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Deutsche Startup-Börse: „Höchste Priorität“ und „reine Geldverbrennung“

Deutsche Startup-Börse: „Höchste Priorität“ und „reine Geldverbrennung“

Sehen wir deutsche schon bald auf dem Frankfurter Börsenparkett? Die Deutsche Börse bastelt offenbar mit Hochdruck an einem entsprechenden Projekt mit „höchster Priorität“. Vor allem die großen Finanzierungslücken von Startups sollen so gestopft werden. Doch Kritiker zweifeln am Sinn der Offensive.

Deutsche Startup-Börse: „Höchste Priorität“ und „reine Geldverbrennung“
(Foto: Galli Luca - Flickr.com)

Startup-Börse: Eröffnung noch vor Ostern 2014?

Es ist ein Projekt mit „höchster Priorität“. Wie die WirtschaftsWoche unter Berufung auf hochrangige Börsenkreise berichtet, will die Deutsche Börse hiesige Startups zurück aufs Parkett holen. Ein neues Marktsegment nach dem Vorbild der US-Technologie-börse Nasdaq soll es sein. In einem ersten Vorbereitungstreffen seien das Bundeswirtschaftsministerium und deutsche Startups wie Mr. Spex, Bergfürst und Crossvertise zusammengekommen, heißt es. Finden sich „genügend“ Unternehmen, könnte die Börsentür für viele Startups bereits an Ostern 2014 offenstehen. Man steht im Austausch mit interessierten Jungunternehmen. Doch gibt es die überhaupt und wenn ja, wie viele?

„Neuer Markt“ soll Startups besser finanzieren

350 Millionen Euro flossen im ersten Halbjahr 2013 in deutsche Startups. In den USA sind es jährlich 28 Milliarden US-Dollar. (Foto: © Bruder Jakob – Fotolia.com)
350 Millionen Euro flossen im ersten Halbjahr 2013 in deutsche Startups. In den USA sind es jährlich 28 Milliarden US-Dollar. Nun soll eine neue Startup-Börse helfen. (Foto: © Bruder Jakob – Fotolia.com)

Schon im Juni ging der Bund in die Offensive. Der noch amtierende Wirtschaftsminister Rösler forderte nicht weniger als eine Wiederbelebung des „Neuen Markts“ – jenem Börsensegment, das um die Jahrtausendwende zum Sinnbild für Kapitalvernichtung und Betrug wurde. Nach großer Euphorie und mehreren Hundert Börsengängen gingen viele Internetunternehmen Konkurs. Gefälschte Bilanzen, Skandale, Kursabstürze. Zahlreiche Privatanleger verloren ihr Geld. 2003 wurde das Segment schließlich eingestampft. Unter veränderten Rahmenbedingungen soll es nun zurückkehren und die Finanzierungssituation deutscher Startups verbessern. „Vor allem im Vergleich zu den USA wird in Deutschland zu wenig risikogetragenes Kapital in junge Unternehmen investiert“, erklärt der Bundesverband Deutscher Startups.

Tatsächlich ist die Finanzierungslücke deutscher Startups vergleichsweise riesig. Mit rund 350 Millionen Euro investierten Wagniskapitalgeber im ersten Halbjahr 2013 zwar mehr als je zuvor in deutsche Jungunternehmen. Im Vergleich zu den USA, wo jährlich etwa 28 Milliarden US-Dollar in Startups investiert werden, wirkt diese Summe aber fast schon bedeutungslos.

Börse für Startups mit 30 bis 50 Millionen Euro Umsatz

Der Bundesverband sieht in der neuen Startup-Börse aber auch einen anderen Vorteil: Sie könnte Investoren und Business Angels einen „dringend benötigten Veräußerungskanal“ bescheren. Derlei Geldgeber seien darauf angewiesen, ihre Anteile aus frühzeitigen Beteiligungen nach spätestens acht Jahren zu veräußern. Dass es einen solchen Kanal in Form einer Startup-Börse bisher nicht gebe, sei ein „deutlicher Wettbewerbsnachteil“ für den Startup-Standort Deutschland. Um die Fehler der Dotcom-Zeiten nicht zu wiederholen, soll die Startup-Börse lediglich institutionellen Investoren vorbehalten bleiben. Nur Versicherer oder VCs kommen zum Zug, Privatanleger bleiben außen vor. Die Zielgruppe für den neuen „Neuen Markt“ hat der Verband schon im Visier: Startups mit 100 bis 500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 30 bis 50 Millionen Euro sollen es sein.

