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Der Preis ist heiß: So meistern Startups den wilden Tanz mit der Burnrate

Der Preis ist heiß: So meistern Startups den wilden Tanz mit der Burnrate

Die „Burnrate“ kann zum Schreckgespenst auf dem Weg zum erfolgreichen Geschäftsmodell werden. Was Startups über die wichtige Kennzahl wissen müssen und wie sie richtig mit ihr umgehen, erklärt dieser Artikel.

Der Preis ist heiß: So meistern Startups den wilden Tanz mit der Burnrate

Den Tanz mit der Burnrate meistern. (Quelle: iStockphoto - xavigm)

Sie ist das Schreckgespenst der letzten Wochen, Investoren schlagen Alarm: Weil zu viele im Silicon Valley wegen zu hoher Ausgaben nicht aus eigener Kraft überlebensfähig sind und daran auch nichts ändern, sehen namhafte Venture-Kapitalisten wie Marc Andreessen Probleme aufkommen, sobald sich der Markt negativ verändert. Hippe Büros, viele Mitarbeiter, großzügige Benefits – das und vieles mehr verursacht Kosten, die in keinem Verhältnis mehr zur Entwicklung der primär am Tropf von Fremdkapital hängenden Startups stehen. Die Situation ist heikel. Sie treibt die Ängste von Investoren vor einem Kollaps ebenso in die Höhe wie die sogenannte Burnrate. Denn von ihr ist hier die Rede.

Was ist eigentlich die Burnrate?

Die Burnrate (Geldverbrennungsrate) ist eine der wichtigsten Kennzahlen im Startup-Geschäft. Obschon die teils extreme Ausprägung in US-amerikanischen Startups kulturbedingt nicht 1:1 auf den deutschen Gründerraum übertragen werden kann, geht die Burnrate auch hierzulande jeden Gründer etwas an. Entsprechend wollen wir in diesem Artikel zeigen, was hinter der berüchtigten Kennzahl steckt, warum sie Investoren so wichtig ist und was Startups im Umgang mit ihr beachten sollten. Gründer geben Rat.

Konkret drückt die Burnrate das Verhältnis zwischen den monatlichen Ausgaben eines Startups und dem zur Verfügung stehenden (Fremd-)Kapital aus. Im Ergebnis gibt sie Aufschluss über zwei Dinge: Erstens, mit welcher Geschwindigkeit die finanziellen Mittel verbraucht werden. Und zweitens, wie viel Zeit dem Startup bei gleichbleibend hohen Fixkosten noch bleibt, bis es zahlungsunfähig wird und den sogenannten „Cashout“ erreicht.

Hannes Wirtz, Gründer von audioguideMe. (Quelle: aduioguideMe)
Hannes Wirtz, Gründer von audioguideMe. (Quelle: aduioguideMe)

Im Regelfall ist jede Finanzierungsrunde darauf ausgelegt, das Startup solange mit Geld zu versorgen, bis es die Gewinnzone erreicht und sich durch seine Umsätze selbst tragen kann. Damit sich Gründer nicht schon bei der Aufnahme von Fremdkapital verspekulieren, ist die richtige Kalkulation der voraussichtlichen Burnrate inklusive zu erwartender Umsätze und des Break-Even wichtig – speziell für spätere Anschlussfinanzierungen. „Auch wenn die kalkulierten Zahlen so gut wie nie eintreffen (entweder schlechter oder besser), ist eine kontinuierliche Kalkulation wichtig, um den Überblick zu behalten und für die Erreichung von festgelegten Zielen in der Zukunft entsprechende Meilensteine in der Gegenwart festzulegen“, sagt Hannes Wirtz, Gründer des Hamburger Startups audioguideMe.

Eine universelle Faustformel gibt es dafür nicht, die Höhe der Burnrate variiert je nach Produkt, Startup und Branche. Christian Häfner, Gründer und CMO von FastBill, warnt vor allem vor Milchmädchenrechnungen: „Gerade Nicht-Entwickler unterschätzen zu Beginn den Aufwand für die Entwicklung von Produkten“. Umso wichtiger ist daher die Kenntnis über die eigenen, zu erwartenden Fixkosten.

Darunter fallen in erster Linie natürlich die Kosten für Personal. „Wer eine komplette Burnrate will, der sollte auch noch weitere Kosten für Anwälte, Miete und ein wenig Marketing einplanen“, so Häfner. Zum erweiterten Kreis der Fixkosten gehören allerdings auch Aufwendungen für Server und gegebenenfalls Nutzungspauschalen für Internetdienste. Wer auf Nummer sicher gehen will, kalkuliert auch Kosten für Produktiterationen ein.

Darum ist Investoren die Burnrate wichtig

Tame-CMO Torsten Müller sagt: „Man muss Fremdkapital nicht auf dem Tagesgeldkonto anlegen.“ (Quelle: Tame)
Tame-CMO Torsten Müller sagt: „Man muss Fremdkapital nicht auf dem Tagesgeldkonto anlegen.“ (Quelle: Tame)

Investoren schauen bei der Burnrate übrigens ganz genau hin. Schließlich ist sie zugleich ein entscheidender Indikator dafür, wie lohnenswert das Investment in ein Startup überhaupt ist. Passen die kommunizierte Burnrate und die gesteckten Ziele zusammen? Kann der Gründer realistisch kalkulieren? Zeichnet sich beispielsweise eine deutliche Übersteigung der Burnrate gegenüber den eigenen Prognosen ab oder fällt das Umsatzwachstum weniger stark aus als erwartet, sinken die Chancen auf eine Finanzierungsrunde enorm. Und: Können Gründer beim Pitch gar nichts zu ihrer Burnrate sagen, ist das Gespräch schneller beendet als einem lieb ist.

Eine gute Vorbereitung ist für Gründer daher unabdingbar: „Wer seine Kosten im Auge behält und effizient mit den vorhanden Ressourcen umgeht, der beeindruckt auch Investoren“, erklärt etwa Torsten Müller von Tame. Das Berliner Startup operierte mit Burnrates zwischen anfänglich wenigen Hundert Euro bis zu 40.000 Euro in der Spitze. Gestemmt werden konnten die Ausgaben laut Müller mithilfe mehrerer Förderprogramme.

Wer effizient mit den vorhanden Ressourcen umgeht, der beeindruckt Investoren.“

Auch Hannes Wirtz profitiert mit seinem audioguideMe-Team von einem solchen: „Das gibt uns gerade hinsichtlich der Burnrate wichtigen Spielraum, da wir so um einiges zielstrebiger unsere Entwicklung vorantreiben können, als wir das durch eigene Umsätze tun könnten.“

Investoren gefällt das. Denn je niedriger die Fixkosten, desto flexibler kann das zur Verfügung stehende Kapital letztlich verbraucht werden. Torsten Müller von Tame beschwichtigt bei aller Vorsicht aber auch: „Das heißt nicht, dass Investoren wollen, dass das Geld auf dem Tagesgeldkonto angelegt wird - ganz im Gegenteil: Das Geld ist schließlich da, um das Startup-Wachstum zu befeuern.“

Burnrate: Was tun, wenn der Cashout droht?

Im Idealfall geht es dann mit der Entwicklung des eigenen Geschäftsmodells spürbar bergauf. Als Hauptpreis winkt die Gewinnzone und die Unabhängigkeit von Investorengeldern. Und wenn es trotzdem zwischenzeitlich brenzlig wird? Wird das Produkt zum Beispiel nicht wie erhofft vom Markt adaptiert und droht der Cashout, sollten Gründer in jedem Fall in der Lage sein, rechtzeitig und angemessen zu intervenieren. Das kann zum Beispiel durch einen Plan B in Form eines Schwenks bei der Produktstrategie (Pivot), eine Anschlussfinanzierung oder gar die Senkung der Gehälter erfolgen.

FastBill-Gründer Christian Häfner gibt Tipps für den Umgang mit der Burnrate. (Quelle: FastBill)
FastBill-Gründer Christian Häfner gibt Tipps für den Umgang mit der Burnrate. (Quelle: FastBill)

Christian Häfner von FastBill rät Gründern, spätestens sechs Monate vor Cashout einen Kassensturz zu machen. „Einfach mal rechnen, was man selbst zum Überleben braucht und damit kalkulieren. Ist das große Büro wirklich nötig oder tut es auch ein Co-Working-Ticket für 60 Euro? Muss ich der Facebook-Agentur wirklich 5.000 Euro zahlen?“ Wertvolle Zeit lässt sich außerdem durch die vorübergehende Arbeit Zuhause, die Einstellung von kostengünstigeren Werkstudenten und Freelancern sowie die Nutzung kostenloser Webdienste gewinnen.

„Ein Gründer muss von 1.500 Euro leben können“

Zwar macht Kleinvieh bekanntlich auch Mist, das eigene Gehalt und das der Mitarbeiter bleibt in aller Regel aber trotzdem der größte Kostentreiber. Kein Wunder, dass sich Hannes Wirtz, Torsten Müller und Christian Häfner in einer Sache einig sind: Die Gehaltskürzung ist das effektivste Mittel gegen einen drohenden Cashout – auch wenn das am meisten weh tut.

„Wer sich unter Wert verkauft fühlt, ist kein Gründer.“

Doch dafür müssten Gründer ohnehin jederzeit bereit sein. FastBill-Gründer Christian Häfner, der sein Unternehmen per Bootstrapping und zu Beginn mithilfe von Studenten aufbaute, setzt ein deutliches Ausrufezeichen: „Ich finde, dass ein Gründer auch von 1.500 Euro oder weniger Netto im Monat leben können muss!“ Miete und „ein bisschen was im Kühlschrank“, mehr müsse es eigentlich nicht sein. „Wer sich damit unter Wert verkauft fühlt, ist kein Gründer, sondern Manager.“ Eine Beratung oder ein Konzern sei dann vielleicht die bessere Wahl.

 

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5 Antworten
  1. von fimbim am 15.10.2014 (11:44 Uhr)

    Von 1500€ im Monat hab ich zu unserer Anfangszeit geträumt :)

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  2. von hanswurst am 17.10.2014 (08:19 Uhr)

    1500€... Dieser Logik zufolge dürfte nur Gründen (können), wer keine Familie und keine sonstigen Verpflichtungen hat. Als Single bin ich damit auch locker ausgekommen. Mit Kind, Haus und Hund? Keine Chance.

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  3. von Eddy am 20.10.2014 (23:17 Uhr)

    Ich soll also kein Gründer sein, weil ich weit mehr als 1.500,- Euro Gehalt benötige? Sorry, aber diese Aussage ist kompletter Unsinn!

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  4. von Christian am 21.10.2014 (20:25 Uhr)

    Also ich finde die Aussage mit 1500 NETTO nicht so unrealistisch. Die Kernaussage ist, dass das Gehalt einen nicht zu unterschätzenden Anteil an den Ausgaben hat und man bereit sein sollte in der Anfangsphase mit weniger zufrieden zu sein als bei einem sicheren Arbeitsplatz. Konkret hängt es natürlich von den eigenen Fixkosten ab und auch davon wie lange es dauert bis ein gewisser Cash-Flow erreicht werden kann. Das ist bei einer Entwickler-Agentur natürlich deutlich kürzer, als wenn zunächst über 3-6 Monate eine Plattform entwickelt werden muss bis zum ersten Release...

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    • von Eddy am 22.10.2014 (06:17 Uhr)

      Und was ist mit Gründern, die keine Berufseinsteiger sind, sondern schon einige Jahre Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen, und vielleicht schon ein Haus abzahlen und eine Familie ernähren müssen? Sollten die das Gründen lieber anderen überlassen?

      Ich finde die Aussage grundsätzlich falsch.

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