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Warum sind deutsche Unternehmen in der PEGIDA-Debatte so unsichtbar?

    Warum sind deutsche Unternehmen in der PEGIDA-Debatte so unsichtbar?
Breite Front gegen PEGDIA?Unternehmen geben sich erstaunlich rar. (Bild: Flickr-Gilly Berlin / CC-BY 2.0)

PEGIDA ist das aktuelle Thema der Nation. Der ganzen Nation? Nein, meint Clued-up-Kolumnist Thilo Specht. Unternehmen, die auf Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte angewiesen sind, geben sich erstaunlich unsichtbar.

clued up thilo specht

Zischend öffnen sich die Türen der S-Bahn. Ich steige aus in die kalte Dunkelheit der vorweihnachtlichen Neustadt. Es ist der 22. Dezember 2014 und ich habe mich von der Familienfeier abgeseilt, um am frühen Abend mit einigen Dresdnern gegen PEGIDA zu demonstrieren. Im Bahnhof ist es erstaunlich leer und leise. Die Demonstranten finde ich erst vor dem Gebäude. Wie viele es sind, kann ich kaum abschätzen. Es ist einfach zu dunkel. Nur vereinzelt erhellen die Smartphone-Displays die Gesichter zumeist junger Menschen. Viele sind in Gruppen gekommen, stehen herum und unterhalten sich. Von irgendwo her klingt unaufdringliche House-Musik aus mittelprächtigen Lautsprechern.

Ich checke Twitter und stelle fest, dass unter dem Hashtag #nopegida vor allem Münchner schreiben. Sie posten unentwegt Parolen, Bilder und Videos aus Bayerns Hauptstadt. 12.000 Menschen sollen sich dort laut Polizei auf dem Max-Joseph-Platz zur Kundgebung für ein weltoffenes Deutschland versammelt haben. Andere Quellen aus den Reihen der Aktivisten sprechen sogar von 20.000 Teilnehmern. Aber wer weiß das schon so genau? Was entspricht der Wahrheit?

Wahrheitsgehalt: Es ist kompliziert

Lügenpresse, nur eine von vielen Parolen der PEGIDA. (Bild: dpa)
Lügenpresse, nur eine von vielen Parolen der PEGIDA. (Bild: dpa)

In einem späteren Artikel wird Mathias Müller von Blumencron (FAZ) beklagen, dass das Internet in den vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, „zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie“ mutierte. Das Social Web trägt laut „MvB“ die Hauptschuld an dieser Entwicklung: „Wichtiger als der Absender einer Information ist für viele der Übermittler geworden - der Freund, ein bei Facebook bekanntermaßen eher flüchtiger Geselle. Er ist in kürzester Zeit zum wichtigsten Kuraten geworden. Was der Freund weiterreicht, bekommt Gewicht: Es wird ja wohl stimmen.“

Schreien die Enttäuschten, die Verängstigten, die Hasserfüllten und die beigen Rentner unter dem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer deshalb unentwegt „Lügenpresse“? Es gibt genug Umfragen, die bestätigen, dass ein beachtlicher Teil der Menschen das Vertrauen in die Presse verloren hat. Bedeutet es am Ende, dass PEGIDA durch Facebook gar erst möglich wurde?

Das Internet ist die Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln

Tatsächlich spielt das Netzwerk bei der Aktivierung von Anhängern und der Organisation von Aktionen eine wichtige Rolle. Als im Januar 2015 gleich zwei Facebookseiten unter dem Titel FRAGIDA (Frankfurter gegen blablabla) auftauchten, erfolgte umgehend eine Reaktion der Gegenseite: Noch bevor von den FRAGIDA-Initiatoren überhaupt eine Veranstaltung angekündigt wurde, kursierte die Einladung zur Gegendemonstration – als Facebook-Event.

Die darauffolgenden Tage berichtete die Presse über beide Initiativen. Wichtigste Kennzahl für die Bewertung durch die Journalisten: Die Anzahl der Likes und Zusagen von Facebook-Nutzern. Welche Seite wächst schneller, erfährt mehr Zuspruch? Facebook erfüllt plötzlich eine Rolle, die früher Meinungsforschern vorenthalten war.

Und noch mehr: In der täglichen Auseinandersetzung mit PEGIDA-Trollen schlägt die Journaille nun zurück. Ihre Waffe: Bissige Ironie, Sarkasmus und Satire.

