Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Ratgeber

Hässliche Websites: Was spricht für Brutalismus im Webdesign?

    Hässliche Websites: Was spricht für Brutalismus im Webdesign?

Brutal hässlich, die Website Wild Turtles. (Screenshot: t3n)

Ihr dachtet, wir hätten das Design der Neunziger überwunden? Weit gefehlt. Brutalismus als Designtrend scheint unverwüstlich und feiert gerade seine Wiederkehr.

Brutalismus: Ein Architektur-Trend der Sechziger und Siebziger

Wenn ihr durch eure Stadt lauft und auf einen potthässlichen Betonklotz stoßt, dann könnt ihr den entweder als potthässlichen Schandfleck im Stadtbild oder als Ausdruck des Architektur-Trends des Brutalismus bezeichnen. Das läuft getreu dem Motto „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Brutalismus stellt die Funktion so weit in den Vordergrund, dass für die Form überhaupt kein Raum mehr bleibt. Das kulinarische Prinzip „Das Auge isst mit“ gilt hier nicht.

Brutalismus war also ursprünglich eine eher minimalistische, nüchterne Sicht auf die Welt und nicht etwa Kunst, sondern maximal ein Ausdruck des funktionsorientierten Schaffensanspruches früherer Architektengenerationen.

Anzeige

Das Webdesign der Neunziger

Brutalismus findet sich oft in der Architektur. (Foto: Claudio Divizia / Shutterstock)

Übertragen auf das Webdesign spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle. Hier spielen durchaus künstlerische Aspekte sowie der Ausdruck einer gewissen Protestkultur eine Rolle. In den Neunzigern war im Grunde jede Website brutalistisch. Es gab nur wenige Möglichkeiten, ein Design optisch ansprechend zu gestalten. Die Gestalter waren zumeist jene, die sich zuvor schon durch vollkommen überfrachtete Powerpoint-Folien einen entsprechenden Ruf erarbeitet hatten.

Wer erinnert sich nicht an Beepworld, Geocities und im Grunde eigentliche alle damals verfügbaren Websites? Nach dem Motto „Wir hatten ja nix“ wurde Webdesign mit der Brechstange betrieben. Seiten waren teilweise so hässlich, dass nach deren Besuch unmittelbar ein Augenarzt aufgesucht werden musste.

Heutzutage hingegen finden wir Templates an jeder Ecke des Internets. Mit diesen Templates kann sogar Opa Heinz, einst der gefürchteteste Geocities-Bewohner, eine optisch ansprechende, funktional leicht bedienbare Website ins Netz der Netze laden. Mit einem CMS wie WordPress, ist es sogar noch leichter. HTML-Kenntnisse werden nicht benötigt, Wissen zu CSS, PHP oder Javascript schon gleich gar nicht.

Homepage-Baukästen wie Wix oder Webydo, die voll grafisch arbeiten, nehmen uns den letzten Rest an Ehrgeiz ab, uns intensiver mit grundlegenden Web-Technologien zu beschäftigen.

HTML oder kein HTML: Kulturkampf im Web

Grauenhaft, sagen die einen, und wollen dahin zurück, wo du ohne ein paar relativ profunde Webmaster-Kenntnisse und ein Grundwissen in HTML ein Niemand warst.

Perfekt, sagen die anderen, und führen ins Feld, dass das Web nicht als Spielwiese für Designer und Coder gedacht war, sondern lediglich eine Technologie bieten wollte, mit deren Hilfe Inhalte weltweit frei publiziert und abgerufen werden konnten. Und immerhin sind wir ja heutzutage einen ganzen Schritt näher am Publishing von Inhalten durch jedermann, als wir es in den Neunzigern waren.

Wir dürfen also mit einiger Bestimmtheit sagen, dass das Web in seiner Grundkonzeption Inhalt und nicht Gestaltung ist. Dem stimmen frühe Webmaster wie Justin Jackson umstandslos zu. Ebenfalls erhellend wird sich dieser Blick in die Motivation des Web-Erfinders Tim Berners-Lee auswirken.

Widersprechen sich die beiden Ansätze denn überhaupt? Sicherlich bringen uns moderne Werkzeuge immer weiter weg von den technischen Grundlagen des Web, allen voran dem Schreiben von HTML mit der Hand. Andererseits eröffnet gerade dieser Umstand einer breiten Zahl von Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, sich aktiv am Web zu beteiligen, also Inhalte zu teilen.

Natürlich ist der Eindruck gerechtfertigt, dass sich Webdesign immer mehr vereinheitlicht. Wir haben vor einiger Zeit hier bei t3n einen Beitrag dazu geschrieben. Strittig ist lediglich, ob das nun gut oder schlecht ist.