„Ein Börsengang ist reine Geldverbrennung“

Aus Gründerkreisen entlädt sich daran harsche Kritik. Investor Michael Urban, der seinen Online-Shop „buch.de“ im Jahr 1999 an die Börse brachte, warnt, der Aufwand lohne sich nur, „wenn man 100 Millionen oder mehr an der Börse einsammeln möchte“. Am Ende des Tages seien die meisten Startups zu klein für einen Börsengang, sagte er deutsche-startups.de. Geht es nach ihm, erweisen sich junge Startups damit ohnehin einen Bärendienst. Als Gründer würde man nur noch mit Wirtschaftsprüfern und Juristen zusammen sitzen. Ein Börsengang fördere kein Unternehmertum, es gehe damit verloren. Angesichts der Nebenkosten für Auflagen, Banken und Berater von etwa 20 Prozent der Gesamterlöse sei ein Börsengang deshalb „reine Geldverbrennung“.

Lars Hinrichs, Xing-Gründer und mit seinem Inkubator HackFwd bis vor kurzem ebenfalls im Venture-Geschäft aktiv, kann dem Vorstoß in Sachen Startup-Börse ebenfalls wenig abgewinnen. „Das ganze Gerede vom ,neuen Neuen Markt‘ ist doch Quatsch. Es gibt einen Entry Standard an der Deutschen Börse – wenn der nicht genutzt wird ist das doch ein deutliches Signal, dass viele Unternehmen keinen Börsengang anstreben“, erklärt er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

Bei den Initiatoren der Börsen-Offensive sieht man das offenbar anders. Bis zu 20 deutsche Startups will man ausgemacht haben, die mit einem Gang aufs Parkett liebäugeln. Welche das sind, sagen die Verantwortlichen nicht. Nur Zalando gilt seit Jahren als heißester Kandidat.

via www.wiwo.de

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2 Antworten
  1. von Christian Schön am 09.10.2013 (08:41 Uhr)

    Wie man bei 100 bis 500 Mitarbeitern noch von einem Startup reden kann, ist mir ein Rätsel. An Zalando hätte ich da zuletzt gedacht. Scheinbar hat Sich die Bedeutung dieses Begriffes in den letzten Jahren geändert - oder will sich die dt. Börse so bloss ein Marketing-wirksames Mäntelchen umhängen?

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  2. von Jörn Densing am 09.10.2013 (20:47 Uhr)

    Guten Abend,

    ich finde es interessant, dass sich langsam mal was tut. Der Markt ist seit 2002 tot. Wir brauchen dringend Exitkanäle, damit mehr Kapitaldurchsatz im Technologiesektor stattfindet.

    In meinem Blog hatte ich am 21.5. und 6.6. des Jahres mit den Titeln:

    > Venture Capital in Deutschland tritt auf der Stelle und
    > Vorschlag zu Belebung des deutschen Venture-Capital-Marktes

    zwei Artikel, welche die Notwendigkeit von Exitkanälen aufgegriffen hatten. Mein Lösungsansatz ist, nicht immer von staatlicher Seite neues Geld oben drauf zu schütten, sondern die Abflusskanäle frei zu räumen oder aber neue zu schaffen.

    Letztendlich wird es immer auf die Umsetzung drauf ankommen. Da kann man dann nur hoffen, dass man aus den Jahren 2000 - 2002 gelernt hat.

    Was mir nicht gefällt ist der Begriff Startup. Startup und Börse das passt nicht. Man sollte also erstmal genau analysieren, wer in Frage kommt und ob das gewählte Finanzierungsinstrument auch das richtige ist. Dies ist mit Sicherheit einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg.

    Viele Grüße und Danke für den Artikel

    Jörn Densing
    JoDeCon - Jörn Densing Consulting

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