Medien antworten auf vergiftetes Gesprächsklima durch Pegida mit Ironie, Sarkasmus und Satire. (Screenshot: DIE WELT-Facebook)
Medien antworten auf vergiftetes Gesprächsklima durch Pegida mit Ironie, Sarkasmus und Satire. (Screenshot: DIE WELT-Facebook)

Martin Hoffmann, Head of Social Media bei DIE WELT, hält Ironie für die einzig wirksame Waffe gegen Verschwörungstheoretiker et al., die mit ihren obskuren Aussagen „das Diskussionsklima ganz schnell vergiften“. Der Postillon landete einen viel beachteten Coup mit der satirischen Falschmeldung, dass eine Dresdner PEGIDA-Demonstration von den Organisatoren abgesagt wurde. Andere Medien setzen auf inhaltliche Aufklärung. So veröffentlichte beispielsweise Radio Fritz einen „Spickzettel gegen Falschinformierte“, der auf Facebook über 6.600 mal geteilt wurde.

„Was der Freund weiterreicht, bekommt Gewicht: Es wird ja wohl stimmen.“

Es stimmt: Der Konflikt um die Ansichten der PEGIDA tritt nirgendwo so deutlich zu Tage wie im Social Web. Freundschaften können daran zerbrechen. So war eine Zeit lang eine Website populär, die Facebook-Freunde ermittelt, die eine PEGIDA-Seite liken. Mit der Intention, die virtuelle Verbindung mit solchen Personen zu beenden.

Symbolhandlungen wie diese sind heute fester Bestandteil der politischen Äußerung. Ob das Entfreunden, die Verwendung von Hashtags wie #nopegida oder ein Schriftzug „Je suis Charlie“ als Profilbild: Das alles ist ohne großen Aufwand zu bewerkstelligen, dafür aber im eigenen Netzwerk gut sichtbar. Die Teilhabe an einem gesellschaftlichen Diskurs ist ungleich einfacher als noch vor 30 Jahren. Trotzdem gingen auch schon 1968 viele Menschen auf die Straße – da war Mark Zuckerberg noch ein anzügliches Zwinkern in den Augen seines Vaters.

Facebook ist sicher nicht der Grund, warum es PEGIDA gibt – es ist jedoch ein Grund, warum wir uns alle darüber unterhalten.

Ein Protest ohne Bilder ist nur ein Moment

Breite Front gegen PEGDIA?Unternehmen geben sich erstaunlich rar. (Bild: Flickr-Gilly Berlin / CC-BY 2.0)
Von Berlin über Dresden nach München. Breite Front gegen PEGDIA. (Bild: Flickr-Gilly Berlin / CC-BY 2.0)

Schnitt: Es ist wieder der Abend des 22. Dezembers 2014, ich lasse mich im behäbigen Strom der Gegendemonstranten auf die Augustusbrücke treiben. Ein tolles Motiv: Die Brücke voller Menschen, bunte Fahnen und Transparente schwingend, dahinter die warmen Lichter der majestätischen Dresdner Altstadt. Dennoch macht kaum jemand Fotos. Das stimmungsvolle Bild wird genau einmal unter dem Hashtag #nopegida gepostet – von mir.

Auf dem Schlossplatz vor der Hofkirche kommt der Zug zum stehen. Hier geht es nicht weiter. Eine Kohorte der Polizei trennt uns von den PEGIDAs, deren Fahnen in einiger Entfernung vor der Semperoper wehen. Die nächsten 60 Minuten steh ich hier, rufe manchmal Parolen mit den anderen und warte einfach darauf, dass etwas passiert. Aber das tut es nicht. Die Parolen verhallen ungehört in der Dunkelheit über Dresden.

„Ich gucke mich um und denke mir, dass seine Eltern nicht die einzigen sind.“

Neben mir unterhalten sich zwei Dresdner Abiturienten, ein Mädchen und ein Junge. Er ist etwas schüchtern und ich glaube, er will etwas von ihr. Sie findet es ganz toll, dass so viele von seiner Schule bei der Demo dabei sind, viel mehr als aus ihrer Schule, sagt sie. Er erwidert, dass er es dafür total doof findet, dass seine Eltern daheim geblieben sind.

Ich gucke mich um und denke mir, dass seine Eltern nicht die einzigen sind. Ich schaue in junge, hübsche Gesichter. Manche Älteren sind auch dabei. Später wird es heißen, dass rund 4.000 Menschen auf dem Schlossplatz waren. Doch sie scheinen unsichtbar zu sein. Niemand in dieser Menge schießt systematisch Fotos. Keiner sammelt Statements ein. Es wird nichts getan, um diese Veranstaltung zu dokumentieren. Der Hashtag #nopegida ist fest in Münchner Hand.

Der Dresdner Protest erzeugt keine nennenswerte Resonanz im Web. Er liefert keine symbolhaften Bilder mit Identifikationspotential. Damit bleibt die Veranstaltung ein lokales und flüchtiges Ereignis. Ein bisschen traurig mache ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof. Unterwegs sehe ich die Leuchtreklame großer Unternehmen. Da eine Bank, dort eine Versicherung, hier ein Reiseveranstalter. Die waren heute Abend auch nicht da.

Wo sind die Unternehmen, die auf Zuwanderung angewiesen sind?

Die Fraport AG schaffte es 2012, rund 8.000 Menschen zu einer Kundgebung für den Flughafen auf dem Frankfurter Römer zu versammeln. Zur PEGIDA-Bewegung, die den Wirtschaftsstandort Deutschland massiv in Verruf bringt, schweigt sich der Demo-erfahrene Konzern jedoch aus. So wie die meisten Unternehmen, die zwecks qualifizierter Fachkräfte auf Zuwanderung angewiesen sind.

Während Martin Hoffmann für den WELT-Verlag unentwegt Trolle niederstreckt, führen die Social-Media-Manager anderer Unternehmen weiterhin Schein-Konversationen – statt endlich einmal mit einer relevanten Position an echten Gesprächen von echten Menschen teilzunehmen. Die gesellschaftliche Teilhabe von Unternehmen begrenzt sich im Winter 2014 auf die besten Wünsche für ein frohes Weihnachtsfest.

Die Türen der S-Bahn schließen sich hinter mir mit einem Klacken. Ich lasse mich in den Sitz fallen, setze den Kopfhörer auf und starte meine #nopegida-Spotify-Playlist. Die Empörung wird mit 96 kbit/s gestreamt.

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17 Reaktionen
Luise
Luise

Thilo, danke für Deine Kolumne. Das Thema hier so offen anzusprechen halte ich für sehr couragiert, meinen Respekt dafür.

Traurig, wie stellenweise die Kommentare ausfallen. Ich denke jeder hat die Berechtigung zu seiner eigenen Meinung zu stehen und mit Anderen Argumente auszutauschen. Allerdings ist es in meinen Augen vollkommen unangebracht, dafür Begriffe wie „Lügenpresse“, „Spießgesellen“ oder „Linke Meinungs-Gestapo“ zu verwenden. Mit einer sachlichen, differenzierten Diskussion zum Thema der Kolumne hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Sehr schade.

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Christian
Christian

Ich gebe Ihnen Recht, dass gewisse Begrifflichkeiten für eine sachliche Diskussion nicht förderlich sind.
Manch Nutzer hat sich vielleicht Getreu dem Motto "wie du mir, so ich dir" von dieser Kolumne beeinflussen lassen.
Folgenden Auszug finde ich ähnlich unangebracht: "Und noch mehr: In der täglichen Auseinandersetzung mit PEGIDA-Trollen schlägt die Journaille nun zurück. Ihre Waffe: Bissige Ironie, Sarkasmus und Satire."

Hier nehmen sich mal wieder beide Seiten nichts. Für den objektiven, neutralen Betrachter erschreckend wie sich beide Seiten anfeinden.

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Benny Lava
Benny Lava

Traurig vor allem, an was der Author sich beteiligte. Am Montag kam es von seiten der Gegendemonstranten zu massiver Gewalt gegen die Pegida-Demonstranten, sodass diese um Leib und Leben fürchten mussten. Ohne den massiven Polizeieinsatz hätte Tote und Verletzte gegeben.

Da hat nichts mit demokratischem Meinungsaustausch zu tun, sondern er steht Reihe und Glied mit der Roten SA. Ob nur ideologische Unterstützung gab oder ob er selber aktiv an Nötigungen und Körperverletzungen beteiligt hat oder das den anderen überlassen hat, kann ich nicht beurteilen.

T3N sollte sich für solche Authoren schämen.

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Thilo

Nein Bennhy, die Hände mache ich mir in meinem konspirativen Hinterzimmer der linken Weltverschwörung natürlich nicht selbst schmutzig.

Gerade komme ich von Kamino, wo für unsere Bewegung eine ultrakrasse Klonarmee entsteht.

Es ist ganz erstaunlich, was dort mit Adornos Niere, Luxemburgs linken Zeh und Marx Bart alles machbar ist! Unsere Krieger werden unbesiegbar sein und nicht ruhen, bis auch der letzte Dresdner Devotionalienhändler zum Islam bekehrt ist!

Bert
Bert

Ein interessantes Demokratieverständnis hat der Autor da. Also ist es kein Problem das per GG verbriefte Recht auf Demonstration der PEGIDA-Anhänger mit dem Mittel der Gegendemonstration zu stören?

Eine Meinung darf man nach Ansicht des Autors auch nicht haben, sodenn sie von der linken Einheitsmeinung abweicht.

Der Artikel widerspricht der These der PEGIDA-Anhänger auch keineswegs, wenn sie "Lügenpresse" rufen.

Aber gut zu wissen wie ich Ihre Artikel in Zukunft zu lesen habe, bzw. nicht mehr zu lesen habe.

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Christian Dingler

Positionierung kommt von Position beziehen. Schön gebrüllt Thilo - einen langen Atem mit den Trollen, Brandstiftern und Mitläufern wünsche ich Dir.

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Thilo

Danke Dir, Christian. Bisher sind alle ganz putzig. :-)

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Christian
Christian

Gehört dieser Artikel denn nicht eher in einen privaten Blog?
Das Hashtag #nopegida wird also ausshließlich im Münchner Raum verwendet ... aha, sehr interessant.
Die sozialen Medien haben einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung ... aha, welche neue Erkenntnis.
Zu guter Letzt wird noch eine Playlist veröffentlicht welche im Zug auf der Heimfahrt gehört wurde ... aha, vielleicht werden hier demnächst auch die Zutaten für die #nopegida-Muffins veröffentlicht? Fände ich ähnlich interessant.

Bei politischen Thematiken sollte man stets hinterfragen und schauen welche Quelle man da konsumiert oder welcher Quelle man hinterherläuft. Auch wenn ich mit Pegida in seiner Organisationform nichts anfangen kann, so kann fühle ich mit #nopegida leider auch nur Verachtung. Satire ist auch für diese Mitläufer das Mittel der Wahl.

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Petersen
Petersen

Machen sie das auch wenn Sie das nächste mal CDUSPDGrüne wählen, Herr @Thilo. Dann machts wenigstens Sinn.
Den Screenshot von dem "sprechenden Hund" kann man dann in ein paar Jahren für den Aufsatz "Wie die Medien ihren Gewalt verloren" verwenden. So Symbolisch.....

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Thilo

Benny, ich zünde heute Abend auf der Gegendemo in Frankfurt eine Kerze für Dich an.

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Benny Lava
Benny Lava

Ich bin auch da, eingekesselt von dir und deinen Spießgesellen, die nur von der Polizei angehalten werden, mich zu verprügeln, damit auch für dich die Demokratie erhalten bleibt.

Du darfst mir danken, wenn du irgendwann mal eine Meinung hast, die von der vom Staat vorgegebenen abweicht und sie auch weiterhin öffentlich kundtun darfst.

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Benny Lava
Benny Lava

Macht jetzt T3N dem linksextremen Telepolis Konkurenz?

Übrigens: Wie viele von Schleuserbanden übers Mittelmeer rangekarrte "Fachkräfte" arbeiten jetzt fleißig in der T3N-Redaktion? Oder haben eines der vielen Jobangebote hier besetzt? Sind ja schließlich alles Programmierer, Ingenieure under andere Hochgebildete, die da kommen.

Dieser ganze Haß auf Pegida und alle, die ihre staatlich nicht genehmigte Meinung öffentlich kundtun, zeigt doch jedem Unternehmen, dass es sich da tunlichst raushalten sollte. Es kann sich kein Unternehmen leisten, in den Focus der linken Meinungs-Gestapo zu kommen.

Beim Authoren scheint Hopfen und Malz verlohren zu sein, da er sich ja nach eigenen Angaben schon aktiv an verfassungsfeindlichen Aktionen beteiligt, aber vielleicht gibt es ja mal jemanden zu denken und man kehrt in Deutschland dahin zurück, über die Lösung der Probleme zu sprechen, anstatt den zu verprügeln, der die Probleme anspricht.

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kommentator
kommentator

"t3n ist das Print- und Online-Magazin für digitale Pioniere zu den Themen E-Business, Social Media, Startups und Webdesign." Bitte mehr auf die eigentlichen Heftinhalte beschränken

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Thilo

Nun sind Pioniere nicht anderes als Wegbereiter. Sie gehen dahin, wo noch keine breiten Straßen die Richtung vorgeben und erschließen das Gelände. Weite Teile des Artikels handeln von Facebook und Unternehmen (E-Business) kommen auch drin vor. Wo ist das Problem?

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