Brutalismus im Webdesign

Wir können also den aktuellen Brutalismus-Trend durchaus mit Protest an den Gegebenheiten in Verbindung bringen. Hier gestalten Personen ihre Websites mit voller Absicht in einem Stil, den man heutzutage nicht mehr zeigen müsste, weil die technischen Möglichkeiten nun mal nicht mehr auf dem Stand der Neunziger sind.

Ist es Nostalgie, die hier eine Rolle spielt? Früher war alles besser? Ist es eine Frage der Ideologie? Geht es um Web-Purismus auf den Spuren der initialen Aussagen eines Berners-Lee? Ist es etwa so wie Punk oder Gothic? Also eine auffällige Form, sich so von der Norm abzugrenzen, dass diese Norm es auch bemerkt?

Das ist schwer zu beurteilen. Wir können relativ sicher sagen, was es nicht ist. In aller Regel ist es nicht der Mangel an Kenntnissen. Das fand Pascal Deville, Partner bei der Züricher Kreativagentur „Freundliche Grüße“ recht bald heraus, nachdem er schon im Jahre 2014 seine Sammlung brutalistischer Websites unter dem Namen „Brutalist Websites“ aus der Taufe gehoben hatte.

Brutalist Websites: Sammlung hässlicher Webdesigns. (Screenshot: t3n)

Zu dieser Erkenntnis gelangte Deville über die Codeanalyse. Diese zeigte vielfach den Einsatz moderner Technologien und optimierte Abläufe, die aber dennoch zu potthässlichen Layouts führten. So konnte nichts anderes als Absicht unterstellt werden.

Was spricht denn nun für Brutalismus im Webdesign?

Die Macher einiger der gelisteten Websites beziehen in kurzen Interviews Stellung zu der Frage, warum sie eine brutalistische Seite betreiben. Die Antworten variieren von „weil es mir Spaß macht“ über „ich stamme aus einer brutalistischen Gegend“ bis hin zu „weil es zur Zeit im Trend liegt“. Eine eindeutige Motivation ist nicht zu erkennen.

Wenn uns die Betreiber nicht einmal aus erster Hand gute Gründe liefern können, müssen wir wohl selber spekulieren. Betrachten wir das Thema aus Marketing-Sicht, kommen wir nicht umhin, anzuerkennen, dass eine brutalistische Website mit großer Wahrscheinlichkeit eine höhere Aufmerksamkeit erreichen wird, als eine Streamline-Version des letzten Template-Bestsellers. Wenn es gut läuft, geht das Design sogar viral. Wir sollten uns allerdings vorher gut überlegen, was wir sagen, wenn wir gefragt werden, warum wir in 2017 eine Website starten, die aussieht wie aus den Neunzigern übrig geblieben.

Ganz generell ist Minimalismus einer der Megatrends der jüngeren Zeit. Wir haben hier bei t3n diesen Beitrag dazu geschrieben. Was ist Brutalismus anderes als Minimalismus? Es ist eine besonders hässliche Form von Minimalismus, aber das ist doch eine Detailfrage.

Wenn euer brutalististisches Design gut gemacht ist, ist es quasi out of the box zugänglich und somit auch responsiv, ganz ohne sonstige technische Vorkehrungen. Wenn es dabei nicht so hässlich wäre, könnte es glatt als Best Practice durchgehen.

Gnadenlos durchgezogener Brutalismus kann im Grunde neben dem Protestaspekt nur eine glaubhafte Erklärung haben: Kunst, denn über Kunst lässt sich nicht streiten. Das sieht man an der Yale-Universität in jedem Falle so. Schaut euch mal die Website der dortigen School of Art an:

Das ist wirklich die Website der Yale School of Art. (Screenshot: t3n)

Insgesamt ist es auffällig, dass Brutalismus häufiger in der rein künstlerischen Ecke vorkommt als anderswo im Netz. Seid ihr also Künstler, wollt ihr vielleicht mal ein brutalistisches Auge auf eure Außendarstellung werfen.

So kann es funktionieren: Brutalismus in entschärfter Form

Wenn wir davon ausgehen, dass wir weder Protest transportieren, noch progressiv künstlerisch rüberkommen wollen, wofür könnten wir Brutalismus dann nutzen? Gar nicht? Es ist durchaus möglich, die positiven Effekte des modernen Brutalismus mitzunehmen, ohne gleich wie ein Gestaltungs-Legastheniker zu wirken. Schaut euch das Beispiel des Online-Magazins The Outline an:

Das brutalistische Online-Magazin The Outline. (Screenshot: t3n)

Ausnehmend hässliche Gestaltungselemente harmonieren mit modernem Designkonsens und legen so den Fokus auf die einzelnen Beiträge des Magazins. Das kann sicherlich nicht jeder so machen, aber bei The Outline passt die Optik zum Konzept. Schaut euch nur die Unterstreichungen an. Sie sind in Wellenform angelegt und bewegen sich dabei auch noch. Schaurig schön.

