Carbyn - Mehr eine UI, denn ein OS
Vorausschicken muss ich, dass ein echter Test des selbsternannten HTML5-OS Carbyn noch nicht möglich ist. Das System erweitert seine Nutzergemeinde auf der Basis von Invites. Ein solcher liegt mir noch nicht vor. Von daher beschränke ich mich auf die bisherigen Veröffentlichungen, die vor allem im Rahmen der Disrupt erfolgt sind.
Nach allem, was derzeit zu erfahren ist, ähnelt Carbyn sehr stark dem Jolicloud Desktop, den ich auch selbst ab und an verwende. Innerhalb eines modernen Browsers bildet Carbyn einen Desktop ab, auf dem auf HTML5 basierende Web Apps liegen und aufgerufen werden können. Geradezu frappierend mutet die Ähnlichkeit zwischen Carbyn und Jolicloud an, wie ihr den folgenden Screenshots entnehmen könnt.
Carbyn kommt mit einer Art App Store, über den Entwickler entsprechend angepasste Web Apps vertreiben können. Eine solche Möglichkeit bietet auch Jolicloud, das sich allerdings im Augenblick komplett neu aufstellt und für den Herbst eine ganz neue Version angekündigt hat.
Jolicloud gibt es in der Variante JoliOS als echtes Betriebssystem auf Linuxbasis. Im Grunde handelt es sich um den Jolicloud Desktop mit einem OS-Unterbau, der den Verzicht auf ein Host-Betriebssystem ermöglicht.
Carbyn bezeichnet sich selbst als HTML5-Betriebssystem. Das ist insofern irreführend, als ein OS bekanntlich die Software ist, die den Rechner antreibt, mithin keine andere Hostumgebung benötigt, um seine Dienstleistung zu offerieren. Genau das kann Carbyn jedoch nicht. Ohne ein installiertes Hostsystem funktioniert Carbyn nicht.
Dafür ist es Carbyn egal, um welches Hostsystem es sich handelt. So soll das System auch auf dem iPad, Android Tablets und dem Playbook lauffähig sein. Jeder HTML5-fähige Browser soll Carbyn darstellen können.
Die Überarbeitung der Jolicloud geht in eine ähnliche Richtung. Allerdings wollen deren Macher die Jolicloud in der Form nativer Apps auf die verschiedenen Mobilplattformen bringen, was am Ende immerhin den gleichen Effekt haben wird.
Carbyn: Unterschiede zu Jolicloud
Was den Titel “HTML5-Betriebssystem” noch einigermaßen rechtfertigen kann, sind die Unterschiede zu Jolicloud.
Jolicloud integriert beliebige Webservices auf seinem Desktop. Ruft man nun einen dieser Dienste auf, so öffnet sich dieser ganz konventionell in einem eigenen Browsertab oder innerhalb des bestehenden, je nach Einstellung. Man verlässt also die Jolicloud, sobald man einen externen Service aufruft. Integriert funktionieren Anwendungen nur im JoliOS. Nur unter diesem stehen auch Dienste wie Skype zur Verfügung.
Carbyn hingegen wirkt wie eine Art Wrapper rund um die Apps herum. Es ruft aus dem Desktop heraus nicht schlicht bestehende Webservices auf, sondern kann nur mit solchen korrekt interagieren, für die eine entsprechende Carbyn App erstellt wurde.
Durch die Wrapperfunktionalität können sich Apps, wie unter einem echten OS, gegenseitig beeinflussen. Ein laufender Mediaplayer könnte etwa von einer Skypeinstanz stumm geschaltet werden, wenn ein Anruf eingeht. Auch andere Informationen lassen sich zwischen den Apps austauschen.
Insofern handelt es sich bei großzügig wohlwollender Betrachtung und schamloser Ausdehnung des Begriffes um ein Betriebssystem für HTML5-Anwendungen. Jedenfalls ist Carbyn konzeptionell mehrere Schritte weiter als Jolicloud.
Carbyn: Kritik ist angebracht
Kommunikation verschiedener Web Apps untereinander ist nun nicht gerade etwas, das auf uneingeschränkte Zustimmung zu stoßen vermag. Nicht umsonst startet Chrome jedes Tab als eigenen Prozess und verfügt über ein ausgefeiltes Sandboxing. Miteinander interagierende Web Apps stellen unter Sicherheitsaspekten mindestens ein Risiko dar. XSS-Angriffen könnten sich so nicht nur Türen, sondern ganze Tore öffnen.
Dabei stellt sich zusätzlich die Frage, wozu man Carbyn unter einem weiteren OS nutzen sollte, wo doch das Host-OS in jedem Falle Interaktionsmöglichkeiten für unterschiedliche Anwendungen mitbringt.
Daher lautet mein Fazit nach derzeitigem Informationsstand: Carbyn bietet ein interessantes Konzept, das weiter geht als gängige Webdesktop-Lösungen wie Jolicloud. Ohne echte OS-Funktionalität gibt es indes keinen vernünftigen Grund, Carbyn anderen Lösungen vorzuziehen.




![HTML5 im Realitäts-Check [Infografik]](http://t3n.de/uploads/t3n-news-post-378000_html5-hype-vs-reality-feat_medium.jpg)
3 Answers
von Christian Peters via facebook 19.09.2011 (22:04Uhr) 1.
Das braucht nun ja niemand. Mit einem Betriebssystem hat das gar nichts zu tun, stattdessen wrappt man proprietäre Schnittstellen auf einen offenen Standard.
von Christian Peters via facebook 19.09.2011 (22:04Uhr) 2.
... um einen offenen Standard.
von David Odw via facebook 19.09.2011 (22:42Uhr) 3.
kein OS,eher eine browser-erweiterung