immer noch ein Tabuthema. Warum?

Peter R. Werder: Unternehmen sehen sich als effiziente Systeme, bei denen Leerlauf und Unterforderung nicht vorkommen. Wie bei der menschlichen Kommunikation gibt es auch bei der institutionellen Kommunikation eine soziale Erwünschtheit: Darum verdrängen auch Unternehmen möglicherweise vorkommende Boreout-Probleme. Wir konnten in vielen Seminaren und Gesprächen hinter diese Fassade blicken und wissen: Die Diagnose Boreout hat einen schweren Stand. Die Wissenschaft beschäftigt sich langsam damit und wir wissen mittlerweile auch von einigen Arbeiten, die das Thema näher untersuchen.

t3n.de: Sie waren die ersten, die die Symptome beschrieben haben: Wie kamen Sie darauf?

Peter R. Werder: Wir waren beide in der Beratung tätig und haben immer wieder Menschen unterschiedlicher Unternehmen beobachtet, die sich extrem geschäftig verhalten hatten, von denen wir aber nicht wussten, was sie eigentlich taten. Das war ein Input. Der andere Input: Wir haben immer wieder Studien zur Kenntnis genommen, die den Stress am Arbeitsplatz fokussiert haben. 30 Prozent seien gestresst, hieß es da. Irgendwann haben wir uns gefragt, was eigentlich mit dem Rest ist.

t3n.de: Wie viele „Betroffene“ gibt es?

Peter R. Werder: Es gibt keine Studien dazu. In mehreren Studien wurden allerdings Unterforderung, Stress, Distanz zum Unternehmen beziehungsweise Loyalität untersucht. Deshalb kann man davon ausgehen, dass es mehr als 15 Prozent sind.

 

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