Auch die Designagentur AKU aus Tallinn in Estland bietet so eine schaurig schöne Brutalistenoptik. Da sich die Agentur ausdrücklich an Kunstschaffende richtet, ist es nur logisch, dass die eigene Präsentation extravagant ausfällt. Otto Normalverbraucher kommt kaum damit zurecht, aber der potenzielle Kunde wird es toll finden:

Nicht minder erstaunlich präsentiert sich die Designagentur AKU aus Estland. (Screenshot: t3n)

Alles, was wir benötigen, um die Möglichkeiten des Brutalismus für uns einzusetzen, ist Fantasie und Mut. Denn in der heutigen Design-Welt ist es schwierig, sich abseits der ausgetretenen Pfade neue Wege zu suchen, die unsere Besucher dann auch mitzugehen bereit sind. Wenn uns das aber gelingt, dann haben wir ein gutes Alleinstellungsmerkmal.

Finde einen Job, den du liebst

9 Reaktionen
Ronald

Über Geschmack lässt sich bekanntlich (nicht) streiten, ebenso über die Definition, was „Brutalist Websites“ sind. Ich finde nämlich viele der auf dieser Website gezeigten Beispiele geradezu minimalistisch und im Vergleich zu dieser Betonarchitektur, die auch darauf beruhte, den Beton ungeschönt und nackt zu belassen, äußerst gelungen und nachahmenswert!

Die Gestaltung meines privaten Weblogs werden hingegen wohl auch einige als ein gelungenes Beispiel für brutales Webdesign ansehen.

Antworten
Philip
Philip

Selten einen von Wissen derart unbefleckten Artikel über Design gelesen. Designtheorie? Gestaltungstheorie? Wahrnehmungspsychologie? Ästhetischer Diskurs? Nicht mal ne blasse Ahnung was Brutalismus überhaupt ist, kann der Autor vorweisen. Wer Sätze schreibt wie "Brutalismus stellt die Funktion so weit in den Vordergrund, dass für die Form überhaupt kein Raum mehr bleibt." sollte überhaupt nicht über Design schreiben dürfen, denn er beherrscht nicht das Grundwissen zum Thema Funktionalismus, Offenbacher Produktsprache, Architekturtheorie, um nur die Grundlagen 1. Semester zu nennen. Es reicht ja nicht mal um profund über Styling zu schreiben … Löscht den Artikel, ihr macht euch lächerlich.

Antworten
Arne

Ich weiß nicht von wo ihr her stammt, aber die Site der Designagentur AKU ist die geilste und schönste Site, die ich seit Jaaaaahren gesehen habe. Ich kann dieses Paralax- und LangweiligEineSeiteIch FragMichWarumDieNichtMehrerePagesDrausMachen-Gedönse der Scriptkiddies und PseudoWebDesigner der letzten Jahre nicht mehr sehen.
Schlimmer sind Sites, deren Content hauptsächlich aus Links zu Artikeln bestehen, bei denen man nicht erkennt, welchen Link man schon besucht hat, denn DAS ist häßlich(in Bezug auf Usability) ;-)
Aber Danke für die Beispiele. Es gibt ja auch viele Beispiele aus der realen Welt, wo gerade das Häßliche gut aussieht, weil es eben gekonnt/gewollt häßlich ist.
Meine Mutter sagte immer "Nicht Schönheit macht schön, gefallen macht schön."

Antworten
Marcl Weiß
Marcl Weiß

Da kann ich mich nur anschliessen! Letztendlich wäre ein wenig Eigenheit im Netz wünschenswert, als das gleichschalten der Layouts bei dem lediglich das Logo ausgetauscht wurde. Eine Website sollte immer noch den oder die Inhaber präsentieren. Auch im Punkt Usability stimm ich mit dir überein, ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten das viele Seiten eine schlechte Informationsstruktur aufweisen und man nur selten die Informationen bekommt, die man wollte. Bei den One Pager Websites würde ich nicht so scharf ins Gericht gehen, da es in manchen Situationen recht praktisch ist. Nur leider wurde es wie alle Techniken, die einfach Eingebunden werden können, ohne Rücksicht auf den Inhalt zu stark ausgereizt.

Antworten
Dieter Petereit
Dieter Petereit

Wenn du nochmal genauer hinliest, stellst du fest, dass ich AKU und The Outline als positive Beispiele genannt habe. Und ich plädiere für mehr Mut im Design und die Umsetzung solcher Ansätze, wo es passt.

Antworten
PeterD
PeterD

Unglaublich viele häßliche und vor allem nutzlose Websites gibts auf https://www.theuselesswebindex.com/. Einfach mal reinschauen ^^

Antworten
Setzfehler

Websites from hell, eine gigantische Sammlung: https://websitesfromhell.net/

Antworten
Daniel
Daniel

Wie wär's mit weniger versteckten Links zu den Websites?? Wenn überhaupt.

Antworten
Gunter
Gunter

Von welchen versteckten Links redest du?

Antworten
Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden